Nasr Hamid Abu Zaid: Wegbereiter für fortschrittliche Lesarten des KoransNACHRUF

Nasr Hamid Abu Zaid: Wegbereiter für fortschrittliche Lesarten des Korans

Der international bekannte ägyptische Koranforscher Nasr Hamid Abu Zaid gehörte zu den führenden islamischen Reformdenkern der Gegenwart. Seine diskursanalytische Untersuchung des Koran legten den Grundstein für ein zeitgemäßes Verständnis des Islam. Abu Zaid ist im Alter von 66 Jahren in Kairo gestorben.

Von Loay Mudhoon

  Zur Person: Loay Mudhoon
  Loay Mudhoon ist Politik- und Islamwissenschaftler. Der Nahostexperte ist zudem Redaktionsleiter des viersprachigen Dialogmagazins Qantara.de – Dialog mit der islamischen Welt und Lehrbeauftragter am Institut für Internationale Politik und Außenpolitik der Universität zu Köln. Sie erreichen Loay mudhoon unter E-Post: l.mudhoon@gmx.net
Netzseite: http://loaymudhoon.wordpress.com/

Das berühmte Diktum lautet, dass ein „reformierter Islam kein Islam mehr ist“ und stammt  vom britischen Generalkonsul in Ägypten, Lord Cromer aus dem Jahre 1880. Vertreter des traditionell islamischen Establishments sowohl in den meisten islamischen Ländern als auch in den islamischen Gemeinden des Westens, dürften dem ohne große Schwierigkeiten zustimmen. Denn der Islam ist für sie - und für die meisten gläubigen Muslime - etwas grundsätzlich Vollkommenes, das nicht „reformiert“ werden kann.

Doch Versuche einer Reformierung bzw. Erneuerung des religiösen Diskurses im Islam hat es seit Beginn der islamischen Zeitrechnung immer gegeben.

Darauf hat der ägyptische Literaturwissenschaftler und Koranforscher Nasr Hamid Abu Zaid immer wieder hingewiesen. Abu Zaid erinnerte daran, dass die ersten intellektuellen Anstrengungen der Muslime der Koranauslegung gewidmet waren; schließlich appelliere das heilige Buch der Muslime an das menschliche Erkenntnisstreben.

Allerdings hätten sich die wenigen Reformer der kritischen Betrachtung der Grundsätze des Islam gewidmet – und sich kaum um neue, wissenschaftliche Zugänge zur heiligen Schrift des Islam bemüht.

Offenbarung als Kommunikationsprozess

Genau dies tat der ägyptische Linguist und Koranforscher Abu Zaid und wandte sprachwissenschaftliche Methoden über die Kommunikation auf den Koran an:

In jeder Kommunikationssituation gebe es einen Sender und einen Empfänger, und damit eine Botschaft beim Empfänger ankommen könne, müsse der Sender sie codieren und der Empfänger sie dementsprechend decodieren: „Die Offenbarung ist der Kommunikationsprozess, der Kanal, durch den das Wort Gottes Mohammed gegeben wurde“, sagte Abu Zaid.

Abu Zaid bestritt nie, dass Gott den Koran offenbart habe. Das heilige Buch der Muslime war für ihn jedoch mehr als "die Rede Gottes", denn er habe eine menschliche Seite, die arabische Sprache. Und diese sei faktisch ein Produkt, das Werte und Normen der damaligen arabischen Kultur widerspiegele. Den Koran betrachtet er deshalb als das Ergebnis eines 23 Jahre andauernden kommunikativen Austausches.

Diesen kommunikativen Prozess erhellte er mit modernen hermeneutischen Ansätzen und verdeutlichte auf diese Weise den menschlichen Anteil an der Entstehung, Deutung und vor allem Anwendung des koranischen Textes in der Praxis.

Historisierung des Korans

Durch sein Bemühen, den Islam aus der Umklammerung traditionalistischer und legalistischer Interpretationen zu befreien und seine Auslegung auf die Erfordernisse der Moderne und ihre normativen Errungenschaften wie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte hin auszurichten, wies Abu Zaid den Weg für einen zeitgemäßen und flexibleren Umgang mit dem Koran:

„Wir begreifen den Korantext als kulturelles Produkt in seiner historischen Entstehung und gleichzeitig als Erzeuger einer neuen Kultur in der Geschichte. Die Erzeugung einer Kultur durch den Text geschieht jedoch nur über die Rezeption des Korantextes durch die Muslime, die wiederum von ihren eigenen Perspektiven und Geisteshaltungen abhängig ist. Wenn wir dies verstehen, können wir schlussfolgern, dass diese Kultur, die die Muslime selbst erzeugt haben, eine zeitlich gebundene Kultur ist, die wir kritisch analysieren und verstehen können“, erklärte Abu Zaid.

Für diese These musste Abu Zaid einen hohen Preis bezahlen: Er wurde in Ägypten angefeindet und wegen Apostasie angeklagt, dann von seiner Frau, der Romanistin Ibtihal Younis zwangsgeschieden - eine Farce ohne historisches Beispiel.

Damals lag es auf der Hand, dass nicht seine wissenschaftliche Arbeit zur Koranexegese die Gegner auf die Barrikaden gerufen hatte, sondern seine Einmischung in die Politik:

Abu Zaid griff 1992 in seinem Buch „Die Kritik des religiösen Diskurses“ den installierten „Staatsislam“ der Mubarak-Regierung an, denn dieser sei, so Abu Zaid, „nicht besser als die Islamdeutung der Extremisten, da beide auf ihrem Monopol auf die absolute Wahrheit bestehen“.

Glaube an den Wandel

Abu Zaid musste seine Heimat wegen Morddrohungen verlassen und ging mit seiner Frau ins niederländische Exil, wo er zuletzt an der Universität Utrecht den Lehrstuhl für Humanistik und Islam innehatte.

Der bescheidene Islamgelehrte Abu Zaid ließ sich nicht von Anfeindungen und Diffamierungsversuchen entmutigen und glaubte bis zu letzt an den heilsamen Wandel im Islam: „Ja, ich bin ein Opfer. Aber ich bin auch ein Zeuge des Wandels, der vonstatten geht, allen Grausamkeiten – wie in meinem Fall – zum Trotz. Der berühmte arabisch-spanische Philosoph Averroës wurde verurteilt. Doch seine Ideen haben sich trotzdem im Westen ausgebreitet“, sagte der lebensfrohe Gelehrte in seinem letzten Interview mit Qantara.de.

Es ist zu hoffen, dass die große Lücke, die Abu Zaid in den Debatten um die Reformierung und Modernisierung des Islam hinterlässt, zumindest ansatzweise von seinen zahlreichen Schülern geschlossen werden kann.

Islam

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