Nachrichten aus einem unbekannten LandNORDKOREA

Nachrichten aus einem unbekannten Land

Es ist eines der letzten kommunistischen Länder der Erde – nur spärlich dringen Nachrichten nach außen – das EURASISCHE MAGAZIN interviewte Rainer Zachert, der als Mitarbeiter einer Hilfsorganisation Nordkorea schon mehrfach bereiste

Von Hans Wagner

Rainer Zachert, 37, ist Bäckermeister. Er betreibt acht Verkaufsstellen in Baden-Württemberg. Als Mitarbeiter der Adventist Development and Relief Agency (ADRA), der Entwicklungs- und Katastrophenhilfe der Adventistischen Kirche, hat er in Nordkorea gearbeitet. Auftrag des Deutschen war es, in der Hauptstadt eine Großbäckerei aufzubauen. Im November 2001 und im August 2002 hat Zachert dafür in Pjöngjang gearbeitet. Er bildete dabei auch einheimische Mitarbeiter zu Fachkräften aus. Die Bäckerei ist seit Herbst 2002 in Betrieb und produziert täglich 50 000 Brötchen, die kostenlos an Schul- und Waisenkinder verteilt werden. Rainer Zachert hat eine „Kinderhilfe Nordkorea“ initiiert. Infos unter www.kinderhilfe-Nordkorea.de. Spendenkonto: 875 376, BLZ 666 500 85, Sparkasse Pforzheim. Die Zahlung erfolgt per Bankeinzug.

Eurasisches Magazin: Eine Großbäckerei in Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang für hungernde Waisenkinder – in diesen Zeiten, in denen überall von Krieg die Rede ist, eine faszinierende Idee. Aber gibt es in dem klammen Land eigentlich immer genügend Strom, um die Knetmaschinen und Backöfen der von Ihnen eingerichteten Bäckerei zu betreiben?

Rainer Zachert: Es gibt sehr große Energieprobleme in diesem Land. Stromausfälle sind an der Tagesordnung. Aber auch wenn es Strom gibt, ist er für unsere empfindlichen Maschinen nicht immer geeignet. Die Frequenzschwankungen gehen z.B. von 42-60Hz. Dies hat dazu geführt, daß wir einen sehr leistungsstarken Dieselgenerator mitbringen mußten. Außerdem wurden in die Anlage Geräte eingebaut, die die Stromschwankungen ausgleichen sollen.

EM: Woher kommt das nötige Mehl – in Nordkorea sollen die Ernten häufig durch Hochwasser vernichtet werden?

„Nordkorea kann sich auch bei guten Ernten nur zu 60 Prozent selbst versorgen“

Zachert: Es wird von der UN-Welthungerhilfe zur Verfügung gestellt. Nord Korea kann sich auch bei guten Ernten nur zu 60 Prozent selbst versorgen, ist also auf ständige Einfuhr von Lebensmitteln angewiesen.

EM: Schickt die EU Getreide als Hilfe nach Nordkorea?

Zachert: So weit ich weiß nicht. Obwohl auch die deutsche Welthungerhilfe vor Ort vertreten ist. Die EU hat ebenfalls einen Vertreter in Pjöngjang, der allerdings handlungsunfähig ist, da ihm keine Mittel zur Verfügung stehen. Was wir gesehen haben ist Weizen, Mais und Speiseöl aus den USA, sowie Hefe aus Australien.

EM: Wäre es Ihrer Meinung nach sinnvoll, Getreide aus der EU nach Nordkorea zu liefern?

Zachert: Ja, es wäre sinnvoll und sehr notwendig. Wir haben wegen der schwierigen Versorgungslage im Land einen Verein Kinderhilfe Nordkorea gegründet. Er schickt Lebensmittel für Kleinkinder ins Land. Beim letzten Transport waren es außer Decken, Spielsachen und Kinder-Bekleidung auch 5000 kg Baby–Trockennahrung.

EM: Stimmt es, daß 60 bis 70 Prozent der Kinder unterernährt sind?

