Mehr Haben als Sein - die Danziger Werft und der Mythos Solidarnosc 25 Jahre danachPOLEN

Mehr Haben als Sein - die Danziger Werft und der Mythos Solidarnosc 25 Jahre danach

Mehr Haben als Sein - die Danziger Werft und der Mythos Solidarnosc 25 Jahre danach

In den letzten Augusttagen des Jahres 1980 erlebte Europa den Anfang vom Ende der kommunistischen Ära. Gut 60 Jahre nach der Oktoberrevolution hatten polnische Werftarbeiter begonnen, das Joch der Diktatur abzuschütteln. Ein Jahrzehnt später war das Sowjetreich zusammengebrochen.

Von Jan Zappner

Alles hatte damit angefangen, daß in Danzig Tausende von Werftarbeitern unter der Führung eines Mannes namens Lech Walesa für die Umsetzungen von 21 Forderungen der Arbeiterschaft zu streiken begannen. Der gelernte Elektriker aus der Nähe von Bromberg (Bydgoszcz) erwies sich als eisenharter Gegenspieler der kommunistischen Machthaber. Er wurde zehn Jahre später von den Polen zum Staatspräsidenten gewählt. Schauplatz war damals die nach dem Führer der russischen Revolution genannte „Lenin-Werft“. Sie und Walesa sind seither ein Mythos. Und heute, 25 Jahre später?

Am Eingangstor zur Danziger Werft, vor dem im Sommer 1980 tausende Menschen dem siegreichen Verhandlungsführer der ersten unabhängigen Gewerkschaft „Solidarnosc“ ,Lech Walesa, ein „Danke!“ entgegen schrien, herrscht heute beinahe Grabesstille. Eine Inschrift auf einer Steinsäule erinnert an den historischen Moment: „21 x TAK!“ - „21 x JA!“ - SOLIDARNOSC steht dort in Großbuchstaben geschrieben. Eine Erinnerung an den 31. August 1980, an dem nach wochenlangen Streiks alle 21 Forderungen der Gewerkschaftsführer von der Regierung erfüllt wurden. Welche Bedeutung hat die Solidarnosc heute für die Männer hinter dem Tor?

Ein Arbeiter vor der Silhouette der Hafenkräne auf der Südseite der Mottlau. Dort werden die Schiffe zusammengebaut und später zu Wasser gelassen.  
Ein Arbeiter vor der Silhouette der Hafenkräne auf der Südseite der Mottlau. Dort werden die Schiffe zusammengebaut und später zu Wasser gelassen.
 
Ein Schiffsbug wird aus der Fertigungshalle ins Freie gebracht.  
Ein Schiffsbug wird aus der Fertigungshalle ins Freie gebracht.
Bei den Verantwortlichen herrscht dabei Hochspannung.
Bis zu 100 Tonnen Gewicht schweben durch die Halle.
 
   
Zwei Frauen auf dem Weg zur Mittagspause. An den Stahlseilen  
Zwei Frauen auf dem Weg zur Mittagspause. An den Stahlseilen
Werden Schiffteile mit den Kränen in das Schiff gehoben.
 
Blick aus dem Kranführerhaus. Aus ca. 40 Metern Höhe muß der  
Blick aus dem Kranführerhaus. Aus ca. 40 Metern Höhe muß der
Kranführer alles im Blick haben.
 

„Die Werft ist am Ende“

Mariusz Dolecki war drei Jahre alt, als damals die Weichen für ein demokratisches Polen gestellt wurden. Jetzt steht er mit zwei Kollegen vor einem zehn Meter hohen, grauen Schiffsteil und baut ein Gerüst für Schweißarbeiten zusammen. Mühelos hebt er Eisenstange für Eisenstange in die Höhe und zeigt dabei seine im Kraftraum trainierten Oberarme. Natürlich ist er froh, diese Arbeit zu haben und trotzdem winkt er müde mit der Hand ab: „Die Werft ist am Ende, und da kann auch die Solidarnosc trotz ihrer Aktivitäten nichts dran ändern.“ Tatsächlich sind von einst 9000 Werftarbeitern heute nach zahllosen Umstrukturierungen nur knapp 2000 übrig geblieben, die zur letzten verbliebenen Schicht morgens um 6 Uhr antreten. Pro Jahr werden noch fünf bis sieben Schiffe mit einem Auftragsvolumen von jeweils 25 Millionen Dollar gebaut.

