Mit Optimismus aus der KriseLETTLAND

Mit Optimismus aus der Krise

Das Baltikum hat die Finanzkrise in Europa am besten gemeistert. Beispiel Lettland: Nach einem rasanten Absturz wächst dort die Wirtschaft bereits wieder, die Staatsverschuldung ist niedrig. Der Aufschwung liegt auch am Optimismus der Letten, die trotz niedriger Löhne und schwieriger Lebensbedingungen nach vorne schauen.

Von Birgit Johannsmeier

Tatjana Solenkowa steht in einer Fabrikhalle und überwacht die Handgriffe ihrer Kolleginnen. Die füllen Zutaten ab und mischen sie in riesigen Rührschüsseln zu Make-up. Tatjana zieht die blaue Schutzhaube fest über ihr blondes Haar, zeichnet rasch eine Liste ab und ist schon zur Parfumabteilung unterwegs.

Eigentlich hat die Kosmetikherstellung wenig mit Tatjanas Traumjob zu tun. Als Lettland noch boomte, hatte die 42-Jährige einen Kredit für ein kleines Café aufgenommen. Aber vor drei Jahren stand das Land wegen der Finanzkrise plötzlich vor dem Staatsbankrott, die Kleinunternehmerin musste Konkurs anmelden. „Ich war anschließend ein Jahr arbeitslos“, sagt sie. „Auch wenn mein Gehalt jetzt niedrig ist, bin ich froh, dass ich überhaupt eine Festanstellung gefunden habe.“

Die Verschuldung liegt unter EU-Durchschnitt

Das Baltikum hat von allen EU-Staaten am meisten unter der Krise gelitten. Allein in Lettland ging die Wirtschaftsleistung 2009 um dramatische 18 Prozent zurück. Umso erstaunlicher scheint jetzt die schnelle Erholung: 2011 wuchs die lettische Wirtschaft wieder um 5,5 Prozent. Als besonders bemerkenswert gilt die niedrige Staatsverschuldung der baltischen Länder. In Litauen und Lettland liegt sie mit 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts weit unter EU-Durchschnitt. Estland, das 2011 den Euro einführte, hat mit sechs Prozent gar das niedrigste Haushaltsdefizit der gesamten Eurozone.

Für Tatjanas Arbeitgeber war der Einbruch eine Schocktherapie. Über Nacht ging in Lettland die Nachfrage für die Kosmetik von „Dzintars“ zurück, der Betrieb büßte mehr als fünf Millionen Euro pro Jahr ein. Auf der Suche nach einem Ausweg analysierte Firmendirektor Ilya Gerchikow die Situation. Bereits nach einem Jahr stellte er wieder Mitarbeiter ein und produziert heute vor allem für den Export. „Wir haben uns gefragt, welche Klientel wir bedienen wollen“, sagt Gerchikow. Er entschloss sich, seine Produkte nicht mehr nur für den lettischen, sondern für den europäischen Markt zu produzieren.  Er steckte Geld in die Modernisierung seiner Maschinen und die Entwicklung neuer Produkte. Inzwischen verkauft er seine Kosmetik auch nach Deutschland, Großbritannien, Polen und Skandinavien.

Alle haben gespart

Politik und Industrie hätten aus der Finanzkrise gelernt, sagt der Wirtschaftsexperte Aivars Timofejevs von der Stockholm School of Economics in Riga. Während der Staat mit überfälligen Reformen seinen aufgeblähten Verwaltungsapparat verschlankte und die Gehälter im öffentlichen Dienst um rund 20 Prozent kürzte, sparten die Betriebe vor allem Energiekosten ein und drängen verstärkt auf den westlichen Markt. So stieg die Exportquote Lettlands von 40 Prozent vor der Krise auf mittlerweile über 60 Prozent. In der Lebensmittelbranche seien einzelne Unternehmen zusammengegangen, um unter einem gemeinsamen Dach im Ausland stärker aufzutreten. „Eine große Rolle spielt die Produktveredelung“, sagt Aivars Timofejevs. „Nur wenn unsere Waren besser werden, sind wir konkurrenzfähig auf dem europäischen Markt.“

Der Aufschwung hat seinen Preis: Niedriglöhne

Doch der Aufschwung hat seinen Preis. Die Löhne in Lettland liegen mit durchschnittlich 633 Euro pro Monat (vor Steuern) immer noch unter Vorkrisenniveau. Trotzdem gehen die Letten nicht wie die Griechen oder Spanier auf d ie Straße. „Wir jammern eben nicht so viel wie andere Europäer“, erklärt der junge IT-Experte Janis Gailis.

Auch Tatjana Solekowa muss jeden Cent dreimal umdrehen. Als ihr Mann 2009 seinen Job verlor, konnte die Familie kaum die Miete aufbringen. Tatjana pachtete einen Garten, um nicht mehr teures Obst oder Gemüse kaufen zu müssen. Nach Feierabend setzt sie Zwiebeln und gießt ihre Gurken. „Ich hoffe auf eine gute Ernte“, sagt sie und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Tatjana glaubt fest an den Aufschwung und an ihren festen Arbeitsplatz.
 
Trotz der Eurokrise hält die lettische Politik am anvisierten Beitritt zur gemeinsamen Währung im Jahr 2014 fest. Längst sei der lettische Lats an den Euro gebunden, erklärt der Finanzexperte der Nordea Bank Andris Stradzs. Betriebe, die in die Eurozone exportieren, würden im gemeinsamen Währungsraum die Kosten für den Umtausch sparen. Noch wichtiger allerdings sei die psychologische Komponente, sagt Andris Stradz: „Es gibt Leute, die vom Europa der zwei Geschwindigkeiten sprechen. Wir Letten wollen unter den Schnelleren sein. Wir wollen mit am Tisch der Entscheidungen sitzen, und dieser Tisch wird zweifelsfrei der Tisch der Eurozone sein.“

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Die Autorin ist Korrespondentin von n-ost. Das Netzwerk besteht aus über 50 Journalisten in ganz Osteuropa und berichtet regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand zu allen Themenbereichen. Ziel von n-ost ist es, die Wahrnehmung der Länder Mittel- und Osteuropas in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verbessern. Weitere Informationen unter www.n-ost.de.

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