Mongolen - Die Steppenretter schufen das erste Imperium in EurasienEURASIEN HISTORISCH

Mongolen - Die Steppenreiter

Mongolen - Die Steppenretter schufen das erste Imperium in Eurasien

Mongolen: Die Steppenreiter schufen das erste eurasische Imperium – zur Zeit seiner größten Ausdehnung erstreckte es sich von China bis nach Schlesien und vor die Tore Wiens.

Von Hans Wagner | 03.01.2016

Mongolen: Die Steppenreiter schufen das erste eurasische Imperium 
Mongolischer Reiter 

Die Heimat der Mongolen ist seit jeher die Steppenlandschaft Innerasiens. Sie waren über viele Jahrhunderte Nomaden und es gibt bis heute Reste dieser nomadischen Kultur. Auf dem Rücken ihrer Pferde eroberten mongolische Heere zunächst die riesigen Weiten des östlichen Eurasiens. Berittene Bogenschützen waren die gefürchtetste Waffe dieses Reitervolkes. In schnellen Kriegszügen stürmten sie später auch gen Westen, nach Europa, und kamen dabei bis nach Schlesien und vor die Tore Wiens.

Ihr Ursprungsland, die Mongolei, erstreckt sich vom Nadelwaldgürtel der sibirischen Taiga bis zum asiatischen Wüstengürtel im Süden (der auf dem Breitengrad der französischen Riviera liegt). Im Norden grenzt es an Rußland, im Süden an China. Im Westen ist das mongolische Gebiet durch das Altaigebirge, im Osten durch den Gebirgszug des Großen Chingan begrenzt. Das Innere dieses Raumes wird größtenteils von der Wüste Gobi eingenommen. Der nördliche Teil der Mongolei trägt den geographischen Namen „Äußere Mongolei“. Politisch ist er identisch mit der heutigen Republik Mongolei (bis 1992 „Mongolische Volksrepublik“). Der südliche Teil nennt sich „Innere Mongolei“ und gehört als Autonome Region zur Volksrepublik China.

Die Vorfahren der Mongolen kamen aus China

Bereits vor Beginn der christlichen Zeitrechnung lebten mächtige Völker in den Steppen- und Wüstengebieten im Norden und Nordwesten Chinas. Zum Beispiel das nomadische Reitervolk der Xiongnu, die man auch als ostasiatische Hunnen bezeichnet. Sie waren über Jahrhunderte in kriegerische Auseinandersetzungen mit den Chinesen verwickelt. Zu Zeiten, in denen China durch Machtkämpfe im Innern in Schwierigkeiten steckte, zeigten die Xiongnu besondere Angriffslust. Schon der erste chinesische Han-Kaiser Gao-Zu empfand ihre Bedrohung als so groß, daß ihm keine andere Wahl blieb, als sich durch die Übergabe einer kaiserlichen Prinzessin zur Vermählung mit dem „Hunnenkaiser“ freizukaufen.

Nach neuen Erkenntnissen wurden die Xiongnu aber schließlich durch die sich ausbreitenden Chinesen im 2. Jahrhundert v.Chr. In die Mongolei vertrieben. Dort gründeten diese ostasiatischen Hunnen dann ein ausgedehntes Steppenreich. Nach dessen Untergang kamen andere Steppenvölker an die Macht: die Xianbi ab dem 5. Jahrhundert, die Uiguren im 8. Jahrhundert, die Kirgisen im 9. Jahrhundert und danach die Kitan, die bis ins 12. Jahrhundert im Gebiet er heutigen Mongolei herrschten.

Als unmittelbare Vorfahren der Mongolen gelten unter den Steppenvölkern, deren Herrschaften auf das Reich der Xiongnu folgten, die Xianbi. Sie wurden von den Chinesen als Mengwa, Mengwu oder Mengku bezeichnet. Daraus soll sich der Name Mongolen herleiten, der später aufgekommen ist. Auch die Heeresverbände Dschingis Khans im 13. Jahrhundert wurden von den Chinesen noch als Mengku bezeichnet. Selbst aber nannten sich diese Reiter bereits Mongoldschin oder Mongol.

Nach 1100 errichteten die Stämme der Mongolen unter vier Khanen (Herrschern) zwischen den Flüssen Onon und Kerülen im Nordosten der heutigen Volksrepublik Mongolei ein erstes geschlossenes Herrschaftsgebiet, das aber bereits 1147 wieder zerfiel.

