Makedonien leidet unter einer Flut ungeliebter DenkmälerATZE, HAI-TAI-TAI…

Makedonien leidet unter einer Flut ungeliebter Denkmäler

Makedonien leidet unter einer Flut ungeliebter Denkmäler

Binnen eines Jahres wurde im Rahmen des Programms „Skopje 2014“ der relativ kleine „Platz Makedonien“ im Zentrum der Stadt mit so vielen Monumenten bestückt, dass man dort „keine Nadel mehr fallen lassen kann“, so die „Morgenzeitung“. Skopie stöhnt unter einer Flutwelle von Kitsch.

Von Wolf Oschlies

Denkmalflut in Skopje: Alexander d. Gr.
Denkmalflut in Skopje: Alexander d. Gr.
Foto: Oschlies

I m Berliner Tiergarten wurde ein Herrenhemd gefunden. Seine Majestät der Kaiser hat angeordnet, dass aus diesem Anlass ein weiteres Denkmal aufgestellt werde“, lästerte vor über einem Jahrhundert der satirische „Simplizissimus“ über die Monumentalitis der Hohenzollern. Was die damaligen Potentaten im Deutschen Reich taten, machen ihnen heutige Politiker in der kleinen Republik Makedonien nach. Eine Karikatur verrät es, die die Skopjer Zeitung „Vreme“ (Zeit) am 30. Juni 2011 veröffentlichte. Jemand läuft auf den Premier Nikola Gruevski zu und meldet ihm: „Chef, ich habe einen freien Platz für ein neues Denkmal gefunden...!“

Alljährlich stöhnt die makedonische Hauptstadt Skopje unter höllischer Hitze, in diesem Sommer stöhnte sie – und mit ihr weitere Landesteile – noch unter einer Tsunamiwelle kitschig-monströser Denkmäler. Binnen eines Jahres wurde im Rahmen des Programms „Skopje 2014“ der relativ kleine „Platz Makedonien“ im Zentrum der Stadt mit so vielen Monumenten bestückt, dass man dort „keine Nadel mehr fallen lassen kann“ (wie die Skopjer „Morgenzeitung“ höhnte).

Denkmalflut in Skopje: Justinian I.
Denkmalflut in Skopje: Justinian I.
Foto: Oschlies

Zehn Monumente im Uhrzeigersinn

In der Platzmitte steht das gewaltige Denkmal „Soldat zu Pferde“ (Voin na konj), das natürlich König Alexander III. von Makedonien (336-323 v. Chr.) zeigt. „Ob magnitudine rerum gestarum Magnus appelatus“ (wegen der Einmaligkeit seiner Taten wurde er der Große genannt), heißt es in der Alexander-Biographie, die der Römer Quintus Curtius Rufus Mitte des ersten nachchristlichen Jahrhunderts schrieb. 1998 wurde sie von Ljubinka Basotova (Jahrgang 1934), Nestorin der balkanischen klassischen Philologie, ins Makedonische übersetzt. Da erfuhren die Makedonen Details von den klassischen Makedonen, allen voran Philipp II. (359-336 v. Chr.) und seinem Sohn Alexander, denen sie jetzt in Skopje und anderswo ein Denkmal nach dem anderen setzen.

Jetzt droht Alexander von seinem Pferd Bucephalos mit dem Schwert gegen Südosten, und im Uhrzeigersinn reihen sich um ihn zehn Monumente für:
•          Justinian I. (527-565), byzantinischer Kaiser, beim heutigen Skopje geboren.
•          Dame Gruev (1871-1906) und Goce Deltschev (1872-1903), zwei der Führer des makedonischen Aufstands gegen die Türken von 1903.
•          Karposch, Führer des antiosmanischen Aufstands der Makedonen von 1698.
•          Gruppe Gemidshii („Seefahrer“), Geheimgesellschaft makedonischer Terroristen gegen die Osmanen 1899-1903.
•          Nexhat Agoli (1914-1949), Albaner, Ende 1944 kurzfristig Minister für Gesundheitswesen in der ersten makedonischen Regierung nach dem Krieg, 1948 bei Ausbruch des Konflikts Tito - Stalin als Stalinist inhaftiert und im Gefängnis verstorben.
•          Zar Samoil (um 950-1014), letzter Herrscher des unabhängigen Makedoniens. Heutige Makedonen bezeichnen ihn als „bedeutendste Persönlichkeit der makedonischen politischen Geschichte“, zeitgenössische Chroniken aus dem späten 10. Jahrhundert charakterisierten ihn als „streitsüchtigen Raufbold“.
•          Metodija Andonov-Tschento (1902-1957), erster makedonischer Regierungschef nach dem Zweiten Weltkrieg, 1946 als angeblicher Separatist zu langjähriger Haftstrafe verurteilt.
•          Dimitrija Tschupovski (1870-1940), Vorkämpfer eines unabhängigen Makedoniens im Rahmen einer Balkanföderation.

