Mangelnde Fairness und TunnelblickMEDIEN-ANALYSE 1

Mangelnde Fairness und Tunnelblick

Mangelnde Fairness und Tunnelblick

Ein kritischer Rückblick auf die deutsche Berichterstattung über die Orange Revolution

Von Juliane Inozemtsev

EM-Autorin Juliane Inosemtsev  
EM-Autorin Juliane Inosemtsev  

U m es gleich vorweg zu nehmen: Kritik zu äußern an der damals sehr einseitigen deutschen Medienberichterstattung über die Orange Revolution in der Ukraine, bedeutet nicht, für die politische Gegenseite gewesen zu sein. Der kritische Blick zurück soll deshalb nicht etwa nachträglich entscheiden, wer bei dem politischen Spektakel jener Tage mehr Held und wer mehr Halunke war. Vielmehr soll es darum gehen, eine grundsätzliche Debatte über journalistische Qualitätsmaßstäbe, insbesondere in der Auslandsberichterstattung, anzuregen. Denn es ist eine Tatsache, dass ein beträchtlicher Teil der deutschen Osteuropa-Korrespondenten es damals versäumt hat, der Öffentlichkeit die Vielfalt der Ereignisse und Meinungen zu vermitteln. Zwei Kritikpunkte, die zugleich eng miteinander verbunden sind, fallen dabei besonders ins Gewicht.

Mangelnde Fairness gegenüber den handelnden Akteuren

Dem prowestlich orientierten, „orangen“ Präsidentschaftskandidaten Viktor Juschtschenko schrieben die deutschen Medien schon während des ukrainischen Präsidentschaftswahlkampfes 2004 die Rolle des Hoffnungsträgers und Gutmenschen zu. Seinem politischen Gegner Viktor Janukowitsch wurde indes rasch der Part des Bösewichtes zuteil. Das las sich zum Beispiel folgendermaßen:

„Auf der einen Seite [steht] der zweimal vorbestrafte Ministerpräsident Viktor Janukowitsch, (ein Mann mit dem Charme eines Vorschlaghammers*), ein Apparatschik vom alten Schlag und der Mann der alten, korrupten Macht-Elite. Auf der anderen Seite Oppositionskandidat Viktor Juschtschenko, der sich als Reform-Premier einen Namen gemacht hat. Er gilt als moderner Politiker westlichen Zuschnitts.“ (Focus Online: „Panzer auf dem Weg nach Kiew“ vom 23.11.04 und (*) “Gau für Putin” vom 28.11.04).

Während man bei Juschtschenko positiv herausstellte, dass er „gelernter Banker“ und „fünffacher Vater“ sei (Der Spiegel: „Revolution in Orange“; 29.11.04), stützte und stürzte man sich bei Janukowitsch vielfach auf Gerüchte und Hörensagen. So konnte man lesen, dass er „in einem handschriftlichen Dokument in hundert Wörtern ein Dutzend Rechtschreibfehler“ gemacht habe (FAZ: „Angriff auf die Clanwirtschaft“; 24.10.04) und auch, dass er seinen Verkehrsminister dafür geohrfeigt habe, dass dieser die Straßen in Kiew nicht rechtzeitig für die Juschtschenko-Demonstranten hatte sperren lassen (Stern: „Die perfekte Revolution“; 09.12.04).

Wirklich belegt waren diese Geschichten nicht, aber sie passten gut in das Bild, das sich westliche Korrespondenten von Janukowitsch gemacht hatten. Dass auch er Vater zweier erwachsener Söhne ist, fand in den deutschen Medien hingegen keine Erwähnung. Grundsätzlich muss man noch sagen, dass  es journalistisch wenig seriös ist, eine Schwäche in Orthografie als Argument heranzuziehen, um jemandem den politischen Sachverstand abzusprechen.

