„Mythen Europas – Schlüsselfiguren der Imagination“ hrsg. von Michael Neumann und Andreas HartmannGELESEN

„Mythen Europas – Schlüsselfiguren der Imagination“ hrsg. von Michael Neumann und Andreas Hartmann

Was hat uns geprägt – uns Europäer und unsere Sicht der Welt? Dieser Frage widmet sich eine Buchreihe mit dem Titel „Mythen Europas“. Sie beginnt mit dem Band zur Antike und wird mit weiteren sechs Bänden zu den folgenden Epochen bis zur Neuzeit fortgesetzt. Es geht darum, welche „Schlüsselfiguren“ der einzelnen Epochen, welche Sehnsüchte, Ängste und Hoffnungen verkörpern und was an den uralten Mythen, die sich um sie ranken, bis heute fasziniert.

Von Hans Wagner

Rezension zu „Mythen Europas – Schlüsselfiguren der Imagination“ hrsg. von Michael Neumann und Andreas Hartmann  
„Mythen Europas – Schlüsselfiguren der Imagination“ hrsg. von Michael Neumann und Andreas Hartmann  

Europa besteht nicht nur aus den Königen und Feldherrn, den Reichsgründungen und Eroberungszügen, den Siegen und Niederlagen, von denen die alte Geschichtsschreibung erzählt.“ Mit diesen Worten leitet Herausgeber Michael Neumann den Band „Mythen Europas“ ein. Europa sei auch „der geistige, imaginative und emotionale Raum“ seiner gemeinsamen Geschichte.

Da die Europäer – wie Menschen andernorts auch - über ungleich mehr Erfahrungen verfügten, als jedes einzelne Individuum jemals machen könnte, hätte sich im Laufe von Jahrhunderten und Jahrtausenden ein gemeinsamer europäischer Schatz angehäuft, der immer weitergereicht, aber auch verändert worden sei, „zur eigenen Weltkenntnis der Nachgeborenen.“

Und so sei in Europas langer Geschichte das Selbstverständnis von den eigenen Werten geprägt und immer wieder verändert worden: „Manches, was einem heutigen Bürger Westeuropas die Zornesröte ins Gesicht treibt, hätte einem deutschen Bauern des 13. Jahrhunderts den Gleichmut ebensowenig gestört, wie einem chinesischen Handwerker der Gegenwart.“ Andererseits sei einem Nordamerikaner manches kaum ein Achselzucken wert, was einen Japaner mit tödlicher Scham erfülle, schreibt Neumann.

Mehr als bloße Erfahrung – Weltsicht und Wertvorstellungen durch Schlüsselfiguren

Für diese unterschiedliche Ausprägung der Phantasie und der Emotion von Menschen in verschiedenen Regionen sei aber nicht nur die bloße Erfahrung verantwortlich. Sondern Weltsicht und Wertvorstellungen seien von Schlüsselfiguren geprägt worden – von Vorbildern, die noch heute nachwirken. Ihre Bedeutung verdankten diese weniger dem Einfluß, den sie in der politischen oder sozialen Geschichte erzielten, sondern ihrer „Ausstrahlung im Raum des Imaginären.“ Oder wie der Dichter Reinhold Schneider erkannt habe: „Die Schatten und großen Bilder in der Geschichte“, wirkten oft weit mächtiger, „als die Menschen aus Fleisch und Blut“.

Damit ist das Thema dieser von Michael Neumann herausgegebenen Sammlung von Vorträgen formuliert. Es geht weniger um die Biographien der Personen, die als „Schlüsselfiguren der Imagination“ angesehen werden, als vielmehr um ihre emotionale Wirkung, die sie damals und heute auf Menschen ausübten. Die Beschäftigung mit ihnen soll erklären: „Welche Hoffnungen, Wünsche, Ängste und Konflikte haben Menschen in eine bestimmte Figur projiziert und an ihrer Geschichte durchgearbeitet? Warum gewinnt gerade diese Figur zu dieser Zeit solch dringliche Aktualität? Welche Strategien der Idealisierung, Identifikation, Projektion, Kompensation, Abwehr provozierte, befriedigte oder kanalisierte sie in den Menschen?“

Nach so vielen Fragen ist es an der Zeit, die Schlüsselfiguren, um die es geht, beim Namen zu nennen. Nach Ansicht der Autoren sind dies für die mythologische Prägung Europas in der Antike: König Gilgamesch von Uruk, der antike Autor Homer, Alexander der Große, die Geschichte vom Raub der Sabinerinnen, Caesar, Kleopatra, Kaiser Nero, Constantin der Große, der Mönch Antonius und der Kirchenvater Augustinus.