Zachert: Ja, aber es ist regional unterschiedlich. In der Hauptstadt ist die Versorgungslage etwas besser, auf dem Land ist sie sogar noch schlimmer. Das wurde uns auch von offizieller Seite, vom Direktor des FDRC im Gebiet der Hafenstadt Nampo, bestätigt. Das FDRC ist ein Ministerium, das in Nordkorea eigentlich für die Beseitigung der Flutschäden zuständig ist. Es hat aber sehr weitreichende Kompetenzen und kann in fast alle staatlichen Belange eingreifen. Auch über die katastrophale Versorgungslage hat es den besten Überblick.

EM: Welchen Einfluß hat die Mangelernährung auf den Gesundheitszustand der Kinder?

„Erwachsene Nordkoreaner sind im Durchschnitt kleiner als Südkoreaner“

Zachert: Die Erwachsenen Nordkoreaner sind im Durchschnitt 15-20 Zentimeter kleiner als die Südkoreaner. Dies ist eine Folge der Mangelernährung in der Kindheit. Bei den Kindern selbst sind Zahnausfall, aufgedunsene Wasserbäuche, geringes Wachstum und der Ausbruch verschiedener Vitaminmangel-Erkrankungen zu beobachten. Sehr auffallend sind auch die offenen Geschwüre, die viele Kinder an ihren kurzgeschorenen Köpfen haben und die nur sehr langsam verheilen. Das ist alles eine Folge der mangelnden Versorgung mit Vitaminen.

EM: Wie können Ihre Organisation und die ADRA den Kindern helfen?

Zachert: Neben den bereits genannten Sachspenden sammeln wir Geld zum Kauf hochwertiger, mit Vitaminen angereicherter Babynahrung. Diese Nahrungsmittel werden direkt nach Nordkorea geschickt und dort von Marcel Wagner von der ADRA verteilt. Dabei erhält er Unterstützung von koreanischen Mitarbeitern der Bäckerei. Die Kinder werden dann monatlich gewogen und untersucht, um festzustellen, wie ihnen die gelieferte deutsche Babynahrung bekommt. Erste Untersuchungen an einer kleinen Gruppe Kinder waren sehr positiv – so daß wir sagen können, daß unsere Hilfe sehr gut ankommt. Wichtig ist für uns auch der direkte Kontakt zu den Helfern vor Ort, die uns so sehr schnell per e-Post sagen können, was dort gebraucht wird.

EM: Geht es den erwachsenen Nordkoreanern besser?

Zachert: Generell sind erwachsene Menschen widerstandsfähiger als Kinder. Deshalb kommen die Erwachsenen auch mit den schlechten Lebensumständen besser zurecht. Besser versorgt werden sie allerdings auch nicht.

EM: Welches ist das Hauptnahrungsmittel der Menschen in Nordkorea?

Zachert: Das ist Reis. Das traditionelle Nationalgericht der Nordkoreaner ist außerdem Kimchi, China-Spitzkohl, der ähnlich wie Sauerkraut zubereitet und kalt gegessen wird.

EM: Wie kalt wird es in Pjöngjang?

Zachert: Pjöngjang hat ein trockenes, kaltes Kontinentalklima. Der Fluß Tae Dong, er ist so breit wie der Rhein in Deutschland, ist jetzt zugefroren. Die durchschnittlichen Temperaturen liegen zur Zeit bei –17°C bis –20°C.

„Die Wohnblocks in den Städten sind meistens unbeheizt“

EM: Sind die Wohnblocks in den Städten wirklich unbeheizt?

Zachert: Für die Wohnblocks ist nur zeitweise eine Heizung in Betrieb. Es soll in einzelnen Etagen mit Holz oder Kohle beheizte Öfen geben. Deren Rauchrohre werden wegen der Wärme, die sie abgeben, durch mehrere Wohnungen geführt, um diese mit zu beheizen. Kohle oder Holz ist nicht immer vorhanden. Oft sind die Blocks wirklich entsetzlich kalt.

