Paradigmenwechsel der GeopolitikOSTEUROPA

Paradigmenwechsel der Geopolitik

Paradigmenwechsel der Geopolitik

Zwanzig Jahre liegt der Epochenwandel von 1989 zurück – ein Zeitpunkt, um über den Paradigmenwechsel der Geopolitik im 20. Jahrhundert nachzudenken. Dieser lässt sich an den Eckdaten Erster Weltkrieg und Versailler Friedensordnung, Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg, schließlich Kalter Krieg und Blockbildung nachvollziehen. Welche Paradigmen kann man für die Zeit zwischen 1919 und 1989 ausmachen?

Von Eva-Maria Stolberg

EM-Autorin Eva Maria Stolberg  
EM-Autorin Eva Maria Stolberg  
  Zur Person: Eva Maria Stolberg
  Eva Maria Stolberg studierte 1983-1990 Osteuropäische Geschichte, Slawistik, Sinologie und Japanologie an der Universität Bonn. 1996 promovierte sie über die sowjetisch-chinesischen Beziehungen während des Kalten Krieges (1945-1953). 2005 erfolgte ihre Habilitation zur Geschichte Sibiriens. Es schlossen sich zahlreiche Forschungsaufenthalte in Russland (Sibirien), China, Japan und den USA an.

Seit 2007 ist E. M. Stolberg Privatdozentin am Historischen Institut der Gerhard-Mercator-Universität Duisburg-Essen.

G eopolitik bedurfte stets einer ideologischen Legitimation. Zur Sicherung staatlicher Grenzen und zur Durchsetzung von territorialen Ansprüchen, zumindest aber von Einflusssphären, wurden Raumbilder konstruiert. Die stark diskursive Konstruktion in der klassischen geopolitischen Literatur arbeitete mit Abgrenzungen vom Anderen. Das Andere war dabei nicht nur geografisch, sondern auch kulturell konstruiert. Dabei ging es nicht nur darum, Räume zu „denken“, sondern auch zu „machen“, d.h. politisch zu gestalten. Zugleich weisen geopolitische Raumbilder eine soziale Dimension auf, sie stellen die Überlegenheit eigener Konfigurationen von Dingen, Bedeutungen und Lebensstilen dar.

Als Leitbilder der Geopolitik gewannen sie durch die massenmediale Verwertung (Karten, Schulbücher) eine besondere, öffentlichkeitswirksame Anschaulichkeit. In dieser Wirksamkeit dienten Raumbilder dazu, die heterogenen Seiten der sozialen Realität als entweder imperiale oder nationale Einheit wahrzunehmen und zu präsentieren. Raumbilder teilten die Welt in Freunde und Feinde, trugen zum Aufbau von Feindbildern bei, um letztlich eine militärisch expansive Außenpolitik zu rechtfertigen.

Ideologische Legitimation ist der elementare Kern der Geopolitik

In Gestalt des Antisemitismus oder des Antibolschewismus manifestierten sie sich auch auf lokaler Ebene, so dass Geopolitik auch vertikal innerhalb der Gesellschaft transferiert wurde. Ideologische Legitimation ist also der elementare Kern der Geopolitik. Der ihn umgebende Rahmen, die politischen Raumkonzepte, ihre ideologischen Fundamente und die darauf basierenden Strategien variierten im Laufe des 20. Jahrhunderts. Der Wandel der Paradigmen spiegelt nicht zuletzt die Dynamik sich modernisierender Gesellschaften wider.

Dies erkannten bereits – wenn auch unter anderem Vorzeichen - die Vertreter der Geopolitik im 19. und 20. Jahrhundert wie Friedrich Ratzel, Rudolf Kjelleń, Halford Mackinder und Karl Haushofer, die sich mit dem Einfluss geografischer Räume auf die soziale Evolution der Staaten beschäftigten. Wesentlich dabei war die Prämisse, dass Modernisierung eine Weltmachtstellung impliziere und dafür der Aufbau eines starken, geeinten und effizienten Imperiums erforderlich sei. Geopolitik bedeutete in diesem Zusammenhang auch die praxis-, d.h. politikbezogene Anwendung geografischer Raumbilder, die sich nicht zuletzt an Grenzen festmachten. Mit der Verschiebung von Grenzen im 20. Jahrhundert änderten sich auch Vorstellungen vom Raum und damit auch von der Geopolitik.

