Neuer Aufschwung in Südostasien

Neuer Aufschwung in Südostasien

Chinas Bedeutung als Wirtschaftsmacht wächst - durch ein Freihandelsabkommen der ASEAN-Länder mit der Volksrepublik soll der größte Markt der Welt entstehen

Von Johann von Arnsberg

EM – Chinas Volkswirtschaft ist die am schnellsten wachsende im südostasiatischen Raum. Das geht aus einer statistischen Erhebung hervor, die kürzlich von der Asiatischen Entwicklungsbank vorgelegt wurde.

Im langjährigen Vergleich ist das bevölkerungsreichste Land der Erde (rund 1,3 Milliarden Einwohner) sogar internationaler Spitzenreiter. Der Chefökonom der Pekinger Filiale der Asiatischen Entwicklungsbank, Dr. Min Tang, erklärt voller Stolz: „Von einem Wachstumstempo, wie es China in den letzten Jahren aufwies, können andere Länder nicht einmal träumen. Unseren jüngsten Analysen zufolge ist China inzwischen die sechst stärkste Wirtschaftsmacht der Welt. In den vergangenen 100 Jahren haben nur Japan und Südkorea einen ähnlich schnellen Aufschwung erlebt wie China.“

Die Prognosen der chinesischen Regierung für die Zunahme des Brutto-Inlandsproduktes (BIP) im laufenden Jahr 2002 liegen bei sieben Prozent. Das stärkste Wachstum wird im Industrie- und Bausektor erwartet, der zwischen acht und neun Prozent zulegen soll. Für den Dienstleistungsbereich wird von einem Zuwachs von mindestens sieben Prozent ausgegangen. Am schlechtesten schneidet nach diesen Schätzungen des State Statistical Bureau (SSB) in Peking die chinesische Landwirtschaft ab. Sie wird demnach nur um drei Prozent wachsen.

Handelsbilanzüberschuß Chinas erreicht 20 Milliarden Dollar

Das Volumen der Im- und Exporte Chinas wird bis Ende dieses Jahres voraussichtlich 600 Milliarden US-Dollar erreichen, wie der chinesische Minister für Außenhandel und wirtschaftliche Zusammenarbeit, Shi Guangsheng, vor kurzem mitteilte. Das Außenhandelsvolumen in den ersten neun Monaten dieses Jahres beziffert Shi auf mehr als 445 Milliarden US-Dollar. Das entspricht einer Steigerung von 18 Prozent gegenüber dem selben Zeitraum des Vorjahres. Dabei stiegen die Importe um 17 Prozent, die Exporte um 19 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Damit ergibt sich der Statistik zufolge ein Handelsbilanzüberschuß von rund 20 Milliarden US-Dollar.

Die ausländischen Investitionen in China sind in den ersten neun Monaten um 39,5 Milliarden US-Dollar oder um mehr als 20 Prozent gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres gewachsen. Wie ein Vertreter des Ministeriums für Außenhandel und wirtschaftliche Zusammenarbeit vor kurzem im südchinesischen Guangzhou mitteilte, waren bis Ende September insgesamt über 410 000 Unternehmen mit einer ausländischen Kapitalbeteiligung von insgesamt rund 810 Mrd. US-Dollar gegründet worden.

Experten im Pekinger Wirtschaftsministerium sagen für die heimische Elektronikbranche in den nächsten Jahren einen Zuwachs von 20 bis 40 Prozent vorher. Der deutsche Zentralverband Elektrotechnik und Elektronikindustrie (ZVEI) geht davon aus, daß China bis 2005 der drittgrößte Markt der Welt für Mikroelektronik sein wird. Eine Prognose der international agierenden Analysten der Branchendienste von Reed Business sieht die Volksrepublik in Sachen Elektronik bis 2010 sogar an Platz zwei nach den USA. Allein für den Halbleiterbereich sagt World Semiconductors Trade Statistics (WSTS) im Jahr 2003 ein Plus von 21,7 Prozent voraus. Das renommierte Marktforschungsunternehmen Dataquest rechnet gar mit einer Verdopplung der Zahlen im Halbleiterbereich von 2001 auf 22 Milliarden US-Dollar bis zum Jahr 2006.
Die chinesische Informationsindustrie hat sich innerhalb eines Jahrzehnts rasant entwickelt und ist inzwischen zu einer enorm wichtigen Säule der Volkswirtschaft geworden. Die Branche erwirtschaftete im vergangenen Jahr 4,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Ende Juli gab es in China über 200 Millionen Telefonkunden im Festnetz und nahezu 200 Millionen Mobiltelefon-Benutzer. Allein im vergangenen Jahr wurden landesweit knapp 7,6 Millionen PCs hergestellt. Mehr als 30 Millionen Menschen haben inzwischen einen Internetzugang.

