Mircea Cartarescu im InterviewEM-INTERVIEW

„Schnelles Denken ist nicht charakteristisch für Europa“

Für seine monumentale „Orbitor“-Romantrilogie wurde der rumänische Schriftsteller Mircea Cartarescu mit dem „Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2015“ ausgezeichnet. Im Gespräch mit dem EURASISCHEN MAGAZIN sagt er, dass Europa für ihn eine Einheit der Vielfalt mit einer komplizierten Vergangenheit ist, die nur als integriertes System eine Zukunft hat.

Von Julia Schatte | 02.04.2015

Mircea Cartarescu
Mircea Cartarescu

Eurasisches Magazin: Wie sehen Sie das heutige Europa – politisch und kulturell? Welche verbindenden und welche trennenden Elemente nehmen Sie wahr?

Mircea Cartarescu: Europa hat eine komplizierte Geschichte mit vielen Auseinandersetzungen zwischen den europäischen Völkern. Deshalb hat es auch eine vielfache und vielfältige komplizierte Erfahrung.  Die Zukunft Europas besteht für mich in der Analyse, in der Aufarbeitung seiner Vergangenheit.

EM: Welche aktuellen Tendenzen freuen, welche beunruhigen Sie?

Cartarescu: Die zentrifugalen Kräfte beunruhigen mich. Sie haben verschiedene Gründe,  sind aber beunruhigend für die Zukunft Europas. Es gibt auch genügend Gründe für eine Euroskepsis, aber bestimmend sollte doch die Einheit Europas sein. Kein europäisches Land ist in der Lage, weder wirtschaftlich, noch geopolitisch der Komplexität der gegenwärtigen Weltlage standzuhalten. Die einzige Chance, die Europa hat, ist wie ein integriertes System zu funktionieren. 

„Ich habe nicht den Eindruck, dass Europa auseinanderdriftet“

EM: Wenn man den politischen Ereignissen der letzten Zeit folgt, hat man das Gefühl, Europa driftet auseinander.

Cartarescu: Ich habe nicht den Eindruck, dass Europa auseinanderdriftet, sondern im Gegenteil. Es scheint den Gefährdungen, die es zurzeit gibt, zu widerstehen und auch geschlossener zu reagieren. Europa kann sich im Moment gar nicht leisten, auseinanderzudriften. Gewiss reagiert Europa nicht sonderlich schnell, und schnelles Denken ist nicht charakteristisch für Europa. Man denkt in Europa gründlicher und sorgfältiger. Und das dauert.

EM: Gründlicher und sorgfältiger als..?

Cartarescu:...als in anderen Regionen der Welt. In Amerika ist man zum Beispiel gewohnt, schneller zu reagieren, weniger in dieser nachdenklichen Weise, die in Europa üblich ist.

Solange es Meinungsfreiheit gibt, wird es keinen Totalitarismus geben

EM: Sie sprachen mal von einer „inneren Freiheit inmitten des Totalitarismus“. Ist im heutigen Europa ein neuer Totalitarismus möglich, vielleicht in neuer Verkleidung?

Cartarescu: Ich glaube an die Demokratie, ich glaube sehr an den Geist der Demokratie. Solange dieser funktioniert, gibt es keine wirkliche Gefahr eines Totalitarismus. Totalitarismus stützt sich auf andere Dinge, zum Beispiel auf dogmatisches Gedankengut, etwa im islamischen Fundamentalismus. Solange es Meinungsfreiheit gibt, glaube ich nicht, dass es ernsthaft die Gefahr eines wiederkehrenden Totalitarismus gibt.

EM: Sehen Sie im heutigen Europa Meinungsfreiheit und Demokratie als gegeben an?

Cartarescu: Wenn dieser Geist im heutigen Europa nicht sichtbar wäre, wäre er überall in der Welt ebenfalls tot. Natürlich kann man sehr unterschiedliche Ausprägungen demokratischer Verhältnisse in der Welt beobachten. Aber ich denke, in einigen europäischen Staaten gibt es eine wirkliche Demokratie.

„Solange das Volk der Souverän ist, wird es Demokratie geben“

EM: Was assoziieren Sie denn in der heutigen Zeit mit Demokratie?

Cartarescu: Die Etymologie des Wortes. Also die Volksmacht, alle Macht dem Volke. Solange das Volk der Souverän ist und in Freiheit seine Souveränität ausüben kann, wird es Demokratie geben.

EM: In Pressebeiträgen haben Sie sich gegen antidemokratische und antieuropäische Tendenzen in der rumänischen Gesellschaft geäußert. Wie sehen Sie die demokratischen Tendenzen in der rumänischen Gesellschaft und wie verorten Sie diese innerhalb Europas?

Cartarescu:  Rumänien ist eine der jungen Demokratien, die noch vieles von Ländern mit längeren demokratischen Traditionen zu lernen hat. Natürlich gibt es in Rumänien auch antidemokratische Parteien und Kräfte. Aber das System an sich ist ein demokratisches und stützt sich auf funktionierende Institutionen. Das große Problem Rumäniens ist nicht der Zustand der Demokratie, sondern die Korruption. Das ist in vielen Ländern so, die früher mal unter türkischem Einfluss waren, zum Beispiel auch in allen Ländern des Balkans. Antidemokratische Tendenzen kann man leichter bekämpfen, die Korruption im heutigen Rumänien viel schwerer.

