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Nomaden ohne Weide?

Über die Wandlungen der Gesellschaft in den Steppen des tibetischen Hochlandes. Die Menschen streben nach Einkommen, Schulbildung und einem bescheidenen Wohlstand. Unser Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem Sonderforschungsbereich der Universitäten Leipzig und Halle-Wittenberg. Er setzt sich dort mit Veränderungen des Lebens von Nomaden in Osttibet auseinander.

Von Andreas Gruschke
30.05.2006 Drucken Senden Kommentieren

E in Großteil unseres westlichen Bildes der tibetischen Kultur ist geprägt von den Zeugnissen der in Ackerbaugebieten des Schneelandes angesiedelten Zivilisation. Dennoch ist der tibetische „Nomade“ bestimmend bei der Betrachtung der Menschen auf dem Dach der Welt. Diese Sicht läuft auf die klassische Unterscheidung zwischen den beiden großen Bevölkerungsgruppen im alten Tibet hinaus: hier sesshafte Bauern, dort die durch die Hochlandsteppen ziehenden Hirten.

Dem Begriff des Nomaden, den wir im Westen benutzen, wurden – von der häufig unscharfen Verwendung in der Umgangssprache einmal abgesehen – in der Geographie und Ethnologie ursprünglich einige besondere Merkmale zugewiesen. Unter Nomadismus sollte eine mobile Lebensweise verstanden werden, die durch Wanderweidewirtschaft gekennzeichnet ist. Dies bedeutet, dass Nomaden „Viehzüchter“ im weiteren Sinne sind. Sie kennzeichnen sich durch mobile Tierhaltung, die saisonale Wanderung erfordert („Wanderhirtentum“), sind in Klanstrukturen oder Zeltgruppen organisiert und wohnen in „bodenvagen“, das heißt in „mobilen Behausungen“ wie z.B. Zelten und Jurten.

Während der Begriff „Nomade“ im öffentlichen Sprachgebrauch schon lange sehr weit gefasst wurde, hatte sich beim Bild der tibetischen Nomaden das Leben mit Vieh und in Zelten als Selbstverständlichkeit eingeprägt. Im wissenschaftlichen Diskurs wird Nomadismus allerdings seit einiger Zeit in einem modernen Sinn neu definiert: „Nomadisch sind Organisationsformen von Arbeit und Leben, die in Person, Arbeitsmitteln, Arbeitsplatz und  Wohnungen beweglich sind, die es erlauben, geo- oder sozialklimatischen Unbilden auszuweichen.“

Bildergalerie: Nomaden ohne Weide (Fotos: Andreas Gruschke)

Auf dem Dach der Welt werden tibetische Hirten als „Drokpa“ bezeichnet

Da tibetische Hirten bei uns grundsätzlich als Nomaden bezeichnet werden, soll der entsprechende einheimische Begriff kurz erläutert werden. Auf dem Dach der Welt werden sie Drokpa genannt. Dieses tibetische Wort setzt sich zusammen aus ’brog und pa, wobei ´brog „Einsamkeit, Wildnis“ bedeutet, im landwirtschaftlichen Sinne unkultiviertes Land, besonders aber Sommerweide für Vieh in den Bergen. Ein ´brog pa ist dementsprechend ein „Mann oder Mensch der Einsamkeit oder Wildnis“. Er lebt in landwirtschaftlich nicht nutzbaren Gebieten - das bedeutet auf reinen Weideflächen der Hochland- und Gebirgssteppe. Droksa (´brog sa) bedeutete demgemäß zum einen Weideland und zum anderen Menschen, die darin leben, die sog. Drokmi (´brog mi): Bewohner der Steppe, also nomadische Tibeter.

Bei der für die tibetischen Nomaden relevanten (Wander-) Weidewirtschaft wird das Vieh das Jahr über oder einen Teil des Jahres auf Saisonweiden gehalten. Der Besitzer des Viehs und seine Familie begleiten die Herde dabei von einer Saisonweide auf die andere, weshalb sie häufig in den großen, aus Yakhaar gewebten schwarzbraunen Zelten wohnen.

Wenn Reisende auf ihrem Weg durch Tibet auf Zelte treffen, werden sie daher sofort auf Nomaden tippen, im Angesicht eines Hauses jedoch eher nicht. Beide Gruppen, Nomaden und Teilnomaden, werden sich jedoch als Drokpa bezeichnen. Dies trifft auch für jene zu, die es sich aufgrund günstiger Weidebedingungen leisten können, ganzjährig an einem Ort zu wohnen und nur die Weidegebiete saisonal zu verändern.