Wenige Ausnahmen im Schwarz-Weiß-Denken

Nur sehr vereinzelt fanden sich in jenen Tagen Aussagen, die das Schwarz-Weiß-Denken relativierten. Eine solche Ausnahme war der Gastbeitrag von Alexander Rahr, dem Leiter der Körber-Arbeitsstelle der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), in der Tageszeitung Die Welt. Rahr schrieb damals: „Viele Ukrainer sehen in ihm [Janukowitsch] einen Reformer, der sein Land zwar nicht demokratisiert, aber modernisiert und stabilisiert.“ (Die Welt: „Am Sonntag entscheidet sich die Ukraine zwischen Ost und West“; 20.11.04)

Auch wenn man als Journalist nicht immer die Zeit und den Platz hat, Menschen ausführlich zu porträtieren, sollten Charakterisierungen nicht völlig holzschnittartig ausfallen. Der russische Schriftsteller Solschenizyn sagte einmal: „Selbst in einem vom Bösen besetzten Herzen hält sich ein Brückenkopf des Guten. Selbst im gütigsten Herzen – ein uneinnehmbarer Schlupfwinkel des Bösen.“ Und so hätten die damaligen Ukraine-Korrespondenten – auch wenn sie von der Richtigkeit ihrer Rollenzuweisungen überzeugt waren – versuchen müssen herauszufinden, was die Janukowitsch-Anhänger an ihrem Kandidaten gut fanden und warum sie Juschtschenko als möglichen Präsidenten ablehnten.
 
Stattdessen wurden nicht nur die beiden Präsidentschaftskandidaten, sondern auch deren Anhänger in ein Gut-Böse-Schema gepresst. So wurden die Befürworter der orangen Bewegung um Kandidat Juschtschenko in den deutschen Medien als besonders gebildet, jung und aktiv, aufrichtig, friedliebend und optimistisch dargestellt. Weit weniger positiv fiel dagegen das Image der „Blauen“ Janukowitsch-Anhänger aus der Ost- und Südukraine aus, die das genaue Gegenteil zu verkörpern schienen. Sie wurden als ungebildet, passiv und verbittert, daraus folgend auch als leicht gewaltbereit und dem Alkohol zugeneigt charakterisiert.

Leuchtendes Orange an der Uni

Zunächst ein „leuchtendes“ Beispiel aus dem orangen Lager: „Diana und Ira brüllen den Namen ihres Helden Juschtschenko. ‚Wir sind hier, weil wir Patrioten sind’, sagt die achtzehnjährige Diana und lacht. Am Morgen hatte sie ihre Kommilitonen im Soziologischen Institut der Uni getroffen und sich dann gedacht: ‚dass ich jetzt nicht studiere, sondern demonstriere.“ (taz: „Ein Land sieht orange“; 24.11.04).

Kreisende Wodkaflasche bei den Blauen

Und im krassen Gegensatz dazu ein Bericht zur Lage bei den „Blauen“: „Reporter fuhren auch Kiewer Vororte ab, wo die Busse mit den kräftigen jungen Männern aus dem Osten warten. Diese haben Lagerfeuer angezündet, sie wollen ‚den Faschisten eine aufs Maul geben’ und ‚die Demokratie verteidigen’. Es kreist die Wodkaflasche.“ (Süddeutsche: „Kraftprobe in Blau und Orange“; 25.11.04). 

Nun werden die Korrespondenten entgegnen, dass diese Zitate aber eben so und nicht anders fielen und dass man sie deshalb originalgetreu habe bringen müssen. Das ist zwar ein Argument, aber eines, das nicht die ganze Wahrheit verrät. Denn natürlich nimmt ein Journalist mit der Auswahl von Zitaten immer stark Einfluss auf die Gesamtaussage und Wirkung seines Textes. Grundsätzlich müsste jedem Korrespondenten klar sein, dass es auf rivalisierenden politischen Seiten immer „solche und solche“ Menschen gibt. Es war deshalb vorhersehbar, dass die Aussagen einer jungen revolutionsbegeisterten Ärztin oder Schriftstellerin mehr Gewicht haben würden, als jene eines angetrunkenen Bergarbeiters mit Achtklassen-Abschluss.

