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Neue Weltmacht Indien

Die Republik am Ganges wird den Prognosen führender Wirtschafts- und Finanzfachleute zufolge der globale Wachstumsmotor der Zukunft. In Indien werden bald mehr Menschen leben als in China. Indische Dienstleistungsfirmen in der Informationstechnologie sind schon heute weltweit führend. Bald werden auch indische Autos auf den Straßen der Welt rollen. Indien ist Nuklearmacht, hat die viertgrößte Armee der Welt und muß nicht mehr wie oft in seiner langen Geschichte damit rechnen, als weiches Ziel unter fremde Herrschaft zu geraten.

Von Hans Wagner
29.09.2004 Drucken Senden Kommentieren
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Straßenszene aus Delhi 

EM – „ Wenn China erwacht, wird die Erde beben“ ist ein häufig zitierter Ausspruch Napoleons. An Indien hatte der Franzosenkaiser anscheinend nicht gedacht. Obwohl oder vielleicht auch weil ein Teil des benachbarten Subkontinents bis wenige Jahre vor Napoleons Machtergreifung zu Frankreich gehört hatte. Heute müßte der Franzosenkaiser umdenken. Das neue China heißt Indien, es ist die kommende Weltmacht und wird in absehbarer Zeit China überflügeln.

Das Wirtschaftswunder in der Volksrepublik China verdankt seine rasante Entwicklung nach Ansicht führender Volkswirtschaftsexperten vor allem vier Faktoren: einer inländischen Sparquote von 43 Prozent, den überall sichtbaren und eindrucksvollen Fortschritten beim Aufbau seiner Infrastruktur, steigenden ausländischen Direktinvestitionen und dem enormen Potential hart arbeitender billiger Arbeitskräfte.

In Indien wirken andere Wachstumsfaktoren als in China

Mit China verglichen hat Indien auf den ersten Blick nur Nachteile aufzuweisen: Seine Sparquote liegt bei lediglich 24 Prozent, die Infrastruktur des Landes ist in katastrophalem Zustand, und die Direktinvestitionen ausländischer Konzerne erreichten 2003 nur rund vier Milliarden Dollar, während nach China 53 Milliarden flossen.

Diese Nachteile haben die Entwicklung Indiens zu einer heraufkommenden Weltmacht aber nicht aufgehalten. Das Land hat andere Wachstumsfaktoren aufzuweisen. Mit seiner Entscheidung, den Dienstleistungen erste Priorität einzuräumen, hat Indien die Hindernisse Sparquote, Infrastruktur und Direktinvestitionen weitgehend ausgeglichen, die seine Industriestrategie so lange behinderten. Stattdessen nutzt das Land nun seine anerkannten Stärken: gut ausgebildete Arbeitskräfte, Fachwissen auf dem Gebiet der Informationstechnologie und gute Kenntnisse der englischen Sprache. Damit hat Indien seine chronische Schwäche auf dem Feld der Industrie mehr als ausgeglichen. Es wird zum Dorado für alle zukunftsträchtigen Dienstleistungen in der Informationstechnologie. Immer mehr westliche Firmen verlagern im Sparfieber ganze Geschäftsprozesse wie die Buchhaltung, die Kundenverwaltung und besonders gern die Computer-Betreuung in das Niedriglohnland Indien.

Manchmal werden die Aufgaben dort von den Ausländern noch in Eigenregie erledigt. Der größte europäische Software-Hersteller SAP beispielsweise läßt aus Kostengründen immer häufiger in Bangalore programmieren - aber von eigenen Leuten. Viele der sogenannten Offshoring-Aufträge gehen aber ganz an Fremdfirmen in Indien. Die weltweit tätige strategische Unternehmensberatung Bain schätzt, daß der Offshoring-Markt bis 2006 in Indien um 57 Prozent zulegen wird.