Ein junger Khan namens Temudschin betritt im Jahre 1200 die politische Bühne

Zum großen Vereinigungs-Khan aller Mongolen wurde schließlich ein junger Häuptling, der in der Überlieferung als „Schmied“ bezeichnet wird. Sein Name war Temudschin und er ist als Halbwaise aufgewachsen. Temudschins Vater Yesugej war bereits ein einflußreicher Mongolenhäuptling gewesen. Der Sohn trat in seine Fußstapfen und wurde 1200 selbst zum Khan ausgerufen.

Temudschin ging bald nach seinem Machtantritt als junger Khan ein Bündnis mit dem nordchinesischen Teilreich ein. Zweck war die Bekämpfung der Tataren, die sowohl den Chinesen als auch den Mongolen zu schaffen machten. Sie siedelten in den Randgebieten der Mongolei und sind nicht identisch mit jenen „Tataren“, als welche die Mongolen in Rußland bezeichnet wurden und werden. Die Mongolen lagen mit den Tataren in ständigem Kampf um die Steppengebiete Innerasiens. Auch Nordchinas Herrscher geriet mit den zuvor über lange Jahre verbündeten Tataren in Streit, weil diese immer öfter räuberische Einfälle nach China unternahmen. Schließlich erklärte der Tatarenfürst Megudschin-Se Ultu dem nordchinesischen Kin-Kaiser sogar den Krieg. Damit war ein Bündnis von Mongolen und Chinesen gegen den gemeinsamen Feind naheliegend.

Temudschin hatte auch noch einen persönlichen Grund für seine Feindschaft gegenüber den Tataren: Als er neun Jahre alt war hatte sein Vater Yesugej auf einer Reise Rast bei einem Tatarenstamm gemacht und am gemeinsamen Essen teilgenommen. Dabei mischten die Gastgeber dem tapferen und klugen Mann Gift in seine Nahrung. Nur kurze Zeit später war er dem heimtückischen Anschlag erlegen.

Als dem Sohn nun im Jahr 1200 ein chinesischer General den Pakt gegen die Tataren anbot, stimmte er sofort zu. Er wird mit den Worten zitiert: „Wir wollen die Tataren, die unsere Ahnen und Väter umgebracht haben, in die Zange nehmen.“

Damit erscheint der sechs Jahre später zum Dschingis Khan gewählte Sohn des Yesugej bereits als einfacher Khan erstmals auf der Bühne der Machtpolitik. In einer einzigen Schlacht vernichten seine Steppenreiter im Bunde mit den Chinesen im Jahr 1202 den verhaßten Tatarenfürsten und seine Truppen.

Temudschin wird Kaiser der Mongolen und bekommt den Namen Dschingis Khan

1206 wurde Temudschin von den Mongolen zu ihrem Großkhan, ihrem Kaiser gewählt. Sie gaben ihm den Namen Dschingis Khan. Über die Bedeutung dieser Bezeichnung besteht unter Historikern bis heute keine Klarheit. Allgemein wird Dschingis Khan als „ozeangleicher“, „ungestümer Herrscher der Welt“ gedeutet. Nach seiner Wahl zum Großkhan der Mongolen wurde ein mehrtägiges Fest gefeiert. Das Volk schwor dem neuen Kaiser Gehorsam und ließ ihn immer wieder hochleben. Es erklangen die typischen Saiten- und Blasinstrumente des Nomadenvolkes, die „Hel khuur“ (Maultrommel), die „Tsuur“ (hölzerne Flöte), „Limben“ (Querflöten) aus Bambus, die von China importiert waren sowie die reich verzierten „Bishgüür“ (Metalltrompeten) und Saiteninstrumente wie die „Khun tovshuur“. Die Steppe bebte unter dem Festgelage und den Tänzen der riesigen Mongolenversammlung.

Zum Aussehen von Dschingis Khan schreibt der ungarische Historiker Michael de Ferdinandy, er habe etwas Außermongolisches in seinem Aussehen gehabt: grüne Augen und sehr starken Bartwuchs.

Die heutigen Schreibweisen seines Namens im Westen reichen von dem gebräuchlichen Dschingis Khan über Tschingis Khan bis Cingis Khan.

Dschingis Khan organisiert ein Reiterheer ohnegleichen

Dschingis Khan schuf schließlich ein auf ihn als Mittelpunkt ausgerichtetes Reich – und zwar gegen alle Widerstände der Steppenaristokratie. Es entstand durch die politische Einigung aller mongolischen Sippen und Stämme, und durch erbarmungslose Ausrottung aller Kräfte, die sich gegen seine Alleinherrschaft stellen wollten.

Alle Mongolen waren nun Krieger. Vereinfacht dargestellt bildeten sie eine Hierarchie, die aus dem Adel, aus freien Kriegern und aus Unfreien bestand. Diese Struktur löste die Herrschaft der alten Stammesverbände und Sippen ab, die erbarmungslos zerstört wurde.