Gift, Lügen, Gas

Doch nicht nur wenn es um Personen ging, wurde bei den beiden politischen Lagern mit zweierlei Maß gemessen. So wurde die Einflussnahme Russlands auf den ukrainischen Wahlkampf in den deutschen Medien stark kritisiert: „Eine Invasionsbrigade von Moskauer Polittechnologen steuert die ‚schwarze Wahl-PR’. Putin baut an einem Sicherheitskordon von Satellitenstaaten, die formal eigenständig bleiben. Für die nötige Disziplinierung sorgt die wirtschaftliche Knute.“ (Die Zeit: „Gift, Lügen, Gas“; 28.10.04).

Die subtilere, aber ebenfalls massive Einmischung von Seiten der USA wurde hingegen entweder ignoriert oder toleriert.

Man kann es durchaus als Doppelzüngigkeit auslegen, dass parallel zu der Kritik an der Einmischung Russlands etliche Kommentare erschienen, die an die EU appellierten, ihre eigenen außenpolitischen Interessen in der Ukraine zu wahren: „Den Europäern kann es geopolitisch nicht egal sein, welche Verhältnisse in diesem großen Land herrschen: ob es auf dem Weg zu Demokratie und Marktwirtschaft vorankommt oder ob es sich ‚freiwillig’ Russland hingibt.“ (FAZ: „Ukrainische Verdunkelung“; 23.11.04).

Dabei ging die Mehrzahl der deutschen Autoren wie selbstverständlich davon aus, dass die Ukraine eher zu Europa als zu Russland gehört: „Es geht um die existenzielle Frage, ob das Land für die nächsten Jahre vollends im Dunstkreis Russlands verschwindet oder sich endlich auf den Weg nach Westen macht.“ (taz: „Wahlsieger ist die Dreistigkeit“; 23.11.04).

Es wurde sogar die These aufgestellt, der „angebliche ukrainische Ost-West-Konflikt“ sei gemeinschaftlich von Präsident Kutschma, dem Kandidaten Janukowitsch und „Moskauer Politstrategen“ im Vorfeld der Wahlen inszeniert worden. (FAZ: „Das Spiel hinter den Kulissen“; 28.11.04). Dass die kulturhistorisch getrennte Entwicklung der Ost- und Westukraine aber tatsächlich auch heute noch zu gesellschaftlichen Spannungen führen kann, hat unlängst erst wieder die zänkisch verlaufene „Wahl des größten (bedeutendsten) Ukrainers“ gezeigt.

Fehlende Vielfalt der Perspektiven

Nur am Rande erfuhr die deutsche Leserschaft, dass es in vielen Städten der Ost- und Südukraine ebenfalls Massenkundgebungen – für Janukowitsch - gab. Und wenn man darüber las, dann war stets von Arbeitern aus Bergwerken und Kohlegruben die Rede, die man massiv unter Druck gesetzt hatte, damit sie an den Kundgebungen teilnahmen. Ganz außen vor blieb die Tatsache, dass unter den Unterstützern Janukowitschs auch zahlreiche Studenten und Akademiker waren, die sich freiwillig und aus Überzeugung für ihren Kandidaten einsetzten – und nicht nur „aus Angst, ihren letzten Besitz zu verlieren: Arbeit und ein Stück Brot“ – wie es die taz damals reichlich polemisch formulierte.

Es gab wenige positive Ausnahmen, wie diese: „Auch Dozenten und Studenten [in der Ostukraine] diskutieren über die Wahlen. ‚Alle reden darüber, das Volk sei um seine Stimme betrogen worden’, sagt ein Dozent, ‚aber gehören wir denn nicht zum Volk?“ (Welt Online: „Ein Land zerrissen in Blau und Orange“; 05.12.04).