Die Solidarnosc, die sich nach ihrem Ausflug in die Politik heute wieder auf ihre Rolle als Gewerkschaft konzentriert, hat es in den letzten Jahren nicht geschafft, Forderungen der Arbeiter nach höheren Löhnen durchzusetzen. Entsprechend groß ist die Enttäuschung und die Bereitschaft vor allem der jüngeren Arbeiter, als Einzelkämpfer weiter zu machen. Auch Mariusz Dolecki sieht, wie 40 Prozent seiner Kollegen, keinen Sinn in einer Mitgliedschaft: „Ich brauche einfach mehr Lohn, um meine steigende Miete zu zahlen, da hilft mir die Solidarnosc nicht weiter.“

Für den 57-jährigen Elektriker Kazimierz Trawicki ist die Solidarnosc fester Bestandteil seines Lebens. Seit 1964 ist er auf der Werft beschäftigt, die inzwischen längst den Namen Lenins abgelegt hat. Bereits einen Streik im Jahr 1970, bei dem friedliche Männer und Frauen von Panzern zusammengeschossen wurden, um eine Ausweitung der Proteste im Keim zu ersticken, hat er miterlebt. Trotz dieser Erfahrung konnte er sich dem Sog der Ereignisse vom August 1980 nicht entziehen und ist erneut aktiv geworden.

Arbeiterportrait. Auf der Werft arbeiten heute noch 3000 Menschen.  
Arbeiterportrait. Auf der Werft arbeiten heute noch 3000 Menschen.
In den Besten Zeiten der Werft wurden in drei Schichten Schiffe
zusammengebaut und es waren 20.000 Arbeiter beschäftigt.
 
Heute werden nur noch bis zu 7 Schiffe im Jahr gebaut.  
Heute werden nur noch bis zu 7 Schiffe im Jahr gebaut.
Die Danziger Werft wurde nach ihrer Insolvenz im Jahr 1996 von der
Gdingener Werftgruppe aufgekauft.
 
Schweißarbeiten erhellen den Nachthimmel von Danzig.  
Schweißarbeiten erhellen den Nachthimmel von Danzig.
 

„Wir haben 1980 nicht nur für uns, sondern für ganz Polen gekämpft – nach der Wende hat uns Polen vergessen.“

In seinem Büro als Regionalvertreter der Solidarnosc hängen an den Wänden Fotos von Windjammern auf hoher See und als Zeichnungen vor weißem Hintergrund. Auf dem Fensterbrett spielt ein Radio polnischen Pop und durch das gekippte Fenster wehen metallische Schläge aus der gegenüber liegenden Werkshalle herüber. „Wir haben 1980 nicht nur für uns, sondern für ganz Polen gekämpft“, sagt Trawicki stolz, „doch nach der Wende hat uns Polen vergessen.“ Trotzdem ist er überzeugt, das Richtige getan zu haben – und sei es für die nachfolgenden Generationen. Der Unmut über die desolate Lage der Werft ist jedoch groß und oft genug bekommt er ihn auch von seinen Gewerkschaftskollegen zu hören. Viele würden aus der heutigen Perspektive betrachtet nicht mehr an dem Streik von 1980 teilnehmen.

Kein Wunder, gehören die Arbeiter auf der Werft doch zu den klassischen Verlierern in der jungen polnischen Marktwirtschaft. Auch die Selbstbedienungsmentalität der Werftdirektoren Anfang der neunziger Jahre hat einiges an Frust aufgestaut. Diese hatten nach Ansicht der Arbeiter mit eigenen Firmen zu überhöhten Preisen Schiffsteile für die Werft anfertigen lassen und sich den Gewinn in die Tasche gesteckt. Damit hätten sie die Danziger Werft endgültig in eine wirtschaftliche Sackgasse getrieben. Schließlich mußte 1996 Insolvenz angemeldet werden und die benachbarte Gdingener Werftgruppe übernahm 1998 die Danziger als Tochterunternehmen.

