Mutige Südpolexpedition und die Grenzen des WillensBUCHNEUERSCHEINUNG

Mutige Südpolexpedition und die Grenzen des Willens

In Büchern und Filmen wird der eherne Wille des Menschen oft gerühmt. Abenteurer brauchen ihn. Helden wird er attestiert. Forscher und Erfinder werden wegen ihres unbeugsamen Willens bewundert. Ist dieser freie Wille aber wirklich so frei und unbeugsam und eisern, auch wenn sich alles gegen einen verschworen hat?

Von Hans Wagner

Arved Fuchs, der mit Reinhold Messner zu Fuß die Antarktis durchquert hat, singt das Hohelied des Willens und spricht von ihm als vom „Brennstoff“ des Körpers. Der Körper seinerseits sei „das Vehikel“, das vom Brennstoff Willen vorangetrieben werde. Und dieser Brennstoff werde im Kopf erzeugt.

Doch da irrt der Abenteurer Fuchs. Der Brennstoff unseres Körpers ist die in den Mitochondrien-Kraftwerken der Zellen erzeugte Lebensenergie. Sie heißt auch nicht der Wille, sondern  mit abgekürzter Bezeichnung ATP. Es ist das Adenosintriphosphat, das von der Wissenschaft als die „universelle Energiewährung der Zelle“ und damit des Lebens bezeichnet wird. Es kommt nicht aus dem Kopf, sondern wird in den Billiarden von Mitochondrien erzeugt, mit denen unser Körperkonglomerat dezentral angetrieben wird.  

Hier ein Auszug aus der Neuerscheinung meines Buches, das gerade im Eurasischen Verlag erschienen ist: „Neben Ich. Wieviele sind wir wirklich? Das Buch das weiter fragt“.

Ist der „freie Wille“ eine Fiktion?

„Im Winter 2011 auf 2012 jährte sich die Eroberung des Südpols zum hundertsten Mal. Diese Expedition ist ein knallharter Beleg dafür, dass das biochemische Gesetz der mitochondrialen Energieversorgung uneingeschränkt auch für uns Menschen gilt. Es gilt auch für unseren vielgerühmten „freien Willen“. Wir sind nichts Besonderes.

1911/12 starteten der Norweger Roald Amundsen und sein englischer Konkurrent Robert Falcon Scott ihren Wettlauf zum bis dahin von Menschen unerreichten Südpol. Das Vorhaben war mörderisch. Es bedeutete einen Fußmarsch von rund 3.000 Kilometern durch den „erfrorenen Kontinent“: Unter den Männern der Tausende Meter dicke Eispanzer, vor ihnen massive Schneeverwehungen, Sturm, extremer Frost, hohe Gletscher und tiefe Spalten.

Um überhaupt eine Chance zu haben, legten sowohl Norweger als auch Engländer im kurzen antarktischen Sommer entlang ihrer geplanten Routen bis ein paar hundert Kilometer vor dem Ziel in monatelanger Arbeit Vorratslager an, die sie markierten. Danach pausierten die beiden Mannschaften in ihren Basislagern, um den antarktischen Winter auszusitzen, der Minustemperaturen von 60 Grad Celsius erreicht. Sie warteten in relativer Sicherheit in ihren weit auseinanderliegenden Camps an der Küste des antarktischen Kontinents.

Erst im antarktischen Frühling, der im September beginnt, brachen sie auf und kämpften sich entlang der vorbereiteten Route zum geographischen Südpol durch. Die vor ihnen liegende kurze Sommerzeit ließ die Temperaturen immerhin auf etwa minus 30 Grad steigen. Die Schneestürme allerdings hielten auch in diesen „warmen“ Monaten nahezu unvermindert an.

Am 14. Dezember 1911 erreichte Roald Amundsen mit Mannschaft und Schlittenhunden als erster Mensch den Südpol. Er und seine Truppe hatten es nach einem entbehrungsreichen Gewaltmarsch geschafft: 1.500 Kilometer durch die Eiswüste in 56 Tagen. Sie hatten orkanartigen Schneestürmen und eisigen Temperaturen getrotzt und eine bis heute nicht wieder erreichte übermenschliche Leistung vollbracht.