Betroffen sind längst nicht mehr nur einfache Programmier- oder Datenerfassungsjobs. Selbst Journalisten werden neuerdings „outgesourct“. So hat der Nachrichtendienst Reuters gerade sechs Redakteure verpflichtet, die anhand von Pressemitteilungen Meldungen über amerikanische Firmen verfassen - vom südindischen Bangalore aus.

China dagegen ist bei den meisten privaten Dienstleistungen schwach – vor allem im Einzelhandel, Vertrieb und bei professionellen Dienstleistungen wie Buchhaltung, medizinischer Versorgung, Unternehmens- und Rechtsberatung. Positive Ausnahmen sind Telekommunikation und Luftfahrt.

In der sogenannten entwickelten Welt machen Dienstleistungen heute nach verschiedenen Branchenanalysen mindestens 65 Prozent der gesamten Wirtschaft aus. Gelingt es Indien diese ungewöhnlich erfolgreiche Entwicklung mithilfe seines modernen Dienstleistungssektors fortzusetzen, dann stehen viele alte Industrienationen vor gewaltigen Herausforderungen. Seit nämlich wissensbasierte Arbeit von Dienstleistern per Mausklick überallhin exportiert werden kann, haben sich die Spielregeln geändert. Viele Dienstleistungen werden handelbar, nicht nur am unteren Ende der Wertschöpfungskette, also bei Telefondienstleistern, den sogenannten Callcentern, und bei der Datenerfassung, sondern verstärkt auch am oberen Ende, wo Programmierer, Ingenieure, Wirtschaftsprüfer, Rechtsanwälte, Berater und Ärzte arbeiten. Eine dienstleistungsgestützte Entwicklung wie in Indien vergrößert das globale Spielfeld der Wettbewerber. So entsteht neuer Druck auf Beschäftigung und Reallöhne in entwickelten Ländern.

Indien wendet sich von der bisherigen protektionistischen Handelspolitik ab

Indien will allerdings nicht nur als Dienstleister punkten, sondern künftig auch eine bessere Position als Handelsnation erreichen. Dafür baut das Land Barrieren ab. Eine neue Strategie zur Förderung des Agrarhandels soll beispielsweise die Absatzprobleme der indischen Landwirtschaft lindern. Für Agrarproduzenten soll außerdem der Import von Maschinen erleichtert werden. Aber auch das produzierende Gewerbe soll es künftig leichter haben zu exportieren. Handelsminister Kamal Nath hat angekündigt, Zollprozeduren für Exporteure zu vereinfachen. Zudem will Nath Anreize für Investitionen in die Infrastruktur schaffen. Nach den Worten des Ministers möchte Indien seinen Anteil am Welthandel von derzeit 0,8 Prozent bis 2009 verdoppeln. Dafür müßten die Exporte in den nächsten fünf Jahren um jeweils 20 Prozent wachsen. Diese Pläne sind eine deutliche Abkehr Indiens von seiner bisherigen protektionistischen Handelspolitik.

Indien wurde in der Vergangenheit oft vorgeworfen, daß es im Gegensatz zu China den Aufbau einer Exportindustrie versäumt habe. Die indischen Ausfuhren machen nur ein Zehntel seines Bruttoinlandsproduktes aus. In China beträgt dieser Anteil ein Drittel. Jetzt baut Indien nach dem Vorbild Chinas Exportförderzonen auf, in denen ausländische Firmen bevorzugt investieren können.

Als Nachteil für die heimische Exportwirtschaft sieht Minister Nath neben bestehenden Handelsbarrieren auch die unterentwickelte Infrastruktur an, die zu Verzögerungen beim Transport führe. „Das ist bei Dienstleistungen wie Software egal, aber bei Gemüse oder Milch ist es kritisch“, sagte er kürzlich in einer Rede. Nath liebäugelt mit der Öffnung des Marktes für ausländische Handelsketten. Sein Kalkül ist es offenbar, daß dieser Schritt Investitionen in Lagerkapazitäten und Transportwege nach sich ziehen könnte. Große, internationale Handelskonzerne, so die Erwartung, würden einen Teil der nötigen Infrastrukturmaßnahmen mitfinanzieren.