EM: Sind das die im Sozialismus üblichen Plattenbauten?

Zachert: Ja, allerdings in einem sehr schlechten Zustand. So sind die sanitären Anlagen fast überall nur noch Ruinen.

EM: Stimmt es, daß die Menschen bei schönem Wetter zum Aufwärmen ins Freie gehen, um sich von der Sonne bescheinen zu lassen?

Zachert: Ja, das haben wir so selbst erlebt.

EM: Wissen die Nordkoreaner wirklich nicht, daß es den Menschen in anderen Ländern besser geht?

„Die Menschen in Nordkorea glauben, daß sie im Arbeiterparadies leben“

Zachert: Nein, das wissen sie nicht. Die Menschen glauben wirklich daran, daß sie im Sozialistischen Arbeiterparadies leben. Ein Nordkoreaner, der bei mir zum Praktikum in Deutschland war, hatte sich eine Erkältung geholt und brauchte Antibiotika. Er hat mir aber erklärt, daß er kein Vertrauen zu unseren Medikamenten hat. Er glaube nicht, daß sie so gut sind wie zu Hause. Andere haben mich gefragt, was das für weiße Streifen an unserem blauen Himmel sind. Sie wußten nicht, daß das Kondensstreifen sind, die von hochfliegenden Flugzeugen kommen.

EM: Heißt das, Nordkoreaner denken, daß im Westen alles nur Blendwerk und Wohlstand nur vorgegaukelt ist?

Zachert: Ja. Dazu gibt es eine kleine Anekdote aus den ersten Begegnungen zwischen Nord- und Südkorea. Ein kleiner Beamter aus der nordkoreanischen Delegation fragte in Seoul, als er den Straßenverkehr erblickte: 'Ihr habt bestimmt alle Autos des ganzen Landes in eurer Hauptstadt zusammengeholt, nur um uns zu beeindrucken, oder?‘ Darauf antwortete der Südkoreaner: 'Ja sicher, und die ganzen Hochhäuser und Wolkenkratzer auch!‘

EM: Kommen über Südkorea keine Nachrichten ins Land?

Zachert: Nein. Bei unserer zweiten Reise nach Nordkorea war gerade die Fußballweltmeisterschaft in Südkorea. Am Tag nach dem Spiel Südkorea-Deutschland, das wir in der deutschen Botschaft sehen konnten, wurden wir von unseren nordkoreanischen Mitarbeitern gefragt, wie denn das Spiel ausgegangen sei. Sie hatten keinerlei Informationen.

EM: Gibt es Internet in Nordkorea?

Zachert: Regierungsangehörige dürften Zugang haben, normale Werktätige nicht. E-mails zu verschicken ist möglich, allerdings ohne angehängte Dateien – nur Textmitteilungen.

EM: Gibt es Computer in nennenswerter Verbreitung in der Bevölkerung? Und Internetanschlüsse?

Zachert: Soweit ich weiß, gibt es keine Computer in Privatbesitz.

EM: Haben die Menschen Telefon?

„Privattelefone sind noch eine Seltenheit“

Zachert: In manchen Firmen gibt es eines. Die allerwenigsten Privatleute haben Telefon. Das ist noch eine Seltenheit. Es soll in Zukunft aber in Nordkorea ein Handy-Netz geben.

EM: Von wem wird es errichtet?

Zachert: Das Handynetz wird staatlich sein – wahrscheinlich mit zugekaufter Technik aus dem Westen.

EM: Wie muß man sich das Straßenbild, das öffentliche Leben und die Gastronomie in Nordkorea vorstellen?

„Es gibt keine größeren Geschäfte oder Einkaufszentren“

Zachert: In der Hauptstadt gibt es riesige Platten- und Monumentalbauten. Auf dem Land sind es hauptsächlich eingeschössige, strohgedeckte Häuser ohne Wasser und Strom.
Das öffentliche Leben spielt sich hauptsächlich auf den Straßen ab. Es gibt keine größeren Geschäfte oder Einkaufszentren, da die Menschen direkt von ihren Betrieben, in denen sie arbeiten, versorgt werden. Zwar existieren auch einige offizielle Gastronomiebetriebe in Pjöngjang, allerdings trifft man dort nicht die breite Bevölkerung, allenfalls Ausländer. Wenn Nordkoreaner in solchen Betrieben zu Gast sind, so sind es meistens Parteikader, die eine Konferenz haben.

