Moskau fühlt sich umzingeltUKRAINE

Moskau fühlt sich umzingelt

Hinter den Demonstrationen in Kiew vermutet man in Moskau amerikanische und polnische Drahtzieher.

Von Ulrich Heyden

Nachdem schon Wladimir Klitschko und die ukrainische Grand-Prix-Gewinnerin Ruslana zu den Menschen auf den Platz der Unabhängigkeit in Kiew gesprochen hatten, stieg am 25. November eine dritte Persönlichkeit von internationalem Rang auf die Rednertribüne. Es war Lech Walesa, der ehemalige Solidarnosc-Führer und Präsident Polens. Er rief jedoch nicht zum Generalstreik auf, wie vor ihm Oppositionsführer Viktor Juschtschenko, sondern erklärte, er wolle im Konflikt um die Macht „vermitteln“.

Bei dem Namen Lech Walesa sträuben sich bei einigen Moskauer Sicherheitsexperten immer noch die Nackenhaare und so hatte der Kreml-nahe Politologe Sergej Markow die interessierte Öffentlichkeit in Moskau vorgewarnt. Der Besuch Walesas in der Ukraine sei Teil einer Strategie bestimmter Kreise in den USA und Polens um den ehemaligen US-Präsidentenberater Zbigniew Brzezinski und dessen Söhne. Diese wollten die „Konsolidierung der Europäischen Union“ verhindern. Der Verbindungen seien offensichtlich, so der Politologe. Der eine Sohn Brzezinskis war Präsident der ukrainisch-amerikanischen Handelskammer, der andere Berater der Republikanischen Partei im US-Kongreß. Zu den antirussischen „Intriganten“ gehört nach Meinung des Kreml-nahen Politikwissenschaftlers auch der Pole Andrian Karatnizki, seines Zeichens Leiter der US-Stiftung „Freedom House“. Karatnizki habe „Polittechnologen“ aus Belgrad für den Einsatz im ukrainischen Wahlkampf angeheuert. Sie hätten das „Szenarium“ für das „Juschtschenko-Projekt“ geschrieben.

Polnisch-amerikanische Verschwörung?

Polen, so der Politologe, versuche sich als Schutzpatron der Ukraine aufzuspielen. Damit versuche man das eigene Gewicht in Europa zu erhöhen. Doch vor einem derartigen Patronat will Markow den Ukrainern dringend abraten. Sie sollten bedenken, daß sie jahrhundertelang von den Polen unterdrückt wurden und in Polen heute noch als „Menschen zweiter Sorte“ angesehen werden. Daß die russischen Zaren den Ukrainern ihre Sprache verboten und Stalin sie aushungerte, erwähnt der Moskauer Experte nicht. Angesichts dessen, was dem „slawischen Bruderland“ von den „Rot-Weißen“ westlich von Brest droht, trifft es sich gut, das die russische Duma vor einigen Tagen den 7. November als Feiertag gestrichen hat - es war der Tag der Oktoberrevolution, der zuletzt als „Tag der Eintracht“ gefeiert wurde - und den 4. November zum neuen Feiertag bestimmte. An diesem Tag sollen die Russen nun die Befreiung Moskaus von den polnischen Okkupanten im Jahre 1612 feiern.

Die These von der polnisch-amerikanischen Verschwörung hat nur einen Haken. Sie erklärt nicht, warum Hunderttausende in Kiew und anderen Städten bei tiefstem Frost sich tagelang die Beine in den Bauch stehen und die Seele aus dem Leib schreien. Machen sie das alles nur, weil sie dafür bezahlt werden? Diesen Eindruck kann man gewinnen, wenn man die Berichte des russischen Fernsehkanals NTW sieht. Der berichtete über die Besetzung des ehemaligen Lenin-Museums in Kiew durch Juschtschenko-Anhänger. Das mit weißem Marmor getäfelte, vierstöckige Gebäude in der Kiewer Innenstadt, welches zuletzt der ukrainischen Präsidialadministration gehörte, war am Dienstag Abend zum Stabquartier der Juschtschenko-Opposition umfunktioniert worden. Die NTW-Reporter fingen Bilder von einer Kasse ein. Dort – so der Reporter – würde den Demonstranten ihr Tagesgeld ausgezahlt, 50 Grivna, das sind acht Euro.

Beide Konfliktparteien erhalten millionenschwere Unterstützung

Die perfekte Organisation rund um die Rednertribüne auf dem Kiewer „Platz der Unabhängigkeit“ erstaunt tatsächlich und wirft die Frage auf, wie das alles finanziert wird. Die Kreml-nahe Netzseite strana.ru hat die Antwort parat. Oppositionsführer Juschtschenko wird nicht nur von führenden Unternehmen der ukrainischen Genußmittelbranche unterstützt, sondern bekomme auch offiziell Geld aus Washington, angeblich 13 Millionen Dollar. Noch einmal „etwa acht Millionen Dollar“ habe der US-Mäzen George Soros der ukrainischen Opposition versprochen. Sollten diese Zahlen stimmen, bräuchten sich die russischen Unternehmer nicht zu schämen. Nach einem Bericht der Kreml-kritischen Moskauer Zeitung „Novaja Gaseta“ ließen private und staatliche russische Unternehmen sogar 200 Millionen Dollar für Juschtschenkos Gegenspieler, Viktor Janukowitsch springen. Außerdem schickte Moskau Gleb Pawlowski, einen seiner fähigsten „Polittechnologen“ nach Kiew. Dieser hatte Wladimir Putins ersten Wahlkampf im Frühjahr 2000 organisiert. Die Schuld für die Erfolge der ukrainischen Opposition schiebt Pawlowski bei seinen Auftritten im russischen Fernsehen jetzt der ukrainischen Führung zu. Diese sei zum Teil einfach „unfähig“.

Eine weiß-rote Attacke auf „slawisches Stammland“ droht nach Meinung der Moskauer Medien nicht nur vom Westen, sondern auch vom Süden. Immer wieder zeigten die russischen Fernsehkanäle die georgischen Fahnen, die auf den Kundgebungen in Kiew getragen wurden. NTW berichtete auch über die Grußworte, die der georgische Präsident in ukrainischer Sprache – der Schewardnadse-Nachfolger hat in Kiew studiert – an das Volk am Dnjepr richtete. Derartige Nachrichten verstärken die Einkreisungsängste Moskaus. Sie knüpfen an das große russische Trauma an: den Zerfall der Sowjetunion. Ihn haben die Menschen in dem immer noch größten Land der Erde bis heute nicht verdaut.

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