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Nachrichten aus einem befreiten Land

Vor einem Jahr wurde das Regime der Taliban militärisch besiegt und gestürzt – Amerikaner, Briten und „Nordallianz“ sahen sich als Befreier – eine Zwischenbilanz

Von Eberhart Wagenknecht
24.01.2003 Drucken Senden Kommentieren

EM – Ab Sonntagabend, dem 7. Oktober 2001 um 18.15 Uhr MEZ, befanden sich die USA und Großbritannien im Krieg gegen Afghanistan. Ein halbes Jahr später meldeten sie und die mit ihnen verbündete „Nordallianz“ den Sieg. Kabul wurde eingenommen, Osama bin Laden war auf der Flucht, die Europäer übernahmen die Friedenssicherung in der Hauptstadt und seiner Umgebung. Jetzt sollten die Waffen schweigen und der Wiederaufbau des Landes beginnen. Afghanistan, für das sich vor dem 11. September 2001 kaum jemand interessierte, würde nun nach 22 Kriegsjahren erstmals eine Friedensperspektive erhalten. So der Stand vom Frühjahr 2002.

Doch der Frieden steht nur auf dem Papier. Weiterhin sterben tagtäglich Menschen in Afghanistan. Reste der Taliban, bewaffnete Trupps von sogenannten Warlords der verschiedenen ethnischen Gruppen, US-Soldaten und Engländer liefern sich noch immer Kämpfe. Die Zahl der Anschläge und Morde im Land, der militärischen Übergriffe und der Bombardierungen kann kaum jemand zählen. Die wichtigsten derer, die bekannt wurden, hat das EURASISCHE MAGAZIN hier in einer ersten Zwischenbilanz nach einem Jahr „Frieden“ zusammengestellt.

Die Bilanz des Pentagon

Anfang März 2002 wurde ein Fernschreiben der deutschen Botschaft in Washington bekannt, das erstmals die militärische Bilanz des Afghanistankrieges aufzeigt. Das Pentagon in Washington hatte den deutschen Diplomaten folgende Zahlen mitgeteilt: Während des halbjährigen Krieges habe es 21 500 Einsätze der US-Streitkräfte gegeben. 17 400 Waffen - sprich Bomben - seien abgeworfen worden. Darunter auch 750 sogenannte Clusterbomben. Das sind Streubomben zum Einsatz gegen "soft targets", wie Menschen in der amerikanischen Militärsprache genannt werden. Jede Streubombe enthält 200 kleine, gelbe Splitterbomben. Viele explodieren nicht beim Abwurf und gefährden dadurch ähnlich wie Minen auf Jahre hinaus die Zivilbevölkerung in Afghanistan. Auch deshalb sind Streubomben von der UNO als besonders grausam geächtet. - Über die Zahl der Opfer des Krieges stand in der Pentagon-Bilanz nichts

Das erste Komplott gegen die Übergangsregierung

Chef der afghanischen „Übergangsregierung“ wurde Hamid Karsai, ein Paschtunenfürst aus dem Süden Afghanistans. Er hatte in den 80er Jahren in den USA gelebt und dort eine Restaurantkette aufgebaut. Nach Angaben seiner Behörde wurde bereits Anfang April, vier Monate nach der Amtsübernahme Karsais, in Kabul ein Komplott gegen dessen Interimsregierung nur knapp verhindert. Die Verschwörer, zumeist Mitglieder der fundamentalistischen Moslem-Organisation Hesb-e-Islami, hätten Bombenanschläge vorbereitet. Es seien 350 von ihnen verhaftet worden.

Wenige Tage später starben bei einem Bombenanschlag in Dschalalabad fünf Menschen; 53 wurden verletzt, darunter zahlreiche Schulkinder. Das Attentat soll dem afghanischen Verteidigungsminister gegolten haben, der aber unverletzt blieb.

Eine neue Offensive der USA zwei Monate nach der Befreiung

Am 1. Mai 2002 starteten britisch-amerikanische Truppen eine neue Offensive in Ostafghanistan. Nach einer Meldung der afghanischen Nachrichtenagentur AIP hatten US-Hubschrauber Soldaten im Meesai-Gebirge in der Provinz Paktia abgesetzt.