Erst 35 Tage später kamen der englische Konkurrent Robert Falcon Scott und seine Männer auf ihrer Route an den Pol, wo längst die norwegische Flagge wehte. Es war jahreszeitlich schon viel zu spät, weil sie nun beim Rückmarsch in den antarktischen Winter hineinliefen.

Das norwegische Team hatte sich mit Schlittenhunden durch die Antarktis gekämpft. Die Engländer wollten vor allem mit Motorschlitten und Kleinpferden aus der Mandschurei den Pol erreichen. Beide erwiesen sich jedoch für die extremen Bedingungen als untauglich. Die wenigen Hunde, die Scott mit sich führte, reichten nicht. So mussten seine Leute die Transportschlitten mit Zelt und Ausrüstung schließlich selbst ziehen.

Die Norweger schafften auch den Rückweg ohne Verluste. Sie fuhren mit ihrem Schiff als gefeierte Sieger nach Hause. Für Scott und seine Truppe gab es dagegen kein glückliches Ende. Er und die britischen Expeditionsteilnehmer starben auf dem Rückweg allesamt im ewigen Eis.

Reinhold Messner, Extrembergsteiger aus Südtirol, kommentierte in der ZDF-Dokumentation „Der Wettlauf zum Südpol“ das Geschehen. (ZDF 2011). Alle folgenden Zitate von Messner, Fuchs und Scott stammen aus dieser Dokumentation.

Für Messner gab den Ausschlag, dass die Norweger viel besser vorbereitet und ausgerüstet waren. Sie konnten sich dadurch gegen die lebensfeindliche Natur der Antarktis behaupten.

Die Mannschaften hatten zum Beispiel unterschiedlich viel Sorgfalt auf Anlage und Kennzeichnung der Vorratsdepots verwendet. Es war aber lebenswichtig, sie immer rechtzeitig zu erreichen, ansonsten würden Hunger und Entkräftung das Unternehmen zum Scheitern verurteilen. Das wussten sowohl Norweger als auch Engländer. Der Tagesbedarf von rund 5.000 Kalorien musste zur Verfügung stehen, ansonsten würde das Körperkonglomerat der Männer im Eis zusammenbrechen.

Amundsen und seine Norweger hatten die Versorgung optimal gelöst. Ihre Depots waren auch sehr gut markiert. Die Engländer dagegen mussten mehrmals tagelang danach suchen, was zusätzliche Energie und Zeit kostete.

An den Vorratslagern entschied sich dann auch das Schicksal der Briten. Scott und seine Leute, sofern sie noch lebten, kamen am letzten Depot gar nicht mehr an. Sie blieben 18 Kilometer davon entfernt in einem schweren winterlichen Schneesturm liegen. Die Strecke bedeutete unter den herrschenden Bedingungen mehr als zwei Tagesmärsche. Von Skorbut befallen, mit extremen Erfrierungen, ohne Brennspiritus und ohne Nahrung starben sie an Entkräftung und Kälte in der Eiswüste. Scotts letzter Tagebucheintrag datiert vom 29. März 1912. Das war vermutlich auch sein Todestag.

Nach Einschätzung Messners mussten die Engländer an den schon in der Planungsphase und beim Aufbruch gemachten Fehlern scheitern. Sein Urteil: „Ihre Chance war gleich Null.“

Der Abenteurer Arved Fuchs, der vor einigen Jahren zusammen mit Reinhold Messner den gesamten antarktischen Kontinent zu Fuß durchquert hatte, stellte das Geschehen aus seiner Sicht dar. Er vertrat in einem Kommentar zur ZDF-Sendung eine sehr idealistische (und auch nicht korrekte) Deutung des Willens.

Der Wille kann zwar wollen – aber der Wille kann nicht können!

In dem Dokumentarfilm sagt Fuchs: „Der Körper ist das Vehikel. Das Vehikel wird vorangetrieben mit einem Brennstoff und der heißt der Wille. Und der Wille entsteht eben im Kopf, das ist mentale Stärke. Wenn dieser Wille und damit der Brennstoff für den Organismus nicht da ist, dann kann ich noch so fit sein, dann werde ich mich keine hundert Meter mehr weiterbewegen.“

Hier irrt der erfahrene Abenteurer. Denn natürlich wollte Scott zu Frau und Kind nach Hause. Er wollte es bis zu seinem allerletzten Atemzug. Noch wenige Augenblicke vor seinem Tod schrieb er davon in sein Tagebuch.