Denkmalflut in Skopje: Kyrill und Method
Foto: Oschlies

Was könnte antike Herrscher von Byzanz mit albanischen Stalinisten der Neuzeit verbinden?

In unmittelbarer Nähe des Platzes finden sich noch Denkmäler für Kyrill und Method, im 9. Jahrhundert Begründer der slavischen Schriftkultur, und weitere Skulpturen, alle bis zu fünf Meter hoch und auf drei Meter hohen Postamenten aufgestellt. Was sie sollen, was antike Herrscher von Byzanz mit albanischen Stalinisten der Neuzeit verbindet und beide in den Rang nationaler Monumente erhebt, weiß keiner zu sagen. Aus Erfahrung argwöhne ich, dass dahinter ein paar neureiche Geldaristokraten aus der makedonischen Diasprora stecken.

Immerhin erinnern mich manche der makedonischen Statuen an Monumente, die vor wenigen Jahren der albanische Bildhauer Izeir Mustafa schuf, für „Retter“ wie den ehemaligen US-Präisdenten Bill Clinton und andere. Die Dinger waren so hässlich, dass sie jahrelang im Atelier herumstanden, weil niemand sie haben wollte. Erst Ende 2009 erbarmten sich Kosovaren, die zu Geld gekommen waren, speisten Mustafa mit 45.000 Euro Honorar ab und stellten den Clinton (3,5 Meter hoch in Lenin-Pose mit weisend erhobenem Arm) in Prishtina auf.

Die kleine Republik Makedonien ist vermutlich das ärmste Land Südosteuropas, leistet sich aber einen schier unglaublichen Denkmalsluxus. Allein die Alexander-Statue – 13 Meter hoch, 35 Tonnen schwer - hat 9,4 Millionen Euro gekostet, wovon der Löwenanteil an die Bronzegießerei Fernando Marinelle in Florenz geht. Weitere stolze Summen strichen Steinmetze in Verona und weitere italienische Werkstätten ein. Eher bescheiden fallen die Honorare der jungen makedonischen Bildhauerin Valentina Karanfilova-Stevanovska aus, die allein für Alexander 650.000 Euro bekam, weitere Summen für ein Philipp-Denkmal in einem Vorort und für einen Triumphbogen im Stadtzentrum.

O Gott, was haben wir uns da nur wieder geleistet!

In makedonischen Medien toben verbale Auseinandersetzungen zwischen Gegnern und Befürwortern der Denkmäler, wobei auf beiden Seiten eine versteckte Scham waltet: O Gott, was haben wir uns da nur wieder geleistet! In der angesehenen „Morgenzeitung“ lästerte der Publizist Peter Arsovski: „Das Denkmal für Alexander von Makedonien ist noch nicht ganz fertig, da wird es bereits Gegenstand harter Debatten. Die Gegner des Bauwerks (zu denen auch ich gehöre) meinen, es sei ein eklatantes Beispiel unserer eigenen Frustrationen, Intoleranz, Rückständigkeit und unseres gemeinsamen nationalen Komplexes. Die Befürworter (unter ihnen die Regierung) sagen, es sei ein Symbol unserer Staatsfähigkeit, nationalen Identität, antiken Wurzeln und ein Schmuckstück der modernen Zeit, das uns gewiss einen Strom von Touristen bescheren wird“.

Sollten wirklich Touristen nach Skopje kommen, so der besorgte Arsovski, dann werden es wohl Schwule aus aller Herren Länder sein, denn „Alexander von Makedonien ist nun einmal die historisch älteste Homosexuellen-Ikone der Welt“. Kronzeuge dessen war Hephaistion (360-323 v. Chr.), Favorit unter vielen „Geliebten“ des Herrschers. Curtius Rufus (III/31) schreibt, er sei „seit jeher von allen Freunden, dem König der liebste, mit ihm gemeinsam erzogen und Mitwisser aller seiner Geheimnisse“.