Die Operation richtete sich gegen die noch immer aktive Al Qaida und lief unter dem Namen „Snipe“. Zwei Wochen später wurde Bilanz gezogen. Ein riesiges Waffenarsenal sei zerstört worden. Dabei habe es keinerlei Feindberührung gegeben. Nach Ansicht von Militärbeobachtern sei die großangelegte Militäroffensive offenbar ins Leere gestoßen.

Wenige Tage später kam es dann im Südosten Afghanistans zu schweren Gefechten zwischen US-Einheiten, britischen und australischen Truppen, die sich einer erheblichen Zahl von Taliban- und Al Qaida-Kämpfern gegenüber sahen. Auf der "Seite des Feindes" gab es nach Angaben des britischen Brigadegenerals Roger Lane mehrere Tote. Am Pfingstwochenende 2002 wurde dann auch der Tod eines US-Soldaten gemeldet.

Bei Kämpfen rivalisierender Kriegsherren im Norden Afghanistans sind Anfang Mai ebenfalls mindestens sechs Menschen getötet worden, meldeten mehrere Nachrichtenagenturen. Die in Pakistan ansässige afghanische Nachrichtenagentur AIP berichtete zur gleichen Zeit, daß US-Hubschrauber eine Hochzeitsfeier im Osten des Landes bombardiert hätten. Es habe dabei viele Tote und Verletzte gegeben. Von US-Seite gab es keine Stellungnahme dazu.

Ende Mai teilte die Internationale Organisation für Migration (IOM) in Genf mit, seit März seien mehr als 815 000 Menschen nach Afghanistan zurückgekehrt, die während des Krieges geflohen waren, 730 000 davon kamen allein aus Pakistan. Auch aus dem Iran würden im Laufe des Jahres noch etwa 480.000 Flüchtlinge zurückerwartet.

Der Krieg in Afghanistan geht weiter

Der Krieg in Afghanistan ging auch in den Sommermonaten immer weiter. Er wurde allerdings fast unter Ausschluß der Öffentlichkeit geführt. Die Medien berichteten nur über wenige größere Ereignisse. So am 01./02. Juni 2002. US-Soldaten hätten an diesem Wochenende "irrtümlich" drei verbündete Afghanen getötet und zwei weitere verletzt. Das Ganze sei in der Nähe der ostafghanischen Stadt Gardes passiert Dort hätten 100 US-Elitesoldaten Stellung um einen Gebäudekomplex bezogen, in dem sich laut Geheimdienstberichten führende Taliban- und Al-Qaida-Kämpfer aufhalten sollten. Als einer der verbündeten Afghanen mit einer Panzerabwehrrakete hantiert habe, sei vom US-Kommandanten der Befehl zum Feuern gekommen.

Ungeachtet der fortdauernden Kämpfe eröffnete Ismail Kassim Jar am 11. Juni 2002 die sogenannte Loya Jirga, eine Versammlung von 1 550 Delegierten, die den Interimspräsidenten Karsai durch ihre Wahl bestätigen sollten. Sie fand in einem großen weißen Zelt am Rande Kabuls statt, streng bewacht von Einheiten der internationalen Friedenstruppe ISAF. Am 13. Juni wurde das Wahlergebnis bekanntgegeben. Karsai, der Mann der USA, habe 1 295 der 1 500 Stimmen erhalten.

Enthüllung eines US-Massakers durch den irischen Journalisten Jamie Doran

Während die Loya Jirga tagte, erhob der irische Fernseh-Journalist Jamie Doran bei einer Pressekonferenz in Berlin schwere Vorwürfe gegen die USA. Truppenkommandeure hätten ein Massaker zugelassen, bei dem im November 2001 rund 3 000 gefangene Taliban-Kämpfer ums Leben gekommen seien. Zwei Tage später, am 14. Juni, wies das Pentagon die Beschuldigungen zurück. "Wir haben die Behauptungen geprüft und nichts gefunden, was eine offizielle Untersuchung gerechtfertigt hätte", sagte ein Sprecher, wie die Frankfurter Rundschau berichtete.

