Neue Perspektiven im Himalaya?SIKKIM

Neue Perspektiven im Himalaya?

Neue Perspektiven im Himalaya?

Ein Land zwischen Gletschern und Dschungel. Eingezwängt zwischen China und Indien. An der strategischen Nahtstelle der beiden großen Nachbarn liegt Sikkim. Ein Grenzkrieg im Himalaya rückte das Königreich in den Blickpunkt der Weltpolitik. Seit 1975 ein indischer Bundesstaat schmiedet das kleine Sikkim heute große Zukunftspläne.

Von Wilfried Arz

A temberaubend das Tempo und waghalsig der Fahrstil, mit dem überladene Mahindra-Jeeps über enge, kurvige Straßen gesteuert werden. Oft erschreckend nah am Abgrund. Dicht gedrängt verteilen sich einheimische Fahrgäste auf schmale Sitzbänke, Trittbrett und Dach. Dazwischen Hühner, Taschen, Säcke und Kisten. Es wird gelacht und gesungen. Die Stimmung ist gut. Vorbei geht die Fahrt an kunstvoll angelegten Terrassenfeldern. Mais, Hirse, Kartoffeln und Linsen sind die Produkte einer bescheidenen Landwirtschaft auf Subsistenzniveau. In kleinen Gärten gedeihen Papayas, Mangos und Kardamom, blühende Weihnachtssterne und Orchideen.    

Sikkim, eingezwängt zwischen Tibet und Indien, ist nur auf dem Landweg erreichbar. Der nächstgelegene Flughafen Bagdogra liegt im Bundesstaat West-Bengalen. Von dort führen serpentinenreiche Straßen hinauf in die Bergwelt des kleinen Himalayastaates. 125 Kilometer trennen die feuchtschwüle Tiefebene von der 50.000 Einwohner-Hauptstadt Gangtok in 1.450 Metern Höhe. Einzige zuverlässige Verbindung für die fünfstündige Fahrt ist die Nationalstraße NH-31A, die auch als „Lebenslinie Sikkims“ bezeichnet wird. Dem indischen Militär obliegt die Instandhaltung, um den Nachschub ihrer an der Grenze zu China stationierten Gebirgstruppen jederzeit sicherstellen zu können. Militärkonvois pendeln zwischen den Versorgungseinheiten im bengalischen Siliguri und Gangtok im Himalaya.

China und Indien: Gegnerische Atommächte im Himalaya

  Zur Person:Wilfried Arz
  Wilfried Arz ist Politikwissenschaftler und freier Journalist mit Sitz in Bangkok. Indochina und Südasien mit der Himalaya-Region bereist der Autor regelmäßig.

Nur selten hat Sikkim in der Vergangenheit für internationale Schlagzeilen gesorgt. Erst der kurze Grenzkrieg zwischen China und Indien rückte das kleine Königreich 1962 in den Blickpunkt der Weltpolitik. Chinesische Truppen waren vom tibetischen Chumbi-Tal, das sich wie ein Keil zwischen das Königreich Bhutan und Sikkim schiebt, auf indisches Territorium vorgestoßen. Indiens Niederlage im damaligen Grenzkrieg setzte eine Rüstungsspirale in Gang, die 1974 mit einem Nuklearversuch in der Thar-Wüste Rajasthans ihren vorläufigen Höhepunkt erreichen sollte. Heute stehen sich China und Indien im Himalaya als Atommächte gegenüber.