Aber „wo nichts ist, da hat der Kaiser sein Recht verloren“, sagt ein deutsches Sprichwort.

Der Wille kann zwar wollen – aber der Wille kann nicht können! Er ist gerade kein „Brennstoff“. Der Brennstoff für das Können lag mindestens zwei Tagesmärsche von den entkräfteten Briten entfernt in einem eingeschneiten Depot. Und wo der Brennstoff nicht verfügbar ist, büßt auch der Wille seinen viel bewunderten eisernen Glanz ein. Er erlischt ohne weitere Gegenwehr. Er muss erlöschen, wenn der Brennstoff nicht mehr zur Verfügung steht, der ihn aufrechterhalten könnte.

Biochemisch betrachtet waren die unerreichbaren Vorräte an Fett, Zucker und Eiweiß ein riesiges Elektronenlager. Aus ihnen hätten die Mitochondrien in den Körperkonglomeraten der Männer um Scott reichlich Energie produzieren können. Die Universalwährung des Lebens: ATP.

Diese Energie wäre der Brennstoff gewesen, der die „Vehikel“ der ausgemergelten Körper vielleicht noch befähigt hätte, das rettende Basislager an der Küste zu erreichen. Der Wille dazu war schier übermenschlich – aber er war am Ende machtlos. Als die Lebensenergie zu Ende ging, konnte den Briten kein Wille mehr helfen.

Die Körperdepots der Männer waren erschöpft. Ihre Nahrungsmittelvorräte konnten sie nicht mehr erreichen. Die Mitochondrien waren wegen der deshalb fehlenden Elektronen nicht mehr in der Lage, ATP zu produzieren. Damit gingen die Energieöfen in den Konglomeraten unweigerlich aus. Die Milliarden Zellkraftwerke konnten einfach nichts mehr erzeugen. Es ging nicht mehr. Das war das Ende.

Reinhold Messner hat dies so beschrieben: „Die Engländer waren völlig abgemagert und unendlich kälteempfindlich. Sie hatten keine Energie mehr, weil sie alles verbrannt hatten, was sie an Muskelmasse je besaßen.“ – Und das war’s dann. Als die Energie zu Ende war, vermochte auch der stärkste Wille nichts mehr zu mobilisieren. Er war ohne die Lebensenergie der Zellkraftwerke am Ende nur mehr ein Wort.

Hilfreich wäre der Wille vorher gewesen – der Wille, mehr Vorräte zu deponieren und sie besser zu markieren. So aber musste Scott laut Tagebucheintrag eingestehen, dass am Ende nicht genug zu essen da war, um wieder nach Hause zu kommen: „Wir haben die Nahrung verringert, die Schlafzeit verkürzt, fühlen uns kraftlos.“

Da Menschen nicht über den Gefrierschutz AFGP-5 verfügen wie arktische Fische, bilden sich in ihrem Blut bei derart extremen Temperaturen, wenn sie sich nicht mehr durch Energiezufuhr wärmen können, Eiskristalle die allen Zellen irreparable Schäden zufügen und sie am Ende zerstören.

Schon wenn die Temperatur im Konglomerat, die normalerweise um 36°C beträgt auf unter 33°C absinkt, versagt das Gehirn, das heißt, es treten Halluzinationen auf. Wenn die Temperatur unter 28°C fällt, folgen schwere Herzrhythmusstörungen, es kommt zu Kammerflimmern und das bedeutet letztendlich den Tod des gesamten Systems.“

*

Dieser Text ist ein Auszug aus dem neuen Buch: „Neben Ich. Wieviele sind wir wirklich?“ von Hans Georg Wagner, Eurasischer Verlag, Altomünster 2012, 404 Seiten, 19,90 Euro, ISBN-13: 978-3-935-16204-3. (Im Buchhandel oder unter www.starkesleben.de). – Siehe dazu auch die nebenstehende Rezension.

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