Mit dem Katamaran über den BaikalSIBIRIEN

Mit dem Katamaran über den Baikal

Mit dem Katamaran über den Baikal

Die Einheimischen nennen ihn das heilige Meer. Sie schwärmen von seinem reinen Wasser, der unheimlichen Tiefe und den unberechenbaren Winden, die immer wieder eine Herausforderung sind. Wer seine Kraft spüren will, muss verweilen, ihm zuhören und sich von seinen eiskalten Wellen tragen lassen.

Von Carmen Eller und Christian Weisflog

E s ist ein schlechter Tag für eine beschauliche Bootsfahrt, aber für ein Abenteuer könnte es keinen besseren geben. Als wir den Katamaran besteigen, grollt der Donner über den Bergen und Blitze jagen durch den bewölkten Himmel. Nie im Leben würde man sich bei diesem Wetter auf das Wasser wagen, nie im Leben – außer unter dem Schutz eines vertrauenswürdigen Seebären. Er heißt Wolodja und ist so gelassen wie wir skeptisch. „Alles wird gut gehen“, murmelt unser „Gid“ im Army-Look in seinen Bart.

Wolodja und seine 14-jährige Stieftochter Lena, die uns auf die Tour begleitet, tauchen knall-rosa Paddel in das Baikalwasser, dann beginnt der Motor leise zu brummen, und Welle für Welle entfernen wir uns vom Ufer. Immer leiser wird das Bellen des Hundes, der uns bis hierhin gefolgt ist. Wir legen ab von Nischniangarsk, einem kleinen Fischerdorf am seichten und wenig frequentierten Nordende des Baikal, wo zwei von insgesamt 366 Zuflüssen in den Vater aller Seen münden. Nur der Fluss Angara, seine einzige „Tochter“, verlässt den See. Sanft gleiten wir über das „heilige Meer“, wie die Einheimischen den Baikal ehrfürchtig nennen. Mit rund 1.637 Metern ist er der tiefste und mit etwa 25 bis 30 Millionen Jahren der älteste See der Welt.

Fotos: Carmen Eller und Christian Weisflog

Wolodja liest die Zeichen des Himmels und versteht die Sprache des Windes

Unser Ziel sind die heißen Quellen von Chakusy. Der Kurort am Ostufer ist nur auf dem Wasserweg zu erreichen. Eine kleine Weltreise mit unserem Katamaran, der mit gerade mal zwei Pferdestärken im Schritttempo das Wasser durchpflügt. Angelehnt an unsere Taschen und Rucksäcke thronen wir wie in einem Himmelbett über dem See, unter uns eiskalte Wassermassen. Es geht vorbei an einsamen Hügeln, denen die Bäume zu Berge stehen, und felsigen Ufern, an denen sich die Nerpa - Baikal-Seehunde - sonnen. Einzig das Motorengeräusch durchbricht die große Stille.

Das Gewitter ist längst der Sonne gewichen, wie es Wolodja vorhergesehen hatte. Der 47-jährige Geologe kennt den Baikal wie seine Westentasche. Er liest die Zeichen des Himmels, er versteht die Sprache des Windes und kennt die Tiere, die er oft auch schon gezeichnet hat. Zwei Tage tuckern wir am sicheren Ufer entlang, die Nacht verbringen wir wie Robinson auf einer einsamen Insel.

In Chakusy aber hat uns die russische Zivilisation wieder: Schaschlikgeruch, Popmusik und ein roter Traktor, der mit lachenden Touristen an uns vorbeirattert. Unser Ausflug führt über die „Allee der Romantiker“ zu einer Waldlichtung, wo 47 Grad warmes Wasser aus dem Fels in mehrere Becken quillt. Wolodja fischt etwas Grünes, Algenähnliches aus dem dampfenden Nass. „Das ist vermutlich der älteste lebende Organismus der Welt. Er existierte schon zu Urzeiten, als alles Wasser so heiß war.“ Später machen wir Bekanntschaft mit einem weiteren Ureinwohner des Baikal, dem Omul. Nur hier ist diese Fischart mit silbrig-glänzenden Schuppen zu finden. Vier Exemplare des lachsähnlichen Omul hat unser Führer bereits aufgespießt und ums Feuer drapiert. Bald sitzen wir vor einer aus Baikal-Wasser zubereiteten Fischsuppe, in der einen Hand den Wodka, in der anderen den Omul-Spieß. „Auf meine Emilia“, erhebt Wolodja das Glas, der zwei Wochen zuvor noch einmal Vater geworden ist.

Auf dem Rückweg bestimmt der launische See den Kurs

Während wir später im Zelt einschlafen, wacht der Baikal auf. Starke Nordwinde bringen den See in Wallung. Auf dem Rückweg bestimmt nicht mehr unser schwacher Motor den Kurs, sondern der launische See. Zwischen den Bäumen erblicken wir am Ufer ein wie ein Obelisk hochkant aufgestelltes Boot. „Ein Mahnmal für zwei Fischer, die letztes Jahr in den kalten Fluten ertrunken sind“, erzählt Wolodja. „Der Baikal fordert seine Opfer“, sagen die Leute sich hier in solchen Fällen.