Denkmalflut in Skopje: Kliment von Ohrid
Foto: Oschlies

„Wäre er kein Gay, wäre er nicht so erfolgreich gewesen“

Der deutsche Dramatiker Curt Langenbeck (1906-1953) hat 1934 mit seinem Drama „Alexander“ einen schwulen Jammerlappen auf die Bühne gebracht, was ihm die Nationalsozialisten kaum verziehen. Im heutigen Makedonien hält Arsovski Alexander für einen Psychopathen, dessen Überehrgeiz seiner Unfähigkeit zu heterosexueller Liebe entsprang: „Mit anderen Worten: Wäre er kein Gay, wäre er nicht so erfolgreich gewesen“. Die Frage ist nur, ob „Atze-Baby“ so viele Hai-tai-tai-Typen auf die Beine bringt, dass daraus „unser schwules Weltwunder“ resultieren kann.

Andere Debatten kreisen um politische Aspekte des Alexander-Denkmals, von dem Dane Talevski von den oppositionellen Sozialdemokraten befürchtet, es markiere „die totale und restlose Blockade der Gespräche mit Griechenland und damit auch das Absterben unserer Wünsche und Bestrebungen nach einer Mitgliedschaft in NATO und EU“. Das ist so ziemlich das einzige Resultat, das aus der neuen Denkmalsucht nicht erwachsen wird. Der blinde Furor der Griechen gegen ihren kleinen und machtlosen Nachbarn im Norden ist so immens und langwährend, dass er durch neue Denkmäler nicht mehr gesteigert werden kann: Seit 15 Jahren verletzt Griechenland das mit Makedonien geschlossene „Interimsabkommen“, indem es den von NATO und EU längst beschlossenen Beitritt Makedoniens blockiert. Im Sommer 2011 sperrte Griechenland sogar europäische Verkehrskorridore für makedonische LKW und weiteres mehr – ganz schön mausig, diese bankrotten Griechen, die aber gewiss sein können, dass sie der EU noch unendlich lange auf der Nase herumtanzen dürfen.

Kronzeugin griechischer Arroganz und Ignoranz

Schlimmste antimakedonische Hetzerin ist die ehemalige griechische Außenministerin Dora Bakogiani, für die der „Konflikt“ mit Makedonien wohl erst dann aufhört, wenn alle Makedonen kollektiven Selbstmord begehen. Zum Glück ist Frau Bakogiani politisch im Abseits, seit sie im November 2010 mit ihrer Splitterpartei „Dimokratiki Symmachia“ (Demokratische Allianz) eine Solokarriere versuchte.

Sie taugt nur noch als Kronzeugin griechischer Arroganz und Ignoranz. Gefragt von der Skopjer „Morgenzeitung“, was sie vom Alexander-Denkmal in der makedonischen Hauptstadt hielte, antwortete sie: „Das ist nicht einmal eine Provokation, das ist einfach jenseits aller Realität. Jeder Mensch in der Welt, der irgendwann eine Schule besuchte, wird das bestätigen. Selbst in Afrika wird man Ihnen auf die Frage, wer Alexander war, antworten, dass er ein Grieche war, der griechische Kultur in der ganzen Welt verbreitet hat“.

Alexander von Makedonien war kein Grieche, wie jeder weiß, der von Geschichte eine leise Ahnung hat. Das einzige Griechische an Alexanders Hof war sein Hauslehrer Aristoteles. Was für Alexander und seine antiken Makedonen bezeichend war, hat der deutsche Geograph Anton Friedrich Büsching (1724-1793), von seinen Zeitgenossen ehrfürchtig der „germanische Strabo“ genannt, um 1780 in seiner „Erdbeschreibung“ notiert: „Macedonien war vor Alters ein eigenes Königreich, dessen Gränzen Alexander, genannt der große, merklich erweiterte. (...) Die Macedonier hatten eine eigene Sprache, die von der griechischen völlig unterschieden war“. Offenkundig fälschen Griechen nicht nur Konten und Bilanzen, sondern auch und viel länger ihre eigene Geschichte.

Denkmal ohne Blitzableiter

Das Skopjer Alexander-Denkmal wurde am 14. Juni 2011 aufgebaut und könnte im Bedarfsfall ebenso rasch wieder abgebaut werden – am besten mittels einiger gezielter Sprengladungen wie weiland das Prager Stalin-Denkmal, das größte der Welt, das Ende 1962 ganz unzeremoniell in die Luft gejagt wurde. Wenn man in Skopje auch so verführe – eventuell mit der von dem Meteorologen Ljube Magdenovski vorgebrachten Warnung, das Denkmal habe keinen Blitzableiter und könne eine Gefahr für die Stadt werden -, wäre Makedonien um ein paar Scheußlichkeiten ärmer.

