Mein Kabul – mein DeutschlandEM-INTERVIEW

Mein Kabul – mein Deutschland

Die 1966 in Kabul geborene Mári Saeed ist nach vielen Wirrungen im Jahr 1995 knapp dreißigjährig in Deutschland gelandet. Fast 15 Jahre lebt sie hier und ist heute u. a. als Wellnessberaterin tätig. Wie sie empfindet, zwischen zwei Kulturen und zwei unterschiedlichen Leben hin- und hergerissen und wie ihr Alltag aussieht, schildert sie in ihrem soeben erschienenen Buch „Mein Kabul – mein Deutschland“. Das Eurasische Magazin hat mit ihr über das Leben hier und über die Perspektive Afghanistan für ihre Zukunft gesprochen.

Von Hans Wagner

E urasisches Magazin: Frau Saeed, Ihr bisheriges Leben gleicht einer Odyssee: aufgewachsen in Kabul, studiert in der Sowjetunion, verheiratet in Afghanistan, Flucht vor den Mudschaheddin nach Deutschland, psychisch und physisch krank in der Fremde, Scheidung vom wieder gefundenen Ehemann, von dem Sie zwei Kinder haben. Heute ehrenamtliche Arbeit für Frauen in Menschenrechtsvereinen, Ausbildung zur Gesundheits- und Wellnessberaterin, vor allem für Frauen in der Migration und schließlich Mitarbeiterin von TERRE DES FEMMES. Nun organisieren Sie selbst Hilfe für Frauen in Afghanistan. Sind Sie jetzt nach 13 Jahren in der deutschen Gesellschaft angekommen?

Mári Saeed: Ja, ich bin hier angekommen. Deutschland ist eine zweite Heimat, in der ich viele Freundinnen und Freunde gefunden habe, aber die erste Heimat ist nicht vergessen und meine Geschwister, Nichten und Neffen fehlen mir. Ich musste vor den Mudschaheddin fliehen. Schon deren Herrschaft war gewalttätig und für uns Frauen ein schwerer Einschnitt, denn wir mussten schon zu Zeiten der Mudschaheddin verschleiert gehen und durften keinen Beruf mehr ausüben, denn sie sind ebenso wie die Taliban gegen die Rechte und Entwicklung von Frauen in der Gesellschaft. Und einige Führer von ihnen sind auch heute in die Regierung mit eingebunden.

EM: Werden Sie und Ihre Kinder für immer hier bleiben?

Saeed: Es hängt ganz von der Entwicklung in meiner Heimat ab, ob meine Töchter und ich uns für Deutschland oder Afghanistan entscheiden. Wenn wir die Möglichkeit bekommen, einen Beruf auszuüben und damit unseren Lebensunterhalt zu sichern und in Frieden und respektiert leben zu können, dann gehen wir zurück. Meine Töchter und ich würden gerne direkt helfen, die Situation der Frauen in Afghanistan zu verbessern.

Eine Wanderin zwischen den Kulturen

EM: Ihre Autobiografie trägt den Titel „Mein Kabul – mein Deutschland“. Empfinden Sie sich wirklich als Wanderin zwischen den Kulturen?

Saeed: Ja, das bin ich wohl. Mir ist es sehr wichtig, zwischen den Kulturen Verständnis und ein friedliches Miteinander zu schaffen. Das heißt für mich auch, mich hier in Deutschland für einen toleranten, auf gegenseitigem Respekt und die Achtung der Menschenrechte gegründeten Austausch zwischen den Religionen und Kulturen einzusetzen.

EM: Wie oft können Sie ihre alte Heimat besuchen?

Saeed: Mit Hilfe von NGOs und Freunden konnte ich zwei Reisen in meine Heimat machen, über die ich auch im Buch berichtet habe. Für weitere Reisen fehlen mir bisher die finanziellen Mittel. Ich habe aber einen regen Kontakt per Telefon und E-Mail zu meiner Familie, meinen Freunden und engagierten Mitarbeitern in NGOs in Afghanistan.

EM: Wie stehen Ihre Verwandten und Freunde in Afghanistan zu Ihrer Entscheidung in Deutschland zu leben?

Saeed: Meine Geschwister freuen sich, dass ich in Deutschland Sicherheit gefunden habe, aber sie vermissen mich ebenso wie ich sie. Meine Freundinnen aus der Kindheit sind inzwischen entweder im Westen in Sicherheit, tot oder nicht mehr zu finden.

EM: Sie sind nicht die einzige Ihrer Familie, die den Weg nach Deutschland gefunden hat, auch ein Neffe, eine Tante, der Ehemann, von dem Sie geschieden sind, und eine Stiefschwester leben hier. Konnten sie alle Fuß fassen?

