„Nordkorea erwartet permanent den Krieg“LEBEN IN DER DIKTATUR

„Nordkorea erwartet permanent den Krieg“

„Nordkorea erwartet permanent den Krieg“

Peter Scholl-Latour war auf Recherche-Reise in Nordkorea. Im Gespräch mit dem Eurasischen Magazin berichtet er über seine Eindrücke aus der hochgerüsteten Ein-Parteien-Diktatur.

Von Ramon Schack

Peter Scholl-Latour  
Peter Scholl-Latour  

E urasisches Magazin: Herr Scholl-Latour, die Recherche für ihr neuestes Buch über die USA „Koloß auf tönernen Füßen“ hat Sie nach Nordkorea geführt. Wie war die journalistische Arbeit vor Ort?

Peter Scholl-Latour: Nordkorea war so etwas wie einer der letzten weißen Flecken auf der Landkarte meines langen Berufslebens. Für meine Recherchen habe ich ein einheimisches Team angefordert, wohl wissend, daß mir mit einem deutschen viel mehr Mißtrauen entgegengebracht worden wäre. Es begleitete mich permanent ein Vertreter der deutsch-koreanischen Freundschaftsgesellschaft. Und auch ein Abgesandter der Schriftstellergesellschaft war immer bei mir. Er sprach zwar kein Wort Deutsch, achtete aber aufmerksam darauf, daß mir ja nichts passierte.

„Pjöngjang ist eine zutiefst beklemmende Metropole.“

EM: Nordkorea gilt als einer der schwierigsten Staaten für Journalisten. Hatten Sie große Probleme?

Scholl-Latour: Die gab es vor allem bei Recherchen für eine Fernsehreportage. Hier wurden uns eine Reihe von Beschränkungen auferlegt: Soldaten und militärische Einrichtungen durften wir nur in sehr seltenen Ausnahmefällen filmen. Ebenfalls nicht gern gesehen waren Aufnahmen vom oft armseligen Alltag der Bevölkerung und von den bescheidenen „freien“ Märkten, auf denen die Kollektivbauern, mit Billigung der Behörden, ihre dürftigen Überschüsse verkaufen.

EM: Washington zählt Nordkorea zur „Achse des Bösen“. Welche Eindrücke haben Sie von dem international isolierten Staat gewonnen?

Scholl-Latour: Es handelt sich natürlich um einen totalitären Staat. Die Bevölkerung ist einer permanenten Gehirnwäsche im Sinne George Orwells unterworfen. Schon früh am Morgen werden in der Hauptstadt Pjöngjang per Lautsprecher Lobpreisungen verbreitet – über Kim Il Sung und seinen Nachfolger Kim Jong Il, der sich auch der große Führer und der liebe Führer titulieren läßt. Erwartungsgemäß waren uns Kontakte mit der Bevölkerung leider nicht möglich. Ohnehin halten die Nordkoreaner gegenüber den wenigen westlichen Besuchern höfliche Distanz. Pjöngjang habe ich als zutiefst beklemmende Metropole wahrgenommen, die riesigen Bauten kontrastieren stark mit dem spärlichen Leben auf den Straßen.

„Das Militär dominiert alle Bereiche des Lebens.“

EM: Ist die von Kim Il Sung konzipierte „Juche“-Ideologie, die auf die Autarkie des Staates abzieht, noch das ideologische Fundament der Volksrepublik Nordkorea?

Scholl-Latour: Mir wurde in Nordkorea schnell klar, daß die „Juche“-Ideologie, also das Streben nach ökonomischer Unabhängigkeit von ausländischen Mächten, inzwischen der sogenannten „Songun“-Doktrin gewichen ist. Songun bedeutet die absolute Dominanz des Militärischen in allen Bereichen des öffentlichen Lebens. Den Bedürfnissen der Armee ist folglich alles andere untergeordnet. Funktionäre haben mir klargemacht, daß man sich schon seit 1995 in der Songun-Epoche befinde. Nordkorea ist also nicht nur eine der letzten stalinistisch geprägten Ein-Parteien-Diktaturen, sondern auch einer der wenigen absolutistischen Militärstaaten weltweit.

EM: Wer hält in Nordkorea die Macht in den Händen, die Partei oder die Armee?

Scholl-Latour: Das ist schwer zu beurteilen. Im Jahr 1994 nach dem Tod des Staatsgründers Kim Il Sung stand Nordkorea am Rande des ökonomischen Bankrotts und inmitten einer furchtbaren Hungerkatastrophe. Ich halte es für möglich, daß es der Generalstab ist, der seit damals die Hebel der Macht in den Händen hält. Kim Jong Il wäre dann nur eine fügsame Marionette der Generäle.

EM: Welche Auswirkungen hat die Songun-Doktrin auf die militärische Schlagkraft Nordkoreas?

Scholl-Latour: Nordkorea verfügt über einen gewaltigen Militärapparat: ca. eine Million Soldaten stehen unter Waffen, sieben Millionen Reservisten sollen jederzeit mobilisierbar sein. Der Wehrdienst kann bis zu zehn Jahren betragen. Im ganzen Land hängen riesige Propaganda-Plakate mit antiamerikanischen Parolen. Nordkorea befindet sich in einem Zustand permanenter kriegerischer Erwartungen.

EM: Haben Sie herzlichen Dank für das Gespräch.

*

Ramon Schack, Jahrgang 1971, ist Diplom-Politologe und arbeitet als freier Journalist. Er wohnt in Berlin und schreibt für die „Frankfurter Rundschau“, die „Welt am Sonntag“ und den „Freitag“. Seine Themengebiete sind vor allem Osteuropa und der Nahe Osten.

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