Mitarbeiter des Bolschoi-Theaters in Moskau sind solidarisch mit Sergej FilinRUSSLAND

Überraschende Solidarität mit „Iwan dem Schrecklichen“

300 Mitarbeiter des Bolschoi-Theaters bezweifeln die offizielle Version des Säure-Anschlags auf den Leiter der Ballett-Truppe von Russlands größter Bühne.

Von Ulrich Heyden

Immer lauter werden die Zweifel an der offiziellen Version des Säure-Anschlags gegen den Leiter der Ballett-Truppe des Bolschoi-Theaters, Sergej Filin. In einem Offenen Brief an Wladimir Putin, den 300 Tänzer und andere Mitarbeitern des Bolschoi-Theaters unterzeichneten, wird die offizielle Version angezweifelt, nach der Solo-Tänzer Pawel Dmitritschenko den Anschlag aus Feindschaft gegenüber Filin in Auftrag gegeben hat. Doch die Moskauer Innenbehörde, vertritt auch nach der Veröffentlichung des Briefes der Meinung, Dmitritschenko sei der Auftraggeber der brutalen Tat, die bei Filin zu schweren Schäden an den Augen führte. Der Ballett-Chef wird zur Zeit in einer Klinik in Aachen behandelt und es ist unsicher, ob die Sehkraft beider Augen jemals wieder vollständig hergestellt wird.

Zu den Unterzeichnern des Offenen Briefes gehören die Primaballerinen Maria Alexandrowa, Anna Antonitschewa, Maria Allasch und der bekannte Solo-Tänzer Nikoli Ziskaridse, der in der Vergangenheit mit harter Kritik an der angeblich unprofessionellen Leitung des Bolschoi-Theaters aufgetreten war und selbst das Interesse geäußert hatte, die Leitung des Hauses zu übernehmen.

Ein „zutiefst anständiger und hilfsbereiter Mensch“

In dem Offenen Brief heißt es, trotz des „heftigen Temperaments, der Schärfe und Direktheit“ von Solo-Tänzer Dmitritschenko, sei der Vorwurf, er habe den Säure-Anschlag in Auftrag gegeben, „absurd“. Dmitritschenko sei ein „zutiefst anständiger und hilfsbereiter Mensch“. Dass die Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Solo-Tänzer und dem Leiter der Ballett-Truppe in einem grausamen Gewalt-Akt habe gipfeln könnten, sei ausgeschlossen. Die offiziellen Ermittlungsergebnisse bezeichneten die Unterzeichner als „übereilt.“ Leider gäbe es in der Geschichte „unseres Landes“ viele Beispiele dafür, dass die „nötigen“ Ermittlungsergebnisse mit „ungesetzlichen Methoden erreicht wurden“.

Die Unterzeichner des Briefes erklären, die Unterstützung für den Hauptbeschuldigten bedeute nicht, dass ihnen das  Schicksal von Sergej Filin gleichgültig sei. Der Brief schließt mit der Bitte, eine unabhängige Untersuchungskommission einzurichten, welche die Vorfälle, „welche zu der Tragödie führten“, untersucht.

Der Haupt-Verdächtige, Pawel Dmitritschenko, hatte im Bolschoi-Theater erst vor kurzem die Hauptrolle im Ballettstück „Iwan der Schreckliche“ getanzt. Das Stück handelt von dem finsteren Zaren aus dem 16. Jahrhundert. Seit Mitte März sitzt Dmitritschenko, zusammen mit zwei Mit-Beschuldigten, in Untersuchungshaft.

Enthüllungen über Korruption am Bolschoi angekündigt

Die Moskauer Zeitungen meinten zu wissen, warum der Solo-Tänzer sich an Filin rächen wollte. Angeblich habe Ballett-Chef Filin der Freundin von Dmitritschenko Solo-Rollen verwehrt. Doch selbst die Tatsache, dass Dmitritschenko ein Geständnis ablegte, konnte nicht verhindern, dass immer mehr Zweifel an der offiziellen Version des Säure-Anschlages laut wurden. Nachdenklich stimmte unter anderem die Äußerung von Dmitritschenko, „dieses Ausmaß“ der Gewalt gegen Filin habe er „nicht gewollt“.

Aus dem Gitterkäfig eines Moskauer Gerichtes diktierte der Solo-Tänzer den Journalisten in die Notizblöcke, er werde demnächst über die Korruption im Bolschoi-Theater auspacken.

Die Zweifel in der Moskauer Öffentlichkeit verstärkten sich, nachdem Moskauer Zeitungen berichteten, das Geständnis von Dmitritischenko sei unter Druck zustande gekommen. Der Solo-Tänzer sei unmittelbar nach seiner Verhaftung 18 Stunden verhört worden und habe sich erst nach dem Verhör mit seinem Anwalt treffen dürfen.

Kultur Russland

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