Die neue Volksstruktur der Mongolen glich im Prinzip einem gegliederten Heer. Sie war gänzlich auf den Großkhan, den Kaiser zugeschnitten und ausgerichtet. Das Mongolenheer war in Tausendschaften eingeteilt, jede Tausendschaft in zehn Hundertschaften gegliedert. Anführer waren nun nicht mehr wie in den Zeiten zuvor die Stammeshäuptlinge, sondern Offiziere, vom Herrscher ernannt, von ihm abhängig. Sie hatten unbedingten Gehorsam zu leisten und verlangten das auch von allen Angehörigen ihrer Einheiten.

Aus hundert besonders bewährten Berufssoldaten wurde eine Art Generalstab gebildet, mit dem der Großkhan die Strategien seiner Feldzüge festlegte. Diese Art der militärischen Organisation ist auch heute noch in vielen Armeen der Welt gang und gäbe.

Dschingis Khan war nicht nur Feldherr, sondern auch ein herausragender Staatsmann. Er schuf in seinem Reich unter Einbeziehung persischer und chinesischer Einflüsse eine straffe Verwaltung und übte religiöse Toleranz.

Der Kampf mit den Chinesen und die Unterwerfung Pekings

Zur Zeit der Machtübernahme Dschingis Khans über die Mongolen war sein Volk tribut- und militärdienstpflichtiger Vasall der Kin (Chinesen) und ihres Goldenen Kaisers, der in Peking residierte. Aber kurz nach der Wahl Dschingis Khans im Jahre 1206 zum Großkhan sollte sich das ändern. Als 1207 ein chinesischer Prinz bei dem Mongolenherrscher erschien, um den jährlichen Tribut einzuziehen, schickte ihn Dschingis Khan ohne die geforderten Steuern wieder nach Hause. Der neue Kaiser der Steppen fühlte sich mächtig genug, seine Vasallenrolle kurzerhand aufzukündigen. Ein Jahr später wurde der zurückgewiesene Prinz Kin-Kaiser. Das Verhältnis zwischen Chinesen und Mongolen entwickelte sich immer feindseliger. Im Jahre 1211 kam es zum offenen Kampf mit dem reichen und kulturell hochstehenden Reich der Chinesen. Anders als die nomadischen Mongolen residierten sie damals längst in prachtvollen Städten und Palästen.

Die Kampfweise der Mongolen war bestimmt durch ihre überlegene Reitkunst, durch schnelle Attacken mit gewandtem Rückzug, sowie Wolken von Pfeilen, die sie vom Pferderücken im gestrecktem Galopp abschossen.

Dazu kam eine Fluchttaktik, die weder von den Chinesen noch später von anderen Gegnern je wirklich durchschaut wurde. So täuschten die Mongolen einen Angriff vor, flohen dann, sogar über mehrere Tage, bis sie die in Auflösung begriffenen Verfolger in einen Hinterhalt lockten.

Im Kampf gegen die chinesische Stadtkultur zeigten die Steppenreiter des Dschingis Khans erstmals in der Geschichte, wozu sie seit ihrer Vereinigung unter ihrem neuen Kaiser fähig waren. Sie ließen sich von nichts mehr aufhalten, überwanden bereits 1212 die Große chinesische Mauer und unterwarfen einen Fürsten nach dem anderen. 1215 rückte Dschingis Khan in Peking ein. Damit beendete er seinen ersten großen Eroberungszug, obwohl noch nicht alle Teile des Kin-Reiches unterworfen waren. Er ließ ein ansehnliches Truppenkontingent und einen General zurück, der als sein Statthalter fungierte

Dschingis Khan beschließt die Eroberung des eurasischen Westens

Dschingis Khan hatte schon kurz nach seiner Wahl zum Großkhan ganz nebenbei die Kharluken, ein Turkvolk in der Waldregion des Nordens unterworfen, um künftig den Rücken frei zu haben, für eine weitere Ausdehnung seiner Herrschaftsbereiche. Auch andere Stämme, wie die Naiman, die Merkit, die Tangnuten und die Uiguren wurden aus ähnlichen Gründen von ihm unterworfen und zu Vasallen gemacht.

Der Mongolenkaiser wandte sich bald nach der Teilbesetzung des Kin-Reiches gen Westen, so daß sein Reich in den folgenden Jahren in eurasische Dimensionen hineinwuchs. Zu Beginn der Vorstöße in Richtung Europa reichte Dschingis Khans Machtbereich von der nördlichen Taiga bis zur südlichen Steinwüste im Bereich der alten Seidenstraße und von der östlichen Mandschurei bis an die Grenzen des muslimischen Reiches Khwarezm (andere Schreibweise „Chorassan“) im Westen.