Noch ganz unter den traumatischen Ereignissen des Grenzkrieges machte das kleine Sikkim 1963 mit einer fürstlichen Hochzeit von sich reden: Hope Cooke, eine junge US-Amerikanerin, gab dem Kronprinzen Palden Thondup Namgyal ihr Jawort. Die Regenbogenpresse war entzückt. Das himmlische Glück in der Bergwelt des Himalayas sollte jedoch nicht lange währen. Seine autokratische Herrschaft erregte den Unmut seiner Untertanen und kostete König Palden Namgyal schließlich seinen Thron. Wieder sorgte Sikkim für Schlagzeilen, als Indiens damalige Premierministerin Indira Gandhi das kleine Fürstentum 1975 als Bundesstaat in die Indische Union integrierte.
Ungelöste Grenzprobleme überschatten das Verhältnis zwischen China und Indien. Zwei Abschnitte an der 4.000 km langen gemeinsamen Grenze sind noch heute Gegenstand unterschiedlicher Positionen: Aksai Chin (39.000 Quadratkilometer) in Jammu & Kaschmir, sowie Arunachal Pradesh (90.000 Quadratkilometer) in Nordost-Indien. Der Streit um territoriale Souveränitätsrechte hat eine lange Geschichte. Die Grenze zwischen beiden Ländern war 1914 in Shimla von Vertretern Englands, Chinas und Tibets vereinbart worden. Dem auf Landkarten als MacMahon-Linie bezeichneten Grenzverlauf verweigert Beijing seit 1949 die Anerkennung. Begründung: es handele sich um einen der sogenannten „ungleichen Verträge“, die China von der Britischen Kolonialmacht aufgezwungen worden seien. 1962 lieferten sich China und Indien einen konventionellen Schlagabtausch. Heute stehen sich im Himalaya mit Pakistan drei Atommächte als Nachbarn gegenüber. Entwickelt sich die Region zu einem atomaren Pulverfass?

Heile Welt in der traumhaften Berglandschaft Sikkims

Fern nuklearer Waffenarsenale scheint die Zeit in der Bergwelt Sikkims stehen geblieben zu sein. Traumhaft schön liegt das Pemayangtse-Kloster mit Blick auf den schneebedeckten Kandschenjönga, mit 8.597 m nach Everest und K-2 der dritthöchste Gipfel der Erde. Zurückhaltend begrüßen buddhistische Mönche in roten Roben neugierige Besucher. Kahlgeschoren steht ein kleiner Novize mit seinem Schlüsselbund bereit. Knarrend öffnen sich zwei schwere Holztüren. Wandmalereien furchterregender Dämonen sind im Halbdunkel des Tempelraumes nur schemenhaft erkennbar. Auf dem Altartisch stehen Wasserschälchen und Butterlampen. Dahinter eine vergoldete Buddha-Statue im Lotussitz, geschmückt mit weißen Seidenschärpen. Daneben Guru Rinpoche Padmasambhava, ein legendenumwobener buddhistischer Missionar. Er gilt als Begründer des tibetischen Ningmapa-Klosterordens, dessen Mönche seit dem 17. Jahrhundert das Dach der Welt verlassen und in Sikkim eine neue Heimat gefunden haben.

Seit Jahrhunderten haben fortwährende Migrationsströme das demographische und ethnische Gefüge im Himalaya nachhaltig verändert. Lange vor den buddhistischen Mönchen waren zwei ethnische Gruppen nach Sikkim zugewandert: die Bhutias aus Kham/Tibet und die Lepchas aus der Region Assam/Burma. Sie gelten als Sikkims Urbewohner. Während der britischen Kolonialherrschaft auf dem Subkontinent erfolgte im 19. Jahrhundert die Einwanderung einer weiteren Volksgruppe, die nicht nur in Sikkim, sondern auch im Großraum Darjeeling und dem benachbarten Himalaya-Königreich Bhutan für einschneidende Veränderungen sorgen sollte: die Nepali. Diese Bevölkerungsgruppe hatte in Sikkim entscheidend zum Sturz des Chogyals beigetragen.

Kleines Wirtschaftswunder dank niedriger Steuern

Zugewanderte Hindu-Nepali stellen heute Forderungen nach politischer Partizipation und Autonomie auch in der Region Darjeeling. Seit 1986 kämpfen sie für ein freies „Gorkhaland“ innerhalb des Bundesstaates West-Bengalen. Die kommunistisch geführte Landesregierung in Kolkata und die Zentralregierung in Delhi halten sich mit Zugeständnissen zurück. Dort fürchten die politischen Eliten einen weiteren Präzedenzfall, der auch andere Minderheiten in Indien animieren könnte, weitreichende politische Forderungen zu stellen.

