Nikolaus oder doch Väterchen Frost?WEIHNACHTEN

Nikolaus oder doch Väterchen Frost?

Nikolaus oder doch Väterchen Frost?

Auch die Kroaten feiern Weihnachten – soviel steht fest. Doch die Vorstellungen darüber, was auf den Festtagstisch gehört, wer die Geschenke bringt und wann überhaupt gefeiert wird, gehen weit auseinander. Ein Streifzug durch den jungen Adriastaat.

Von Veronika Wengert

Der Hauptplatz von Zagreb geschmückt mit bunten Weihnachtslichtern.  
Der Hauptplatz von Zagreb geschmückt mit bunten Weihnachtslichtern.
(Foto: Veronika Wengert)
 

B unte Herzen und Lichterketten über den Flaniermeilen tauchen die kroatische Hauptstadt Zagreb in der Vorweihnachtszeit in ein wärmendes Orange. Vor Holzbuden prosten sich Menschen ausgelassen mit Glühwein zu, der in Kroatien allerdings meist weiß ist. Und in den Schaufenstern suchen italienische Designerschuhe und Schweizer Uhren den Konsumenten zu verführen. Auf den ersten Blick erinnert das meiste an Deutschland, zumindest in den Großstädten – doch wie feiern die Kroaten das Weihnachtsfest abseits von Konsum und Kommerz?

„Vor allem in den Städten haben sich nur wenige alte Weihnachtsbräuche erhalten“, erklärt die Ethnologin Katica Mrgic. An Heiligabend wird allerorts der Weihnachtsbaum geschmückt, den ganzen Tag lang wird gefastet – was in Kroatien Fisch statt Fleisch auf dem Teller bedeutet. Nach dem Abendessen werden die Geschenke verteilt, um Mitternacht gehen die meisten Familien schließlich gemeinsam zur Mitternachtsmette in die Kirche. Diese nimmt wieder einen sehr hohen Stellenwert ein – immerhin sind neun von zehn Kroaten katholisch, viele haben nach dem Zerfall des Sozialismus den Glauben neu entdeckt. „Manchmal gibt es dann nachts noch einen besonderen Schmaus, wenn man aus der Kirche nach Hause kommt – Schweinebraten mit Meerrettich“, ergänzt Tourismuschefin Lidija Kopjar aus dem Städtchen Sisak die Aufzählung.

Schweinebraten oder getrockneter Stockfisch

Was vom Braten übrig bleibt, kommt am ersten Weihnachtsfeiertag auf den Tisch – meist kalt. Keinesfalls fehlen darf „Sarma“, mit Hackfleisch und Reis gefüllte Krautwickel. „Das wird gerne zum Ausnüchtern gegessen“, erklärt Lidija Kopjar und lacht. Die Weihnachtsgans mit Knödeln und Rotkraut ist in Kroatien weitgehend unbekannt: Im Zentrum des Landes wird traditionell Pute mit „Mlinci“ serviert – getrocknete Plinsen aus Mehl und Wasser, die kurz überbrüht und mit Schmalz angeröstet werden.

In Dalmatien hingegen ist Weihnachten undenkbar ohne „Bakalar“, getrockneten Stockfisch. Die Spezialität, die ein wenig lederartig wirkt, wird gerne mit Kartoffeln serviert. Hobbykoch Ratimir Cular aus Zagreb, dessen Familie von der Küste stammt, erinnert sich an ein Weihnachtsfest, das er in Frankfurt am Main verbracht hat. „Mein Bekannter ist Heiligabend mit solch einem Fisch vorbeigekommen, da wir traditionell feiern wollten“, erinnert sich der Luftfahrtsingenieur. Dabei hatten die beiden nicht an den intensiven Geruch gedacht, der beim Kochen entsteht. „Es roch wie in der Hölle, die Nachbarn hämmerten laut und fingen an, uns wild zu beschimpfen“, so Cular.

Küstenregion und Zentrum unterscheiden sich auch im Hinblick auf die weihnachtliche Nachspeise: Mohn- und Nußrolle sind zwar gleichermaßen populär auf dem kroatischen Weihnachtstisch. In Dalmatien werden jedoch auch „Fritule“ serviert, fritierte Miniaturbällchen aus Hefeteig. Im Nordwesten des Landes ist der jahrhundertelange Habsburgische Einfluß hingegen noch spürbar: „Guglof“, wie die Kroaten den Guglhupf nennen, wird hier gern gebacken.