Der indische Großkonzern Tata auf dem Sprung ins internationale Geschäft

Eines der interessantesten Unternehmen Indiens ist der Konzern Tata. Er gilt als ehrgeizigster Mischkonzern des Landes. Dem Familienunternehmen mit 210.000 Beschäftigten gehören Kraftwerke und Modegeschäfte, Buslinien und Hotels, wie das berühmte Taj Mahal Hotel in Bombay, Telefongesellschaften und Internetanbieter. Der Umsatz lag im vergangenen Jahr bei knapp 18 Milliarden Dollar. Als vor zehn Jahren mit Ratan Tata ein Enkel des Firmengründers die Konzernspitze übernahm, bestand die Gruppe seiner Geschäfte aus fast 300 miteinander zerstrittenen Firmen, die einen mickrigen Gewinn erwirtschafteten und nicht einmal ein gemeinsames Logo besaßen. Der neue Chef leitete radikale Strukturreformen ein, verkaufte ganze Geschäftssparten, konsolidierte das Kerngeschäft, entließ Tausende von Mitarbeitern und installierte eine neue Führung. Der „unbewegliche Elefant“, wie der junge Firmenchef sein Unternehmen bezeichnete, wurde auf neue Herausforderungen getrimmt. „Wir haben die Notwendigkeit erkannt, global wettbewerbsfähig zu werden“, erklärte der oberste Manager des Unternehmens schon damals bei der Übernahme der Geschäfte.

Tata ist zum Beispiel die unbestrittene Nummer eins auf dem indischen Stahlmarkt. Die Firma Tata Steel ist das größte indische Stahlunternehmen. Derzeit übernimmt es für 286 Millionen Dollar das Stahlgeschäft des bisherigen Konkurrenten Natsteel aus Singapur. Vor kurzem hatte das Unternehmen Tata bereits die Lkw-Sparte des südkoreanischen Konzerns Daewoo Motor übernommen. Ratan Tata macht ernst mit seinen Ankündigungen, ein weltweit tätiges Unternehmen zu werden. „Durch den Kauf von Natasteel erhalten wir Zugang zu wichtigen asiatischen Märkten“, erklärte der Geschäftsführer von Tata Steel Muthuraman. Die aufgekaufte Konkurrenz Natsteel ist immerhin bereits in China, Malaysia, Thailand, den Philippinen, Australien und Vietnam im Geschäft.

Roboter setzen Indiens Autos zusammen – verkauft werden sie bereits nach England

In Poona oder Pune, wie es heute heißt, hat Tata eine moderne Automobilfabrik hochgezogen. In der Hügellandschaft 170 Kilometer südostwärts von Bombay setzen Roboter in einer Werkshalle profilierte Bleche millimetergenau zusammen und verschweißen die Nähte. Moderne Pressen stanzen Hauben und Kotflügel. Computergesteuerte Düsen sorgen in steril verschlossenen Kammern für perfekte Lackqualität. „90 Prozent der Arbeit wird von Robotern erledigt“, sagt Venkataramani Sumantran. Er ist Chef der Pkw-Sparte von Tata. Der indische Autohersteller hat in Pune viel Geld in die Automatisierung der Produktionsprozesse investiert. Das Blech, das für die Karossen verarbeitet wird, kommt aus Korea, die Maschinen bezieht Tata aus Deutschland und Japan. Firmenchef Sumantran sagt stolz: „Wir setzen hier auf Qualität.“

Die Limousinen heißen „Indica“. Der Name steht selbstbewußt für „Indian Car“. Die blitzblanken Autos, die im Minutentakt vom Band rollen, wurden von indischen Ingenieuren mit Hilfe italienischer Designer nach modernsten Vorbildern konzipiert. Die gesamte Entwicklung kostete 350 Millionen Dollar. In einem westlichen Industrieland wären die nötigen Investitionen drei mal so teuer gewesen. Vor sechs Jahren, 1998, ging die Indica-Produktion in Serie. Heute werden die Wagen bereits exportiert: als Rover nach Großbritannien.

