Neuer Name für TschetschenienRUSSLAND

Neuer Name für Tschetschenien

Tschetscheniens Präsident Alu Alkhanow hat einen ungewöhnlichen Vorschlag zur Konsolidierung des angeschlagenen Images seines Landes gemacht: Tschetschenien soll umbenannt werden. Nokchoi, der alte Name, soll wieder gut machen, was Terrorismus und Krieg dem zerschundenen Land an Schaden zufügten. Rebranding nennt man diesen Imagewechsel in der Werbebranche. Solchen auf Städte und Länder anzuwenden, ist eine gute Idee, die künftig Friedenversträge überflüssig macht und jedem langweiligen Kaff neuen Pep verleiht.

Von Andrea Jeska

B randing ist ein Zauberwort in der Werbe- und PR-Branche. Ohne Branding kann aus einem Produkt nichts werden. Und wird trotz Branding nichts daraus, dann betreibt man eben Rebranding, verkauft dasselbe Produkt unter anderem Namen und mit einem neuen Image.

Dass man auch Länder rebranden kann, war bislang neu. Nun aber kommt diese Idee ausgerechnet aus einer werbetechnisch unterrepräsentierten, für Product-Placement ungeeigneten Gegend: aus dem Nordkaukasus. Der tschetschenische Präsident Alu Alkhanow hat einen kühnen Vorstoß in diese Richtung gemacht. Tschetschenien, so seine Klage, habe einen schlechten Ruf. Nicht das Land. Der Name. Wer das Wort höre, denke an Terror, Krieg, Bösewichte und andere unfröhliche Dinge. Zudem sei „Tschetschenien“ ein ausländisches Wort. Deshalb solle das Land doch wieder seinen alten Namen Nokchoi tragen.

Tschetschenien (russ. Tschetschnja) ist in der Tat ein russisches Wort. Umso undankbarer wirkt dieses Ansinnen des Präsidenten, denn immerhin haben die Russen Alkhanow zu seinem Posten verholfen, auch wenn sie die Tschetschenen freundlicherweise im Glauben ließen, sie selber hätten Alkhanow gewählt. Dass Tschetschenien auch als Nokchoi Probleme mit den bösen Partisanen und den freundlichen russischen Soldaten, mit den störenden Ruinen und der nicht vorhandenen Strom-Wasser-Gas-Versorgung haben wird, sagt Alkhanow nicht. Dafür soll er neuerdings gerne singen, immer denselben Text: Schmusewolle, das macht Nokchoi aus Wolle, Schmusewolle, das macht Nokchoi.

Und vielleicht auch wieder Stalingrad?

Auch in der Stadt Wolgograd saß an einem dieser miesen und armseligen postsozialistischen Tage ein Gremium beisammen und überlegte, wie man der nicht wirklich interessanten oder mit Schönheit gesegneten Stadt ein wenig Pep verleihen könnte. Für Disneyland war die Zeit nicht reif, für ein Aquaerlebnisfitnessstudiosaunalandschaftthermalquellenzentrum fehlte das Geld. Also kam man auf die Idee, einfach den alten Namen aus der Versenkung zu holen und ein bisschen auf Blutbodenhäuserkampf-Mythos zu machen. Stalingrad, wollte man wieder heißen und alte Glorie herstellen. Die Leichen? Das Blut? Das qualvolle Sterben? Der gnadenlose Kampf, Haus um Haus, Meter um Meter? Schwamm drüber. Das müsse, wer Stalingrad sage und denke, verdrängen. Wer Stalingrad meine, der meine den Sieg über den deutschen Faschismus, meine Ehre, Tapferkeit, Vaterland, hat das Stadtparlament öffentlich erklärt.

Leider hat sich der Jogginganzug und Kalaschnikow tragende tschetschenische Jungministerpräsident Rambo Kadyrow gegen Nokchoi ausgesprochen. Die Idee käme zur falschen Zeit, Tschetschenien habe wichtigere Probleme zu klären, sagte er, und irrt. Denn wo Tschetschenien liegt, das weiß notgedrungen inzwischen sogar der Nordamerikaner und hofft entweder auf eine vollkommene Eliminierung der dortigen Terroristen, sprich Bevölkerung, oder auf einen Friedensvertrag, nach dessen Unterzeichnung sich alle an den Händen fassen und in Zukunft lieb sind. Nokchoi würde beides überflüssig machen. Ein Land, das niemand kennt, kann nicht im Krieg sein, kann keinen Terror hervorbringen, braucht keinen Wiederaufbau.

Gazpromgorod oder Putingrad gefällig?

Russland ist groß und Möglichkeiten der Stadtumbenennung gibt es genug. Auch Moskau ist ja im Grunde kein aussagefähiger Name, keiner, mit dem man irgendwen hinter dem Ofen hervorlocken könnte, außer Studiosus-Reisende vielleicht. Gazpromgorod böte sich an. Für Putingrad voluntieren gleich mehrere Städte (Kaliningrad, St. Petersburg), mal abwarten, wer den Zuschlag kriegt. Und wenn die Tage der deutsch-russischen Freundschaftsküsse nicht vorbei sind, wird es sicherlich demnächst einen Gerhard Schreder Oblast geben (das ö ist für Russen unaussprechlich). In Kamtschatka vielleicht, und als Ansporn für den dortigen nicht existierenden Tourismus. Sollte das Erfolg zeitigen, könnte man rebranding weltweit zur Imagepflege anwenden und so die Achse des Bösen elegant eliminieren. Der Iran nennt sich künftig Sultanistan, aus Irak wird wieder Persien, der Libanon könnte Couscousi werden und hinter dem niedlichen Wort Pukchoson würde niemand mehr das böse Nordkorea vermuten.   

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Die Autorin ist Korrespondentin von n-ost. Das Netzwerk besteht aus über 50 Journalisten in ganz Osteuropa und berichtet regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand zu allen Themenbereichen. Ziel von n-ost ist es, die Wahrnehmung der Länder Mittel- und Osteuropas in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verbessern. Weitere Informationen unter www.n-ost.de.

Kaukasus Russland

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