Der Übergang vom Wohnen in Zelten zum ständigen Leben im Haus verändert das Selbstverständnis tibetischer Hirten nicht: sind sie einmal Drokpa, dann bleiben sie auch Drokpa – ganz im Gegensatz zur westlichen Auffassung. Die Lebensweise der Nomaden ist jedoch komplexer und basiert natürlich nicht nur auf der Unterscheidung zwischen fester oder mobiler Wohnung. Ihre Lebensweise ist in vieler Hinsicht an verschiedene Faktoren geknüpft: welche Tiere sie nutzen und welche Produkte sie aus oder mit ihnen herstellen, wie sie diese gewinnen, wie Eigentum und die Weiden verteilt, Hüten und andere Arbeiten sowie die saisonalen Wanderungen organisiert sind – um nur die wichtigsten hier zu nennen.

Für die Tierhaltung sind selbstverständlich die natürlichen Rahmenbedingungen ein wesentlicher limitierender Faktor. Tibet als ein weitläufiges Hochland, das sich auf einer Höhe von durchschnittlich 4500-5000 Metern erstreckt, wird von gewaltigen Gebirgsketten wie Himalaja, Pamir und Kunlun Shan eingerahmt. Im Herzen dehnt sich der Changthang aus, eine Hochlandsteppenregion nicht gekannten Ausmaßes. Es ist diese Situation – Höhenlage, niedere Breiten, Abschirmung durch die Randgebirge – die das Klima bestimmt. Im trockenen Kontinentalklima Tibets, das insgesamt als regen- und schneearm bezeichnet werden muss, fällt der größte Teil des Niederschlags im Sommer.

Schafe, Yaks und Ziegen sind an große Höhen gewohnt

Trotz großer Kälte im Winter gibt es oft keine geschlossenen Schneeflächen. Die Dauerschneegrenze liegt im zentralen Hochland bei 6400 Metern Höhe. Dieses Klima lässt in den höheren Regionen Tibets die Viehzucht als einzige Wirtschaftsweise zu. Für Ackerbau sind die Vegetationszeit zu kurz und die Niederschläge zu gering. Das Klima variiert von extremer Trockenheit im Westen und Nordwesten bis hin zu größerer Feuchtigkeit im Osten. Auch die Temperaturverhältnisse sind sehr unterschiedlich. Das führt dazu, dass die tibetischen Nomaden je nach Region verschiedene Nutztiere in unterschiedlichem Ausmaß halten: Schafe, Yaks und Ziegen. Diese Tiere sind alle an die große Höhe gewöhnt und an die Kälte angepasst. Das Pferd, das wir gemeinhin ebenfalls mit Nomaden, vor allem den berühmten mongolischen Reiterkriegern, verbinden, ist in Tibet ein reiner Luxus-Artikel. Tibeter sehen ihre Pferde nicht als Nutztiere: sie melken sie nicht, essen ihr Fleisch nicht und hüten die Viehherden auch nicht vom Pferd aus. In ihrer Wirtschaft spielt das Pferd keine Rolle. Der hohe Preis, die Anschaffung von Sattel und Geschirr, außerdem die Tatsache, dass man besonders im Winter mit Heu oder Getreide zufüttern muss, machten ein Pferd für ärmere Haushalte bis heute oft unerschwinglich. Inzwischen wird es ohnehin zunehmend durch das Motorrad ersetzt.

Yak, Schaf und Ziege werden auf vielfältige Weise genutzt. Sie werden gemolken, und die Milch verarbeitet man zu Joghurt, Butter und teilweise auch zu Käse. In der kalten Jahreszeit ist der Milchertrag deutlich geringer, daher muss Fleisch die entstehenden Defizite in der Ernährung ausgleichen. In den meisten Regionen Tibets war ein Überleben ohne Fleisch auf Dauer nicht möglich. Nicht zuletzt deshalb unterscheiden sich die buddhistischen Mönche in Tibet von jenen anderer Regionen, insbesondere in Ost-, Süd- und Südostasien dadurch, dass sie regelmäßig – und zuweilen durchaus viel – Fleisch essen. Schlachtungen finden in der Regel einmal am Anfang des Winters statt, da die Tiere am Ende des Herbstes ihr Maximalgewicht erreichen. Über den Winter verlieren sie zu viel an Gewicht.