Und so ist für viele Arbeiter die polnische Demokratie eng mit Vetternwirtschaft und wirtschaftlicher Ausbeutung verbunden, statt mit Wohlstand, Rechtsstaatlichkeit und Meinungsfreiheit. Diesen Frust kann Trawicki nachvollziehen, er selber verspürt ihn nicht – jedenfalls nicht in dem Maße. „Früher waren wir überall von Mauern umgeben, politischen wie auch ökonomischen. Mit Hilfe der Solidarnosc haben wir diese Mauern eingerissen und eine Perspektive geschaffen.“ Anscheinend haben diese Perspektiven bei einem Durchschnittslohn von 1600 Zloty (400 Euro) viele der Arbeiter aus den Augen verloren. „Heute dreht sich alles nur noch ums Geld“, sagt Trawicki ganz zum Schluß, „unser Motto von früher: „Mehr Sein als Haben“ ist leider in den Hintergrund getreten.“

Noch eine Symbolfigur: Die Kranführerin Anna Walentynowicz

Auslöser für den Streik auf der Danziger Lenin-Werft im August 1980 war die Entlassung der Kranführerin Anna Walentynowicz. Sie hatte es öffentlich gewagt, bessere Arbeitsbedingungen, wie ein warmes Essen für die Belegschaft oder beheizte Werkshallen zu fordern. Für die Werftleitung war das eine schwere Verletzung der Arbeitsdisziplin und ein Kündigungsgrund. Dagegen formierte sich schnell Widerstand. Mit dem berühmten Sprung über die Werksmauern setzte sich Lech Walesa an die Spitze einer Bewegung, die ganz Polen erfaßte.

In einem harten 14-tägigen Kampf setzten die Streikführer 21 Forderungen gegen die polnische Regierung durch. Es begann der kontinuierliche Abstieg der kommunistischen Regierungen im gesamten Ostblock, denn noch nie war es früher gelungen, den Machthabern eine unabhängige Gewerkschaft abzuringen. Die Solidarnosc wurde zum Sammelbecken der innerstaatlichen Opposition und zählte schnell zehn Millionen Mitglieder bei nur 16 Millionen Beschäftigten in Polen. Damit verlor die Polnische Vereinigte Arbeiterpartei (PZPR), in der davor 90 Prozent der Arbeiterschaft organisiert waren, die Legitimationsbasis für die führende Rolle beim Aufbau des Sozialismus. Der polnische Ministerpräsident General Wojciech Jaruzelski verhandelte zunächst, dann drängte er die Solidarnosc Ende 1981 durch die Ausrufung des Kriegsrechts in den Untergrund. Ihre Aktivität konnte er damit nicht unterbinden.

Straßenszene auf dem Werftgelände. Auf diesem Areal soll in den nächsten 20 Jahren die Hafencity „Junge Stadt“ mit Büros, Einkaufsmeilen, Museen und Wohnarealen entstehen. Verkaufsargument: Der Mythos Solidarnosc.  
Straßenszene auf dem Werftgelände. Auf diesem Areal soll in den nächsten 20 Jahren die Hafencity „Junge Stadt“ mit Büros, Einkaufsmeilen, Museen und Wohnarealen entstehen. Verkaufsargument: Der Mythos Solidarnosc.
 
Viele der Hallen auf dem Südteil sind schon seit Jahren aufgegeben und rotten dahin.  
Viele der Hallen auf dem Südteil sind schon seit Jahren aufgegeben und rotten dahin.  
   
Nachtschicht. Ein paar Männer kümmern sich in der Nachtschicht um die Wartung der Krangeleise. Die müsse immer wieder neu verlegt und zusammengeschweißt werden.  
Nachtschicht. Ein paar Männer kümmern sich in der Nachtschicht um die Wartung der Krangeleise. Die müsse immer wieder neu verlegt und zusammengeschweißt werden.  
 

