Ohrid ist der bekannteste Urlaubsort in MazedonienMAZEDONIEN

Pilgern zwischen Kirchen und Cafés

Ohrid ist der bekannteste Urlaubsort in Mazedonien

Im Südwesten Mazedoniens liegt der glasklare Ohridsee mit dem geschichtsträchtigen Städtchen Ohrid. 365 Kirchen soll es rund um die Stadt geben, eine für jeden Tag des Jahres. Doch auch an Cafés und Diskotheken mangelt es in Mazedoniens Urlaubsort Nummer eins nicht.

Von Jutta Sommerbauer

  Reiseinfos
  Anreise:
Flüge von Düsseldorf, Berlin und Hamburg nach Skopje mit Macedonian Airlines:
www.mat.com.mk
Flughafen Skopje und Ohrid: www.airports.com.mk

Regelmäßig Busse vom Busbahnhof Skopje nach Ohrid, Fahrzeit: 3 Stunden.
Info: www.skopje.com.mk

Einreise:
Gültiger Reisepass

Währung:
Mazedonischer Denar (MKD)
1 Euro = 61 Denar

Reisebücher:
Philine von Oppeln: Makedonien entdecken, Trescher Verlag
Thammy Evans: Macedonia, Bradt Travel Guide
Elena Engelbrecht: Makedonisch Wort für Wort, Verlag Reise Know-how

Informationen:
www.exploringmacdonia.com
www.ohrid.org.mk
www.culture.in.mk
Dudelsackpfeifer auf der Festung des Zaren Samuil in Ohrid. Foto: Sommerbauer.  
Dudelsackpfeifer auf der Festung des Zaren Samuil in Ohrid. Foto: Sommerbauer.  

Hier gibt’s noch eine Menge aus der Erde auszugraben“, lacht die junge Frau. Mit Hut und Sonnenbrille als Hitzeschutz steht die Archäologin in einem der ausgebuddelten Erdgräben. Das Areal rund um die Kirche des Heiligen Kliment ist mit bunten Plastikbändern abgesteckt: Da wird ein alter Wasserspeicher ans Tageslicht befördert, dort ein menschliches Skelett fein säuberlich abgeputzt. Derzeit lege man Reste aus der osmanischen Zeit frei, erklärt die Archäologin. Aber auch unter dieser Erdschicht liege noch einiges verborgen.

Im Mittelalter war die Stadt Ohrid in Mazedonien ein wichtiges religiöses Zentrum der christlich-orthodoxen Kirche. Hier waren im 9. Jahrhundert Kliment und Naum tätig – orthodoxe Mönche und Schüler der aus dem griechischen Thessaloniki stammenden Mönche Kyrill und Method. Letztere gelten in orthodoxen Ländern heute als „Slawenapostel“, weil sie im Südosten Europas als erste für die Orthodoxie missionierten. Außerdem entwickelten sie das glagolische Alphabet, einen Vorläufer der heutigen kyrillischen Schriftzeichen. So erhielten die orthodoxen Slawen eine gemeinsame Schrift, die in der Kirchenliturgie das Altkirchenslawische vor dem Griechischen festigte.

Wo heute die Archäologen graben, ließ Mönch Kliment vor elf Jahrhunderten ein Kloster errichten, in dem er über 3.500 Schüler ausgebildet haben soll. Seine Kirche wurde erst 2002 auf den alten Fundamenten wiederaufgebaut, in ihrem Inneren befindet sich Kliments Grab

Man muss nicht unbedingt ein Kirchen-Fan sein, um Ohrid zu mögen.

365 orthodoxe Kirchen soll es in der Gegend um Ohrid geben – eine für jeden Tag des Jahres. Ein Prunkstück ist die Kirche des Heiligen Johannes, malerisch auf einem Felsvorsprung gelegen, der in den Ohrid-See hineinragt. Sehenswert ist auch die Kirche der Heiligen Sofia in der hügeligen Altstadt, in der eindrucksvolle Fresken aus dem 11. Jahrhundert erhalten sind. 20 Kilometer von Ohrid entfernt, unmittelbar vor der albanischen Grenze, befindet sich das Kloster, in dem der Mönch Naum gewirkt hat.

Man muss nicht unbedingt ein Kirchen-Fan sein, um Ohrid zu mögen. Ohrid ist schlicht und einfach Mazedoniens Urlaubsort Nummer eins – und der glasklare See mit seinen Stränden der Adria-Ersatz für die Mazedonier. Viele Bewohner aus der Hauptstadt Skopje kommen fürs Wochenende hierher. Aber auch bulgarische, griechische und albanische Besucher nutzen im Sommer das nahe Reiseziel. In Ohrids Fußgängerzone pulsiert bis spätnachts das Leben. Dann pilgern die Jugendlichen von den Cafés in die Diskotheken. Und Frömmigkeit wird zu einer vergessenen Tugend, die man untertags in den Klöstern bewiesen hat.