Mit neuen Modellen will die Tata-Gruppe Schritt für Schritt den europäischen Markt erobern. Noch vor wenigen Jahren hätte niemand so etwas für möglich gehalten, denn indische Produkte waren für ihre mindere Qualität berüchtigt. „Tata setzt neue Zeichen für Indiens globalen Aufbruch“, sagt Subodh R. Majumdar, Abteilungsleiter bei der Deutsch-Indischen Handelskammer in Delhi.

Das Unternehmen expandiert auch immer stärker in neue Geschäftsfelder wie Telekommunikation und Informationstechnologie. Das Kronjuwel von Tata ist schon heute der global operierende IT-Dienstleister Tata Consultancy Services (TCS), der allein im Haushaltsjahr 2003/2004 weit über eine Milliarde Dollar Umsatz erzielen wird. TCS wuchs in den vergangenen zehn Jahren um durchschnittlich 40 Prozent pro Jahr und unterhält heute eigene Büros in 32 Ländern der Erde. Zu seinen Kunden gehören die größten Konzerne der Welt wie General Electric, BP oder Citibank.

Der Erfolg der indischen IT-Industrie zieht mittlerweile eine Reihe von Firmengründungen nach sich. Im vergangenen Jahr sind 112 neue entstanden. Im Geschäftsjahr 2002/2003 waren es noch 47.

„Indien hat das Potential, eine führende Wirtschaftsmacht zu werden.“

Wenn sich Indien wie beschlossen in anderthalb Jahren dem Weltmarkt öffnet und die Zollschranken fallen, will Ratan Tata in allen Geschäftssektoren gegen die internationale Konkurrenz bestehen. Das geht nur mit guter Qualität und niedrigen Kosten. Auf diesen Feldern setzen einige Tata-Unternehmen die etablierte Konkurrenz schon heute unter Zugzwang. Tata Steel zum Beispiel ist der preiswerteste Stahlerzeuger in Indien und prüft den Einstieg in neue Märkte in China, Südkorea, Thailand sowie der Ukraine. Die Tata-Tochter Titan, die anfangs Uhren mit einer Schweizer Lizenz herstellte, hat die ausländische Konkurrenz von vielen Märkten verdrängt. Mit einer Jahresproduktion von über sieben Millionen Uhren ist Titan der sechstgrößte Hersteller von Markenuhren weltweit und verkauft seine Produkte in 40 Länder.

„Indien hat das Potential, eine führende Wirtschaftsmacht zu werden“, sagt Ratan Tata stolz. Aber Indien ist schon heute eine Macht. Ein Dutzend indischer Konzern-Dynastien, die etwa ein Viertel des indischen Bruttoinlandsproduktes erzeugen, freuen sich auf die globale Herausforderung.

Es sind Firmen, die man bald überall auf der Welt kennen wird, wenn sich Indiens Aufbruchpläne erfüllen. Sie heißen Birla und Ambani, Mittal und Bajaj. Sie haben die Weichen gestellt, um in der ersten Liga spielen zu können. Gemeinsam mit den Bossen der Informations- und Technologie-Industrie von Infosys, Wipro und Bharti sorgen sie für einen Höhenflug der indischen Wirtschaft.