Nach dem Erfolg kam die Spaltung

Neun lange Jahre mußten die Aktivisten der Solidarnosc noch warten und kämpfen. Erst dann machten sich ihre Anstrengungen am Runden Tisch in Warschau (6. Februar bis 5. April 1989) mit der Umwandlung des Systems vom realen Sozialismus zur pluralistischen Demokratie bezahlt. Lech Walesa wurde zum Präsidenten Polens gewählt, die Solidarnosc trat in die Regierung ein, spaltete sich bald in viele Gruppen auf und verlor letztlich jeden politischen Einfluß. Symptomatisch dafür war die Abwahl Lech Walesas 1995 durch die polnische Bevölkerung.

Auch Roman Sebastianski, Marketingdirektor der Investitionsgesellschaft Synergia 99, ist mit dem Niedergang der Werft und der Gewerkschaftsbewegung verbunden. Seit 1996 versucht Sebastianski seine Vision einer Hafencity mit dem Titel „Junge Stadt“ auf einem 73 Hektar großen ehemaligen Gelände der Werft zu verwirklichen. Seit November 2004 besteht ein gültiger Bebauungsplan für das ehrgeizige architektonische Projekt, das mit der Aussicht auf „Wohnen am Wasser“ Hafenstädten wie London, Rotterdam und Hamburg Konkurrenz machen soll. Sebastianski steht im Präsentationsraum des ehemaligen Direktionsgebäudes der Werftleitung vor einem drei mal zwei Meter großen Tisch, auf dem die Vision mit Papp- und Holzhäusern eine körperliche Form gefunden hat. Begeistert zeigt er auf Wohnhäuser, Museen und Dienstleistungszentren, die schon ab 2006 gebaut werden sollen. In der „Jungen Stadt“ sollen in den nächsten 15 bis 20 Jahren bis zu 10.000 neue Arbeitsplätze und Wohnungen für 6.000 Menschen entstehen.

Nur einer der vielen weißen Papp-Klötze ist der Vergangenheit gewidmet. Am Eingang zur zukünftigen Hafencity steht das Solidarnosc-Museum. An seiner Frontseite lächelt Lech Walesa siegessicher von einem Foto auf die davor liegende Allee der Freiheit. Wenn es nach Sebastianski geht, soll mit diesem Lächeln das Geld der Investoren angelockt werden. „Der Mythos der Solidarnosc schwebt hier durch die Straßen“, sagt er mit Nachdruck, „für Investoren ist dies die einzigartige Möglichkeit an einem geschichtsträchtigen Ort ihr Unternehmen aufzubauen.“ Ob ein Mythos als Standortvorteil ausreicht?

Das Bauprojekt auf dem Werftgelände ist noch immer heiß umstritten. Nach Ansicht vieler läutet es den endgültigen Tod der Werft ein. Wird damit nach 25 Jahren auch die Solidarnosc unter ihrem eigenen Mythos begraben? Bei den Jubiläumsfestwochen, die vom 14. bis 31. August in Danzig stattfinden, wird dies heiß diskutiert werden. In Theateraufführungen, Ausstellungen und Konferenzen haben die Besucher die Möglichkeit, sich über ihre Sicht der Dinge auszutauschen. Und vielleicht treffen sie dann sogar den Mann, der zum Symbol für den Aufstieg der Solidarnosc wurde und der nun mit ihr in Polen in Vergessenheit zu geraten droht: Lech Walesa. (In der nächsten Ausgabe bringen wir ein Interview des n-ost-Korrespondenten Andreas Metz mit dem ehemaligen Solidarnosc-Vorsitzenden und einstigen polnischen Staatspräsidenten).

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Jan Zappner ist Korrespondent von n-ost. Das Netzwerk besteht aus über 50 Journalisten in ganz Osteuropa und berichtet regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand zu allen Themenbereichen. Ziel von n-ost ist es, die Wahrnehmung der Länder Mittel- und Osteuropas in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verbessern. Weitere Informationen unter www.n-ost.de.

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