Von einer Wahlkampfveranstaltung im ostukrainischen Donezk berichtete ein Korrespondent das Folgende: „Auf dem Leninplatz ist täglich Kundgebung für die Regierung. [...] Die Arbeiter würden direkt ab Werk herangebracht, berichten die wenigen Oppositionellen, die hier noch ausharren. Am Leninplatz gebe es dann Bier für alle und Hiebe für jeden, der aussieht, als gehöre er nicht dazu.“ (FAZ: „Düsterer Trotz im Reich des Gubernators“; 02.12.04).

Wenn ein Korrespondent in einen anderen Landesteil reist, um die Stimmung vor Ort einzufangen, dann sollte es eigentlich selbstverständlich sein, dass er dort mit den betroffenen Menschen spricht. Im Fall der Orangen Revolution haben sich nur sehr wenige deutsche Journalisten überhaupt auf den Weg in den Osten gemacht.

Und diese haben dann wiederum hauptsächlich Anhänger der Opposition befragt, deren Standpunkt den Lesern ja bereits aus Kiew vertraut war. Insofern muss man festhalten: Eine veränderte Ortsmarke am Anfang eines Textes ist noch kein Garant für eine veränderte Perspektive.

„Mangelnde Fairness“

Sowohl in die Kategorie „mangelnde Fairness“, als auch in die Kategorie „fehlende Vielfalt der Perspektiven“ gehört das letzte Beispiel der insgesamt wenig überzeugenden deutschen Berichterstattung. Hintergrund war die sich damals durch alle deutschen Medien ziehende Behauptung, Janukowitsch habe auf einer politischen Veranstaltung in Sewero-Donezk öffentlich damit gedroht, die Ostukraine werde sich abspalten:

„Janukowitsch war in Sewerodonezk anwesend und hatte die Stimmung angeheizt. [...] Die Ukraine ‚stehe nur noch einen Schritt vor dem Abgrund’.“ (FAZ: „Kurz vor dem Ausnahmezustand“; 30.11.04 und „Barroso droht den Machthabern in Kiew mit Konsequenzen“ ; 29.11.04).

„Vor allem mit der Drohung, das Land zu spalten, hat sich Janukowitsch als Verhandlungspartner aus dem Spiel geworfen.“ (taz: „Für die Fälscher wird es eng“; 30.11.04).

Als dann doch nichts passierte und alles friedlich blieb, kritisierte man jedoch auch dies:
„Zwei Wochen später zerplatzte die Drohung [Janukowitschs] wie eine Luftblase. Im russlandorientierten Osten blieb alles leise, als der Sieg des pro-westlichen Oppositions-Führers Viktor Juschtschenko am Montag de facto feststand. [...] Ob Einsicht hinter dem Kurswechsel steckt, ist fraglich: Volkszorn sei im Osten nur gegen Bares zu entfachen, und genau das fehle Janukowitsch, hieß es in Kiewer Regierungskreisen.“ (Focus Online: „Volkszorn nur gegen Bares“; 27.12.04).

Die deutschen Medien legten Janukowitsch damals jedes Wort und jede Handlung negativ aus. Man konnte in (fast) keinem Text das Bemühen erkennen, der Leserschaft auch seine Perspektive zu schildern.

Nur ein einziger deutscher Korrespondent war persönlich auf der besagten Veranstaltung in Sewero-Donezk anwesend: Thomas Urban von der Süddeutschen Zeitung. Und er schrieb hinterher Folgendes: „Zur Enttäuschung des Saales schlug Janukowitsch keine kämpferischen Töne an. Im Gegenteil: Er rief zur Besonnenheit auf und warnte vor ‚radikalen Schritten’. Das Land stehe ‚einen Schritt vor dem Abgrund’, alles müsse ‚auf friedlichem Wege’ geschehen. ‚wenn es Blutvergießen gibt, werden uns unsere Kinder dies nie verzeihen’, rief er.“ (SZ: “Die Ukraine in der Krise [...]“; 30.11.04).

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