Im Sommer ist es schwierig, Fleisch aufzubewahren, da es leicht verderben kann, während im Winter die großen Stücke gefrieren und so gut aufbewahrt werden können. Im Sommer wird daher kaum Fleisch verzehrt, zumal das Fleisch aus den herbstlichen Schlachtungen bis dahin meist verbraucht ist. Das Schlachten wird aus religiösen Gründen oft von einer besonderen Person vorgenommen. Es handelt sich meistens um ärmere Nomaden, die dafür honoriert werden. Mit diesem extra Einkommen halten sie sich über Wasser.

Mit Milchprodukten und Fleisch sind die Nutzungsmöglichkeiten der Tierhalter natürlich noch nicht erschöpft. Wolle, Haare und Häute gehören traditionell zu den primären Handelsgütern der Nomaden. In den brennholzarmen Gebieten der Hochlandsteppen spielt auch der Dung der Tiere eine große Rolle. Er wird zum Feuermachen verwendet. Die Haare der Yaks verarbeitet man zu dem dicken, dunkelbraunen Stoff, aus dem die Nomadenzelte, die „Ba“, bestehen. Auch Säcke und Stricke werden aus verwobenen Yakhaaren hergestellt. Von den Ziegen- oder Schaffellen nähen die Nomaden zudem ihre großen, langen Mäntel, die mit dem Fell nach innen getragen werden.

Im Kommunismus wurde versucht, die Hirten zur Sesshaftigkeit zu zwingen.

In den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts war versucht worden, die tibetischen Hirten sesshaft zu machen und zu einer völlig anderen, ihnen bis dahin fremden Lebensweise umzuerziehen. Vor allem nachdem die kommunistische Volksrepublik China ihren Anspruch auf Tibet durchgesetzt hatte, wurden solche Bestrebungen forciert. Zunächst allerdings änderte sich noch nicht viel in der Lebens- und Wirtschaftsweise der Nomaden. Man scheute sich, das kommunistische Wirtschaftssystem auf einen Schlag bei den dafür noch unvorbereiteten Tibetern einzuführen. Die dem Dalai Lama unterstehenden Gebiete hatten dabei noch länger Frist als jene im Osten, die außerhalb der späteren Autonomen Region (TAR) lagen. Dort wurde bereits Mitte der 1950er Jahre mit Sozialisierungsmaßnahmen begonnen. Dieser Unterschied war u.a. eine der wichtigsten Ursachen dafür, dass Unruhen und Aufstände gegen die chinesische Regierung zunächst in Osttibet begannen und erst später nach Lhasa übergriffen.

Die entscheidende und gravierendste Veränderung trat im Lauf der Kulturrevolution (1966-1976) ein. 1970, mit Einführung der Volkskommunen, wurde das Vieh kollektiviert. Aus den ehedem selbständig wirtschaftenden Wanderhirten machte man eine Art „Ranch-Arbeiter“. Die zu verrichtenden Tätigkeiten blieben dieselben, doch die Verantwortung lag nun bei den Kommunen, die den Hirten die Arbeit nach Plan verteilten. Die Erträge jeglicher Arbeit ging an die Volkskommunen, die den Einzelnen nach einem Arbeitspunktesystem entlohnte. Zusätzlich wurden lebensnotwendige Dinge und Nahrungsmittel an die Nomaden verteilt, die sich, da sie den Ertrag ihrer Arbeit nicht mehr selbst abschöpften, jedoch weniger gut um das Vieh der Kommune kümmerten als ehemals um ihr eigenes.

Zusammen mit den üblichen Problemen der zentralen Planwirtschaft trug dies dazu bei, dass es fast allen Nomaden insgesamt schlechter ging als vorher. Auch der Umstand, dass ihnen Wohnung gestellt wurde, konnte die Nachteile nicht aufwiegen, zumal die in jener Zeit errichteten Baracken-ähnlichen Bauten dem Klima Tibets kaum gerecht wurden. Als schöneres Wohnen fassten diese ästhetisch unansehnlichen Siedlungen gewiss nur die ärmsten Nomaden auf, sonst wären nach der wirtschaftlichen Liberalisierung kaum so viele Hirten in ihre traditionellen Zelte zurückgekehrt.

Die Zwangsmaßnahmen der Kommunisierung sind gescheitert und wurden aufgegeben. Dass wir heutzutage wieder über tibetische Nomaden sprechen ist letztlich ein Zeichen dafür, dass sich ihre Tradition nicht nur als sehr stark erwiesen, sondern der Staat es auch – in gewissen Grenzen – zugelassen hat, dass die Tradition wieder aufgenommen wurde.

