„Mond uber den Reisfeldern“ von Andrew X. PhamGELESEN

„Mond uber den Reisfeldern“ von Andrew X. Pham

Wilhelm Goldmann Verlag, August 2003, 414 Seiten, ISBN 3-442-15171-6, Euro 9,90.

Von Marlon Krüger

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"Mond über den Reisfeldern" von Andrew X. Pham  

EM – Die Niederlage der USA im Vietnamkrieg ist der Ausgangspunkt von Andrew X. Phams autobiographischem Roman. Der Fall Saigons und die Machtübernahme der Vietcong in ganz Vietnam, zwangen die Familie des Autors zur Flucht. Phams Vater hatte auf der Seite der US-unterstützten südvietnamesischen Armee gekämpft. Für die Familie lag es daher nahe, die USA als Exilland auszuwählen. Seine Jugend verbrachte der Autor deshalb nicht in dem vom Bürgerkrieg zerstörten Land am östlichen Rand des eurasischen Kontinents, sondern auf der gegenüberliegenden Uferseite des Pazifiks, in den USA.

Zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Vietnamkriegs im Jahr 1975 entschied sich Pham zu einer Reise ins Land seiner Kindheitstage. Er war auf der Suche nach den eigenen Wurzeln, der vietnamesischen Kultur, den Orten seiner Erinnerungen. Erinnerungen, wie die Inhaftierung seines Vaters in einem sogenannten Umerziehungslager der Kommunisten. Nur durch ein kleines Wunder konnte dieser dem Todesurteil entkommen und gemeinsam mit seiner Familie fliehen. Aber auch Erinnerungen an die Wirren in den Straßen Saigons beschäftigten Pham. Damals spielten Kinder mit umherliegenden Waffen der abgezogenen amerikanischen Truppen, bis sie sich versehentlich damit erschossen. Flüchtlingsströme drängten sich am Hafen von Saigon. Es sind dies die Erinnerungen eines kleinen Jungen an den Untergang seines kleinen Reiches, seiner Heimat.

Vietnam – Heimat oder Fremde?

Pham träumte davon, Vietnam mit dem Fahrrad zu durchqueren. Nachdem er sich auf Touren durch Mexiko und den Westen der USA die nötigen Muskelpakete angestrampelt hatte, flog er, nach einem kurzen Zwischenstopp in Japan, in die Stadt, aus der er einst als Kind geflüchtet war. Doch schon ihr Name befremdete ihn: aus Saigon war nach der Machtergreifung der Kommunisten Ho-Chi-Minh-Stadt geworden. Pham ignorierte die Namensänderung in seinen Aufzeichnungen beharrlich, Saigon blieb für ihn Saigon. Die ärmlichen Lebensumstände der Vietnamesen brachen dem Autor schier das Herz. Begegnungen mit bettelnden Kindern und hungernden Menschen, der Schmutz der Städte und die gaffenden Touristen machten ihm zu schaffen. Warum gestattete gerade mir das Schicksal die Flucht und versagte sie anderen? – Fragen dieser Art marterten den Heimkehrer.

Als er Vietnam zweimal durchreist hatte – per Bahn und per Fahrrad - hatte Pham mit dem Land abgeschlossen. Mit jedem Kilometer war ihm das ursprüngliche Ziel seiner Reise unklarer geworden. In Vietnam, zwanzig Jahre nach dem Krieg, wurde Pham nie als Vietnamese anerkannt, sondern als „Viet-kieu“, als amerikanisierter Vietnamese verachtet. Der Autor rang deshalb beständig mit dem „Makel“, weder als richtiger Vietnamese noch als vollkommener Amerikaner zu gelten. Er kam zu der Einsicht, daß er mit seiner Übersiedlung in die Vereinigten Staaten seine vietnamesische Identität weitgehend verloren hatte. Während der zurückliegenden zwei Jahrzehnte, die er überwiegend in San Francisco lebte, wurde die amerikanische Lebensweise für ihn bestimmend. Die USA waren von einem x-beliebigen Exilland zu seiner Heimat geworden.

Das Buch ist ein gelungenes Zeitdokument, das sich durch seine realistische Darstellung der Geschehnisse auszeichnet. Im Zentrum des Romans stehen das Schicksal einer nach Amerika immigrierten Familie und die leidvolle Geschichte Vietnams im vergangenen Jahrhundert. Das Buch erzählt von den Widrigkeiten, mit denen ein Vietnamese in der weiß-dominierten US-Gesellschaft zu kämpfen hat. Und vor allem: Es schildert die Rückkehr eines Vietnamesen in seine alte Heimat, in der er nur noch Tourist ist.

Asien Rezension

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