Doran hatte Filmaufnahmen von einem Massengrab in Afghanistan präsentiert. Die Vorgänge, die unter dem Titel "Massaker in Mazar" gezeigt wurden, hätten am 25. November 2001 in der bis zuletzt schwer umkämpften nordafghanischen Stadt Kundus begonnen. Nachdem sich dort etwa 8 000 der mehrere Tage lang eingeschlossenen Kämpfer verschiedener Nationalität ergeben hätten, seien über 400 von ihnen als besonders Verdächtige in die Festung Qaala-i Janghi am Rande der nordafghanischen Metropole Mazar-i-Sharif gebracht worden. Die anderen sollen in das Gefängnis von Sheberghan verfrachtet worden sein. Um das Schicksal dieser Gefangenen geht es in dem Film. Sechs Zeugen, drei Soldaten, zwei Fahrer und ein Mann, der die Gefangenentransporte gesehen haben will, sagen in dem Film aus. Sie bezeugen ein grauenhaftes Verbrechen des US-Militärs und sind nach Auskunft von Jamie Doran auch bereit, ihre Beobachtungen vor einem internationalen Gericht zu bezeugen.

Ein paar Beispiele aus der Filmdokumentation, über die von der Frankfurter Rundschau und der Berliner Zeitung berichtet wurde:

Man habe jeweils bis zu 300 Gefangene in Frachtcontainern zunächst in das Gefängnis Sheberghan transportiert und von dort ebenfalls in Containern an den nahe gelegenen Ort Dasht-i-Laili in der Wüste gebracht. Schon auf dem Weg seien viele der Gefangenen erstickt oder erschossen worden. Ein Soldat der Nordallianz sagt im Film, er habe auf Befehl seines Kommandeurs in die vollen Container „Luftlöcher“ geschossen, als die Gefangenen um Atem rangen. Dabei seien viele Menschen im Inneren getötet worden.

Von den über 7 500 Häftlingen, die in die Festung Kala-i-Zein nach Sheberghan transportiert wurden, kam nur die Hälfte lebend an. Die Aussage eines der Zeugen im Film lautet: „Ich habe gesehen, wie ein amerikanischer Soldat einem Gefangenen das Genick gebrochen und einen anderen mit Säure übergossen hat“. Ein anderer Augenzeuge beschreibt, wie Inhaftierten Finger und Zunge abgeschnitten wurden. Folter an den überlebenden Gefangenen schien keine Seltenheit gewesen zu sein.

Zwei Zeugen, die sich als LKW-Fahrer zu erkennen gaben, erzählten, daß sie Gefangene zu einem Massengrab transportiert hätten. Dort seien diese dann erschossen worden - unter den Augen von 30 bis 40 US-Amerikanern. Nach Angaben von Doran liegt das Massengrab etwa eine halbe Stunde Fahrtzeit von Sheberghan entfernt. Insgesamt, so vermutet Doran, sollen im Laufe von etwa zehn bis vierzehn Tagen über 3 000 Häftlinge in Massengräbern in der Wüste verscharrt worden sein.

Auf wessen Initiative die Massenhinrichtungen und die Beseitigung der Leichen in Dasht-i-Laili erfolgte, ist unklar. Im Film behauptet ein Soldat der Nordallianz, die Gefangenen seien auf Geheiß der Amerikaner in die Wüste gebracht worden. Jamie Doran bestätigte auf Nachfrage, seiner Erfahrung nach hätten die Amerikaner überall, wo sie mit eigenen Einheiten stark präsent waren, faktisch das Kommando ausgeübt. Er vermute das auch für das Gefängnis von Sheberghan. Das Pentagon habe jedoch ihm gegenüber die Anwesenheit amerikanischer Truppen am Ort des Massengrabs bestritten.

Für den britischen Anwalt und Menschenrechtler Andrew McEntee, der den Film mit einem Kommentar begleitet, handelt es sich hier um schwere Kriegsverbrechen, die sowohl gegen das Völkerrecht als auch gegen US-Recht verstoßen. Ehe die Beweise in der Wüste von Dasht-i-Leili beseitigt würden, sollten die Vorgänge möglichst schnell von einer unabhängigen Expertengruppe der Vereinten Nationen oder des Internationalen Roten Kreuzes untersucht werden.

US-Flugzeug abgeschossen – Al Qaida zu 98 Prozent weiter intakt

Beim Absturz eines US-Transportflugzeugs 130 km südlich von Kabul sind am 13. Juni 2002 drei US-Soldaten ums Leben gekommen. Ein Sprecher sagte, der Absturz sei vermutlich auf feindliches Feuer zurückzuführen.