Chinas Mitgliedschaft in der WTO stärkt die gesamte Region

Nach ihrer Aufnahme in die Welthandelsorganisation (WTO) öffnet die Volksrepublik nun für die gesamte Region das Tor zum Weltmarkt. Die Staaten Südostasiens können sich auf dem Weg über China neue Zielländer für ihre Exporte in vielen Teilen der Erde erschließen, die ihnen bislang versperrt waren.

Das Reich der Mitte ist gleichzeitig größter wirtschaftlicher Konkurrent für alle anderen südostasiatischen Länder. Das gilt sowohl auf dem Weltmarkt als auch auf den heimischen Märkten. Denn die chinesischen Arbeiter erhalten die niedrigsten Löhne in der Region. Damit können zum Beispiel Chinas Nachbarn, die in der sogenannten ASEAN-Gruppe (Association of Southeast Asian Nations) zusammengeschlossen sind, nicht konkurrieren. Kein anderes Land vermag Waren so billig anzubieten wie China.

Seit Ende 2001 suchen die Länder der Region in der Zusammenarbeit mit China nach neuen Formen, die ein zu großes Ungleichgewicht verhindern sollen. Außerdem will man durch verstärkte Kooperation der südostasiatischen Volkswirtschaften untereinander auch die Abhängigkeit von der US-Wirtschaft lockern, die derzeit noch immens ist.

China ist aufgrund seiner Größe und seiner gestiegenen Wirtschaftskraft auch hier in einer Vorreiterrolle für ganz Südostasien. Seit dem Ende des Kalten Krieges liefern sich die USA und China in der Region einen subtilen Wettbewerb um Prestige und Einfluß, vor allem auf wirtschaftlichem Gebiet.

Südostasien will die Dominanz der Wirtschaftsmacht USA abschütteln

Eine aggressive US-Wirtschafts- und Handelspolitik machte in den letzten Jahren vor allem den ASEAN-Staaten schwer zu schaffen. Washington versuchte seine Vorherrschaft in der Region mit Hilfe des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank durchzusetzen. Nicht zuletzt die Hilfe Chinas, das den ASEAN-Ländern aus einem starkem Eigeninteresse heraus mit Krediten unter die Arme griff, verhinderte eine völlige wirtschaftliche Bevormundung dieser Länder. Die Volksrepublik China verfolgt mittelfristig erklärtermaßen das Ziel, Amerika seine Rolle als dominante Wirtschaftsmacht in der Region Südostasien streitig zu machen und auch Japan den Rang abzulaufen.

Neben dem schon lange bestehenden wirtschaftlichen Druck Amerikas haben auch der weltweite Konjunkturabschwung und die wirtschaftlichen Folgen der Terroranschläge vom 11. September 2001 ihre Spuren in Südostasien hinterlassen. Betroffen sind hier in erster Linie solche Länder, die sich auf den Export von Hi-Tech-Produkten spezialisiert haben und die durch sinkende Nachfrage in diesem Bereich starke Exportrückgänge verbuchen mußten. Eine Regionalstudie der Weltbank (Oktober 2001) kam dennoch zu einem positiven Ergebnis: Trotz sinkender Wachstumsraten in der gesamten Region hätten die politischen und wirtschaftlichen Reformprogramme der letzten Jahre die meisten Länder Südostasiens in die Lage versetzt, auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu bleiben.

Nach Angaben des ASEAN-Sekretariats in Jakarta erwarten die zehn Mitgliedsländer für das laufende Jahr immerhin ein Wirtschaftswachstum von 3,5 bis 4 Prozent. Ein Prozent mehr als im Jahr 2001. Dies sind im Vergleich zu den dürftigen Wachstumszahlen etwa in der EU (2002 nur noch maximal1,3 Prozent) beachtliche Ergebnisse.