Der neue indische Ministerpräsident will das Reformtempo des Landes beschleunigen

In den traditionellen Industrieländern des Westens wird man die Auswirkungen der wachsenden Volkswirtschaften Indien und China von Jahr zu Jahr mehr zu spüren bekommen. Durch den Export von Arbeitsplätzen in Niedriglohnländer sinkt schon seit einiger Zeit der Bedarf an Büroflächen dramatisch. Das stürzt die großen Immobilienfonds von einer Krise in die nächste. Der Bedarf an Büroflächen wird nach den Prognosen international tätiger Beratungsfirmen wie McKinsey in den nächsten Jahren sowohl in den USA als auch in Westeuropa drastisch zurückgehen, weil immer mehr Unternehmen hochqualifizierte Arbeitsplätze in Niedriglohnländer wie Indien verlagern. Dem Marktforschungsunternehmen Forrester Research zufolge werden durch diese Verlagerung in den USA bis 2015 rund 3,5 Millionen und in Deutschland rund 1,1 Millionen Büroarbeitsplätze verloren gehen.

Nach Meinung von Wissenschaftlern der „Universität von Kalifornien“ in Berkeley ist diese Zahl jedoch noch viel zu niedrig gegriffen. Sie kommen in einer Hochrechnung zu dem Schluß, daß bis 2015 rund 14 Millionen hoch qualifizierte Arbeitsplätze in den USA wegfallen werden. Dadurch würden rein rechnerisch mehr als 300 Millionen Quadratmeter Bürofläche nicht mehr gebraucht.

Indien wird in drei Jahren Deutschland als viertgrößte Wirtschaftsmacht ablösen

Die Steigerungsraten der indischen Volkswirtschaft zeigen die großen Reserven, die in dem im Aufbruch befindlichen Land mobilisiert werden können. Es sind derart viele Investitionen gleichzeitig zu tätigen, daß ständig Hochkonjunktur herrscht. Mit einem Wachstum von 8,2 Prozent im Haushaltsjahr 2003/2004 ist Indien zum neuen Konjunkturmotor Asiens geworden, auf Augenhöhe mit China, wo es ähnliche Zuwächse gibt. Viele Experten sehen den indischen Subkontinent, dessen Wachstum von Binnennachfrage und von seiner global tätigen Dienstleistungswirtschaft gleichermaßen angetrieben wird, sogar auf der Überholspur.

„Wir haben phantastische Wachstumsreserven“, schwärmt nicht ohne Grund Sunil Sinha vom Indischen Wirtschaftsinstitut National Council of Applied Economic Research (NCAER). „Wir müssen aber ausländische Investitionen heranziehen und die exportorientierten Branchen damit stimulieren.“

Nach einer Untersuchung der Investmentbank Goldmann Sachs wird Indien spätestens 2007 Deutschland als Wirtschaftsmacht überholen. Noch leben 300 Millionen Inder unter dem Existenzminimum. Das ist jeder dritte. Diese Menschen wollen sauberes Wasser, Schulen, ärztliche Versorgung und sie suchen Arbeitsplätze in einer Wirtschaft, die einer rasant wachsenden Mittelschicht rasch Wohlstand bringt.

Die indische Regierung will nun mit deutlichen Erleichterungen für in- und ausländische Investoren das Wirtschaftswachstum des Landes weiter antreiben. Aber sie will auch die Steuern erhöhen, unter anderem auf Dienstleistungen und den Wertpapierhandel. Dadurch soll mehr Geld in die chronisch leeren Staatskassen fließen.Mit dem Geld plant die neue linksgerichtete Regierung von Manmohan Singh, milliardenschwere Förderprogramme für die Armutsbekämpfung und die ländliche Entwicklung zu finanzieren.

So kündigte die Regierung bereits deutlich höhere Ausgaben für Bildung an. Dazu kommen die Abschaffung von Einfuhrzöllen für Computer, höhere Steuerfreibeträge, Hilfen für besonders unterentwickelte Bundesstaaten, ein ländliches Infrastrukturprogramm und Bewässerungsprojekte, die Bereitstellung von Mikrokrediten sowie Subventionen für Biotechnologie. Den Ärmsten des Landes werden Arbeitsplätze, Häuser und Stromversorgung versprochen.

