„Meine Heimat – Euer Krieg“ von Saovory Kim SamGELESEN

„Meine Heimat – Euer Krieg“ von Saovory Kim Sam

„Dieses Buch erzählt die Geschichte von Chantrea, einer Region an der vietnamesischen Grenze, die während des Krieges zwischen Vietnam und Kambodscha sehr bekannt war, und die von den Amerikanern als das ‚Gebiet des Entenschnabels’ bezeichnet wurde. Ab 1968 stand Chantrea in Flammen. Die Tränen und das Blut der Menschen fingen an zu fließen.“

Von Eberhart Wagenknecht

„Meine Heimat – Euer Krieg“ von Saovory Kim Sam  
„Meine Heimat – Euer Krieg“ von Saovory Kim Sam  
  Hintergrund
  Am 18. März 1970 wurde der kambodschanische Armeegeneral Lon Nol – während eines Auslandsaufenthaltes von Staatschef Sihanouk – durch einen von den USA unterstützten Putsch an die Macht gebracht und erhielt von den USA umfangreiche Wirtschafts- und Militärhilfe. Mit seiner Billigung versuchten Richard Nixon und sein Außenminister Henry Kissinger, Kambodscha von der FNL militärisch zu säubern. (FNL = Nationale Front für die Befreiung Südvietnams -  Front National de Libération –, im allgemeinen Sprachgebrauch Vietkong genannt). Indem sie den Krieg gegen das kommunistische Nordvietnam und den Vietkong auf kambodschanischen Boden ausdehnten, opferten die USA die Integrität des letzten unabhängigen Staates Indochinas. Ihre Flächenbombardements forderten mindestens 200.000 Menschenleben, vornehmlich unter Zivilisten, und trugen dazu bei, einen großen Teil der Bevölkerung in die Arme der Roten Khmer zu treiben. Von amerikanischen B-52-Flugzeugen wurden von 1968 bis 1973 mehr als 700.000 Tonnen Bomben und alleine 1973 doppelt so viele Bomben über Kambodscha abgeworfen wie über Japan während des gesamten Zweiten Weltkrieges. Dass Vietnamesen und Amerikaner ihren Krieg nach Kambodscha trugen, erklärt den nationalistischen und hasserfüllten Kurs der Roten Khmer somit zu einem gewissen Teil.

(Aus: Wikipedia).

M it diesen Worten führt die Autorin in das Buch ein. Und sie berichtet: „Um dem Krieg zu entkommen, nahm das Volk der Khmer die Flucht auf sich.“ Dieses Volk ist eigentlich indischen Ursprungs. In Kambodscha haben die Khmer einst ein prächtiges Reich gegründet.

Das Land, der „Entenschnabel“, wurde von den USA ab 1968 erbarmungslos bombardiert und in den amerikanischen Vietnamkrieg hineingerissen. (Siehe den Auszug aus der freien Enzyklopädie Wikipedia).

Wie alles begann schildert die damals sechsjährige Saovory Kim sehr eindringlich: „Chantrea in Flammen. Es war eine ruhige und friedliche Nacht. Plötzlich hörte ich die Detonation von Granaten, die schnell hintereinander explodierten...Ich sah viele Flugzeuge über meinem Kopf. In diesem Augenblick fielen die Raketen vom Himmel und zersprangen mit grellrotem Leuchten.“ Dies sind Erlebnisse, die sie in einem immerwährenden Alptraum in vielen Nächten wieder und wieder durchlebt.

Die Amerikaner tragen den Krieg ins Land

In der Realität des Krieges wurde das junge Leben der Schülerin Kim schlagartig zerstört: Nach der ersten amerikanischen Bombardierung der Region im Jahre 1968 veränderte sich ihr bis dahin behütetes Dasein vollständig. „Unruhe nistete sich ein und die Menschen bereiteten sich darauf vor, das Land zu verlassen.“

„Der Komet hat gesagt, dass der Krieg bald kommt!“ Diese Worte sagte der Vater zu dem kambodschanischen Mädchen. Die Vorhersage eines Krieges durch einen Kometen ist ein alter Glaube des Volkes der Khmer.

Kim ist neugierig auf dieses Wort „Krieg“, das die Erwachsenen jetzt täglich in den Mund nehmen und das so harmlos und nett klingt. Sie wünscht sich in ihrer Naivität und kindlichen Unschuld sogar sehnlichst, den Krieg einmal zu erleben. Und es geschieht. Schneller als gedacht steckt sie plötzlich mitten in den Kämpfen, in Schützengräben, auf der Flucht und im Dschungel, während hinter ihr das heimatliche Dorf und die Schule in Flammen aufgehen.