1981 hat man die Volkskommunen aufgelöst, das Vieh erneut verteilt. Durch die Reform- und Öffnungspolitik wurde der einzelne Haushalt wieder zur eigenen Wirtschaftseinheit. Ihm gehört das Vieh, alle Entscheidungen diesbezüglich fällt das Familienoberhaupt. Der Lebensstandard hat sich gegenüber der Volkskommunen-Zeit deutlich verbessert, nachdem Peking für längere Zeit verfügt hatte, dass tibetische Bauern und Hirten von Steuern oder Abgaben befreit wurden.

Gleichzeitig trat aber wieder eine soziale Differenzierung ein. Neben sehr erfolgreichen Haushalten gibt es solche, die durch verschiedenste Arbeiten etwas dazu verdienen müssen. Gleichzeitige Verbesserungen in der Infrastruktur führten nicht nur dazu, dass nun Menschen aus anderen Teilen der Volksrepublik, Han-Chinesen und Hui-Muslime, leichter in die Nomadengebiete vordringen konnten. Durch Infrastrukturmaßnahmen hatten aber auch die Hirten kürzere Wege und besseren Anschluss an den Wirtschaftsraum der Städte.  Theoretisch bekamen sie somit bessere Vermarktungschancen.

Sind tibetische Nomaden bald nur noch eine Touristenattraktion?

Aus touristischer Perspektive sind Drokpas heute diejenigen Tibeter, die mit ihren Tieren – für den fremden Reisenden vorzugsweise Yaks – durch die Hochlandsteppen des Schneelandes ziehen und photogen in ihren schwarzbraunen, aus Yakhaar gewobenen Zelten leben. Unter strahlend blauem Himmel, mit buntem Enzian, manchmal auch Edelweiß übersäten grünen Wiesen hausen sie anscheinend wie im Paradies.

Der Fremde wird gastfreundlich ins Zelt gebeten. Dort wird ihm nach alter Sitte jener Buttertee vorgesetzt, den der Tourist grundsätzlich für ranzig hält, ihn daher eher stehen lässt.  Die Kamera zielt auf das Zeltinventar, die staunenden Kinder, insbesondere jenes mit nacktem Unterteil, um sie zu knipsen. So muss Nomadenleben sein. In einem Haus zu leben, kommt da wohl kaum in Frage, widerspricht es doch der Freiheitssehnsucht des Hirten auf dem Dach der Welt?

Zumindest sieht es so der gemeine Tourist. Deshalb auch seine Empfehlung, ausgesprochen oder nicht: Nomade, bleib bei deinen Zelten. Die weniger idyllische Realität dieses „beruflichen Dauer-Campings“ nimmt der Tourist nicht wahr. Selbst wenn er einen sommerlichen Schneeschauer im Changthang oder auf den Hochflächen der Fünftausender-Pässe mitbekommen sollte, ist das doch noch fern vom harten Lebens, das tibetische Nomaden in langen und bitterkalten Wintermonaten ertragen. Wer dies einmal erlebt hat, der kann sich schon bedeutend besser vorstellen, dass auch Nomaden – trotz des ihnen nicht zu Unrecht unterstellten Freiheitsdrangs – sich ohne weiteres auch aus eigenem Antrieb niederlassen, feste Häuser bauen und sich diese für ein „schöneres Wohnen“ einrichten.

Der Freiheitsdrang von Nomaden wurde zu allen Zeiten verklärt

Nicht nur aus der Sicht westlicher Touristen ist der Blick auf das (ehedem) freie Nomadenleben romantisch verklärt, sondern seit altersher auch aus derjenigen der tibetischen Bauern. Bei ihnen genoss das Dasein als Drokpa ein hohes Prestige und genießt es noch. Das liegt wohl daran, dass nur reiche Familien sich den Übergang zur Tierhaltung leisten können. Gleichwohl muss jedem klar sein, dass der nomadische Alltag aus harter Arbeit besteht. Beim Hüten der Tiere ist man den ganzen Tag dem Wetter ausgesetzt und hat nur wenig zum Essen dabei. Die in den letzten Jahren im Ausland beklagte Einzäunung von Weiden wird von den meisten Nomaden selbst eher positiv bewertet, da die Hirtenarbeit so erheblich vereinfacht wird.