Erster Weltkrieg und Versailles: Das Ende der großen Imperien

Geopolitik visualisiert sich in Karten. Bei der Transferierung ihrer räumlichen Vorstellungen und Konzepte waren Geopolitiker auf Karten angewiesen. Diese waren in hohem Maße suggestiv. Nicht nur Kriegsverläufe, sondern auch Migrationsbewegungen wurden wiedergegeben. Geopolitik bot Anleitungsmaterial für die Militärs und die didaktische Grundlage für die schulische bzw. universitäre Ausbildung. Auf Karten aus der Zeit vor und während des Ersten Weltkrieges wurde die territoriale Expansion der Mittelmächte Deutsches Reich und Österreich-Ungarn in den europäischen Osten gezeigt, die durch zwei wesentliche Merkmale charakterisiert war: zum einen die direkte Kollision mit Russland, zum anderen das aus der Konkursmasse des Osmanischen Reiches entstandene Machtvakuum in Südosteuropa mit dem neuralgischen Punkt Serbien-Montenegro.

Auffällig ist die Mittellage der Mächte Deutschland und Österreich-Ungarn, mit der deutschen „drift“ nach Nordosten und einer österreichischen nach Südosten. Bei dem Stichwort „Mitteleuropa“ denkt man unwillkürlich an Friedrich Naumanns 1915 veröffentlichtes gleichnamiges Buch. Doch bereits zur Mitte des 19. Jahrhunderts visierte mit diesem Begriff Constantin von Frantz eine Föderation aus Deutschland, Polen und den Donauslawen als Gegengewicht zu den Großmächten Frankreich und Russland an. In diesem Konzept wurden die slawischen Nationen in einem Streifen von Ostmitteleuropa und Südosteuropa einbezogen, bei gleichzeitiger Ausgrenzung Russlands, das in beiden Regionen geopolitische Interessen verfolgte.

Autonomie osteuropäischer Nationen mit Chaos gleichgesetzt

Friedrich List und Heinrich von Gagern befürworteten ein deutsch-österreichisch geführtes Mitteleuropa. Dem deutschen Mitteleuropa-Konzept lag nach Naumann das Dilemma zugrunde, dass es „eine Art informeller (wirtschaftlicher, E.S.) Hegemonie (…) des Deutschtums auf der einen und dem Versuch von Flexibilität und Integration gegenüber den (osteuropäischen, E.S.) Völkern auf der anderen Seite“ implizierte. Naumann z.B. lehnte die „einfache Formel der Selbstregierung aller Stämme und Nationalitäten“ ab, „weil damit die verwickelte Menschenwelt nicht in Ordnung gebracht werden kann.“ Autonomie der osteuropäischen Nationen wurde mit Chaos gleich gesetzt. Bei Naumann hieß es dann weiter, „den kleineren Staaten bliebe sowieso nur die Wahl zwischen Isoliertheit oder Anschluss an eine der großen Weltfirmen.“ Dieses Konzept ist – wie auch andere – imperialhistorisch definiert. Herfried Münkler hat kürzlich in seiner Typologie der Imperien von ökonomisch, politisch, militärisch und ideologisch fundierter imperialer Macht gesprochen.


 
Ein Blick auf Karten aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zeigt, dass die Imperien Wilhelminisches Kaiserreich, Österreich-Ungarn und das Zarenreich im Osten Europas sich quasi ineinander schieben. Nach Jürgen Osterhammel zeichnen sich Imperien dadurch aus, dass die Ränder von und zwischen ihnen unscharf werden. Diese Ränder bzw. Peripherien zeichnen sich durch kulturelle Hybridität aus, die nicht zuletzt Ausdruck des spezifischen ethnischen Gemengegelages im Osten Europas ist. Vor dem Hintergrund der Balkankriege 1912/1913 und dem Ersten Weltkrieg 1914 wurde in der Geopolitik die Struktur von Imperien intensiv diskutiert.

Weltpolitische Perspektive der Mittelmächte

Bedingungen und Eigenarten der damaligen Großmächte wurden in vergleichender Sicht analysiert, dabei ging es gerade auch um die weltpolitische Perspektive der Mittelmächte. So betrachteten reichsdeutsche Geografen und Geopolitiker das Habsburgerreich als ein Imperium mit „Verfallsdatum“. Man befürchtete, dass mit dem Zerfall in „lauter kleine Nationalstaaten, die trostlosen Verhältnisse der Balkanhalbinsel (nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches) sich bis an die Grenzen des Deutschen Reiches erstrecken, und das ganze Südosteuropa würde früher oder später der Oberherrschaft Russlands verfallen und dieses zu einem panslawischen Reiche werden.“

Österreichische Geografen argumentierten dagegen mit der Multiethnizität des Habsburgerreiches als einer Überlebensfähigkeit des Imperiums. Hier kam das Bild einer „Plastizidät“ auf. So wurde der Befund geäußert, dass der österreichisch-ungarische Dualismus erst „die zahlreichen widerstrebenden Nationen zu einem Staat vereinigt habe“. Das „natürliche Hinauswachsen“ Österreichs über seine Grenzen nach Osten und Südosten beweise doch die innere Stärke des Habsburger Imperiums, die natürliche Achse des Imperiums bilde die Donau.”