Am kulturellen Schnittpunkt zwischen Tibet und Indien bestimmen Buddha, Geister, Dämonen und Hindu-Götter die Glaubenswelt der Menschen in Sikkim. Konflikte haben sich bislang nicht an religiösen Fragen entzündet. Politische und ökonomische Probleme sorgten in der Vergangenheit für Unzufriedenheit. Um die strategisch so wichtige Nahtstelle zwischen Indien und China zu stabilisieren, genießt Sikkim seit 1975 innerhalb Indiens einen Sonderstatus. Niedrige Steuersätze und hohe finanzielle Zuwendungen aus Delhi sind mit Grund für ein kleines Wirtschaftswunder. Besucher sind ohnehin angenehm überrascht: kein bedrückendes Elend, kein Hunger, keine Bettelei wie in Indiens Millionenmetropolen. Nur 600.000 Menschen bewohnen die Bergwelt Sikkims. Einkommen und Bildungsniveau liegen über dem Landesdurchschnitt, das Kriminalitätsprofil gilt als eines der niedrigsten in ganz Indien. In der Verwaltung soll eine Frauenquote von 30 Prozent bereits in der Praxis umgesetzt sein - eine weitere Besonderheit in der von patriarchalischen Werten geprägten Gesellschaft Sikkims.

Konflikte um die Reinkarnationsnachfolge

Weniger erfolgreich gestaltet sich die Konfliktlösung um die Reinkarnationsnachfolge des 1981 verstorbenen 16. Karmapa. Das Oberhaupt des tibetischen Kagyu-Klosterordens residierte seit 1966 im Rumtek-Kloster, nur 25 Kilometer von Sikkims Hauptstadt Gangtok entfernt. Nach dem Dalai Lama (seit 1959 in Dharamsala) und dem Panchem Lama (heute in Beijing?) gilt der Karmapa als dritthöchste spirituelle Autorität im tibetischen Buddhismus. Im Mittelpunkt des Konfliktes stehen zwei Kandidaten, die beide gleichermaßen Anspruch auf Inthronisierung als 17. Karmapa erheben. Der Kagyu-Orden ist in zwei konkurrierende Fraktionen gespalten, Rumtek seit gewaltsamen Auseinandersetzungen von indischem Militär schwer bewacht.

Turbulent geht es auch in Gangtok zu. Auf 1.450 Meter Höhe erstreckt sich die kleine Hauptstadt weiträumig über steile Berghänge. Fern klösterlicher Einsamkeit zählen hier Parkverbote, Strafzettel und Verkehrsstaus zum Alltag. Frühmorgens noch der Blick auf schneebedeckte Himalayagipfel, vor Mittag schon verhüllen dichte Wolken die Sicht auf die Berge im Norden. Dort liegt Tibet. Die Nähe zum Nachbarn China ist spürbar, indische Militärpräsenz allgegenwärtig. Zur Grenze sind es 54 Kilometer. Seit 1962 war der Transhimalaya-Handel unterbrochen. Trotzdem wurden auf dem quirligen Lal Bazar in Gangtok auch weiterhin aus China geschmuggelte Waren gehandelt. Mittlerweile sind Beijing und Neu-Delhi um Entspannung bemüht, gegenseitiges Misstrauen ist geblieben.

China – größter Handelspartner Indiens

2006 wurde der Nathu-Pass (4.310  Meter) zwischen Sikkim und Tibet wieder für den Handel geöffnet. Für China ein neues Schlupfloch zu ausländischen Exportmärkten. Seit Inbetriebnahme der Tibet-Bahn 2006 nach Lhasa ist ein weiterer Zuzug von Han-Chinesen nach Tibet zu beobachten und ein deutlicher wirtschaftlicher Aufschwung in der Region. Angesichts bestehender Transportengpässe in China bietet der Nathu-Pass nun Zugang zum Seehafen Kolkata. Nicht Yak- und Maultierkarawanen, sondern schwerbeladene Lkws verkehren jetzt auf traditionsreichen Seiden- und Gewürzrouten durch den Himalaya. Auch Sikkim hofft auf wirtschaftliche Impulse durch den neuen Grenzverkehr. Der Handel zwischen China und Indien erfreut sich seit Jahren neuer Rekorde: 2010 soll das Volumen 60 Milliarden Dollar erreichen, damit avanciert China zum größten Handelspartner Indiens.