„Es gibt keinerlei privaten Autoverkehr“

EM: Wie sieht es mit privatem Autoverkehr aus?

Zachert: Es gibt keinerlei privaten Autoverkehr. Es fahren nur uralte öffentliche Busse, in der Hauptstadt, elektrisch über Oberleitungen angetrieben. Außerdem alte russische Lastwagen. Personenautos sind nur für Firmen, die Verwaltung oder Regierungsvertreter vorhanden. Die Straßenbahn von Pjöngjang stammt aus Deutschland. Sie wurde in Dresden nach der Wende aus dem Verkehr gezogen und fährt jetzt in Pjöngjang.

EM: Was machen Nordkoreaner in ihrer Freizeit?

„Die Freizeit wird vom Staat geregelt“

Zachert: Die Freizeit wird vom Staat geregelt. Die Leute werden z.B. zusammengeholt, um marschieren zu üben oder um die Stadt mit Besen und Schaufel zu fegen. Es gibt auch organisierte Besuche in Freizeitparks oder im Staatszirkus usw.

EM: Aber irgendwann sind die Leute doch auch zu Hause – was machen sie dann?

Zachert: Wir hatten keinen Zugang zu Privathaushalten und wissen deshalb auch nichts genaues darüber. Wir sind nur soweit informiert, daß es in Privathaushalten zum Beispiel keine Waschmaschinen gibt. Die Wäsche wird von Hand mit einem Stück Seife gewaschen. Die Arbeitsteilung im Haushalt ist traditionell so, daß die Frau nach einem vollen Arbeitstag auch noch vollkommen allein den Haushalt erledigen muß.

EM: Konnten Sie Ausflüge im Land machen?

Zachert: Ja, während wir auf die Bäckereimaschinen gewartet haben. Es gibt aber keine Möglichkeit selbst Ausflüge zu planen oder ohne Begleitung von Regierungsvertretern auszugehen.

EM: Was war Ihr schockierendstes Erlebnis?

Zachert: Der Besuch im Waisenheim in der Hafenstadt Nampo, als wir die abgemagerten Kinder mit ihren offenen Wunden gesehen haben.

EM: Haben Sie auch positive Eindrücke mit nach Hause nehmen können?

Zachert: Ja, die Disziplin, die Freundlichkeit und die Einsatzbereitschaft der einfachen Arbeiter – trotz der widrigen Bedingungen in dem Land.

EM: Wie verhalten sich Koreaner gegenüber Ausländern?

Nordkoreaner sind mißtrauisch gegenüber Ausländern

Zachert: Zunächst ist das Verhalten der Nordkoreaner von Mißtrauen geprägt. Ausländer sind wirklich „Fremde“. Es kann sogar vorkommen, daß sich Menschen versuchen zu verstecken – überhaupt dann, wenn man eine Kamera in der Hand hat. Wenn man den Menschen allerdings persönlich näher gekommen ist, kann das Verhältnis sehr herzlich werden.

EM: Wie kommt ein Nordkoreaner an politische Nachrichten? Was gibt es an Medien?

Zachert: Es gibt nur das von der Partei kontrollierte Staatsfernsehen und die von der Partei herausgegebenen und kontrollierten Volkszeitungen, z.B. Pjöngjang Times oder Rodong Sinmun. Diese Zeitungen werden in den Betrieben und an öffentlichen Plätzen ausgehängt.

EM: Wie stehen die Nordkoreaner zu einer Wiedervereinigung?

