Moderne AmazonenUKRAINE

Moderne Amazonen

Moderne Amazonen

Im westukrainischen Lviv (Lemberg) hält man die Amazonen nicht nur für einen Mythos, sondern ist überzeugt, dass diese zur ukrainischen Geschichte gehören. Die Sportwissenschaftlerin Kateryna Tarnovska hat eine Schule gegründet, in der junge Frauen mit Kampfsport und einer eigenen Philosophie zu modernen Amazonen erzogen werden sollen. Das schließt ein, dass sie sich auch in Haushaltsführung und Kindererziehung schulen lassen.

Von Andriy Vovk

Ljudmyla Ohorodnyk will eine moderne Amazone werden. Mehrmals wöchentlich geht sie zum Training in der Schule für Kampfkunst und praktische Lebensführung.  
Ljudmyla Ohorodnyk will eine moderne Amazone werden. Mehrmals wöchentlich geht sie zum Training in der Schule für Kampfkunst und praktische Lebensführung.
(Foto: Andriy Vovk)
 

L judmyla will eine moderne, ukrainische Amazone werden. In wenigen Minuten beginnt ihr Training in der Schule für Selbstverteidigung und Frauenkampfkunst – Asharda. Schon seit zwei Jahren besucht die 18-jährige Wirtschaftsstudentin Ljudmyla Ohorodnyk drei Mal in der Woche mehrstündige Trainingseinheiten, in denen sie die Kampfkunst der legendären Kriegerinnen erlernt. Ljudmyla gehört zur Fortgeschrittenengruppe der Amazonenschule. Neben Nahkampftechniken üben die Schülerinnen auch den Umgang mit altukrainischen Waffen wie Sicheln, Stöcken und Ketten. Am Anfang jeder Trainingseinheit wird gebetet und ein zur Schulhymne erklärtes, historisches ukrainisches Lied gegen Unterdrückung und Sklaverei gesungen.

Ljudmyla sieht sich allerdings keineswegs als zukünftiger Rambo mit Rockzipfeln oder als irgendeine andere Kampfmaschine, wie sie es in der Fernsehwelt zur Genüge gibt. „Für mich ist das Training eine Möglichkeit, mich selbst zu verwirklichen. Ich arbeite hart an mir selbst, um meinen Platz in der Gesellschaft zu finden und meinem Staat nützlich zu sein“, sagt sie. „Die Schule hat sehr strenge Regeln, ja. Aber das passt gut zu meiner Weltanschauung, zu meinen Vorstellungen vom Leben.“ Der Zeitaufwand für das Training ist nicht gerade gering. Aus Ljudmylas Sicht ist es nur eine Frage guter Organisation und Disziplin. „Da ist kein Zwang, bei dem man immer nachdenken muss, ob man alles richtig macht. Im Gegenteil: Das ist schon ein Teil meines Lebens.“

Amazonen waren auch auf dem Territorium der Ukraine beheimatet

Asharda sei viel mehr als nur eine Kampfkunst, erklärt Ljudmylas Trainerin Kateryna Tarnovska, die Gründerin der 2002 ins Leben gerufenen Schule. Die studierte Sportwissenschaftlerin beruft sich auf die Theorie, nach der die in den griechischen Legenden erwähnten Amazonen auf dem heutigen Territorium der Ukraine beheimatet gewesen seien. Belege dafür sieht auch der Lviver Historiker und Ethnologe Oles Noha: „In der Vergangenheit wurden bei uns immer wieder Gräber gefunden, in denen Frauen in vollständiger Kriegsausrüstung bestattet waren.“ Er verweist zudem auf historische Reiseberichte, die die Frauen in der Ukraine im Gegensatz zu anderen europäischen Regionen als besonders klug, stark und dem Manne gleichgestellt beschreiben. „Es gibt bei uns auch die Legende vom Kosaken Mamaj, dessen Name sich gerade vom Wort Mama ableitet.“ – Für Noha ist das „ein Relikt aus matriarchalischer Zeit“.