Sikkims volkswirtschaftliche Basis ist schmal. Erträge aus der Landwirtschaft decken weitgehend die Versorgung der Bevölkerung. Doch sind Anbauflächen begrenzt und in den Bergen kaum erweiterungsfähig. Förderung, Aufbereitung und Transport vorhandener Bodenschätze (Kupfer, Kohle, Zink, Blei) erfordern hohe Investitionen, die kurzfristig keine Rentabilität versprechen. Wie ist es vor diesem Hintergrund um die wirtschaftliche Zukunft Sikkims bestimmt?

Zukunftsidee für Sikkim: Export von Strom aus Wasserkraft

An kreativen Ideen und ambitionierten Zukunftsplänen mangelt es den politisch Verantwortlichen in Gangtok nicht. Sikkim will das enorme Gefälle des Teestaflusses an der Südflanke des Himalaya nutzen und Stromexporteur werden. Das Wasserkraftpotential  Sikkims wird auf rund 50.000 Megawatt geschätzt. Als sichere Abnehmer von Strom aus dem Himalaya gelten die energiehungrigen Nachbarn West-Bengalen und Bihar. Hoffnungen auf hohe finanzielle Einnahmen durch Energieexport könnten jedoch durch Akzeptanzkonflikte getrübt werden, die sich seit 2007 in Teilen der lokal betroffenen Bevölkerung abzeichnen. Politischer Widerstand hat sich bereits unter den Lepcha zu formieren begonnen. Ein Projekt soll in Dzongu, einem ihrer Schutzreservate entstehen. Regierungsunabhängige Geologen warnen vor seismischen Risiken: alle geplanten Projektstandorte für Wasserkraftwerke liegen in einer erdbebengefährdeten Region. Naturschützer fürchten zudem um Sikkims einzigartige Lebensräume für Tiere und Pflanzen am Teesta.

Innerhalb der Indischen Union gilt Sikkim als ökologische Besonderheit: der Bundesstaat ist stolz darauf, Heimat von 700 Schmetterlingsarten, sowie 500 Orchideen- und Vogelarten zu sein. Der Rote Panda, das Nationaltier Sikkims, konnte bislang vor dem Aussterben bewahrt werden.  Naturschutz wird groß geschrieben: 13 Prozent der Fläche Sikkims (7.000 qkm) sind als Schutzgebiete ausgewiesen, knapp 80 Prozent unterstehen der Landesbehörde für Forstwirtschaft.   

Die Umwelt hat auch in Sikkim gelitten

Ein Paradies ist Sikkim dennoch schon lange nicht mehr – daran vermag auch der Werbeslogan “Sikkim – The Switzerland of the Himalaya” wenig zu ändern. Die Umwelt hat in den letzten Jahrzehnten erheblich gelitten: Bevölkerungsdruck, intensive landwirtschaftliche Nutzung und der Bedarf an Brenn- und Bauholz haben die Waldflächen Sikkims stark in Mitleidenschaft gezogen und natürliche Erosionsprozesse verstärkt. Erdrutsche und Überschwemmungen gefährden die ohnehin knappen Lebensgrundlagen. Die Grenzen der ökologischen Tragfähigkeit gelten als überschritten.

Als Reiseziel steht Sikkim noch im Schatten seiner Nachbarn Nepal und Bhutan. Das soll sich in Zukunft ändern. Ein neues Kapitel ist auch hier  bereits aufgeschlagen worden: 2010 wurde zum „Sikkim Tourism Year“ proklamiert. Besonderes Augenmerk will man auf die Vermarktung des buddhistischen Kulturerbes legen. Klosterfeste, auf denen festlich ge-kleidete Mönche mit Tier- und Dämonenmasken alte Rituale präsentieren, locken bereits seit Jahren Tausende Touristen aus aller Welt nach Bhutan.  Sikkim hofft, sich zwischen dem politisch noch immer instabilen Nepal und dem hochpreisigen Bhutan als Alternative für kulturinteressierte Besucher positionieren zu können. Am Thron der Götter zwischen schneebedeckten Gletschern und subtropischem Dschungel.

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