Mariupol nach dem RaketenangriffNACH DEM RAKETENANGRIFF

Mariupol kommt langsam wieder zu sich

Mariupol nach dem Raketenangriff

Der Samstagmorgen begann für die Bewohner des Stadtviertels Wostochnij in Mariupol in der Ostukraine mit zersprungenen Fensterscheiben, Explosionen, ausgelösten Alarmanlagen und Schreien.

Von Wiktoria Sawitzkaja | 25.01.2015

Raketen aus dem berüchtigten Mehrfachraketenwerfer "Grad" schlugen in Mariupol mitten in einem Wohnviertel ein
Raketen aus dem berüchtigten Mehrfachraketenwerfer "Grad" schlugen in Mariupol mitten in einem Wohnviertel ein

„Ich wachte von einer starken Erschütterung auf. Die Fenster und Wände wackelten. In der Wohnung war alles voller Rauch. Wir griffen unser Geld und unsere Dokumente und rannten zur Haltestelle.“ Erzählt Oksana. Ihr Haus befindet sich eine Straßenecke entfernt von dem Markt „Denis“, in den eine Rakete einschlug. Jetzt ist Oksana mit ihrer Familie bei Freunden untergekommen – am anderen Ende der Stadt. Wann sie in ihre Wohnung zurückkehren kann, selbst um nur ein paar Sachen zu holen, ist unklar.

„Ich habe in der Küche gerade Frühstück gemacht. Dann hörte ich plötzlich Salven aus der Ferne, aber daran sind wir schon gewöhnt“ lacht Larissa trocken. Ihr Haus liegt im Radius der einschlagenden Raketen. „Dann wurde alles erschüttert, die Scheiben sprangen. Ich griff meinen Sohn und wir rannten in den Keller. Die Nachbarn waren schon da. Eine Nachbarin schrie: Da habt ihr Euren Putin! Jetzt bekommt ihr euer Neurussland!“

Der Raketenangriff traf die Anwohner völlig überraschend

Die Raketen aus dem Mehrfachraketenwerfer „Grad“ schlugen im Markt ein und in den Hof einer Schule. In allen Häusern der Umgebung sind die Fenster kaputt. Balkone und Wände der Häuser sind teilweise zerstört. Auf dem Parkplatz brannten praktisch alle Autos aus.

Der Raketenangriff traf die Anwohner völlig überraschend. Am Samstagmorgen machten viele ihre Besorgungen. In der Schule trainierten Sportvereine. Nach den letzten Angaben starben 29 Menschen, darunter zwei Kinder. 97 Menschen wurden verletzt, fünf von ihnen Kinder.

Als der Raketenbeschuss aufhörte, flohen die Menschen massenweise aus dem Stadtviertel. Einige brachen mit kleinen Taschen auf, einige nahmen alles mit, was sie tragen konnten. Eine Familie versuchte sogar, ihr Sofa mitzuschleppen.

An den Ort des Geschehens kamen schnell die ukrainische Armee, Dienste des Katastrophenschutzministeriums, Ärzte und Vertreter der Stadtverwaltung. Ein Sammelpunkt und Busse wurden organisiert.

Notunterkünfte auf dem Gelände von Kirchen

Bis zum Mittag klang die erste Welle der Panik ab. Aber um 13:45 Uhr gab es einen weiteren Beschuss. Einer der Anwohner erzählt: „Ich brachte meiner Tochter, die auf dem Markt arbeitet, gerade das Mittagessen. Dann begann es. Dort, wo wir standen, lagen drei Leichen. Der Markt wurde beschossen. Aus dem Asphalt ragten zwei Raketen. Die Raketen kamen aus der Richtung Nowoasowsk geflogen. Es brannte auch ein Drogeriegeschäft. Wahrscheinlich waren auch dort Leute.“

Für die, die kein Dach mehr über dem Kopf hatten, organisierte die Stadtverwaltung Notunterkünfte auf dem Gelände von Kirchen. Freiwillige meldeten sich, um dort zu helfen.  Sie brachten einen Dieselgenerator, heißen Tee und Essen. „Wir schnappten uns Tape und eine Leiter und begannen einfach den Leuten die Fenster zu kleben.“ berichtet der Freiwillige Iwan.

Die Krankenhäuser der Stadt Mariupol sind mit Blutspenden und Medikamenten versorgt. Aber die wichtigste Hilfe, die viele Menschen jetzt brauchen, ist eine psychologische.

Das Ausmaß der Zerstörungen in Mariupol kann noch nicht richtig eingeschätzt werden.  Die Gasleitungen der Stadt sind getroffen und auch die Strom- und Warmwasserversorgung im Bezirk Wostochnij funktioniert nicht.

Der Bürgermeister von Mariupol erklärte, dass im Stadtviertel Wostochnij 53 Häuser zerstört seien, drei Kindergärten und vier Schulen. Auf dem Parkplatz brannten etwa 50 Autos aus. Für die betroffenen Familien stehen Kindergärten und Schulen in westlichen Bezirken der Stadt offen. - Viele Bürger haben Wostochnij verlassen. Es gibt dort jetzt kein Wasser, kein Gas, keinen Strom und keine Heizung. Die Polizei hat Streifen organisiert.

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