Die indische Filmindustrie ist längst Weltspitze

Die sich am stärksten entwickelnde Filmindustrie auf der Welt ist in Bollywood zu Hause. Bollywood, mit dieser naiv anmutenden Wortschöpfung bezeichnet Indien seine gigantische Traumfabrik, die an der Westküste des Landes, in Bombay, ihren Sitz hat. Bollywood ist zusammengesetzt aus dem Namen der Stadt Bombay und dem Mekka der US-Filmindustrie Hollywood. Die indischen Filmschaffenden empfinden „Bollywood“ als einen Kosenamen für ihre eigene indische Filmproduktion, die Jahr für Jahr Milliarden Euro einspielt.

Während Nordamerika, Europa und der gesamte übrige Globus nahezu flächendeckend von Streifen aus der amerikanischen Hollywoodproduktion überflutet werden, behauptet sich in Indien eine eigene Film- und Musikproduktion. Es ist nachgerade ein kinematografisches Universum, das sich zwischen Indus und Ganges ausbreitet und die Filmleinwände und Fernsehschirme der über eine Milliarde zählenden Inder versorgt. Mit jährlich über 900 produzierten Filmen (Hollywood 670) ist die indische Filmindustrie die größte der Welt. Dem übrigen Eurasien ist der Zugang bislang jedoch weitgehend verwehrt geblieben.

Sinkende Grundwasserstände könnten die Wachstumsaussichten gefährden

Als Risiko für die Wachstumsprognose Indiens könnte sich das Wetter entpuppen. Ein Drittel des Bruttoinlandsproduktes kommt nach wie vor aus der Landwirtschaft. 58 Prozent der Inder leben auf dem Land. Und nur eine günstige Monsun-Saison wie im Jahr 2003 kann das Wirtschaftswachstum hoch halten.

Ein großes Problem ist die Trockenheit der Böden. Die Grundwasserspiegel in ganz Asien sinken dramatisch. Darauf hat kürzlich Tushaar Shah, Forschungsleiter des Internationalen Wassermanagement Instituts in Colombo (Sri Lanka), im Magazin „New Scientist“ hingewiesen.

Indische Bauern pumpten demnach jährlich 200 Kubikkilometer Wasser zur Oberfläche - ein Hundertstel der Ostsee. Immer tiefer müßten sie dafür bohren, denn schon eine halbe Million der ursprünglichen, handgegrabenen Brunnen seien in Indien trocken. Aus bis zu einem Kilometer Tiefe werde das Wasser heute gepumpt. Mehr als ein Viertel aller indischen Landwirtschaftsbetriebe seien abhängig von Grundwasser, das in den nächsten Jahrzehnten zu verschwinden drohe, warnt Shah. Im südlichsten Bundesstaat Tamil Nadu sei dies schon Realität, so Kuppannan Palanisami von der dortigen landwirtschaftlichen Universität. Der gesunkene Grundwasserspiegel habe hier bereits 95 Prozent der von Kleinbauern genutzten Brunnen trockengelegt. Die Behörden befürchteten, daß die Wasserknappheit das Land von Getreideimporten abhängig machen wird.

Die neue indische Regierung hat 100 Milliarden Rupien (1,8 Milliarden Euro) für Investitionen in Brunnen und Bewässerungsanlagen vorgesehen. Mit 22,5 Milliarden Rupien wird der ländliche Wohnungsbau gefördert. Die Banken sollen das Kreditvolumen für Landwirte um 30 Prozent auf 1,1 Billionen Rupien erhöhen. Außerdem schaffte die Regierung eine Steuer auf Traktoren ab. Das dadurch zusätzlich verfügbare Geld werde den Konsum der Landbevölkerung steigern, sagt Jon Thorn, Fondsmanager bei India Capital Fund in Hongkong. „Die Nachfrage nach Bewässerungsanlagen und Düngemitteln wird steigen, die Leute werden auch mehr konsumieren.“