Tibetische Nomadenfrauen tragen mit ihren alltäglichen Arbeiten wie Melken, Butterstampfen, Kochen, Wasser holen usw. meist die Hauptlast der Arbeit, was sich schön in einer tibetischen Wendung ausdrückt: „Kinder haben Schwielen an den Fußsohlen, Frauen an den Händen und Männer am Hintern.“ Natürlich, die Kinder sind während des Hütens viel auf den Beinen, die Frauen arbeiten mit ihren Händen und die Männer sitzen traditionellerweise beim Teetrinken zusammen. An Arbeiten fallen den Hirtenmännern insbesondere saisonale Aufgaben zu. Dazu gehören das Wandern mit den Herden, das Reisen und der Handel. Letzteres gilt als besonders beschwerlich, und so scheinen die Frauen durchaus davon überzeugt, dass die Lasten gleichmäßig verteilt seien.

Die saisonale Wanderung, die Verlagerung des Lagerplatzes zu neuen Weidegebieten gehört zum gewöhnlichen Lebensalltag. Dabei dreht es sich keineswegs um mehr oder weniger ungeordnete oder gar zufällige Wanderungen. Jeder Familie waren und sind bestimmte Weidegebiete zugewiesen, zu denen - je nach den natürlichen Verhältnissen - Winter-, Frühjahrs-, Sommer- und Herbstweiden gehören. Früher geschah diese Zuweisung durch die Stammesältesten, heutzutage jedoch durch die Gemeinde (xiang) bzw. den Dorfchef, der sich mit den Dorfältesten berät. Die Gemeinde als politische Institution entspricht von der Ausdehnung her in etwa früheren Stammes- oder Klan-Gebieten, daher scheint auch die Zufriedenheit mit diesem „gemeindebezogenen Ressourcenmanagement“ zu rühren.

Wenn die Herbstweide erschöpft ist, kehrt man ins Basislager zurück.

Seit alter Zeit besitzt jede Nomadenfamilie eine Art „Basislager“, wo sie ihr Winterlager, zuweilen aber auch Frühjahr- und Sommerlager hat. Im Changthang z.B. besteht es aus zwei bis neun Zelten. In Osttibet können dies auch Dörfer mit festen Häusern unterschiedlichen Ausmaßes sein. Im Herbst zieht jede Familie einzeln, mit Verwandten oder befreundeten Familien in kleinen Zeltgruppen auf ihre Herbstweide, wo sich die Tiere das nötige Fett für den Winter anfressen können. Wenn die Herbstweide erschöpft ist, kehrt man mit Schafen und Ziegen ins „Basislager“ zurück, während die Yaks bis zum Frühling in höher gelegenen Regionen bleiben. Dort bleiben auch die Hirten zurück, um die Tiere nicht allein zu lassen. In Amdo und vielen Teilen Khams verbringt man den Winter in tieferen, geschützten Lagen. Auf diese Weise ist die jährliche Wanderung auf ein Minimum beschränkt, kann aber je nach Region zwischen 15 und 60 Kilometer betragen.

Da das „Basislager“ die längste Zeit des Jahres in Anspruch genommen wird und es sich Jahr für Jahr an der selben Stelle befindet, ist es entsprechend ausgestattet. Im Winter wurden die Zelte früher in bis zu einem Meter tiefen Gruben aufgeschlagen und zudem mit Stein- oder Lehmmauern umgeben. Im Changthang ist das immer noch so. Diese Maßnahme bietet Schutz vor den unerbittlichen Winden und der grimmigen Kälte. Wohlhabendere Familien errichten im Basislager sogar richtige Wohnhäuser.

Wohlhabendere Familien bleiben ganzjährig an ein und demselben Ort

Manche Nomadenfamilien, vor allem in Westtibet, ziehen es vor, das ganze Jahr über an einem Ort zu wohnen. Insbesondere seit den späten 1980er, frühen 1990er Jahren sind auch die meisten Nomaden in Osttibet (Amdo, Kham) dazu übergegangen, sich feste Winterhäuser zu bauen. Dass hierfür behördlicherseits seit einigen Jahren erhebliche Mittel bereit gestellt werden, damit die Gemeinden solche festen Winterquartiere erhalten, hat gewiss zwei Seiten. Zum einen erhärtet sich hier sehr schnell wieder der Verdacht, dass nicht zuletzt aus einem Dünkel gegenüber der mobilen Lebensweise die Nomaden sesshaft gemacht werden sollen. Zum anderen kann nur so den Nomaden auch eine gewisse Infrastruktur geboten werden, der die mobile Lebensweise natürlich entgegensteht: Versorgung mit Elektrizität, leichterer Zugang zu Schulen für die Kinder usw. In so gut wie allen Fällen meiner letztjährigen Befragungen in Amdo und Kham jedoch waren die Drokpa-Haushalte, die ihre festen Winterquartiere besaßen, in der warmen Jahreszeit immer noch in Zeltlagern auf ihren Sommerweiden.