EM: Sie sagen, dass Sie die Unterteilung Europas in das „zivilisierte“ Westeuropa, das neurotische Mitteleuropa und das chaotische Osteuropa nicht anerkennen. Gleichzeitig haben Sie von rumänischen Schriftstellerkollegen erzählt, die die Mentalitätsgrenzen nicht überschritten haben.  Welche Grenzen gibt es Ihrer Meinung nach und welche Überwindungsprobleme? 

„Trotz ideologischer Unterschiede haben Völker Osteuropas auch mit den Idealen des Westens gelebt“

Cartarescu: Im Laufe der Zeit hat es die unterschiedlichsten Oppositionen und Gegenüberstellungen in Europa gegeben. Für Thomas Mann und Hermann Hesse zum Beispiel gab es Konfrontationslinien zwischen Nord und Süd. Der Norden stand für die Klarheit des Denkens und den rationalen Geist, der Süden für die Freude, die Lust und sexuelle Ausschweifung. Das schlägt sich zurzeit in wirtschaftlichen Dingen bzw. der Art, wie über wirtschaftliche Dinge gesprochen wird, nieder. Die nördlichen Länder gelten als die rationaleren und wirtschaftlich erfolgreicheren, die südlichen als die fauleren.

Und dann gibt es selbstverständlich noch eine Gegenüberstellung zwischen Ost und West, weil Europa jahrzehntelang durch einen eisernen Vorhang geteilt war. Unter solchen Bedingungen bilden sich Mentalitätsunterschiede aus. Wichtig ist aber zu sagen, dass trotz ideologischer Unterschiede die Völker Osteuropas auch mit den Idealen des Westens gelebt haben. In Rumänien gab es den Mythos Amerikas und Westeuropas. Alle stellten sich die Freiheit so vor, wie die Verhältnisse in Westberlin oder New York waren. So hat der Traum von Freiheit in Osteuropa auch während der Zeit der Tyrannei überlebt. Ich sage, dass ich diese Grenzen nicht anerkenne, weil ich denke, dass alle Menschen annähernd die gleichen Ideale haben.

EM: Warum haben einige Ihrer rumänischen Schriftstellerkollegen den „Weg über die Grenze geschafft“ und einige nicht?  

Cartarescu: Die Intellektuellen unterscheiden sich nicht allzu sehr von den gewöhnlichen Menschen. Wenn man ein Leben lang im Gefängnis gelebt hat, fällt es manchmal schwer, die Luft der Freiheit zu atmen. Freiheit hat ja auch unangenehme Seiten, denn sie setzt Verantwortlichkeit voraus. Sicher gibt es viele, die es bevorzugen, abgeschlossen zu leben und den Staat zu beauftragen, sich um sie zu kümmern.

All das ist auch mit den Schriftstellern geschehen. Es gab einige, die an das kommunistische System sehr angepasst waren. Und als der Übergang in eine freie Gesellschaft geschah, konnten sie sich nicht mehr adaptieren, sie kamen einfach nicht zurecht. Ich denke aber, dass Schriftsteller, die sich in der Diktatur einen freien Geist bewahrt haben, diese Probleme nicht hatten.

„Die Sprache ist eine der Schönheiten der europäischen Unterschiedlichkeit“

EM: Ist die Sprache trotz der verschiedenen Semantiken der einzelnen europäischen Sprachen ein verbindendes Element?

Cartarescu: Die Sprache ist eine der Schönheiten der europäischen Unterschiedlichkeit:  Mir selbst gefällt die Vielfalt der Sprachen, die Unterschiedlichkeiten im Verhalten der Menschen. Ich betrachte gern unterschiedliche Menschen, ich mag ethnische, sprachliche und eben auch Mentalitätsunterschiede.

All diese Sprachen sind aber plastisch, beweglich und gut für die Literatur. Sie trennen die Völker und Menschen auch nicht, sie einen sie. Jede auch noch so kleine Kultur und Sprache ist es wert, gelernt zu werden. Ich bin glücklich darüber, auch in kleine Sprachen, z.B. das Baskische oder Slowenische, übersetzt worden zu sein. Das sind Sprachen, die nur von zwei bis drei Miollionen Menschen gesprochen werden.

EM: Birgt die unterschiedliche Semantik nicht gerade auch in den zentralen politischen und kulturellen Begriffen oft Missverständnisse?

Cartarescu: Europa durchlebt eine Verschiedenheit mit all den Vorzügen und Nachteilen einer solchen Situation. Es ist keine kompakte Welt, aber die Puzzleteile passen zueinander. Ich glaube, so sollte es auch bleiben.

EM: Wie wirken sich die Sprache der Medien und die Sprache der Literatur heute auf unser europäisches Bewusstsein aus?

Cartarescu: Die Literatur ist die komplexeste Sprache, die eine Gesellschaft kennen lernen kann. Sie ist der Speicher des kollektiven Gedächtnisses. Darin gibt es auch Klischees, die schädlich sind. Dieser Klischeesprache begegnen wir wiederum in den Medien und auch den social media. Die Literatur ist wichtig, weil sie dieses ausgleicht, ein Gegengewicht bildet.

Europa Interview

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