Ostdeutscher AufsteigerRUSSLAND

Ostdeutscher Aufsteiger

Ostdeutscher Aufsteiger

Der Brandenburger Ralf Bendisch hat alle Höhen und Tiefen der Wende überstanden. Heute leitet er das erste deutsche Mähdrescher-Werk in Russland.

Von Ulrich Heyden

Den Moskauer Flughafen Scheremetjewo sieht Ralf Bendisch einmal im Monat, wenn er nach Hause fliegt. 
Den Moskauer Flughafen Scheremetjewo sieht Ralf Bendisch einmal im Monat, wenn er nach Hause fliegt. 
(Foto: Ulrich Heyden)

W ir haben hier norditalienisches Klima“, schwärmt der Ralf Bendisch. Der 52jährige Ingenieur aus Brandenburg ist um keinen Vergleich verlegen, um seine Sympathie für die neue Heimat am Fuße des Kaukasus auszudrücken. Seit sieben Jahren schon arbeitet Bendisch in der südrussischen Großstadt Krasnodar, wo der studierte Ingenieur für Werkzeugmaschinenbau im Auftrag des westfälischen Unternehmens Claas (Harsewinkel) eine Fabrik zur Endmontage von Mähdreschern und Traktoren aufgebaut hat.

Krasnodar ist russische Provinz. Doch die Stadt mit ihren 650.000 Einwohnern bietet alle Annehmlichkeiten einer Großstadt, gute Restaurants, Kinos, Museen und eine Konzerthalle. Ralf Bendisch fühlt sich hier wohl. Und das Schwarze Meer sei nur zwei Stunden entfernt, schwärmt er.

Mähdrescher für extragroße Flächen

Die Claas-Niederlassung, die der Brandenburger 2003 aufbaute, hat heute 100 Mitarbeiter. Vor der Finanzkrise waren es 150. Die Arbeitsqualität sei sehr gut. Mit der Arbeitsdisziplin gäbe es in Krasnodar keine Probleme. „Es gibt nicht viele Kündigungsgründe, aber Restalkohol ist schon einer.“ Da seien die meist angelernten Arbeiter halt vorsichtig geworden.

Im Jahr werden in Russland etwa 8.000 Mähdrescher verkauft. Claas muss sich diesen Markt mit sieben anderen Anbietern aus Russland und dem westlichen Ausland teilen. Claas hat Mähdrescher extra für die große Flächen entwickelt. Mit 200.000 Euro kosten diese 500 PS-Monster, die ein Schneidwerk von zwölf Meter Breite haben können, etwa eineinhalb mehr als die Mähdrescher des russischen Konkurrenten Rostselmasch. Doch die zuverlässige deutsche Technik ist bei den Russen begehrt und da wird auch schon mal mehr Geld bezahlt. Seit der Werksgründung 2003 wurden in Krasnodar 2.000 Claas-Mähdrescher montiert und verkauft.

„Wenn ein deutsches Unternehmen heute wachsen will, dann muss es im Ausland wachsen.“

Die russischen Claas-Arbeiter verdienen im Schnitt 475 Euro im Monat. Doch der Hauptgrund das Werk in Südrussland zu bauen, waren nicht die niedrigen Löhne sondern die Marktnähe, meint der Chef der Claas-Niederlassung. Befürchtungen, Arbeitsplätze könnten von Deutschland nach Russland verlagert werden, lässt Bendisch nicht gelten. „Wenn ein deutsches Unternehmen heute wachsen will, dann muss es im Ausland wachsen.“ Das Unternehmen Claas sei von seiner Struktur her so aufgebaut, dass immer ein hoher Anteil der Einzelteile in Deutschland gefertigt werde. Außerdem gäbe es „bisher noch kein einziges Beispiel, dass ein Unternehmen seinen Sitz von Deutschland nach Russland verlegt hat.“

Eine Gewerkschaft gibt es im Claas-Werk von Krasnodar nicht, aber einen Betriebsrat. Die russische Maschinenbaugewerkschaft habe ihn schon mehrmals angeschrieben, wie es denn mit einer Gewerkschaftsgründung aussieht, erzählt der Brandenburger. Aber Initiative müsse schon von den Mitarbeitern kommen, so der Leiter der Niederlassung von Krasnodar. Er werde die Gewerkschaft nicht gründen.