Flucht und Vertreibung und keine Chance

Alles blieb zurück, was das Leben eines Mädchens von sechs Jahren ausgemacht hat: „Sehr gut kann ich mich an diesen Morgen noch erinnern. Auf den Feldern lagen noch feine Nebelschleier. Der Wind wehte sanft durch die Zuckerpalmblätter und die Vögel sangen. Es schien alles so ruhig und friedlich. Die mir so sehr vertraute und geliebte Landschaft spendete mir echte Freunde.“

In Wahrheit begann an diesem Morgen die Flucht, die Odyssee: „Unser Dorf war eines der größten Schlachtfelder. Die ersten Bomben provozierten eine fürchterliche Feuersbrunst, danach wurden Raketen abgefeuert und schließlich wurde es durch die Schüsse der Söldner Thieu Kys (er befehligte Soldaten aus Südvietnam, die auf Seiten der Amerikaner in den Krieg eingriffen) und den gegnerischen Vietkong, die in der Schule stationiert waren, zerstört. Zum Schluss bretterten Panzer durch den Ort und vernichteten alles, was noch übrig geblieben war. In Schutt und Asche gelegt wurden mein Dorf und meine Schule und in ein Feld der Verzweiflung verwandelt.“

Die Maschinerie des Krieges verfolgt sie erbarmungslos

Zunächst entkam die Familie aus dem Inferno ihres zerstörten Dorfes durch die Flucht zur Oma in ein Dorf, das weiter im Westen lag. Aber der Krieg holte sie rasch ein: „Kaum angekommen schaufelten mein Vater und meine Brüder mithilfe meiner Cousine einen neuen Schützengraben aus. Die Arbeit war beendet, als die Sonne aufging. Gegen sechs Uhr früh vernahmen wir den Lärm von herannahenden Flugzeugen und die Detonation von Bomben.“

Die Flugzeuge warfen pausenlos ihre Bomben ab. Danach traten die Panzer an ihre Stelle. Ein großer Kampf entwickelte sich zwischen den Vietkong und den Söldnern Thieu-Kys. „Das Volk der Khmer lief nach Westen...fassungslose, erschöpfte, weinende Menschen, alle suchend nach verlorenen Kindern, einem vermissten Vater oder einer umgekommenen Mutter. Manche hielten ihre verletzten Kinder in den Armen. Es war eine Horde Menschen in Todesangst.“

Saovory Kim berichtet von einer grauenvollen Nacht: „Wir durchquerten das Land von einem Reisfeld zum anderen Der Lärm der Granaten blieb hinter uns zurück. Die ganze Nacht hindurch, immer verfolgt von den Flugzeugen, irrten wir umher, oft im Kriechen, und versuchten einen sicheren Platz zu finden. Endlich erreichten wir den Dschungel Pachak und konnten uns dort verstecken.“

Viele aus ihrer Familie werden getötet

Nirgends mehr ein Ort der Sicherheit. Ständig auf der Flucht und in Lebensgefahr: „In einem bejammernswerten Zustand verließen wir den Dschungel, schmutzig, mit zerlumpter Bekleidung und verstörter Miene.“ Die Eindrücke und die Erfahrungen dieses Kindes wirken noch immer nach, auch Jahrzehnte nach dem schrecklichen Erleben in den Schilderungen der Autorin: „Eine tragische Nacht endete, die Nacht, die ich niemals in meinem ganzen Leben vergessen werde. Die entsetzliche Nacht der Angst, des Unheils, des Leidens für die Bevölkerung von Chantrea“.

Das alles wird packend und sehr lebendig berichtet, beinahe hautnah – auch wenn inzwischen fast 40 Jahre vergangen sind. Die Autorin schreibt von den „Tränen der Khmer“, von den „Jahren der Erwartung“, als sie keine Lust mehr auf Schule hatte, als die Bombardierungen und das Verschwinden von Menschen an der Tagesordnung waren. Sie fragt sich noch heute, wie es sein kann, dass die Angehörigen des eigenen Volkes in Gestalt der „Roten Khmer“ gegen die eigenen Landsleute so menschenverachtend und vernichtend vorgehen können. Sie schreibt von einer fragilen Freiheit, von Flüchtlingsströmen, von hin- und herwogenden Schlachten, von Vertreibung und der Rückkehr der Roten Khmer. Von erneuter Deportation, von Auswanderung und schließlich vom „letzten Massaker“, vom Tod der sechzehnjährigen Schwester und der Rückkehr der Überlebenden, zehn Jahre später.

Im Epilog des Buches heißt es: „Zehn Jahre später gab es das kleine, schalkhafte und freiheitsliebende Mädchen, das ich vor dem Krieg war, nicht mehr. Ich war von dem Erlebten schwer getroffen, hatte aber durch unverhoffte Gnade den Krieg und die Massaker der Roten Khmer überlebt. Mehr als die Hälfte meiner Familie – die meisten waren Erwachsene – sind von dieser politischen Krise, die Kambodscha erschütterte, verschlungen worden.“

*

Rezension zu: „Meine Heimat – Euer Krieg“ von Saovory Kim Sam, Triga Verlag Gelnhausen, 2008, 218 Seiten, 1 Übersichtskarte von Kambodscha, 14,00 Euro, ISBN: 978-3897746091.

Asien Rezension

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

  1. Weihnachten in anderen Ländern
  2. Kurden - Geschichte, Kultur und Hintergründe
  3. Schwarzkümmel - Naturheilmittel mit langer Tradition
  4. „Hitler und Tito waren Schulfreunde“
  5. Vegetarismus - Religion der Satten

Eurasien-Ticker