Khwarezm lag in der Turanischen Ebene hingebreitet, am unteren Lauf des Flusses Amu-Darya (heutiges Gebiet von Usbekistan/Turkmenistan), umgeben von Wüsten. Es dehnte sich zur Zeit Dschingis Khans enorm aus, reichte zunächst bis Afghanistan und Samarkand, umschloß dann unter seinem Herrscher Muhammed II. (1200-1220) auch den gesamten Iran. Schließlich eroberte König Muhammed alle Gebiete vom Kaukasus bis ans nordwestliche Indien und vom Aralsee bis an den Indischen Ozean.

Erstes Opfer wurde das Reich Khwarezm

Dschingis Khan schätzte die militärische und die politische Kraft dieses muslimischen Riesenreiches sehr hoch ein. Der Khwarezm-Schah herrschte über die gesamte östliche Hälfte der mohammedanischen Welt. Es wird angenommen, daß der Mongolenkaiser ob dieser Größe nicht die Absicht hatte, Khwarezm jemals anzugreifen. Ihm kam es eher auf gute Nachbarschaft an. Um das Verhältnis zu Muhammed II. zu pflegen, schickte er im Jahre 1217 eine umfangreiche und besonders feierliche Gesandtschaft zum Khwarezm-Schah. Die Zahl der edlen Mongolen, die zu dieser Abordnung gehörten, wird mit über hundert angegeben. Sie brachten wertvolle Geschenke mit an den Hof von Khwarezm. Es sollten Gespräche geführt werden, in denen es um die gegenseitige Versicherung der beiden Reiche für eine friedliche Nachbarschaft ging. Dschingis Khan ließ dem Sultan mitteilen, er erkenne ihn als Herrscher des Westens an, wenn er als Herrscher des Ostens anerkannt werde.

Am Hofe des Schahs wurden die Mongolen empfangen, doch dann in der zweiten Nacht ihres Besuches aus bis heute ungeklärten Gründen Mann für Mann abgeschlachtet. Dschingis Khan geriet in schreckliche Wut, wird berichtet. Er berief eine große Mongolenversammlung ein. Von ihr wurde der Krieg gegen Khwarezm beschlossen. Dschingis Khan selbst leitete den Feldzug. Er zog mit einhunderttausend Mann nach Westen.

Sieben Jahre dauerte dieser Krieg. Die Steppenreiter waren gezwungen, befestigte Städte einzunehmen, was ihnen überhaupt nicht lag. Aber Ingenieure aus dem eroberten China ermöglichten ihnen diesmal, anders als noch bei der Eroberung Pekings, mit schweren Angriffsmaschinen, daß eine Stadt nach der anderen genommen werden konnte. Jede wurde dem Erdboden gleichgemacht, die Einwohner bis auf Künstler und Gelehrte, die noch nützlich sein konnten, getötet. Geschützt durch Kettenhemden und darunter liegender schwerer Seidenkleidung griffen die Mongolen immer wieder an und zermürbten ihre Gegner. Hauptwaffe war der Bogen aber sie hatten aus China auch Schwarzpulver mitgebracht, mit dem sie Mauern sprengen konnten.

Dschingis Khan und sein angebliches Bekenntnis, die „Geißel Gottes“ zu sein

Dschingis Khan selbst nahm die berühmte Handelsstadt Buchara ein. Die überlebenden Einwohner flüchteten in die große Moschee der Stadt und warteten dort zusammengepfercht in schrecklicher Angst. Plötzlich erschien der Mongolenkaiser hoch zu Roß. Die Worte die er in die tödliche Stille hinein gesprochen haben soll, klingen noch nach beinahe 800 Jahren so schaurig, daß sie Gänsehaut erzeugen: „Fragt ihr, wer ich bin? Ich bin die Geißel Gottes, ich bin die Rache des ewigen Himmels und ich bin gekommen, euch zu zerstören!“

Michael de Ferdinandy schreibt über diesen Auftritt: „Wir wissen, alle Völker und Völkerführer der Weltgeschichte, die andere Völker eroberten, versklavten, ja ausrotteten, taten dies immer im Namen einer künftigen besseren Ordnung, im Namen eines Heils, das auch das Heil der Besiegten werden sollte. Die reiternomadische Eroberung wieß aber noch nichts von dieser gewandten und zivilisierten Heuchelei. Die Eroberung wird gewollt und gewagt, weil man eben zur Macht, ja zur Allmacht gelangen will. Der Eroberer stellt sich als ein Strafvollstrecker des höchsten Gottes hin und erfüllt also ganz bewußt seine große, aber negative Rolle, die eines Todesdämons.“