Schlüsselfiguren der alten Welt

Bis nach Mesopotamien und Ägypten spannt das Buch damit den mythischen Bogen des gemeinsamen Europas – weit über die heutige Türkei hinaus in den Orient hinein und nach Nordafrika. Den Auftakt bildet Gilgamesch, der König von Uruk. Dieser sagenumwobene Herrscher, der berühmteste König der sumerischen Frühzeit, wird als Tyrann geschildert und als eine Gestalt beschrieben, die halb Gott, halb Mensch gewesen sein soll. Mit ihm als Schlüsselfigur befaßt sich der Heidelberger Assyriologe Prof. Dr. Stefan M. Maul.

Das Gilgamesch-Epos, das älteste noch bekannte Werk der Weltliteratur, reicht bis in biblische Zeiten zurück. Es besingt die Abenteuer und Heldentaten des sagenhaften Königs Gilgamesch, der in der Stadt Uruk im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris gelebt hat. Seit 130 Jahren arbeitet die Wissenschaft nun schon an der Entzifferung des in Keilschrift vorliegenden Gesamtwerks. Sie ist mittlerweile zu knapp zwei Dritteln vollendet.

Die uralten Tontafeln, in die das Epos geritzt ist, liefern einen Beweis davon, wie sehr die Geschichten um Gilgamesch bereits in der Antike verbreitet waren. Die ältesten sumerischen Erzählungen um König Gilgamesch sind in Texten erhalten, die Schüler zu Beginn des 2. Jahrtausends v. Chr. schrieben. Zu dieser Zeit war das Sumerische als gesprochene Sprache weitgehend ausgestorben. Die Wissenschaft geht deshalb davon aus, daß man sie sich zur Zeit der Niederschrift wohl schon jahrhundertelang erzählt hatte.

Die Geschichten um Gilgamesch handeln von den Fragen um Leben und Tod. Aber auch davon, wie sich ein durch Erfahrung klug gewordener Fürst zu verhalten hat. Solche Gedanken und Erfahrungen erfreuten sich also Mitte des 2. vorchristlichen Jahrtausends bereits größter Beliebtheit. Und das habe sich bis heute nicht wesentlich geändert, wie zahlreiche Romane oder Theaterstücke des 20. Jahrhunderts zu dieser Thematik bewiesen, erklärt Stefan M. Maul.

Noch immer fasziniert die Gestalt des Gilgamesch. Seine Gedanken, seine Fragen, die er 3000 Jahre vor unserer Zeitrechung aufgeworfen hat, haben seither auf die europäische Geisteswelt eingewirkt. Dadurch wurde Gilgamesch zu einer Schlüsselfigur für europäisches Selbstverständnis und europäische Wertvorstellungen.

Aber er ist auch eine tragische Figur. Das hat er mit fast allen „Schlüsselfiguren“ gemein, die von den Autoren dieses Bandes vorgestellt werden. Gilgamesch will als Halbgott den eigenen Tod überwinden. Aber er scheitert und überliefert so in seinem königlichen Schicksal die urmenschliche Erfahrung der unentrinnbaren Sterblichkeit. Am Ende muß er sich der Pflicht des Königs beugen. Er erfährt, daß seine Sorge nicht dem eigenen Ich zu gelten hat, sondern der gerechten Ordnung für seine Untertanen und dem Dienst für die Götter. Auch diese Erfahrung der Selbstbescheidung ist ein Schatz, der die Menschen Europas und darüber hinaus in den Jahrtausenden seit Gilgamesch immer wieder beschäftigt.