Am 23. Juni strahlte der katarische Fernsehsender Al Dschasira eine Erklärung des Al-Qaida-Sprechers Suleiman Abu Ghaith aus, wonach die Terrororganisation Al Qaida „zu 98 Prozent intakt“ sei. Osama bin Laden und der Taliban-Führer Mullah Omar seien bei bester Gesundheit, hieß es.

Wieder eine Hochzeitsgesellschaft bombardiert

Bei einem US-Luftangriff ist am 1. Juli 2002 eine afghanische Hochzeitsgesellschaft bombardiert worden. Dabei sollen mindestens 40 Personen getötet und 70 verletzt worden sein. Die afghanische Nachrichtenagentur AIP meldete sogar 100 Tote. Die Bombardierung habe gegen 1 Uhr Ortszeit nordöstlich der Stadt Kandahar in der Urusgan-Provinz stattgefunden. Die US-Streitkräfte hätten aus Kampfhubschraubern und Flugzeugen etwa zwei Stunden lang das Haus beschossen, in dem die Hochzeitsfeier stattfand.

Der afghanische Präsident Karsai bestellte am 2. Juli 2002 ranghohe US-Militärs ein. Er forderte die USA in „ungewöhnlich scharfer Form“ auf, zivile Opfer künftig zu vermeiden.

Wenige Tage später wurde der afghanische Vizepräsident und Minister für Infrastruktur Hadschi Abdul Kadir bei einem Attentat ermordet. Die Täter konnten flüchten. Der Paschtune Kadir galt als enger Vertrauter Karsais und war einer der einflußreichsten Männer Afghanistans.

Miethaie in Kabul nutzen die Gunst der Stunde

In diesem Sommer wurde bekannt, daß in der von internationalen Truppen gesicherten Hauptstadt Afghanistans die Mieten explodieren. Nachdem die Bomben und Raketen der amerikanischen Invasionstruppen das Angebot an intakten vier Wänden drastisch verknappt hatten, rissen sich die Interessenten um die aus Schutt und Asche ragenden Restimmobilien. (Siehe EM 03/02, Eurasien-Ticker: „Afghanistan – Miethaie in Kabul“).

Die New York Times berichtete am 20. Juli 2002, daß in Afghanistan durch militärische Fehlschläge der amerikanischen Luftwaffe oder den übertriebenen Einsatz von Bomben Hunderte Zivilisten getötet worden seien. Auch beim Beschuß von militärischen Zielen seien oft Zivilisten ins Visier geraten. Die Zeitung bezog sich dabei auf die sechsmonatige Untersuchung von elf Orten, an denen 400 Zivilisten getötet worden seien. Die Organisation Global Exchange hatte der Zeitung berichtet, sie habe bei ihren Recherchen eine Liste mit 812 getöteten Zivilisten erstellt. Diese Zahl werde sich vermutlich weiter erhöhen, wenn auch die Bewohner abgelegenerer Dörfer erreicht würden.

Karsai ersetzt seine afghanischen Leibwächter durch US-Soldaten

Afghanistans Präsident Hamid Karsai entließ seine afghanischen Leibwächter und ersetzte sie durch US-Soldaten. Er begründete diese Maßnahme damit, daß seine Leute als Sicherheitsbeamte nicht geübt seien. Rund 50 US-Soldaten sollen nun den afghanischen Präsidenten beschützen.

Wenige Tage nach dem Austausch der Leibwächter soll nach afghanischen Regierungsangaben ein Anschlag auf die Regierung in Kabul vereitelt worden sein. Ein Ausländer sei nach einem Verkehrsunfall festgenommen worden; in seinem Auto hätte sich 500 Kilo Sprengstoff und entsprechende Hinweise auf ein Attentat befunden, hieß es.

50 Tote bei Kämpfen zwischen rivalisierenden Gruppen

Bei Kämpfen zwischen rivalisierenden Gruppen sind Anfang August 2002 im Westen Afghanistans mindestens 50 Menschen ums Leben gekommen.