Wie sehr der Mongolenkaiser von dieser Rolle des Todesdämons, der Gottesgeißel durchdrungen war, erweist sich in jedem weiteren Schritt, den er gegen das Reich von Khwarezm unternahm. Ferdinandy schreibt dazu: „Dschingis Khan zerstört, tötet, versklavt oder verschleppt den größten Teil der Bevölkerung eines großen Kulturreiches. Seine Mongolen zerstören das in Jahrhunderten Aufgebaute, das mühsam menschlich Erzeugte ganz bewußt und nicht nur in Wut und Rache, sondern auch mit einer besonderen Wollust. Als die Söhne des Khans die turanischen Städte nacheinander genommen hatten, zerstörten sie mit voller Absicht das großartige Kanalisationsnetz dieser Gegenden, das Werk alter Kulturvölker, das die große wirtschaftliche und kulturelle Rolle dieser Landschaften Jahrhunderte hindurch sichern konnte. Seitdem verdorrte die turanische Ebene, wurde Wüste und nie mehr, bis auf unsere Tage, ist es gelungen, das Kanalisationsnetz wiederherzustellen.“

Dschingis Khan soll nach seinem großen Sieg über das Reich von Khwarezm erwogen haben, gleich noch Indien zu erobern. Auf Anraten seines weisen Beraters, des Prinzen Ye-Lu, ließ er jedoch davon ab. „So blieb der Indus die Ostgrenze im Süden des mongolischen Reiches, das nunmehr die Hälfte des asiatischen Kontinents zu einer eisernen, barbarisch-militärischen Einheit zusammenschloß,“ resümiert Ferdinandy am Ende dieses khwarezmischen Kapitels der mongolischen Eroberungen.

Der Ansturm auf Europa beginnt

Nun begann der Ansturm auf Europa. Eine Art Vorhut bildeten die beiden Mongolengeneräle Dschebe und Subutaj. Sie eroberten einen Teil von Armenien und fast ganz Aserbaidschan. 1221 standen sie am Fuße der Kaukasus-Hauptkette und ritten kurz darauf über die Pässe des Gebirges in die südlichen Steppen des heutigen Rußlands hinein. Damals wohnten dort indogermanische und türkische Reiternomaden, nämlich Alanen und Kumanen. Ein Jahr später setzten sich die Mongolen in einigen überlegen errungenen Siegen gegen die Bewohner der südrussischen Steppe durch, ehe sie wieder abzogen. Erst 16 Jahre später kamen sie wieder.

1226 stürzte Dschingis Khan bei einer Treibjagd auf Wildpferde von seinem Rotschimmel. Doch seine starken inneren Verletzungen hinderten ihn nicht, noch einen Rachefeldzug gegen das Volk der Tangut und seinen Herrscher Buhan zu vollenden. Sie wurden vollkommen ausgerottet. Es war dies die letzte Schlacht des Mongolenkaisers Dschingis Khan. In dem Buch „Geheime Geschichte der Mongolen“ heißt es dazu: „Im Schweinejahr stieg Dschingis Khan zum Himmel auf.“ Das war anno 1227.

Die Herrschaft über die Mongolen wurde nach dem Tod des großen Khans von seinen Söhnen Ügedej, Dschagatai und Tului, sowie seinem Enkel Batu Khan wahrgenommen.

Ügedej, der neue Kaiser, setzt den Westfeldzug fort bis vor die Tore Wiens

Kurz nach dem Ableben Dschingis Khans wurde Ügedej zum neuen Khan der Mongolen gewählt. Er war der dritte Sohn des Dschingis Khan. Sein Aussehen wird als typisch mongolisch beschrieben, breites Gesicht, hervorstehende Backenknochen und schiefsitzende Schlitzaugen unter einer hervorspringenden Stirn. Er errichtete die Hauptstadt des Mongolenreiches: Karakorum (360 Kilometer westlich von Ulan-Bator, der heutigen mongolischen Hauptstadt). Um seine Palastjurte scharte sich ein kaiserliches Lager aus Zelten und Holzpalästen. Karakorum bedeutet „Schwarzer Sand“. Für Reiternomaden ein ungewöhnlicher Name, andere Herrscher als die der Mongolenkhane bevorzugten normalerweise die Farbe wieß.