Die Rede war von „einer großen Übergangslandschaft um die deutsch-slawische Sprachgrenze“, in der sich ein „moderner Großstaat“ entwickelt habe, der „die Gegensätze der europäischen Kulturen“ ausgleiche. Österreich-Ungarn – so hieß es noch 1911 – sei „eine Notwendigkeit der ganzen europäischen Kultur“. Das Imperium wurde hier also keineswegs verteufelt, sondern als Baustein einer europäischen Zivilisation dargestellt. Nancy Wingfield und Robin Okey haben zu Recht konstatiert, dass das Bestreben Habsburgs, einen Ausgleich zwischen den Ethnien und der Supranationalität seines Imperiums und die „zivilisatorische Mission” auf dem Balkan, um den südslavischen Nationalismus einzudämmen, zu seiner Zerreißprobe wurde.

Die 14 Punkte des Woodrow Wilson

Wie wir nun wissen, hat der Erste Weltkrieg als „Krieg der europäischen Nationen“ die Hinfälligkeit der Imperien bewiesen, mit der Versailler Friedensordnung erschienen neue, unabhängige Staaten in Ostmitteleuropa und Südosteuropa.  Die Niederlage der Mittelmächte im Ersten Weltkrieg leistete einer anderen Tendenz Vorschub. Es war der amerikanische Präsident Wilson, der - mit einer anderen geopolitischen Vision - in seinem Vierzehn-Punkte-Programm den europäischen Frieden auf der Grundlage des nationalen Selbst-bestimmungsrechtes stellte. Der Idee eines deutsch geführten Mitteleuropa-Blocks, die in der Zwischenkriegszeit weiterlebte, stand das nationale Selbstbestimmungsrecht der Völker Ostmittel- und Südosteuropas entgegen. Das Wilsonsche Konzept ging von einer multilateralen Gleichberechtigung aller europäischen Nationen aus, während die klassische Geopolitik auf Dichotomien rekurrierte.

Der europäische Osten in der Zwischenkriegszeit (1919-1938): Nationalstaaten oder slawische Konföderationen?

Die Versailler Friedensordnung schuf neue territoriale Veränderungen von Ostmitteleuropa und Südosteuropa bis zur Türkei. Wir haben jetzt die konkrete Lage vor Augen, dass in Ostmittel- und Südosteuropa eine Reihe von souveränen Nationalstaaten entstanden ist. Dennoch ergeben sich bei ihren Nationalstaatsbildungen Probleme: das sind 1) die Nationalitäten- und 2) die Grenzkonflikte: so das Memelgebiet zwischen Deutschem Reich und Litauen, die polnisch-sowjetische Grenze, der Streitpunkt Istrien/Fiume sowie Dalmatien zwischen Italien und Jugoslawien, Thrakien zwischen Bulgarien und Griechenland und Ionien zwischen Griechenland und der Türkei.

Die Zwischen-kriegszeit ist im Wesentlichen die Epoche des Irredenta und der Nationalitätenkonflikte. Dies füllte die durch den Niedergang der Imperien entstandenen Machtvakua auf. Es stellte sich die Frage, welche Alternativen der staats- und gesellschaftspolitischen Orientierung diese neuen Staaten im Vergleich zu den Imperien boten. Hier wurden Föderationspläne artikuliert. Es zeigte sich, dass die neu entstandenen Staaten im Osten Europas eigene Ideen von Geopolitik entwickelten. So stammte das Konzept „Międzymorze“ (Zwischenmeerland) vom polnischen Präsidenten Piłsudski, dem eine slawische Konföderation von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer vorschwebte. Im Grunde genommen lebte damit in der Zwischenkriegszeit und ihrer Machtvakua im Osten Europas der „imperiale Gedanke“ wieder auf. Bei Piłsudski war es die alte Polnisch-Litauische Union, die bis zum Ende des 18. Jahrhunderts bestanden hatte. Zunächst sollte das Projekt vom „Zwischenmeerland“ die Zweite Polnische Republik, die Ukraine, Weißrussland und Litauen umfassen. Später sollten auch Rumänien, Ungarn, Jugoslawien, die Tschechoslowakei, Lettland und Estland zu einem Beitritt bewogen werden.