Wenn man einmal dabei ist, sollte man auch andere monumentale Albträume beseitigen und damit in einer der berühmtesten makedonischen Städte beginnen, dem westmakedonischen Kruschevo: Hier bestand vom 3. bis zum 13. August 1903 die „Republik von Kruschevo“, die erste ihrer Art auf dem Balkan, die von den Aufständischen des großen „Ilinden-Aufstands“ von 1903 ausgerufen worden war. 1974 wurde zum Gedenken dessen das Denkmal „Makedonium“ eingeweiht, das den ästhetischen Wert eines explodierenden Kürbis’ aufweist.

Dieses grauenhafte Stück ist seit kurzem noch unterboten durch ein übergroßes „Memorial“ für Tosche Proevski (1981-2007), einen international kaum bekannten Schlagersänger („Engelsstimme“). Was Elvis Presley und andere Schlagergrößen nicht schafften, wurde Proevski zuteil, ein Gedenkhaus, das wohl nicht zufällig wie eine Kirche aussieht.

Auch die Albaner kommen nun auf den „Geschmack“

Das alte Jugolawien war eine Abraumhalde bildhauerischen Schunds, egal ob man die sozialistisch-realistischen Partisanendenkmäler der ersten Nachkriegszeit im Auge hatte oder deren surreal-postmodernistische Nachfolger. Die Denkmalaufsteller bewiesen dabei ein fabelhaftes „Talent“, ihre Machwerke am garantierten falschen Ort aufzutürmen. Einer der schönsten Plätze Südosteuropas ist das makedonische Bogoslov Kaneo, eine Felsennase mit Kirchlein am südlichen Ohrid-See, die früher und heute in keinem Tourismusprospekt fehlt. Dort stand jahrzehntelang eine unglaublich hässliche Partisanenbüste, die inzwischen fortgeräumt wurde. Im benachbarten Struga, alljährlich Ort des weltbekannten Literaturfestivals „Struga-Abende der Poesie“, stehen die Dinger noch, haben sich sogar noch vermehrt, da die dortigen Albaner, 35 Prozent der Stadtbevölkerung, auf den Geschmack gekommen sind und nun „ihre“ bronzene Heldengalerie beanspruchen. In Skopje haben sie ähnliche Forderungen gestellt, und nur mit Grausen mag man sich ausmalen, was daraus erwachsen könnte.

Dabei hat es in Jugoslawien begnadete Bildhauer gegeben, etwa die Kroaten Ivan Mestrovic (1883-1962), der 1970 das weltberühmte Njegos-Mausoleum auf den Gipfel des montenegrinischen Lovcen schuf, und Antun Augustincic (1900-1979), dem neben vielem anderen ein paar Tito-Statuen von beeindruckender Meisterschaft zu danken sind. Ein Nachfahre dieser Großen ist der Makedone Tome Serafimovski (Jahrgang 1935), der einem künstlerisch sublimierten Naturalismus verpflichtet ist und in nie versiegendem Fleiß ein staunenswertes Oeuvre geschaffen hat. Im südmakedonischen Ohrid hat er im Laufe von knapp 25 Jahren ein beeindruckendes Ensemble errichtet. 1989 entstand ein Denkmal für Kyrill und Metod, 2006 und 2011 je ein Monument für deren Schüler Kliment und Naum. Kyrill und Method, Mitte des 9. Jahrhunderts Schöpfer des ersten slavischen Alphabets, der „Glagoliza“.

1980 hat Papst Johannes Paul II. Kyrill und Method zu Schutzpatronen Europas proklamiert. Vor ihrem Ohrider Denkmal habe ich einmal für einen Film posiert und dabei gefordert, dass auch Kliment und Naum europäische Schutzpatrone würden. Schließlich sind die beiden die Begründer der makedonischen Nation, Kultur und Kirche und nicht zuletzt die Begründer der spezifischen makedonischen Friedfertigkeit, die das kleine Land in den 1990-er Jahren befähigte, sich aus dem jugoslawischen Bürgerkrieg herauszuhalten.

Balkan Geschichte Kultur

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

  1. Weihnachten in anderen Ländern
  2. Kurden - Geschichte, Kultur und Hintergründe
  3. Schwarzkümmel - Naturheilmittel mit langer Tradition
  4. „Hitler und Tito waren Schulfreunde“
  5. Vegetarismus - Religion der Satten

Eurasien-Ticker