Die Wellen schwappen schläfrig ans Ufer, der See glitzert, kleine Boote tuckern vorbei.

Der eindrucksvolle See von Ohrid – im Vordergrund die Kirche des Heiligen Johannes. Foto: Sommerbauer.  
Der eindrucksvolle See von Ohrid – im Vordergrund die Kirche des Heiligen Johannes. Foto: Sommerbauer.  

Der Morgen, wenn Ohrid schläft und der See einsam glitzert, ist die beste Zeit für eine Bootsfahrt. Bootsmänner bieten Touren über das blitzblaue Gewässer an – übrigens einer der ältesten Seen der Welt. Danach legt man im kleinen Fischerhafen von Kaneo an. Seit Generationen leben hier Fischerfamilien, die den Fang in kleinen Restaurants frisch zubereiten. Die berühmte Ohrid-Forelle könne sie leider nicht anbieten, bedauert Gabi, die einen der kleinen Familienbetriebe führt. Denn diese stehe mittlerweile unter Artenschutz. Dafür gibt es Karpfen. Frischer Salat, selbst gemachter Schafskäse und Traubenschnaps, Rakia genannt, machen aus dem einfachen Mahl eine kulinarische Köstlichkeit. Die Wellen schwappen schläfrig ans Ufer, der See glitzert, kleine Boote tuckern vorbei. Ohrid bedeutet Entspannen.

Das nur zwei Millionen Einwohner zählende Mazedonien ist seit 1991 eine unabhängige Republik. Nach den schwierigen Anfangsjahren will man sich nun verstärkt um die Entwicklung des Tourismus kümmern. Allerdings sind dabei noch einige Hürden zu bewältigen: Zufahrtsstraßen sind in schlechtem Zustand, Hinweistafeln für touristische Ziele fehlen, viele Hotels stammen noch aus der sozialistischen Ära. Mit ausländischen Kulturtouristen und Aktivurlaubern könnten jedoch wichtige Devisen ins Land kommen.

Die Region Ohrid ist jedenfalls ein idealer Ausgangspunkt für weitere Entdeckungstouren: etwa an den nahen, auf 850 Meter Höhe gelegenen Prespa-See. Über den Livada Pass im Galitschiza Nationalpark, einen karstigen Gebirgskamm, gelangt man an diesen naturbelassenen See. Der nahe gelegene Pelister-Nationalpark lädt zu ausgedehnten Wanderungen ein.

Im Dorfladen gibt es noch immer Geldscheine der Republik Vevtschani

Ohridsee im Morgennebel. Foto: Sommerbauer.  
Ohridsee im Morgennebel. Foto: Sommerbauer.  

Oder man macht einen Abstecher ins Dorf Vevtschani, das für seinen alljährlichen Karneval im Januar bekannt ist. Vevtschani schaffte es 1987 in die Schlagzeilen zu kommen, als seine Bewohner gegen die Entscheidung der jugoslawischen Zentralregierung Sturm liefen, die Dorfquelle umzuleiten. Die „Wasserrevolte“ dauerte mehrere Wochen, die Regierung musste schließlich nachgeben.

Zu Beginn der neunziger Jahre erklärte das Dorf seine Unabhängigkeit und rief die „Republik Vevtschani“ aus. Karnevalsscherz oder sturer Lokalpatriotismus – im zerfallenden Jugoslawien wollten sich die Dorfbewohner einmal mehr nur auf sich selbst verlassen. Heute noch kann man im Dorfladen Geldscheine der Republik Vevtschani erstehen – für stolze zwei Euro gibt es eine Zweier-Note der Ortswährung „Litschnik“. Was man damit kaufen könne? „Nichts“, sagt die Verkäuferin und fügt nicht ohne Stolz hinzu: „Aber es ist ganz echtes Geld. Richtig gedruckt.“ Mit dem Kauf des Souvenirs unterstützt man die Gemeinde. Mit ihren bauernschlauen Marketingstrategien sind die Dorfbewohner der Regierung in Skopje also einen Schritt voraus.

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Die Autorin ist Korrespondentin von n-ost. Das Netzwerk besteht aus über 50 Journalisten in ganz Osteuropa und berichtet regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand zu allen Themenbereichen. Ziel von n-ost ist es, die Wahrnehmung der Länder Mittel- und Osteuropas in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verbessern. Weitere Informationen unter www.n-ost.de.

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