Es ist kaum zu bestreiten, dass der traditionelle Lebensstil der tibetischen Nomaden die erfolgreiche Anpassung an die Umweltbedingungen in einem der unwirtlichsten Landstriche der Erde ist. Eine solche mobile Weidewirtschaft als nachhaltige Nutzung der weiten Steppenlandschaften des Hochlandes wäre auch durch Deutsche, Franzosen, Han-Chinesen oder Amerikaner entwickelt worden, wären sie statt der Tibeter ins Schneeland hineingeboren worden. Die nomadische Kultur erwies sich dementsprechend auch als sehr widerstandsfähig.

Die traditionelle Lebensweise der Nomaden gilt in vielen Teilen der Welt als gefährdet.

Die Lebensweise der Nomaden, die in vielen Teilen der Welt völlig an den Rand der Gesellschaften gedrängt wurden, gilt heutzutage überall als gefährdet. Zwei Fragen stellen sich daher: Haben sich die verschiedenen Rahmenbedingungen, die man als Voraussetzungen für diese optimale Anpassung ansehen kann, inzwischen geändert? Und sind zum andern tibetische Nomaden Traditionalisten per se, sozusagen die Öko-Puristen, die man gerne in ihnen sieht, oder haben sie im zwischenzeitlich leichter gewordenen Austausch mit der Außenwelt ihre Vorstellungen vom und ihre Ansprüche an das Leben variiert?

Es ist unbestreitbar, dass in der heutigen modernen Welt selbst Nomaden in den fernsten Gebieten des tibetischen Hochlandes nicht von den Veränderungen in der Welt verschont bleiben. Das Stichwort heißt Globalisierung. Zudem empfinden auch die Betroffenen manches an der traditionellen nomadischen Lebensweise als beschwerlich und hart. Daraus resultieren eine Reihe von Problemen, die man unter dem Stichwort Entwicklungsprobleme zusammenfassen könnte. Mit Blick auf die Dominanz der westlichen Wirtschaftssysteme mag dies ein wenig arrogant klingen und daher die Frage aufwerfen: Warum brauchen wir überhaupt eine Entwicklung für eine Lebensweise, die als optimale ökonomische Anpassung an einen ökologisch schwierigen Raum gilt? Einige Teilaspekte der natürlich verlaufenen Veränderungen im tibetischen Raum und in der Welt geben hier Antwort.

Die Bevölkerungsentwicklung im tibetischen Hochland bietet nicht nur durch chinesische Einwanderer in die Städte und Stadtgemeinden Grund zur Sorge. Inzwischen wird nämlich deutlich, dass selbst die an die ökologisch schwierigen Lebensräume angepasste Wirtschaftsweise der Drokpas an ihre Grenzen stößt. Bei einer Bevölkerung, die sich im letzten halben Jahrhundert mehr als verdoppelt hat, ist seit 1950 auch der Anteil der von der Wanderweidewirtschaft lebenden Tibeter auf das Doppelte angestiegen. Grundlage der ökologisch verträglichen Viehwirtschaft der tibetischen Nomaden ist ausreichend Weidefläche, die räumlich jedoch nicht weiter ausgedehnt werden kann. Zwar mag richtig sein, dass die falsche Politik der 1970er und 1980er Jahre die Verantwortung für viele Überweidungen, ja auch Verwüstungsprobleme trägt. Der Hinweis darauf kann allerdings diese Probleme nicht rückgängig machen.

Die nötige Regeneration des Graslandes gestaltet sich immer schwieriger

Die Experten sind sich darüber einig, dass sich die Qualität des Graslands auch aus klimatischen Gründen ständig verschlechtert. Seit den 1970er Jahren sind die als Weiden nutzbaren Steppen um etwa 25 Prozent zurückgegangen. Die Bejagung von einheimischen Raubtieren (Wölfe, Füchse) haben zudem die natürliche Dezimierung von Kleintieren wie Pfeifhasen beeinträchtigt, die die Regeneration des Graslandes so zusätzlich erschweren. Verschärft wird die Weidekonkurrenz noch dadurch, dass klassische nomadische Handlungsweisen auf moderne Wirtschaftstaktiken stoßen. Noch immer legen Haushalte in traditioneller Weise Wert darauf, möglichst große Herden zu besitzen, ohne Tiere zu verkaufen. Sie glauben nicht, dass es so etwas wie „zu viele Tiere“ gibt. Viele Tiere bezeugen Wohlstand und gelten als Absicherung für schlechte Jahre – die sich erwiesenermaßen häufen.