Insgesamt steht allen Widrigkeiten zum Trotz die Landwirtschaft in Asien nach Ansicht internationaler Agrarfachleute vor einem noch nie da gewesenen Aufschwung. Die Chinesen haben ähnliche Fördermaßnahmen eingeleitet wie die Inder. Damit laufen in den beiden bevölkerungsreichsten Ländern der Welt Produktionsprogramme für den Anbau von mehr Nahrungsmitteln an. Sie sollen die Ernährung der wachsenden Menschenzahlen sichern, aber auch die Einkommen der Landwirte verbessern. Schon in den kommenden sechs bis zwölf Monaten sollen die Menschen auf dem Land die Hilfen deutlich spüren. „Sie werden einen wahren Geldsegen erleben“, sagt Sean Darby, Asien-Chefstratege beim Finanzdienstleister Nomura Securities in Hongkong. Damit, so die Erwartung der Regierung in Delhi, wird eine enorme Kaufkraft entstehen. Vor Augen haben die indischen Wirtschaftsfachleute ein ähnliches Programm in Indonesien, das dort zu einem enormen Schub beim Wirtschaftsaufschwung geführt hat.

Die Nuklearmacht Indien hat die viertgrößte Armee der Welt – jetzt wird sie modernisiert

Trotz des erfolgreichen Friedensprozesses mit dem Nachbarn Pakistan plant die indische Regierung, die Militärausgaben um bis zu 30 Prozent zu erhöhen. Mit dem Geld soll die viertgrößte Armee der Welt modernisiert werden.

Traditionellerweise kooperiert Indien dabei vor allem mit Rußland. Die Verteidigungsminister beider Länder haben vor kurzem in der indischen Hauptstadt ein Rüstungsabkommen unterzeichnet. Für 1,6 Milliarden Dollar kauft Indien zunächst den Flugzeugträger Admiral Gorshkow sowie 12 Kampfflugzeuge des Typs MiG-29. Der Flugzeugträger ist allerdings bereits 29 Jahre alt und eigentlich reif für die Ausmusterung. Rußland hat jedoch zugesichert, die Admiral Gorshkov komplett zu überholen.

Auch Amerika buhlt um bessere Beziehungen zum aufstrebenden Indien. In Washington will man das Land offenbar sogar als Nuklearmacht akzeptieren. Sechs Jahre nachdem zur Strafe für Atomtests Sanktionen gegen Indien verhängt worden waren, hob die US-Regierung vor wenigen Tagen die Exportbeschränkungen für zivile Nuklear- und Raumfahrttechnologie auf. Die Einigung sei nur ein erster Schritt bei der Verbesserung der strategischen Beziehungen, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung der beiden Staaten.

Indien und die USA wollen in einem nächsten Schritt, so war zu hören, über eine Kooperation bei der Raketenabwehr beraten. Delhi drängt die USA seit längerem, den Export von Raketenabwehrsystemen zu erlauben.

Indien strebt ganz offenkundig nach den Insignien einer Großmacht. Dazu gehört auch ein ständiger Sitz bei den Vereinten Nationen. Um ihn zu erlangen, hat sich Delhi mit den gleichgesinnten Staaten Brasilien, Japan und Deutschland verbündet.

Eines der Geheimnisse des Aufschwungs ist Indiens stark wachsende Bevölkerung

Das Land am Ganges blickt auf eine weit über fünftausend Jahre währende Geschichte zurück. Die Induskultur zählt zu den ältesten der Menschheit. Indien waren jedoch sehr oft Untertan fremder Großreiche. Die erste Eroberung erfolgte im zweiten Jahrtausend v. Chr. mit dem Eindringen der Arya oder Arier. In das später buddhistisch und hinduistisch geprägte Indien drangen auch danach immer wieder fremde Heere ein: zum Beispiel die Perser, (Siehe dazu EM 07-03 DIE PERSER), Alexander der Große, afghanische Eroberer, Araber. Sie brachten den Islam nach Indien.