Zachert: Die Nordkoreaner wollen die Wiedervereinigung auf jeden Fall. Und zwar alle Nordkoreaner – bis hin zum kleinen Arbeiter. Dies wird den Menschen auch von der Regierung so vermittelt. Aber sie wollen die Wiedervereinigung zu ihren Bedingungen. Also im Sozialismus.

EM: Kann man als Tourist nach Nordkorea reisen. Werden Visa erteilt und gibt es Unterkünfte?

Zachert: Man kann z.B. in Deutschland in der nordkoreanischen Botschaft in Berlin ein Visum beantragen. Zu der Volksveranstaltung ARIRANG war das möglich. Das ist ein Volksfest in Nordkorea, das alle vier bis fünf Jahre veranstaltet wird. Es findet im May Day- Fußballstadion Stadion in Pjöngjang statt. Man muß sich das ganze wie die Eröffnungsfeierlichkeiten von Olympischen Spielen vorstellen. Etwa 50 000 Akteure marschieren, tanzen und bilden verschiedene Figuren vor dem Publikum. Zu diesem Anlaß haben wir Touristen getroffen, die in Reisegruppen angereist waren. Auch Touristen aus Deutschland. Aber selbst sie durften sich nicht frei im Land bewegen. Sie werden in Hotels untergebracht, in denen nur Ausländer zu Gast sind. Unter anderem habe ich auch einen Australier getroffen, der eigens zu dieser Veranstaltung alleine angereist war. Er mußte für jeden Tag seinen persönlichen Fahrer und seinen Dolmetscher bezahlen und durfte doch nur das sehen, was ihm genehmigt wurde. Der Mann war deshalb ziemlich sauer. Er rechnete pro Tag 700 US Dollar für einen Fahrer, der nur den dritten Gang seines Fahrzeuges benutzen konnte, ein Hotel voller Kakerlaken und sanitäre Einrichtungen, die nicht funktionierten.

EM: Was haben die Nordkoreaner für ein Weltbild, was für eine Einstellung zu internationalen Krisenherden wie Jugoslawien, Irak, Afghanistan, ihrem eigenen Land. Und wie ist ihr Amerikabild?

Amerika ist immer noch ein Feindstaat für die Nordkoreaner

Zachert: Amerika ist immer noch ein Feindstaat für die Nordkoreaner. Vor allem die ältere Generation kennt die Amerikaner noch als Kriegsgegner. Die Erinnerung an die Kriegsgreuel werden sehr lebendig gehalten. Auch andere westliche Länder sind den Nordkoreanern suspekt. Die Deutschen werden jedoch ganz gerne gesehen. Traditionell hatte Nordkorea gute Beziehung zur Ex-DDR. Die normalen Menschen wissen wenig oder fast gar nichts über das Ausland. Generell ist es aber so, daß alle Länder, die mit dem ehemaligen Kriegsgegner USA befreundet sind, von den Nordkoreanern nicht besonders geliebt werden. Alle die sich gegen die USA stellen, sind für sie so etwas wie die „freien Völker der Erde, die sich gegen den US-Imperialismis“ auflehnen und werden respektiert.

EM: Ist die Freundschaft zu China nur eine von oben verordnete oder mehr?

Zachert: Die Freundschaft zu den Chinesen scheint mir eher ein Zweckbündnis zu sein. So muß man z.B., wenn man mit dem Zug von Nordkorea nach China einreisen will, an der Grenze sechs Stunden warten, mit einer peinlich genauen Kontrolle. Für die chinesische Wirtschaft sind die Nordkoreaner „Kunden“, die aber nicht sehr zahlungskräftig sind. Die Koreaner selbst werden in Asien „das Volk der sauberen Kleider“ genannt, was uns unser Dolmetscher nicht ohne Stolz erklärte. Das heißt also, daß die Nordkoreaner die Chinesen und andere Völker als ein wenig disziplinlos und kulturell nicht ganz so weit entwickelt betrachten. Das erklärte man uns auch anhand Eß-Stäbchen, die in China ziemlich dick und häufig aus Holz sind, in Nordkorea hingegen sehr dünn, filigran sozusagen, und aus Metall.