Keinen Luftballon vom Weihnachtsmann

In ländlichen Gegenden wird auch traditionelles Brauchtum noch gepflegt. So trägt vielerorts das Familienoberhaupt am Heiligen Abend, der in Kroatien „Badnjak“ heißt, ein Holzscheit ins Haus, das im Kamin oder Ofen stundenlang lodert. Dieses Holz wird ebenfalls „Badnjak“ genannt und hat dem 24. Dezember überhaupt seinen Namen verliehen, erklärt Ethnologin Katica Mrgic. Unter dem Tisch wird Heu ausgebreitet, darauf werden Maiskolben gebettet. „Vor allem in landwirtschaftlich geprägten Gegenden ist es üblich, der Natur auf diese Art für ihre Gaben zu danken und sich im kommenden Jahr ebenso viel zu erhoffen“, sagt die Expertin.

Der Weihnachtsweizen wird hingegen bis heute auch in den kroatischen Städten gesät – entweder am Sankt Barbaratag (4. Dezember) oder am Namenstag der Heiligen Lucia (13. Dezember). Seit der Unabhängigkeit Kroatiens sieht man häufig, daß viele Menschen die aufgegangene Saat mit kleinen rot-weiß-blauen Nationalflaggen verzieren.

Ansonsten erinnert selbst die Fernsehwerbung an Deutschland: Das kleine Mädchen in Kroatien möchte auch keinen Luftballon mehr vom Weihnachtsmann, sondern ein neues Mobiltelefon. Und während die Ausgaben der Deutschen und Österreicher für Weihnachtsgeschenke seit zwei Jahren stagnieren, sind sie in Kroatien in diesem Jahr gar um 30 Prozent gestiegen: Bei einem Durchschnittsgehalt von 600 Euro monatlich, plant jeder Haushalt gut ein Drittel davon für Weihnachtsgaben ein.

Väterchen Frost strolcht auch über den Balkan

Nenad Zakosev, der an der Zagreber Universität Politik lehrt, erinnert sich an seine Kindheit in den sechziger Jahren: Zu sozialistischen Zeiten wurde auch in Jugoslawien an Weihnachten gearbeitet, nur wenige Gläubige gingen damals in die Kirche. Geschenke gab es an Neujahr unter der „Jolka“, dem Neujahrsbaum. Wer seine Tanne oder Fichte dennoch an Weihnachten schmückte, tat dies heimlich. Auch der Heilige Nikolaus war undenkbar, statt dessen adaptierte man Väterchen Frost aus Rußland, „Djed Mraz“, erinnert sich Nenad Zakosek. Zunächst sei von der Regierung sogar angedacht worden, einen „alten Partisanen“ als Gabenbringer in die Phantasiewelt der Kinder einzupflanzen. Diese Idee habe man jedoch recht schnell verworfen, so der Politologe.

Mit dem Kommunismus verschwand schließlich auch „Djed Mraz“ wieder von der Bildfläche – zumindest in Kroatien. Übereifrige Sprachpuristen führten in den neunziger Jahren „Djed Bozicnjak“ als neue Bezeichnung für den Geschenkebringer ein, in Anlehnung an das kroatische Wort „Bozic“ für Weihnachten.

Fragt man heute in Kroatien, wer denn nun eigentlich die Geschenke bringe, ist die Verwirrung groß. Nikolaus konkurriert mit der Heiligen Lucia, die in einigen Gegenden Dalmatiens Kinderherzen höher schlagen läßt. Und „Djed Mraz“ wetteifert mit seinem neuen Namensvetter „Djed Bozicnjak“. Und auch das Datum des Weihnachtsfestes ist nicht einheitlich im ganzen Land. Die serbische Minderheit feiert das orthodoxe Weihnachtsfest erst am Vorabend des 7. Januar, während an diesem Tag katholische Sternsinger von Haus zu Haus ziehen und die Heiligen Drei Könige symbolisch ankündigen. Erst zwei Wochen später, wenn die Taufe von Johannes im Jordan gefeiert wird, ist der Weihnachtszyklus abgeschlossen – dann geht es wieder auch in Kroatien ein wenig ruhiger zu.

Zu Weihnachtsbräuchen in Eurasien siehe EM 11-03, 12-03 (Teil 1 und 2) und 12-04 sowie „Weihnachten in den Ländern Eurasiens“.

*

Veronika Wengert ist Korrespondentin von n-ost. Das Netzwerk besteht aus über 50 Journalisten in ganz Osteuropa und berichtet regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand zu allen Themenbereichen. Ziel von n-ost ist es, die Wahrnehmung der Länder Mittel- und Osteuropas in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verbessern. Weitere Informationen unter www.n-ost.de.

Balkan Kultur Weihnachten

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

  1. Wie Putin die Welt sieht
  2. Hintergründe zum Putsch in der Türkei
  3. Die Kurden - Geschichte, Kultur und Hintergründe
  4. Schwarzkümmel - Heilmittel des Propheten Mohammed
  5. „Hitler und Tito waren Schulfreunde“

Eurasien-Ticker