„Notbremse nicht zu früh ziehen! – Mit dem Zug durch Indien“ von Andreas AltmannGELESEN

„Notbremse nicht zu früh ziehen! – Mit dem Zug durch Indien“ von Andreas Altmann

Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 2003, 188 Seiten, ISBN 3-499-23374-6

Von Julia Scharfreiter-Carrasco

„Notbremse nicht zu früh ziehen! – Mit dem Zug durch Indien“ von Andreas Altmann  
„Notbremse nicht zu früh ziehen! – Mit dem Zug durch Indien“ von Andreas Altmann  

EM – Indien ist ein Land der Widersprüche, das den westlichen Abenteurer immer wieder aufs Neue erstaunt. Ein Land, dem der Reisende manchmal „die Pest an den Hals“ wünscht, um es wenige Zeit später wieder zu lieben für seine Leichtigkeit, seine Freundlichkeit, seine idyllischen Bilder, seine Gelassenheit. Das ist der Eindruck, den Andreas Altmann von Indien vermittelt, wenn er von seiner Rundreise von Mumbai aus Richtung Süden, dann nach Kalkutta und in den Norden des Landes berichtet.

Er sucht in jeder Situation die Begegnung mit Menschen, um etwas über ihr Leben zu erfahren, um Gedanken auszutauschen. Er spricht mit anderen Zugreisenden, mit Gefängniswärtern, Bettlern und Bauernfängern, Büchernarren, Erleuchteten, Rikscha-Fahrern, Zuhältern und „heiligen Asketen“. Er verbringt einen Tag mit einem „Blechdosen-Mann“, der das Mittagessen bei Hausfrauen zu Hause abholt und zu ihren Männern ins Büro bringt. Er begleitet einen Rikscha-Fahrer mit geschädigter Lunge zum Arzt. Er besucht einen Dorflehrer, mit dem er schon vor Jahren „marihuana juice“ getrunken hat. Sie sinnieren über das Leben, die Existenzängste des Asiaten und über Hare Krishna. Der Leser erfährt viel von der indischen Mentalität, von der Armut und dem Umgang damit, von der Tabuisierung der Sexualität, vom fehlenden Drang an der eigenen Situation etwas zu ändern.

Altmann beschreibt natürlich auch Reiseeindrücke: unterwegs im Bus mit Musik auf „Lautstärke ‚Weltuntergang’“ oder lauten Actionfilmen – die „Verblödungsmaschinerie“, der man als Busreisender in Indien ausgesetzt ist. Er wird von Bettlern mit Lügengeschichten übers Ohr gehauen, trickst aber seinerseits einen Polizisten aus, bei dem er mit Bakschisch seinen Führerschein auslösen soll. Der Reisejournalist beschreibt das Chaos auf den Straßen der Großstädte – ein Gewusel aus Rikschas, Autos, Fußgängern, Hunden, Bussen und Handkarren. An seinem Zugfenster ziehen die Slums der indischen Millionenmetropolen vorbei, Menschen, die in freier Natur ihre Notdurft verrichten, und dann wieder der „Glanz der untergehenden Strahlen über den Reisfeldern“.

Indiens Großstädte, Amerikas Pop-Größen

Der Autor, 1992 mit dem begehrten Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet, wird zu Beginn des Buches als Lebenskünstler vorgestellt, der Hausmeister, Zeitungsausträger, Schauspieler, Dressman, Bandarbeiter und vieles mehr war. Die erfolglosen Versuche „des Arbeitsamtes, ihn zum Maschinenbauschlosser umzuschulen“, sollen da wohl grotesk wirken, angesichts des Potentials, das in Herrn Altmann steckt. Denn sonst ist nicht ersichtlich, warum dies erwähnt wird. Das stolze Präsentieren des unsteten Lebenswandels macht etwas skeptisch, doch das Buch zeigt schließlich, daß der Autor auch zu Selbstironie und selbstkritischen Bemerkungen fähig ist.

Hin und wieder verläßt Altmann den indischen Subkontinent gedanklich und erläutert seine Meinung zur Reinkarnation oder zum Schauspieler Richard Gere und dessen Äußerungen zu Aids. Er beschreibt sein zwiespältiges Verhältnis zu Reinhold Messner, übt Kritik am Fernsehkonsum der heutigen Jugend. Auch über die US-Sängerin Madonna läßt er sich aus oder erzählt, wie müßig er Gedanken zum Leben nach dem Tod findet. Diese Exkurse sind wohl Geschmacksache. Sie lockern das Buch auf, aber die Frage muß berechtigt sein, warum man die Meinung des Autors zu diesen Themen wissen muß. Geschmacksache sind auch die rund zehn Seiten zum Ashram des ehemaligen Sektenführers Bhagwan. Altmann hat einst selbst einige Zeit dort verbracht und berichtet recht ausführlich von der Geschichte des Gurus und seinen Lehren.

Insgesamt beschreibt Andreas Altmann sehr wortgewandt und unterhaltsam seine Erlebnisse in diesem widersprüchlichen, faszinierenden Land. Er nutzt seine journalistische Begabung, um Hintergrundinformationen zu recherchieren und das Erlebte einzuordnen, zu erklären. Der Reisebericht bietet einen guten Einblick in das indische Leben, in die Tücken und Offenbarungen, die das Land dem westlichen Reisenden bieten kann.

Indien Rezension

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