Der hohe Wellengang zwingt uns schließlich, in der fjordähnlichen Bucht Ayaya Schutz zu suchen. Schamanen soll es hier geben, schreiben die Reiseführer. „Alles Unsinn“, sagt Wolodja. „Ein findiger Touristenführer wollte hier zu Schauzwecken ein paar Tungusen mit einem Schamanen ansiedeln. Doch die einstigen Ureinwohner haben sich nur betrunken und sogar gegenseitig erschossen.“

Baikal-Philosophie: „Wenn man lange an einem Ort lebt, wird man ein Teil von ihm.“

Während wir Wolodjas Geschichten lauschen, kehrt auf dem Baikal, der „Wetterküche Sibiriens“, wieder Ruhe ein. Wir steigen in unser Himmelbett und schaukeln dem Sonnenuntergang entgegen. Der Baikal liegt uns zu Füßen. In tausend Pastellfarben spiegelt sich das Abendlicht auf dem glatten Wasser. Es gibt kein Oben und kein Unten, alles ist eins. Ein Anblick wie ihn ein Impressionist nicht besser hätte malen können. Außer vielleicht Wolodja, der über sich sagt: „Wenn man lange an einem Ort lebt, wird man ein Teil von ihm.“

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Wege zum Baikal – Katamaran-Reisen auf dem See

Kaum jemand kennt dieses Gebiet so gut wie der 70-jährige Raschit Jachin. 1974 kam er als leitender Ingenieur nach Severobaikalsk, um die Tunnels der „Baikal-Amur-Magistrale“ (BAM)  zu bauen. Die Eisenbahnlinie durch Sibiriens Berge und Sümpfe wurde in der Sowjetunion als „Jahrhundertprojekt“ bezeichnet. Ab 1989  war Jachin von der BAM mit der Tourismusförderung beauftragt. Diese wurde zu seinem persönlichen Anliegen, das er auch nach einem Schlaganfall 1994 als privater Reiseorganisator weiter verfolgte. Jachin hat heute mehrere Katamarane und Führer an der Hand, die über ihn gebucht werden können. Gerne ist er aber auch bei der Planung und Realisierung ganz individueller  Baikal-Abenteuer behilflich. Mehr Informationen sind auf seiner Homepage (www.gobaikal.com) oder telefonisch (+7 30139 21560) erhältlich. Jachin spricht Englisch, wobei ihm aber die Artikulation aufgrund seines Schlaganfalles schwer fällt.

Der Baikalsommer ist kurz – aber auch im Winter hat der See seinen Reiz

Die sibirischen Sommer sind kurz und die Winter lang. Die beste Reisezeit ist deshalb ab Juni, wenn das Eis geschmolzen ist, bis Ende August. Der Baikal hat jedoch auch im Winter seinen Reiz, wenn er Anfang Februar ganz zufriert. Um arktischen Temperaturen bis unter Minus 30 Grad bei Skitouren über den Baikal stand zu halten, braucht es dann allerdings  eine gute Ausrüstung.

Verkehrsanbindung und Anreise

Die russischen Fluglinien Aeroflot (www.aeroflot.com) und S7 (www.s7.ru) fliegen täglich von Deutschland nach Moskau und von dort abends weiter nach Krasnojarsk, Irkutsk oder Ulan-Ude. Weniger regelmäßige Verbindungen bietet Transaero. Billige  Flüge nach Moskau können bei den deutschen Anbietern Germania Express (www.gexx.de) oder germanwings (www.germanwings.de) gebucht werden. Von Moskau weiter Richtung Baikal sind die innerrussischen Fluglinien  Krasnojarsk Airlines (www.krasair.ru)  oder Vim Airlines  (www.vim-avia.com) zusätzliche Varianten. Von Irkutsk aus fahren im Sommer Tragflächenboote nach Severobaikalsk.  Von Ulan-Ude ist der Nord-Baikal auch per Flugzeug erreichbar. Mit der Eisenbahn dauert die Fahrt von Krasnojarsk bis Severobaikalsk rund 30 Stunden. Wer von Moskau aus mit der transsibirischen Eisenbahn an den Baikal gelangen möchte, muss mit einer Reisezeit von drei bis vier Tagen rechnen.

Weitere Informationen:  Der Dresdner Verein Baikalplan bietet auf seinen Internetseiten www.baikalplan.de und www.baikalinfo.com weiterführendes Wissen über den Baikal. Weitere Reiseangebote finden sich unter www.baikalskaya.com, www.baikal-reisen.de, www.baikal-rst.de, www.baikal-express.de, www.baikaladventures.ru.

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Die Autoren sind Korrespondenten von n-ost. Das Netzwerk besteht aus über 50 Journalisten in ganz Osteuropa und berichtet regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand zu allen Themenbereichen. Ziel von n-ost ist es, die Wahrnehmung der Länder Mittel- und Osteuropas in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verbessern. Weitere Informationen unter www.n-ost.de.

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