Andere vergrößern ihre Herden, um für den städtischen Markt zu produzieren. Wieder andere halten sich nur die nötigen Tiere für den Eigenbedarf, während die meisten Hirten ihr Geldeinkommen inzwischen über das schon als selbstverständlich zum Nomadenleben gehörende Sammeln von auf dem chinesischen Markt begehrten Heilpflanzen beziehen. All dies verschärft den Druck auf die Steppenlandschaft und macht deutlich, dass hier auch für die Nomaden unbedingt neue Lebenschancen in den größeren Gemeinden und Städten geschaffen werden müssen.

Dagegen steht, dass Tibeter Gefahr laufen könnten, vom Arbeitsmarkt in China verdrängt zu werden. Meine Befragungen im letzten Herbst hatten gerade dieses Problem im Blick. Als Untersuchungsraum hatte ich die Region Yushu gewählt, weil sie traditionell viehwirtschaftlich geprägt ist. Hauptort dieser Region ist das - im Chinesischen gleichnamige - Städtchen mit dem tibetischen Namen Jyekundo. Als politisches, wirtschaftliches und kulturelles Zentrum der Autonomen Präfektur Yushu ist die Zuwanderung von Ortsfremden hier am größten: Han-Chinesen aus den Provinzen Qinghai, Gansu und Sichuan, Hui-Muslime, aber auch Tibeter aus anderen Gebieten, insbesondere den Yushu zugehörigen Landkreisen.

Wie wird eine Stadt aus ehemaligen Nomaden aussehen?

Aus einem Ort, dessen Bevölkerung noch vor 70 Jahren aus etwa 100 Bauern- und Händlerfamilien plus 300 bis 400 Mönchen bestand, ist inzwischen eine Stadt von ca. 60.000 Menschen geworden. Hier konzentrieren sich Funktionen und Infrastruktur eines Raumes von der Größe halb Deutschlands: mit Schulen, Krankenhaus, Busstation, Markt, Geschäfte, Hotels, Restaurants usw. Man kann nicht sagen, dass dieser Ort inmitten einer noch immer dominant tibetisch geprägten Region ein chinesisches Gepräge hätte abwehren können. Gleichwohl stellt sich die Frage: wie würde die Stadt einer ehemals fast reinen Nomadenbevölkerung aussehen, die niemals Städte hatte?

Es finden sich hier in fast allen Berufssparten Angehörige aus „Nomadenfamilien“: der Direktor einer der höchsten Schulen der Präfektur bezeichnet sich noch immer als Drokpa, ebenso wie der Polizist, der Uniform tragende Wachmann des größten Hotels der Stadt oder ein Taxifahrer, der aus einer Hirtenfamilie stammt.

So wird das Städtchen Yushu zum Musterbeispiel für Chancen und Risiken der  tibetischen Nomadenbevölkerung. Wir lernen den Jugendlichen kennen, der zur Sommerszeit den Eltern auf der Weide im 200 km fernen Dritö aushilft und im Winterhalbjahr im Internet-Café in Yushu arbeitet. Der sich als Drokpa sieht, aber auf die Frage, ob die Eltern Ende Herbst auch Yaks verkaufen, sagt: „Weiß ich nicht. Ich esse Fleisch, ich handle nicht damit!“

Da ist der Mönch aus dem bedeutenden Steppenkloster Serkar Gompa, der bedeutet, dass er mir meine teure Kamera abkaufen will, und der junge tibetische Knirps, der mich mit seinen wenigen englischen Brocken anspricht, die ihm neben Chinesisch und Tibetisch in der Grundschule gelehrt wurden. Unterhalten aber wird er sich mit mir, da mein Tibetisch noch dürftig ist, auf Chinesisch, weil er die beste Schulbildung nun einmal auf Chinesisch bekommen hat. Teilweise aus politischen Motiven der chinesischen Kader, mag sein, aber auch zu einem beträchtlichen Teil, weil die meisten Tibeter von Bildung außerhalb der Klöster traditionell nicht viel halten und dieses Feld dementsprechend lange den Behörden allein überlassen haben.