Bis die Einzelteile der Claas-Mähdrescher in Krasnodar montiert werden, legen sie einen sehr langen Weg zurück. Aus Westfalen werden die Teile per Schiff über das Mittelmeer und das Schwarze Meer transportiert. Der lange Weg ist noch profitabel. Denn die russische Regierung hat die Einfuhrzölle für komplette Mähdrescher seit der Finanzkrise auf 15 Prozent erhöhat. Auch andere westliche Konkurrenten von Claas haben, um die hohen Einfuhrzölle für komplette Mähdrescher zu umgehen, eigene Produktions-Standorte in Russland aufgebaut.

Schutzzölle behindern die Modernisierung der Landwirtschaft

Doch die russische Regierung will mit ihrer Politik, die Schaffung von Arbeitsplätzen in Russland zu fördern, noch einen Schritt weiter gehen. Die Regierung plant ein Gesetz, welches ausländischen Firmen die zollfreie Einfuhr von Waren erlaubt, wenn bei der Endfertigung des Produkts mindestens 30 Prozent der Zulieferungen aus Russland kommen. Das Claas-Werk in Krasnodar bereitet sich schon auf das neue Gesetz vor. Man wolle eine neue Halle für die Fertigung von Einzelteilen bauen, berichtet Bendisch. Doch glücklich ist der Chef von Claas in Krasnodar über die Zollpolitik der russischen Regierung nicht. Die Politik der Schutzzölle sei kurzsichtig, meint Bendisch. Sie behindere die Modernisierung der russischen Landwirtschaft und die freie Wahl des Kunden.

Zum Baden ans Schwarze Meer kommt Ralf Bendisch nur selten, denn der Brandenburger hat einfach zu viel um die Ohren. Bendisch lehrt nebenbei noch an der Agrar-Uni von Krasnodar. Außerdem ist er stellvertretender Vorsitzender der örtlichen Association of European Businesses und er berät westliche Firmen, die sich in der Region niederlassen wollen. Nicht immer waren die Zeiten so günstig wie jetzt, wo der Kreml erkannt hat, wie wichtig ausländische Investitionen für Russland sind. Außerdem gab es in der russischen Provinz viele Ängste gegenüber ausländischen Investoren. Als der deutsche Baumaterial-Hersteller Knauf Mitte der 1990er Jahre ein Gips-Werk im Bezirk Krasnodar aufbaute, besetzten Kosaken die Zufahrtswege. Die Demonstranten protestierten gegen den deutschen Investor und verglichen ihn mit der Wehrmacht. In zahlreichen Gerichtsverfahren musste die Firma Knauf ihr Eigentumsrecht durchsetzen. Unter diesen Bedingungen verstehe man, dass Top-Manager sich für Leibwächter entscheiden, meint Bendisch, der selbst aber ohne Leibwächter auskommt.

Umgerüstete Mähdrescher für die Reisernte

Warum hat nun die Firma Claas ihr erstes Werk in Russland ausgerechnet am Fuß des Kaukasus gebaut? Der Grund sei einfach, meint Ralf Bendisch. Das Krasnodar-Gebiet sei eines der fruchtbarsten in ganz Russland. Wegen des günstigen Klimas seien die Ernteerträge dreimal so hoch wie im russischen Durchschnitt. Deshalb seien die Absatzchancen für Mähdrescher in der Region am besten. Man liefert aber von Krasnodar aus auch in andere russische Regionen. Die Mähdrescher gehen an Einzelbauern, die neuen privaten Agro-Holdings aber auch an regionale Verwaltungen. Die Verwaltung der sibirischen Stadt Blagoweschtschensk habe seit 2008 jährlich zwischen 20 und 50 Mähdreschern gekauft. In Blagoweschtschensk, welches an der Grenze zu China liegt, werden die umgerüsteten Claas-Mähdrescher bei der Reisernste eingesetzt.