Ferdinandy: „Wie ganz selten in der Weltgeschichte, wurde das Schwarze, das Todbringende von jenem Volke […] geradezu bejaht. Auch in der Kleidung des mongolischen Reiters überwog die schwarze Farbe. Das Wissen um die Berufung, eine Geißel Gottes zu sein […] ist ein Teil des bewußten Programms des Mongolenreiches.“

Im Jahre 1236 vollendete Ügetej die von seinem Vater Dschingis Khan begonnene Eroberung des chinesischen Kin-Reiches. Im gleichen Jahr wurde auf einer großen Versammlung des Reiches der Beschluß zur Eroberung der westlichen Welt gefaßt. Die mongolische Kerntruppe umfaßte zu dieser Zeit 50 000 Mann. Das gesamte Heer mit türkischen und tatarischen Hilfstruppen zählte 120 000 Reiter. Es fiel 1237 in Bulgarien und Ungarn ein und überschritt nach Verwüstung dieser beiden Länder im gleichen Jahr die Wolga. Das nächste Kriegsziel war der Norden Rußlands. Im Winter 1237/38, 16 Jahre nach dem ersten Vorstoß der Generäle Dschebe und Subutaj auf russisches Gebiet, begann die Eroberung des Zarenreiches. Nacheinander fielen die Städte Riazan an der Oka, 50 Kilometer ostwärts des heutigen Rjasan, Moskau und Wladimir. Am 6. Dezember 1240 wurde schließlich auch Kiew, die Hauptstadt des damaligen Russischen Reiches, nach „heldenhafter Verteidigung“, wie es in den Überlieferungen heißt, von den Mongolen erobert. Das Reich der wikingischen Waräger, die damals in Rußland herrschten (Siehe EM 08/02 DIE WIKINGER) endete durch die mogolischen Eroberer. Alle kulturellen Anbindungen Rußlands an den Westen wurden für zwei Jahrhunderte unterbrochen.

Der Vorstoß nach Ungarn erfolgte in drei Heeresgruppen. Im Norden bei Liegnitz (Schlesien), erwartete ein deutsch-polnisches Heer unter Herzog Heinrich von Schlesien eines der Kontigente der mongolischen Reiterscharen. Dieses deutsch-polnische Aufgebot war das einzige größere westeuropäische Heer, das sich den berittenen Bogenschützen des Großkhans Ügedej entgegenstellte. In einer verlustreichen Schlacht wurde es am 9.April 1241 vernichtend geschlagen.

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  Bogenschütze

Dann drehte diese Gruppe der mongolischen Streitkräfte von seiner Westroute ab. Die Steppenreiter wandten sich nach Südosten, wo der Ungarnkönig bei Pest an der Donau seine Truppen zusammenzog. Damit er seinen Aufmarsch nicht vollenden konnte, legten die Mongolen die 480 Kilometer in knapp drei Tagen zurück. Also 160 Kilometer täglich. Unter normalen Umständen war die durchschnittlich zurückgelegte Tagesstrecke der Steppenreiter um etwa ein Drittel kürzer. Aber ihre Pferde konnten jederzeit ohne Unterbrechung Strecken von zwanzig Kilometern galoppierend zurücklegen. An einem Tag konnten sie so im Durchschnitt bis zu einhundertzwanzig Kilometer vorankommen.

1242 wurde das Schicksal Ungarns besiegelt. Seine Truppen waren geschlagen, der König geflohen. Die Mongolen hatten ganz Ungarn erobert und standen somit vor den Toren Wiens. Doch hier war auf einmal der Mongolensturm zu Ende. Schlesien und Ungarn waren die westlichsten Eroberungen der Mongolen. Aus beiden Gebieten zogen sie sich, so plötzlich wie sie gekommen waren, wieder zurück. Die größten Eroberer Eurasiens ritten nur bis zur Donau.

Durch den Mongolensturm entstehen neue Machtstrukturen

Dieser Angriff der Reiterheere aus der Steppe war der größte in der Geschichte Asiens und Europas. Mit den mongolischen Truppen strömten viele Tausende von Angehörigen der verschiedenen Turkvölker nach Westen. Zum Teil wurden sie von Ügedejs Reitern vor sich hergetrieben, zum Teil hatten sie sich auch als Hilfstruppen dem Mongolensturm angeschlossen. Im Gebiet der heutigen Türkei wurden viele von ihnen seßhaft. Der erfolgreichste Stamm dieser Turkvölker waren die Osmanen. Sie gründeten ein eigenes Fürstentum, das schließlich Keimzelle des späteren Osmanischen Reiches wurde. (Siehe auch DIE KURDEN, EM 02/03).