Nomadenfamilien erkennen die Notwendigkeit, ihre Kinder auf Schulen zu schicken

Die aus der „Modernisierung“ des Lebensalltags resultierenden Probleme lassen sich ohne entsprechende Ausbildung und Schulen nicht lösen. Diese Logik scheint inzwischen alle Beteiligten, Behörden und die Nomaden-Haushalte, zu erreichen. Noch bis vor kurzem wurde auf die Durchsetzung der Schulpflicht bei Wanderhirtenkindern verzichtet, weil die Distanzen von den weit verstreut in der Steppe lebenden Haushalten zu den Internats-ähnlichen Schulen zu groß waren. Inzwischen ist der Schulbesuch auch bei den Nomaden etwas sehr viel Normaleres geworden. In den Nomadengebieten der TAR (Nagchu, Ngari) ist der Schulbesuch noch kostenlos, andernorts werden armen Familien die Gebühren erlassen. Und die Nomadenfamilien selbst sehen es inzwischen meist als Notwendigkeit und Chance an, ihre Kinder auf die Schule zu schicken. Dies ist vor allem auch deshalb einfacher geworden, weil sie über ihre im Sommer genutzten Zelte hinaus Winterhäuser in Dörfern haben, von denen aus Schulen besser erreichbar geworden sind.

Es ist keine Frage, ob auch die Nomadengebiete entwickelt werden müssen, sondern eher wie und durch wen? Der Fall Yushu scheint jedenfalls zu zeigen, dass die Gratwanderung zwischen Fremdbestimmung und Mitverantwortung von einigen Tibetern durchaus mit Erfolg gegangen wird. Leider liegt es am politisch noch immer sehr starren System, dass die wenigen Erfolge immer wieder gravierende Rückschläge erleiden.. Und dennoch finden auch in diesem sozialpolitischen Klima tibetische Nomaden und ihre Verwandten neue Wege zu neuen Beschäftigungsmöglichkeiten. Manche davon führen sie sogar aus ihrem ursprünglichen Lebensraum hinaus: als Sänger in die Provinzhauptstadt, als Händler und sogar als politische Kader. Eine einstmals durch und durch traditionell orientierte Nomadengesellschaft hat sich in überraschender Weise diversifiziert. Viele der einstigen Nomaden mögen diese Chancen ergriffen haben, weil sie über die Beherrschung des Chinesischen zu besseren Aussichten kamen. Gleichwohl haben sie darüber weder ihre tibetische, noch ihre „nomadische“ Identität verloren.

Was bequem und hilfreich ist, wird auch akzeptiert

Die Begegnung mit neuen Lebenswelten - im Fernsehen und in der Wirklichkeit - schafft neue Ansprüche auch bei den Nomaden. Wir mögen sie grundsätzlich für konservativ in ihren Werten halten, und ihre Wirtschaftsweise, zum Teil auch ihre Lebensweise wollen sie häufig wohl nur ungern verändern. Dennoch: was bequem ist, was hilfreich ist oder ihnen zumindest als solches erscheint, wird durchaus akzeptiert.

Das Beispiel Yushu ist nicht zwangsläufig repräsentativ. Auch kann ich nicht behaupten, dass man hier auf dem Weg ist, bislang bestehende Probleme der Tibeter, insbesondere der Nomaden, bestmöglich zu lösen. Dahin wird sicher noch ein weiter Weg sein, der meines Erachtens jedoch schon eingeschlagen ist. Dabei sind Tibeter nicht nur „Erleidende“, Passive, wie sie in westlichen Medien gerne dargestellt werden. Tibeter handeln bis heute eigenständig, sie reagieren selbst auf die Veränderungen in der Welt. Und die verblüffende Diversifizierung der (einstmals) nomadischen Gesellschaft in Yushu überrascht dabei noch mehr, weil bei allen Veränderungen an der Drokpa-, der „nomadischen Identität“ festgehalten wird. Es ist bisweilen noch schwer abzuschätzen, wie stark die Konsequenzen für ihren Lebensalltag sein werden – doch gleich, wen ich befragt habe – ob Polizist, Hotelangestellte, Taxi- oder Lkw-Fahrer – sie bezeichneten sich als Drokpa, wenn sie aus einer (ehemaligen) Hirtenfamilie stammten, selbst wenn sie schon seit ein, zwei Generationen nicht mehr von Tierhaltung lebten. Einmal Drokpa, immer Drokpa – so scheint es.

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