Zwischen Präsident Hamid Karsai und Verteidigungsminister Mohammed Fahim sei ein Machtkampf ausgebrochen, der sich immer weiter zuspitze, berichtete die Washington Post am 5. August 2002. Vertraute Karsais befürchteten eine weitere Schwächung des Präsidenten, dessen Macht kaum über die Stadt Kabul hinausreicht.

Bei den seit Monaten schwersten Kämpfen in der afghanischen Hauptstadt Kabul sind am
7. August 13 Menschen ums Leben gekommen. Bisher unbekannte bewaffnete Männer griffen am Morgen einen Stützpunkt der afghanischen Armee an, erklärte Polizeisprecher Jadschi Raschid. Elf Angreifer, drei Soldaten und eine Zivilperson wurden bei dem dreistündigen Gefecht getötet.

Flüchtlinge werden zur Rückkehr gezwungen

Alarmierendes weiß das UN-Flüchtlingswerk UNHCR am 13. August 2002 zu vermelden: Der große Rückkehrstrom von afghanischen Flüchtlingen aus Iran in den letzten Monaten und Wochen sei zum Teil auf Druck der iranischen Behörden zustande gekommen. Dies klingt anders als die Aussage des US-Staatssekretärs Arthur Dewey. Er sagte bei einem Besuch in Kabul, „die größte Rückführung von Menschen in der Geschichte“ zeige, daß diese an ihre Regierung und die Zukunft des Landes glaubten. UNHCR-Mitarbeiter berichteten, Flüchtlinge seien im Iran z.B. durch Schulverbot für ihre Kinder zur Rückkehr gezwungen worden.

Am Abend des 15. August wurde ein Bombenanschlag auf das afghanische Ministerium für Telekommunikation verübt. Die afghanische Regierung ging von einem „terroristischen Hintergrund“ für das Attentat aus. Das Gebäude wurde beschädigt, verletzt wurde niemand.

Die New York Times berichtete am 3. September, dass mehrere US-Kommandeure in Afghanistan jede weitere Suche nach Osama bin Laden für Zeitverschwendung und für "fruchtlos" hielten. Sie seien der Auffassung, daß bin Laden während der US-Bombenangriffe ums Leben gekommen sei. Beweise dafür gäbe es allerdings nicht.

30 Tote bei Terroranschlag in Kabul

Bei einem schweren Terroranschlag am 5. September 2002 sind in der afghanischen Hauptstadt Kabul mindestens 30 Menschen getötet und weitere 50 verletzt worden. Auf einem belebten Markt in der Nähe des Kultur- und Innenministeriums war in einem Taxi ein Sprengsatz explodiert.

Ebenfalls am 5. September wurde in Kandahar ein Anschlag auf den Präsidenten Hamid Karsai verübt. Sein Fahrzeug wurde von Unbekannten beschossen. Karsai blieb unversehrt, der mit im Wagen sitzende Gouverneur von Kandahar, Gul Agha Schersai wurde verletzt in ein US-Lazarett eingeliefert.

Neue Offensive gegen die Taliban

Im Südosten Afghanistans, in der Provinz Paktia, begannen die mit den USA verbündeten Koalitionstruppen Mitte September 2002 eine neue Offensive gegen Taliban- und Al-Qaida-Kämpfer. Die Operation, an der hunderte Soldaten teilnahmen, hieß „Champion Strike“ (Siegreicher Schlag). Nach Angaben des Armeesprechers Roger King habe es mehrere Festnahmen gegeben.

Verhaftungen von 400 Verdächtigen nach Anschlag auf Geheimdienstchef

Am 20. September 2002 wurde ein Anschlag auf einen Markt in Kandahar verübt, bei dem zwei afghanische Soldaten schwer und weitere vier Personen leicht verletzt wurden.
Im Südwesten des Landes wurden nach einem Anschlag auf den Geheimdienstchef der Provinz Helmand 400 Verdächtige festgenommen. In Ostafghanistan gerieten am gleichen Tag US-Sondereinheiten unter Raketenbeschuß. Verletzt wurde niemand.

Seit dem Sturz des Taliban-Regimes ist die Produktion vom Opium in Afghanistan von rund 185 auf 2 500 Tonnen gestiegen. Viele Bauern hätten keine Alternative zum Mohnanbau, sagte der UN-Sondergesandte Brahimi zum Auftakt der Drogenkonferenz in Kabul am 18. Oktober 2002.