Saeed: Ja, soweit sie noch hier leben, konnten sie gut Fuß fassen.

EM: Was ist der Grund dafür, dass es sie alle nach Deutschland verschlagen hat und nicht zum Beispiel in die USA, ins warme Spanien oder zu den ehemaligen Kolonialherren nach Großbritannien?

„In meiner Kindheit waren die Deutschen sehr gut angesehen“

Saeed: Ein Teil meiner Familie ist auch in andere Länder gegangen. Auch für mich sollte Deutschland nur eine Zwischenstation sein. Doch der Schleuser ließ mich in Frankfurt ohne Geld und Papiere allein, wodurch auch mein Asylantrag später abgelehnt wurde und ich nur den Flüchtlingsstatus bekam.

EM: Wie ist das Ansehen der Deutschen in Ihrer alten Heimat?

Saeed: In meiner Kindheit waren die Deutschen sehr gut angesehen, denn es gab viele Verbindungen. Heute werden die Deutschen in Afghanistan bei gebildeten und aufgeschlossenen Leuten ebenso gut angesehen. Es gibt aber auch Gruppen, die alle westlichen Einflüsse verdammen.

„Die Kinder meiner Heimat lernen nur Gewalt. Sie bekommen keine Bildung und keine Möglichkeit auf ein friedliches, selbstbestimmtes Leben“

EM: Was empfinden Sie, wenn Sie davon hören und lesen, dass westliche Truppen bei ihrem Anti-Terrorkampf nicht selten ganze Dörfer zerstören, Hochzeitsgesellschaften töten oder Schulen und sogar Krankenhäuser bombardieren?

Saeed: Krieg und Gewalt machen mich traurig und ich finde es schlimm, dass meine Heimat so leiden muss. Doch der Terror der Warlords und Mudschaheddin bietet keine Alternative. Wenn es nach ihnen geht, dann dürfen Frauen nur als Sklavinnen leben und die Kinder meiner Heimat lernen nur Gewalt. Sie bekommen keine Bildung und keine Möglichkeit auf ein friedliches, selbstbestimmtes Leben. Ich wäre aber sehr froh, wenn es endlich keine Angriffe mehr auf die Zivilbevölkerung in Afghanistan gäbe.

Wenn die Soldaten sich an ihr Ziel halten würden, auch den zivilen Wiederaufbau zu fördern, wären sie Freunde. Wie sie in der Realität jedoch agieren, sind sie Besatzer.

EM: Nördlich von Kabul sind auch Truppen des Landes im Einsatz, in dem Sie heute leben. Ist die deutsche Bundeswehr mit ihren Panzern, Flugzeugen und technischem Gerät für Sie Freund oder Feind?

Saeed: Wenn die Soldaten sich an ihr Ziel halten würden, auch den zivilen Wiederaufbau zu fördern, wären sie Freunde. Wie sie in der Realität jedoch agieren, sind sie Besatzer. Anstatt so viel Geld in militärische Aktionen zu stecken, wie 4500 Soldaten mit Flugzeugen, Panzern und Waffen kosten, könnte viel für die hungernde und leidende Bevölkerung getan werden. Mein Land braucht nicht nur Sicherheit, sondern auch Bildung und wirtschaftliche Normalität.

EM: Wie haben Sie seinerzeit den Einmarsch der Sowjettruppen empfunden, deren Anwesenheit Ihnen letztlich ein Studium in Moskau und St. Petersburg ermöglichte – waren das für Sie Besatzer oder kamen sie in Ihren Augen als Befreier?

Saeed: Als Kind habe ich es so erlebt, dass es endlich mehr Freiheiten für unsere Lehrerinnen und uns Mädchen gab. Wir erhofften uns Hilfe für die Entwicklung eines modernen, demokratischen Landes, was jedoch im Laufe der Jahre enttäuscht wurde. Es zeigte sich, dass die versprochene Hilfe eine Besatzung war und zu den guten Neuerungen viel Gewalt, Unterdrückung und Ausbeutung meine Landsleute trafen. Den Rückzug der sowjetischen Soldaten aus Afghanistan feierte ich damals auch in St. Petersburg mit afghanischen Kommilitonen und Kommilitoninnen.

„Ich bin kein Mensch, der andere hasst, dazu liebe ich den Frieden zu sehr“

EM: Für den Kampf gegen die Truppen aus der Sowjetunion haben die USA seinerzeit die Taliban großgezogen und zu Kämpfern ausgebildet. Sie mussten erleben, dass diese Gotteskrieger Ihr Elternhaus überfielen und Ihren Schwager erschossen haben. Hassen Sie die Taliban?