Außerdem ist Gilgamesch auch ein dankbares Forschungsobjekt für die Archäologie. Der Herrscher soll seinem Volk die ersten Befestigungsbauten errichtet, schiffbare Kanäle angelegt, Villen und feudale Tempel errichtet haben. Auch für Archäologen ist deshalb seine geheimnisvolle Stadt Uruk, die erste Großstadt der Menschheitsgeschichte, von großer Faszination. Sie gehört heute zum Irak und heißt in modernem Arabisch Warka.

Geophysiker des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege haben sie in jüngerer Zeit genau unter die Lupe genommen. Mit sogenannten Cäsium-Magnetomaten untersuchten sie den Untergrund. Dabei fanden sie die alten Anlagen so vor, wie die weitgehend anonymen Dichter des Gilgamesch-Epos sie vor Jahrtausenden beschrieben hatten. Wieder einmal bestätigte sich, daß die Epenschreiber der frühen eurasischen Geschichte keine Phantasieerzählungen verfaßt haben. Sie überlieferten im Gegenteil detailgetreue Schilderungen der frühen Kultur, die auf präzisen Beobachtungen beruhten. (Siehe dazu: Das Gilgamesch-Epos hat doch Recht in EM 01-02)

Der Inbegriff menschlicher Größe

Gajus Julius Caesar wird als Schlüsselfigur für europäisches Empfinden von Größe und Tragik vorgestellt. Der erfolgreiche Feldherr, der gegen den Willen des Senats, gegen das Gesetz und gegen Rom handelte - und den gallischen Grenzfluß Rubikon überschritt. Er strebte nach einer neuen Weltordnung, entfesselte einen Bürgerkrieg, und stand schließlich als unumschränkter Herrscher da. Für ein Jahr. Dann hauchte er sein Leben aus, erdolcht von Verschwörern. Caesar wurde durch seine Taten, die er in einem kurzen Leben vollbrachte, zum „Inbegriff menschlicher Größe“, wie Goethe es formulierte. Aber der gleiche Caesar symbolisiert wie kein anderer, die dämonenhafte Seite des Titanen, die unergründlich tiefen Wurzeln aus dem Bösen, die nach Nietzsche auch zu jedem Menschen höheren Strebens gehören. Daraus erwächst bis heute die „wahrhaft mythische Geltung dieser historischen Persönlichkeit“, wie der Philologe Prof. Dr. Hans Jürgen Tschiedel von der Universität Eichstätt feststellt.

Das Geheimnis weiblicher Faszination

Manfred Clauss, Professor für alte Geschichte an der Universität Frankfurt am Main hat seinen Beitrag „Kleopatra – Genese einer Schönheit“ genannt. Der Begriff einer Schlüsselfigur der Imagination passe auf kaum eine der in dem Buch behandelten Personen besser als auf Kleopatra, resümiert er. „Jede Geschichte der Kleopatra besteht zu einem Zehntel aus Fakten und zu neun Zehnteln aus einer Mischung aus Mythen, Symbolen und zeitbedingten Wünschen.“

Zu den Mythen gehöre ihre Schönheit. War Kleopatra schön? Hatte sie eine schöne Nase? War sie eine Femme fatale? – Kleopatra bleibt wohl ewig rätselhaft und damit auch, was es denn nun wirklich ist, was an großen Frauen, was an weiblicher Erscheinung so sehr fasziniert. Was es ist, das Goethe meinte, wenn er seinen Chorus Mystikus im letzten Satz des zweiten Teils von „Faust“ erklingen läßt mit den ehern geschmiedeten Sätzen: „Das Unbeschreibliche, hier ist es getan; das ewig Weibliche zieht uns hinan“.

„Mythen Europas“ ist ein nicht immer leicht zu lesendes Buch, aber eines, das man am Ende mit großem Gewinn aus der Hand legt. Der Blick hinter die biographischen Daten in die über Jahrhunderte gewachsene mythische Bedeutung der „Schlüsselfiguren“ ist von großer Faszination.

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Rezension zu „Mythen Europas – Schlüsselfiguren der Imagination“ hrsg. von Dr. Michael Neumann, Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, Dr. Andreas Hartmann, M. A., Mitarbeiter am Lehrstuhl für Alte Geschichte an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Friedrich Pustet Verlag, Regensburg 2004, 230 Seiten, ISBN 3-791-71872-X.

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