16 US-Soldaten bei Anschlägen in Afghanistan getötet

Nach Angaben der russischen Agentur Interfax sollen am 10. November 2002 bei einer Reihe von Anschlägen in Afghanistan insgesamt 16 US-Soldaten getötet worden sein. So seien etwa in der Provinz Paktia drei amerikanische Jeeps mit ferngesteuerten Sprengsätzen in die Luft gesprengt worden. In der Provinz Khost seien ein Militärlager und ein Wachposten mit Artillerie beschossen worden.

Am 16. November 2002 wurde durch einen Bericht der Washington Post bekannt: Der US-Auslandsgeheimdienst CIA soll insgesamt 70 Millionen Dollar an afghanische Feldkommandeure, sogenannte Warlords gezahlt haben, damit diese im Afghanistankrieg den Angriff der USA gegen die Taliban unterstützen. CIA-Mitarbeiter hätten das Bargeld in 100-Dollar-Scheinen an verschiedene Kriegsherren ausgezahlt.

Das US-Militär setzt wieder B-52-Bomber in Afghanistan ein

Am Wochenende 30. November/1. Dezember 2002 haben schwere Gefechte erneut die prekäre Situation in Afghanistan aufgezeigt. In die Kämpfe zwischen Truppen des tadschikischen Provinzfürsten Ismail Chan und paschtunischen Rivalen gerieten auch amerikanische Soldaten. In der Nähe des westafghanischen Stützpunkts Schindand wurde der Konvoi einer US-Spezialeinheit angegriffen. Die Amerikaner ergriffen die Flucht und forderten Unterstützung aus der Luft an. Die daraufhin eingesetzten B-52-Bomber warfen in der Region sieben Bomben ab, wie der amerikanische Militärsprecher Roger King in Bagram mitteilte. Bei den Kämpfen zwischen Tadschiken und Paschtunen kamen mindestens elf Menschen ums Leben,15 wurden verletzt.

Taliban-Kämpfer beginnen sich neu zu formieren

Zu Beginn des Jahres 2003 haben Reste der 2001 aus Afghanistan vertriebenen Taliban-Kämpfer offenbar damit begonnen, sich im Süden des Landes neu zu formieren. Der afghanische Sicherheitschef in der Grenzstadt Spin Boldak, Obaidullah, erklärte, es habe bereits Scharmützel zwischen afghanischen Streitkräften und mutmaßlichen Taliban-Kämpfern gegeben. Kleine Taliban-Gruppen seien in Kandahar und anderen südlichen Provinzen aktiv. Kandahar war seinerzeit das Machtzentrum der radikal-islamischen Taliban.

Ein Bericht der Vereinten Nationen bestätigt diese afghanischen Angaben. Geheimdienstberichte belegten, daß vor allem im Osten Afghanistans, nahe der pakistanischen Grenze sogar neue Trainigscamps der Taliban errichtet würden. Außerdem käme es in Grenznähe auch immer öfter zu blutigen Zwischenfällen. Schon mehrfach seien Grenzposten in Afghanistan angegriffen worden.

Die USA verstärken nach einem Jahr ihren Einfluß in Afghanistan massiv

Am Ende des ersten Jahres nach der Besetzung Afghanistans durch Truppen Amerikas, Großbritanniens und der Nordallianz entwickeln die USA eine neue Strategie. Das Land ist keineswegs befriedet, wie sich gezeigt hat. Nun wollen die Amerikaner die Angelegenheiten Afghanistans selbst stärker in die Hand nehmen. Washington schleust nach einem Bericht der Financial Times Deutschland immer mehr Leute seines Vertrauens in Schlüsselpositionen des Landes. So stehe offenbar die Ablösung des Innenministers Tadsch Mohammad Wardak bevor. Er solle durch Ali Jalali abgelöst werden, einem US-Afghanen, der den Zugriff Washingtons auf den Bereich der Inneren Sicherheit gewährleisten soll.

Er wäre dann neben Präsident Hamid Karsai und Finanzminister Ashraf Ghani bereits der dritte US-Afghane in der Kabuler Regierung. Da auch Zentralbankchef Hedayat Amin Arsala US-Afghane sei, habe Washington nach Einschätzung der FTD den Finanzbereich in Kabul nahezu komplett unter seiner Kontrolle.

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