„Die allerwenigsten Nordkoreaner können Fremdsprachen“

EM: Können die Nordkoreaner Fremdsprachen?

Zachert: Die allerwenigsten Nordkoreaner können Fremdsprachen. Ein paar wenige beherrschen Russisch, da sie früher mit Rußland zusammengearbeitet haben. Wieder andere können Deutsch, da sie ihre Kindheit in Ost-Berlin verbracht haben, wie unser Dolmetscher Herr Ri. Englisch wird an den Hochschulen gelehrt.

EM: Haben Sie den „geliebten Führer“ Kim Jong Il mal zu Gesicht bekommen?

Zachert: Nein. Er soll allerdings zu Besuch in die Bäckerei kommen, wenn sie von der Hilfsorganisation ADRA an den nordkoreanischen Staat übergeben wird. Wir hoffen zu diesem Zeitpunkt auch noch einmal dorthin zu kommen. Das wird wohl jetzt im März 2003 sein.

EM: Kim Jong Il soll mehrere Opern komponiert haben – werden die im Lande auch aufgeführt?

Der „geliebte Führer“ Kim Jong Il hat Opern komponiert, um seine Genialität zu zeigen

Zachert: Er soll tatsächlich sechs Opern komponiert haben, und sie werden auch auf die Bühne gebracht, um dem Volk die Genialität des geliebten Führers näher zu bringen.

EM: Kennen Sie zufällig einige mit Titel?

Zachert: Die Opern heißen beispielsweise „Ein Meer von Blut“ oder „Die Erzählungen von Chun Hyang“. Kim Jong Il hat auch Spielfilme gemacht. Einer trägt den Titel „Der verantwortliche Sekretär des Kreisparteikomitees“, andere heißen „Die Insel Wolmi“oder „Immer in einem Geist“, „Der Schwur an jenem Tage“, „In einem Meer von Blut“, „Das Schicksal eines Mitgliedes im Selbstschutzkorps“, „ Das Blumenmädchen“. Außerdem gibt es von ihm die Spielfilmserie: „Die Nation und ihr Schicksal“. Daneben hat er Dramen geschrieben wie „Die blutbesudelte Friedenskonferenz“, „Ein Brief von der Tochter“, „Die drei Thronbewerber“ oder die „Die Siegesveranstaltung“.

EM: Waren Sie in Pjöngjang mal in einem Opernhaus?

Zachert: Nein. Das Team und ich waren aber in den Nordkoreanischen
Staatszirkus eingeladen. Das war sehr eindrucksvoll.

„Als der große Führer Kim Il Sung starb, hat das Volk einen Monat lang geweint“

EM: Wie stark stehen die Einwohner tatsächlich hinter ihrem Führer? Lieben sie ihn wirklich?

Zachert: Ich habe den Eindruck, daß die nordkoreanische Bevölkerung voll und ganz hinter ihrem Führer steht. Sie kennen einfach nichts anderes. Wenn Menschen allerdings einmal im Ausland waren und gesehen haben wie man dort lebt, und daß dort niemand unterdrückt wird, so bröckelt auch diese Liebe zu ihrem Führer. Auch bei Menschen, die mit westlichen Ausländern, z.B. in Hilfsorganisationen, zu tun haben, und dabei aus erster Hand sehen können, daß von dort keine Unmenschen kommen, stellen sich oft Zweifel an ihrer Führung ein. Das ist wahrscheinlich mit ein Grund dafür, daß die den Hilfsorganisationen zugeteilten Dolmetscher immer abberufen werden, wenn der Kontakt zu intim wird. Die breite Masse des Volkes allerdings hat nicht die Möglichkeit, sich zu informieren. Als der Große Führer Kim Il Sung starb, weinte das Volk einen Monat lang – nichts wurde gearbeitet. Und man hat uns versichert, diese Tränen seien echt gewesen und keineswegs gespielt.

EM: Vielen Dank für dieses Gespräch.

Das Interview führte Hans Wagner.

Eurasien Interview

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