Es geht also wirtschaftlich wieder aufwärts in der Region Südostasien. Das rührt einer Analyse der Asiatischen Entwicklungsbank zufolge nicht mehr von Spekulationen her, die rasch platzen können, sondern beruht vor allem auf dem Erstarken der Binnenmärkte. Außerdem erzielten die ASEAN-Länder auch wieder positive Handelsbilanzen mit ihren wichtigsten Handelspartnern USA und Japan. Mit diesen beiden Staaten wickeln sie bislang noch immer zwei Fünftel ihres Außenhandels ab. Das Volumen beläuft sich auf fast 500 Milliarden Euro pro Jahr.

Ziel: Ein gemeinsamer südostasiatischer Markt für zwei Milliarden Konsumenten

Eine im November 2001 vereinbarte Freihandelszone zwischen China und den ASEAN-Staaten, soll die Länder der Region für den internationalen Wettbewerb fit machen und ihnen ähnliche Vorteile bringen wie den Europäern ihr Binnenmarkt. China strebt in dieser auf ganz Südostasien auszuweitenden wirtschaftlichen, finanziellen und sicherheitspolitischen Zusammenarbeit die Führungsrolle an. Binnen zehn Jahren soll der gemeinsame südostasiatische Markt Wirklichkeit werden. Damit entstünde auf dem eurasischen Kontinent der größte Markt der Welt. Die gigantische Wirtschaftsunion würde rund zwei Milliarden Konsumenten umfassen.

Der Direktor der als Zentralbank fungierenden chinesischen Volksbank, Dai Xianglong, hat kürzlich bereits den Aufbau von Mechanismen gefordert, mit denen die asiatischen Finanzmärkte vor plötzlicher internationaler Kapitalflucht geschützt werden können. Dai Xianglong sagte in Peking auf einem Symposium für die Finanzzusammenarbeit zwischen der ASEAN und China, das gesamte asiatische Exportvolumen habe im Vorjahr bei rund 1400 Milliarden US-Dollar gelegen. Mit der weiteren Öffnung der Finanzmärkte in den verschiedenen asiatischen Ländern und Gebieten werde immer mehr internationales Kapital in diese Märkte fließen. Deshalb müsse die Zusammenarbeit verstärkt werden, um gemeinsam die Finanzsicherheit im asiatischen Raum zu wahren. Weiter sagte Dai Xianglong, die asiatischen Länder sollten jetzt daran gehen, die Wechselkursmechanismen zwischen den zehn ASEAN-Ländern und China, sowie Japan und Südkorea weiter zu entwickeln und zu vervollkommnen.
Nach Einschätzung internationaler Wirtschaftsexperten wird es noch etwa zehn Jahre dauern, bis Südostasien unter Führung Chinas den Status einer wirklichen wirtschaftlichen Großmacht erreicht hat. Alternativen zur Pax Americana im südostasiatischen Raum brauchen einen langen Atem.

Terminhinweis:
Im Rahmen des ASIA-INVEST Programms der EU-Kommission findet am 07. und 08. November 2002 auf dem Internationalen Ausstellungsgelände in Peking eine Kooperationsbörse für den Mittelstand, das „EU-China Partenariat“ statt. Etwa 400 Unternehmen aus 15 europäischen Ländern werden vertreten sein. Sie kommen aus den Branchen Elektrotechnik und Ausrüstungen, Informationstechnologie, Metallverarbeitung; Maschinen- und Ausrüstungsbau, Umweltschutztechnologien, sowie Nahrungsmittel/Getränke. Aus ganz China wird eine gleich große Zahl von Betrieben aus diesen Branchen erwartet. Es geht darum, eine mögliche Zusammenarbeit zu prüfen.
Einzelheiten unter:
http://www.eu-china-partenariat.com

Die zehn ASEAN-Staaten sind: Brunei, Indonesien, Malaysia, Philippinen, Singapur, Thailand, Vietnam, Laos, Kambodscha, Myanmar (Birma).

Asien China Wirtschaft

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