Dass Ralf Bendisch aus Ostdeutschland kam, hat ihm bei seiner Karriere nicht geschadet. Im Gegenteil. Bendisch, der im brandenburgischen Greiffenberg geboren wurde, gehörte zu den 600 Studenten der DDR, die in der Sowjetunion studieren durften. „Manche nannten uns ´roter Adel´. Aber was daran rot war, wieß ich nicht. Wahrscheinlich sagte man das, weil wir in der Sowjetunion studiert haben.“ Natürlich musste man fachlich sehr gut sein und auch „politisch stabil“, erzählt Ralf Bendisch mit einem Schmunzeln.

Eigentlich hatte der Oberschüler Bendisch gehofft, dass man ihn zum Studieren nach Ungarn, Tschechien oder Bulgarien schickt. Nach dem er Russisch von der fünften Klasse an gelernt hatte, empfand er für die Sprache „eher Hass als Liebe.“ Doch dass er dann zum Studium nach Kiew geschickt wurde, hat der Brandenburger „nie bereut“. Von 1976 bis 1982 studierte er am Dnjepr Werkzeugmaschinenbau. Daran schloss sich eine dreijährige Promotion an. In der Ukraine habe er „eine schöne und abwechslungsreiche Zeit gehabt.“

Karrierebeginn 1998 in Harsewinkel

Zurück in der DDR wurde Ralf Bendisch Leiter der Arbeitsvorbereitung im Landmaschinenwerk „Fortschritt“ in Rostock. Aus dieser Zeit stammen die ersten Kontakte des Brandenburgers zu westdeutschen Betrieben. Weil das ostdeutsche Landmaschinenwerk nicht ausgelastet war, suchte  der Brandenburger bei westdeutschen Unternehmen nach Aufträgen. Doch als dann die Sowjetunion zusammenbrach und das Landmaschinenwerk in Rostock seinen Markt im Osten verlor, musste sich der Landmaschinen-Experte nach einer neuen Arbeit umgucken. Als Familienvater sei er froh gewesen, als man ihm 1991 das Angebot machte, einen kleinen Maschinenbaubetrieb in Westfalen zu leiten.

Der Brandenburger zog mit seiner Familie in den Westen. 1998 heuerte Bendisch dann beim Mähdrescher-Hersteller Claas in Harsewinkel an. Der schickte ihn als Geschäftsführer eines Joint Ventures in die Ukraine. „Da passte wohl keiner so gut hin, wie ich“, erklärt der Landmaschinen-Experte stolz. Und als Claas sich entschloss, ein Werk in Russland zu eröffnen, war Bendisch mit seiner Kenntnis von Land und Leuten wieder der am meisten geeignete Mann.

Lebensaufgabe in Südrussland

Noch denkt der Chef von Claas in Krasnodar nicht daran, nach Deutschland zurückzukehren. Seine drei Kinder sind schon aus dem Haus. Seine Frau kommt ihn regelmäßig besuchen und einmal im Monat fliegt der Manager auf Heimaturlaub. Über Einsamkeit kann der Deutsche in Krasnodar nicht klagen. In der Region haben sich schon viele westliche Firmen niedergelassen. Es gäbe genug Leute, mit denen man sich treffen könne, um gemeinsam die Freizeit zu verbringen. Am liebsten ist Ralf Bendisch jedoch mit russischen Freunden zusammen, meist Kollegen, die selbst irgendwo eine leitende Stellung haben. Mit denen geht er dann in die Banja, das russische Schwitzbad. In Südrussland hat der Brandenburger so etwas wie eine Lebensaufgabe gefunden.

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