Überraschend kehrten die Hauptkontingente der Mongolen im Sommer 1242 wieder in die innerasiatische Steppe zurück. Über die Gründe hierfür wird seither gemutmaßt. Eine These lautet, der erfolgreiche General und angesehene Mongolenhäuptling Batu Khan, Vater des Sieges über Ungarn und Urheber seiner völligen Verwüstung, wollte sich zu Hause zum Kaiser wählen lassen. Batu Khan habe sich große Chancen auf die Nachfolge des im Dezember 1241 gestorbenen Khans Ügedej ausgerechnet. Deshalb sei er so überraschend aus Ungarn abgezogen.

Eine andere Theorie lautet, die stark ummauerten Städte und Festungen des Abendlandes seien den Steppenreitern zunehmend suspekt geworden. In Ungarn hätten sie sich daran fast die Zähne ausgebissen. Meistens konnten sie nur das Umland wirklich in Besitz nehmen. Deshalb sei ihnen die Lust auf weitere Eroberungen verstädterter Gebiete des Westens vergangen und sie kehrten lieber in den gewohnten Lebensraum der Steppe zurück.

Der Plan einer christlich-mongolischen Kooperation

Was immer auch den Ausschlag für den Rückzug aus Ungarn und Schlesien gegeben haben mag, in Rußland mit seinen weiten Ebenen und großen Steppengebieten sind die Mongolen jedenfalls Jahrhunderte geblieben. Viele Fürsten zwischen Wolga, Don und Dnjepr wurden treue Vasallen der Mongolenkhane.

Die Eroberung des Abendlandes aber hat nicht stattgefunden. Vielleicht war sie nie wirklich geplant. Auch dieser Lesart neigen manche Historiker zu. Ab 1243 gab es eine Reihe von Versuchen europäischer Fürsten, des französischen Königs und des Papstes in Rom, mit dem mongolischen Kaiser ins Gespräch über eine - modern ausgedrückt - geopolitische oder doch geostrategische Kooperation zu kommen. Bekannt war, daß sich die mongolischen Reiternomaden in religiösen Fragen äußerst tolerant verhielten. Zu welchem Gott die Völker beteten, war für sie von geringer Bedeutung. Dem mongolischen Prinzen Güyük, dem man im Westen beste Chancen auf die Groß-Khan-Würde einräumte, wurden sogar tiefe Sympathien zum christlichen Glauben nachgesagt.

Im Vatikan entstand die konkrete Idee einer Zusammenarbeit zwischen dem christlichen Europa und dem mongolischen Teil Asiens zur Eindämmung des überaus aktiven und erfolgreichen Islams. Auf dem Konzil von Lyon wurde im Jahr 1245 dieser Plan heftig diskutiert. Mit einem Brief des Papstes an den Mongolen-Khan, ausgearbeitet auf diesem Konzil, wurde schließlich der italienische Franziskaner Plano del Carpini auf die Reise geschickt. In der Mongolenhauptstadt Karakorum sollte er das Schreiben an Prinz Güyük überreichen.

Darin wird dem Mongolen-Khan symbolisch die Hand gereicht und das Volk der Steppenreiter aufgefordert sich zum Christentum zu bekennen. Gemeinsam wolle man danach gegen den Erzfeind der Christenheit, den Islam in den Kampf ziehen.

Daß dieser Plan gescheitert ist, hat nichts mit Religion, aber viel mit mangelhafter Diplomatie und schlechten Kenntnissen der beiden Kulturkreise voneinander zu tun. Beide Seiten überzogen irgendwann in ihren Bedingungen, die sie sich gegenseitig zumuteten. Jede Seite hielt ihr Oberhaupt für den wahren Herrscher des Weltenreiches. Die christlichen Gesandten den Papst, die Mongolen ihren Kaiser, zu dem Güyük während des Besuchs aus dem Westen tatsächlich gewählt wurde.

Wer ist der wahre universale Herrscher – der Papst oder der Mongolenkaiser?

Der Gesandte des Papstes zog unverrichteter Dinge ab. Auch spätere Versuche des katholischen Kirchenoberhauptes schlugen fehl. In den Ansichten über den wahren universalen Herrscher wurde keinerlei Annäherung erzielt. Rom hatte einen religiösen sowie einen politischen Kotau der Mongolen erwartet. Der „Stellvertreter Gottes auf Erden“, als welcher sich der Papst versteht, mochte keinen Herrscher neben sich dulden, der sich im Zweifel als „Geißel Gottes“ verstand und damit einen ganz eigenen Herrschaftsanspruch verband.

