„Osama“GESEHEN

„Osama“

„Osama“

Er gilt als der erste afghanische Spielfilm nach dem Sturz der Taliban-Herrschaft. Nach einer Tournee durch Filmfestivals auf dem ganzen Globus läuft er jetzt in den Kinos.

Von Hartmut Wagner

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Meist von der Burkha verdeckt – Osamas trauriger Blick in die Zukunft  

EM – Mit nur einem Wort sagt der Filmtitel, worum es in den folgenden 83 Minuten geht: um Abrechnung und Anklage gegenüber den Auswüchsen der religiösen Totalherrschaft der Taliban. Wohl um diesen Eindruck ein wenig abzuschwächen und gleichsam die Hand zur Versöhnung auszustrecken, stellte der afghanische Regisseur Siddiq Barmak seinem Film ein Zitat von Nelson Mandela voran – „Ich werde verzeihen. Aber ich werde nie vergessen.“

Für Siddiq Barmak ist sein jüngstes Werk auch eine ganz persönliche Genugtuung. Nachdem die Taliban 1996 Kabul erobert hatten, flüchtete er nach Pakistan ins Exil. Die neuen Machthaber in der afghanischen Hauptstadt konfiszierten seine filmischen Arbeiten und vernichteten sie zum großen Teil. Erst als die islamischen „Gotteskrieger“ unter dem Bombenhagel der US-Luftwaffe entmachtet wurden, konnte der Filmemacher an seine alte Wirkungsstätte zurückkehren. Heute ist er wieder Direktor der staatlichen Produktionsfirma „Afghan Film“. Doch die Filmindustrie des Landes liegt danieder. Die Schauspieler und Statisten in Barmaks neuestem Film sind darum allesamt Laiendarsteller aus Kabul.

 Der Regisseur Siddiq Barmak über die Darstellerin der jungen Osama:

„Die Hauptdarstellerin Marina Golbahari bat mich auf der Straße um ein Almosen. Mir fielen sofort ihre faszinierenden Augen auf, in ihnen lag Tragik, Melancholie und eine große Traurigkeit. Als ich sie fragte, ob sie in einem Film mitspielen will, wußte sie erst gar nicht, was ich meinte. Film und Fernsehen waren ihr fremd. Sie hatte nur einmal beim Betteln im Café einen Fernseher gesehen. Aber bei den Dreharbeiten reagierte sie instinktiv richtig.“
  

„Osama“ erzählt die Geschichte eines zwölfjährigen Mädchens, das gemeinsam mit Mutter und Großmutter in einem Kabuler Armenviertel lebt. Ihr Vater ist im Krieg gegen die sowjetische Besatzungsmacht gefallen, es fehlt also ein Mann im Haus. Unter der Taliban-Herrschaft bringt dies ein schier unlösbares Problem mit sich: Ohne männliche Begleitung dürfen Frauen ihr Haus nicht verlassen, was das Verdienen des täglichen Lebensunterhaltes für sie unmöglich macht. Der Familienrat greift daher zum letzten Mittel und beschließt, das Mädchen in einen Jungen zu verwandeln. Ritsch-Ratsch werden ihr die Zöpfe gekappt und die Hosen des Vaters übergezogen. Aus dem Mädel wird der Junge Osama, der von nun an bei einem befreundeten Milchverkäufer arbeiten kann. Der Schwindel fällt erst auf, als Osama von den Taliban rekrutiert wird. Ein öffentliches Religionsgericht verurteilt das Mädchen zur Zwangshochzeit mit ihrem ehemaligen Ausbilder in der Koranschule. Der Mullah macht sie zum neuen Mitglied seines persönlichen Harems. In der Hochzeitsnacht möchte er sich ganz besonders großherzig geben. Das Vorhängeschloß, das in Zukunft ihre Zimmertüre verriegeln wird, darf das verzweifelte Mädchen deshalb selbst auswählen.

Die Finanzierung des Streifens sicherte eine wahrhaft eurasische Zusammenarbeit. Die Produktionskosten von gerade mal 310.000 Dollar übernahmen Firmen mit Sitz in Afghanistan, auf der irischen Insel und in Japan. Das iranische Kultur- und Bildungsministerium stiftete technisches Gerät und Filmmaterial, ein privates Filmunternehmen aus dem Iran half bei den Dreharbeiten.

„Osama“ berichtet von der Männergesellschaft der Taliban, deren Unmenschlichkeitsymbolisiert wird durch die Burkha, dem obligatorischen Ganzkörperschleierfür Frauen. Der Film ist eine Tragödie, sehr dicht inszeniert undtief unter die Haut gehend. Bei einer so eindeutigen Rollenverteilung zwischenGut und Böse ist dies im Grunde auch gar nicht anders möglich. Dieverfilmte Anklageschrift des afghanischen Regisseurs hat weltweit großeBeachtung gefunden, die ganz große Auszeichnung blieb ihr jedoch versagt.Und das zu Recht. Als politisches Zeichen des Aufbruchs war „Osama“ bitternotwenig. Künstlerisch etwas wirklich Außergewöhnliches istder Film indes nicht.

„Osama“

Afghanistan, Irland, Japan 2003, 83 Min.
Regie: Siddiq Barmak
Darsteller: Marina Golbahari, Mohmmad Nadre Khwaja, Mohmmad Arif Herati, Zubaida Sahar
Der Film im Netz

Film Zentralasien

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