Die Schülerinnen durchlaufen bei Kateryna Tarnavska einen ganzen Ausbildungskomplex. Am Anfang steht die Verbesserung der physischen Kondition und der Motorik. Im Weiteren können verschiedene Wege eingeschlagen werden: Die folkloristisch-künstlerische Richtung beschäftigt sich mit Tanztraditionen des ukrainischen Volkes, mit der Geschichte der Tanzkunst wie auch mit Choreographie und Theaterkunst. Ein eher vom Sportgedanken getragener Zweig zielt auf die Teilnahme an Wettkämpfen für gemischte Kampfsportstile und die Präsentation von Kampftechniken zu Showzwecken. Ihre künftigen Amazonen erwerben laut Kateryna Tarnovska neben der Körper- und Waffenbeherrschung auch philosophische, psychologische und naturheilkundliche Kenntnisse sowie extrasensorische Fähigkeiten.

Amazonen, die auch stricken und sticken lernen

Das Frauenbild, das den ukrainischen Mädchen in der Asharda-Schule vermittelt wird, ist widersrpüchlich: einerseits Kämpferin, andererseits sorgende Ehefrau und Mutter.  
Das Frauenbild, das den ukrainischen Mädchen in der Asharda-Schule vermittelt wird, ist widersrpüchlich: einerseits Kämpferin, andererseits sorgende Ehefrau und Mutter.
(Foto: Andriy Vovk)
 

Unabhängig davon, welche Richtung die Mädchen einschlagen, belegen sie zudem Kurse in allgemeiner Lebensführung: Gesprächskultur und Durchsetzungsvermögen, Familiengründung, Haushaltsführung, unternehmerische Tätigkeit, Kindererziehung, stricken, sticken, malen, gesunde Ernährung, Kochkunst. „Wenn sie Harmonie zwischen Körper und Geist erreicht haben, bewähren sich die Amazonen im Leben und werden Hüterinnen des Guten und der Liebe“, ist sich die Trainerin sicher. Sie beschreibt die perfekten Amazonen so: „Sie bringen Wahrheit und Licht in die Gesellschaft. Die Kämpferfrau – das ist die vollkommene Frau. Sie ist zärtlich, wird aber, wenn nötig stark, und wenn es sein muss, erhebt sie sich gemeinsam mit dem Mann für die Verteidigung ihres Staates, ihres Geschlechts und ihres Volkes.“

Der Name Asharda ist ein Kunstwort. Es setze sich aus drei Teilen zusammen, erklärt Kateryna Tarnovska: „As ist die Vollkommenheit, Har das Feuer und Da ist gleich Dana, die Personfizierung des Wassers. Asharda bedeutet also die vollkommene Verbindung zwischen Feuer und Wasser.“ Die Trainerin hat lange nach einem Namen für ihre Schule gesucht. In einem Buch über alte Götter sei sie fündig geworden, ein Guru habe ihr das Wort entschlüsselt. Die germanische Mythologie kennt den Ort Asgard als Götterburg.

Außerhalb der Schule wird Asharda mit Skepsis betrachtet. „Die Schule ist eigentlich ein gutes Beispiel für das hohe Potential an Kreativität im Identitätsfindungsprozess der Ukrainer“, sagt Kati Brunner, die als Lektorin für den Deutschen Akademischen Austauschdienst in Lviv arbeitet. „Die Herleitung des Namens scheint plausibel, aber richtig handfeste Quellen fehlen.“ Darüber hinaus erscheinen ihr die Aussagen zur Rolle der Frau in der ukrainischen Gesellschaft widersprüchlich. „Einerseits Kämpferin, andererseits liebevolle, zärtliche und sorgende Ehefrau und Mutter.“ Das zeige ganz gut das Dilemma vieler ukrainischer Frauen: Sie stehen ihren Mann im Berufsleben und halten häufig in Eigenregie Familie und Haushalt zusammen. „Dabei wünschen sie sich häufig nur eine starke Männerschulter, an die sie sich anlehnen dürfen“, erklärt die Lektorin.

Ljudmyla Ohorodnyk hat diese Sorgen noch nicht. Stolz singt sie am Ende des Trainings das Lied von Freiheit und Unabhängigkeit. Übermorgen wird sie wieder in die Schule kommen und mit ihren Freundinnen für ihr großes Ziel, als Amazone die guten Traditionen ihrer Heimat wiederbeleben und verteidigen zu können, trainieren.

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Der Autor ist Korrespondent von n-ost. Das Netzwerk besteht aus über 50 Journalisten in ganz Osteuropa und berichtet regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand zu allen Themenbereichen. Ziel von n-ost ist es, die Wahrnehmung der Länder Mittel- und Osteuropas in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verbessern. Weitere Informationen unter www.n-ost.de.

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