Daß auf Seiten der Mongolen vom religiösen Standpunkt kein Hinderungsgrund für eine Kooperation vorgelegen hätte, konstatiert Michael de Ferdinandy: „Das Positive, ja das Nachahmenswerte der reiternomadischen Kulturen liegt für uns ohne Zweifel eben in dieser klaren, elastischen Weltoffenheit, in ihrem Verständnis für das Andersgeartete, das Fremde, was aber doch nicht Verrat an ihrer persönlichen Eigenart bedeutet. In dieser Weltoffenheit waren die Reiternomaden dem christlichen Westeuropa ganz gewiß voraus.“ (Lesen Sie dazu bitte auch den Beitrag von Kai Ehlers in dieser Ausgabe des EM. Er schreibt über die christlich-muslimische Kooperation im „Modell von Kasan“, wo unter den Nachfahren der Steppenreiter seit langem eine friedliche Koexistenz von Orthodoxem Christentum und Islam möglich ist).

Es kam also nicht zum großen Wurf einer Verständigung der Kulturen auf dem Kontinent. Ganz im Gegenteil: Kreuzzüge und Dreißigjähriger Krieg, Hexenverfolgung und militante Islamisierung haben Millionen und Abermillionen von Opfern gefordert und Eurasien bis heute in tiefe Zerrissenheit gestürzt.

Das Zusammenwachsen Eurasiens fand nicht statt

Europa und Asien entfremdeten sich in der Folgezeit immer noch mehr. Von universalen Ideen, wie 1245 auf dem Konzil von Lyon, war nicht mehr die Rede. „Bei allem Einmalig-Großartigen, das sein Geist im Laufe seiner großen Geschichte schuf, war Westeuropa doch immer eine Ecke, ein Balkon des eurasischen Kontinents auf die Weltmeere zu, gewissermaßen ein riesiges Portugal [...]“, schreibt Ferdinandy.

Dabei ist es geblieben bis auf den heutigen Tag. Zu den Räumen und Völkern im Osten hat das Abendland nie ein wirkliches Verhältnis entwickelt. Die Mongolen wurden zum Teil Muslime, andere hingen dem Schamanismus an und ein Teil bekannte sich zu den fernöstlichen Lehren von Buddha oder dem tibetischen Lamaismus (Später Staatsreligion in der Mongolei). Nach einiger Zeit versank das ehemalige Hauptreich, die Mongolei, wieder in der Bedeutungslosigkeit. Das Erbe des Dschingis Khan zerfiel. Nur in China lebte eine Dynastie mongolischer Abstammung fort bis in unsere Zeit, bis 1911.

Nach dem Niedergang der letzten mongolischen Reiche im 14. Jahrhundert spielte sich die weitere Geschichte der Steppenreiter wieder zwischen Altai und Großem Chingan, zwischen Tundra und der Wüste Gobi ab, als sei nichts gewesen. Im Westen besaßen die Mongolen seither nicht einmal mehr eine gemeinsame Grenze mit den Ländern, die sie bis kurz zuvor noch beherrscht hatten. Ihr Rückzug war total. Sie sind aus dem Blickfeld Europas ebenso wie aus dem des Nahen und Mittleren Ostens wieder völlig verschwunden.

Im Bereich der Mongolei leben heute die meisten Nachfahren der mongolischen Steppenreiter des Mittelalters. Auch über sie weiß man im Westen kaum etwas. Zu Sowjetzeiten war die Mongolei „Mongolische Volksrepublik“, heute heißt sie schlicht „Republik Mongolei“. Doch wenn nicht alles trügt, ist seit einigen Jahren eine gewisse Sehnsucht im Lande zu spüren, nach Größe und glanzvoller Vergangenheit. Hie und da werden dem großen Dschingis Khan bereits wieder Denkmäler gesetzt.

Literatur:
Michael de Ferdinandy, Tschingis Khan – Steppenvölker erobern Eurasien, rohwohlts deutsche enzyklopädie (rde), Band 64, Hamburg 1958 (antiquarisch noch verhältnismäßig häufig zu finden).

Michael Weiers (Hrsg.), unter Mitwirkung von Veronika Veit und Walther Heissig, Die Mongolen – Beiträge zu ihrer Geschichte und Kultur, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1986.

Manfred Traube (Hrsg.), Geheime Geschichte der Mongolen – Herkunft und Aufstieg Dschingis Khans, C.H. Beck Verlag, München 1994

Udo B. Barkmann, Die Geschichte der Mongolei, Bouvier Verlag, Bonn 1999.

Die hier veröffentlichten Fotos wurden uns freundlicherweise von www.steppenreiter.de zur Verfügung gestellt. Auf dieser Seite finden Sie weitere interessante Informationen über das Leben der mongolischen Reiternomaden.

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