Der aus dem heutigen Nordiran stammende Nomadenführer Nadir dehnte 1739 das Perserreich wieder einmal bis nach Indien aus. Er besiegte den im Land herrschenden Großmogul und plünderte Delhi. Dabei erbeuteten die persischen Truppen den legendären Pfauenthron und den riesigen Diamanten Kohinoor, dessen Name auf Hindustani „Berg des Lichts“ bedeutet. Es ist ein 108-Karäter, der später von den Briten erbeutet und nach London gebracht wurde. Auf dem Pfauenthron nahmen die persischen Herrscher Platz. Er wurde schließlich sogar zum Synonym ihrer Regentschaft.

Indien war immer so etwas wie ein weiches Ziel. 1857 gelangte es unter britische Kolonialherrschaft, 1947 wurde es aufgeteilt in Pakistan und in das heutige Indien. Nicht wenige Inder, zumindest in den führenden Schichten, verspüren angesichts dieser Vergangenheit eine gewisse heimliche Sehnsucht nach Macht und Anerkennung. Darüber berichten Wirtschaftsfachleute, Diplomaten und auch Touristen. Offen gezeigt wird diese Sehnsucht aber nicht.

Doch nun steht Indien zum erstenmal in seiner Geschichte kurz davor, echte Weltgeltung zu erlangen. Das Land hat gute Chancen, mittelfristig zum globalen Wachstumsmotor Nummer eins aufzusteigen. „Obwohl sich Investoren und Unternehmen derzeit auf China konzentrieren, dürfte Indien längerfristig die größere Wachstumsstory werden“, heißt es in einer aktuellen Analyse der Investmentbank Goldman Sachs. Das Institut erwartet, daß das Wirtschaftswachstum des Landes bereits ab 2015 dauerhaft über dem Chinas liegen wird.

Laut Goldman Sachs wird die Wirtschaft Indiens zwischen 2015 und 2020 im Schnitt um knapp sechs Prozent pro Jahr wachsen und damit schneller als die chinesische. Der Vorsprung weite sich danach wonach? sogar aus. Voraussichtlich erreiche das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahr 2050 mit knapp 30.000 Milliarden Dollar bereits 66 Prozent der Leistung Chinas. Indien sei dann nach dem Reich der Mitte und den USA die weltweit drittgrößte Volkswirtschaft. - 2003 betrug Indiens BIP 600 Milliarden Dollar, das Chinas 1.500 Milliarden Dollar und das der USA 11.000 Milliarden Dollar. Das ist die Ausgangsbasis kurz nach der Jahrtausendwende.

Ein wichtiger Grund für die höhere Wachstumsdynamik Indiens gegenüber China ist laut Goldman Sachs der stetige Bevölkerungszuwachs. Während die Zahl der Chinesen 2030 ihren Höhepunkt erreiche und dann zurückgehe, wachse Indien bis 2050 mit einer annähernd konstanten Rate. Mit 1,46 Milliarden Menschen ziehe der Subkontinent 2034 an China vorbei. „Unter den großen Schwellenländern ist Indien das einzige mit einer auf absehbare Zeit wachsenden Bevölkerung“, so die Studie. Besonders profitiere das Land von einem im Vergleich mit ähnlichen Ländern sehr gut entwickeltem Bildungssystem. Daraus zöge insbesondere der IT-Sektor großen Nutzen.

Heute lebt noch rund ein Fünftel der Weltbevölkerung in den Industrieländern. 2050 wird dieser Anteil kaum mehr über zehn Prozent liegen. Kein einziger europäischer Staat wird dann mehr Einwohner haben als zum Beispiel die Philippinen (derzeit rund 85 Millionen). Diese Entwicklung wird vor allem von den bevölkerungsreichen Ländern China und Indien bestimmt. Wenn die heutigen Schwellen- und Entwicklungsländer bis zur Mitte des Jahrhunderts den Sprung zur Industrienation geschafft haben, rechnen Experten damit, daß es auch zu einer deutlichen Verschiebung der globalen Machtverhältnisse kommen wird.

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