Saeed: Die USA bildeten die Mudschaheddin aus, die Taliban wurden in Pakistan in Madresen zu ihrem verdrehten Bild des Islam angeleitet und bekamen bei den Mudschaheddin, mit denen sie anfangs zusammen kämpften, ihre Kampfausbildung. Als die Taliban stärker wurden und sich trennten, wurden sie speziell von den USA unterstützt und konnten so das ganze Land unterdrücken. Ich bin gegen die falsche Unterstützung dieser fundamentalistischen Gruppen, aber ich hasse sie nicht, so sehr wir auch unter ihnen gelitten haben. Ich bin kein Mensch, der andere hasst, dazu liebe ich den Frieden zu sehr.

EM: Ihre Autobiografie ist ein bewegendes Zeugnis für die Zerrissenheit Afghanistans und seiner Menschen. Wie sehen Sie die Zukunft Ihres Geburtslandes?

Saeed: Afghanistan wird es noch sehr lange sehr schwer haben, um sich zu einem friedlichen, wenn möglich demokratischen Land zu entwickeln. Es ist immens wichtig, dass meine Landsleute genügend gesundheitliche und soziale Unterstützung und Bildung bekommen, um wieder selbst am Aufbau des Landes mitwirken zu können. Die Geschichte Europas gibt mir die Hoffnung, dass sich auch Afghanistan wieder weiterentwickeln kann. Nach jedem Krieg gab es einen Wiederaufbau und auch wenn es sehr lange dauern wird, ist es doch jeden Einsatz wert. Besonders Deutschland nach dem letzten Krieg ist für mich ein Vorbild, das meine positiven Vorstellungen stärkt.

EM: Frau Saeed, haben Sie herzlichen Dank für dieses Gespräch.

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Das Buch zum Interview: „Mein Kabul – mein Deutschland. Máris mutiger Weg zwischen den Kulturen“ – eine Autobiografie von Máris Saeed.

„Mein Kabul – mein Deutschland. Máris mutiger Weg zwischen den Kulturen“ – Autobiografie von Máris Saeed  
„Mein Kabul – mein Deutschland. Máris mutiger Weg zwischen den Kulturen“ – Autobiografie von Máris Saeed  

Schon früh erkennt sie den gewalttätigen Charakter ihres Verlobten. Bereits kurz nach der Heirat wird sie von ihm geschlagen und zur Aufgabe ihres Berufes gezwungen. Die Familie bedrängt sie, sich zu beugen. Und ihr selbst scheint es unmöglich, die vorgeschriebene Rolle der Ehefrau zu verlassen und die Familienehre zu verletzen - zu tief ist sie verwurzelt in den gesellschaftlichen Vorstellungen ihrer muslimischen Kultur.

Dabei ist Mári für afghanische Verhältnisse als Frau privilegiert aufgewachsen: Sie konnte gute Schulen besuchen, in Moskau studieren, selbst ihren Ehemann auswählen, in der Lehrerausbildung arbeiten, weite Reisen unternehmen. Innerlich zerrissen lehnt die moderne Muslima zwar die Freizügigkeiten westlicher Frauen ab, wird aber vom Verhalten ihrer Landsmänner immer stärker abgeschreckt. Denn die wachen über die Moral der weiblichen Bevölkerung, sehen Frauen ausschließlich als ihren Besitz an und kämpfen in den Straßen von Kabul um die Macht - und dies nicht erst seit die Mudschaheddin die Frauen in die Häuser verbannten und die Taliban ihnen die Burka aufzwangen und den Besuch von Schulen verboten.

Morddrohungen des Ehemanns

Als sich die politischen Verhältnisse im Land mal wieder ändern, flüchtet sie allein mit ihrer kleinen Tochter. Ihren verschleppten Mann findet sie erst in Deutschland wieder. Noch verschlossener will der nur noch eins: einen Sohn zeugen und seine Frau völlig kontrollieren. Nun ist sie erneut auf der Flucht: vor seinen Morddrohungen. Aufenthalte in Frauenhäusern wechseln mit „Versöhnungen“ ab.
 
Doch tapfer findet sie schließlich in Deutschland ihren Weg und kümmert sich dabei auch um andere Migrantinnen. Was ihr dabei sehr hilft, ist das Aufschreiben ihrer Lebensgeschichte. Und es zieht sie immer wieder zurück nach Afghanistan. Dort besucht sie die Frauengefängnisse, lässt sich von den auch heute noch in ihren Familien unterdrückten Frauen erzählen. Sie möchte sie ermutigen, für ihre Menschenrechte zu kämpfen.

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Rezension zu „Mein Kabul – mein Deutschland. Máris mutiger Weg zwischen den Kulturen“ – Autobiografie von Máris Saeed, Christel Göttert Verlag, 315 Seiten, 19,80 Euro, ISBN: 978-3939623021.

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