Ein ähnliches Vorhaben (so genanntes Drittes Europa) wurde 1935 – nach Piłsudskis Tod – vom polnischen Außenminister Józef Beck vorgeschlagen. Diese Konzepte ließen sich jedoch nicht realisieren, blieben eine „geopolitische Utopie“. Lediglich in kleinerem Rahmen gab es in der Zwischenkriegszeit slawische Konföderationen in Gestalt der Tschechoslowakei und Jugoslawiens. Schon die Tschechoslowakei hatte unter Präsident Tomaš Masaryk mit der Schwierigkeit zu kämpfen, einen Ausgleich zwischen den Nationalitäten der Sudetendeutschen, Slowaken, Ungarn und Ukrainer zu erreichen. In den neu entstandenen Staaten Osteuropas konkurrierten Vorstellungen von einem föderalen und einem zentralistischen Staatsaufbau. Bei den ostmittel- und südosteuropäischen Ländern handelte es sich um den staatlichen Zusammenschluss mehrerer Nationalitäten. Polen, die Tschechoslowakei, Ungarn und Jugoslawien waren Vielvölkerstaaten, dies war quasi ihr imperiales Erbe. Das wirtschaftliche, kulturelle und soziale Entwicklungsniveau der einzelnen Regionen und Nationalitäten war unterschiedlich. Vor dieser Ausganglage  stand jeder Staat – ob zentralistisch oder föderal aufgebaut. In der Zwischenkriegszeit wurden in Europa verschiedene Föderationskonzepte diskutiert, am bekanntesten ist die Paneuropabewegung Coudenhove-Kalergis.

Versailles brachte die nationale Zersplitterung

Die Intention war es, durch die Einigung Europas (ohne der als Bedrohung empfundenen Sowjetunion) einen neuen Weltkrieg zu vermeiden. In ihrem Werk „Europa aus Rasse und Raum: Die nationalsozialistische Idee der Neuen Ordnung“ hat Birgit Kletzin konstatiert, dass die Versailler Friedensordnung nach dem Zerfall der Imperien (vor allem des supranationalen Habsburgerreiches) die Partikularisierung in Mittel- und Osteuropa gefördert habe. Diese nationale Zersplitterung habe den Ansatz für europäisch (slawisch) initiierte Einigungs-, d.h. Homogenisierungsbestrebungen geboten. In Polen trat der polnische Führungsanspruch gegenüber der litauischen, ukrainischen und weißrussischen Minderheit zu Tage, in der Tschechoslowakei der tschechische gegenüber den Slowaken und Ungarn, in Jugoslawien machte sich das serbische Hegemonialstreben bemerkbar.

In Jugoslawien befürwortete Serbien einen zentralistischen Staatsaufbau, Kroatien dagegen einen föderalistischen. Rusanna Gaber hat 2007 über die politische Kultur der Zwischenkriegszeit zu Recht festgestellt, dass diese vom Streit um die Staatskonzeption und den Umgang mit den ethnisch-kulturellen Minderheiten geleitet wurde. Die Tradition eines als Neuauflage des Imperiums gedachten Vielvölkerstaates konkurrierte mit dem unitaristischen Nationalstaatsstreben. Die ausgegrenzten anderen Minderheiten waren oft nicht weniger nationalistisch und diese ethnisch-kulturellen Auseinandersetzungen verbunden mit der Grenzfrage führten zu erheblichen politischen und sozialen Spannungen in den Staaten des östlichen Europa in der Zwischenkriegszeit und schließlich zur Entstehung autoritärer Regime, die unter den Druck der aufsteigenden Diktaturen des nationalsozialistischen Deutschland, des faschistischen Italiens und der stalinistischen Sowjetunion gerieten. Es waren autoritäre Präsidialregime bzw. Königsdiktaturen entstanden, deren Intention es war, starke und effiziente nationale Staaten zu schaffen, die durch Homogenität erreicht werden sollten. Das Konstrukt der Homogenität diente dazu, ethnische und soziale Gräben zu überdecken. Dadurch sollte die innere Krise überwunden und zugleich die Selbständigkeit nach außen angesichts des Aufkommens der faschistischen Großmächte Deutschland und Italien sowie der Bedrohung durch die Sowjetunion demonstriert werden, denn sowohl Deutschland, Italien als auch die Sowjetunion verfolgten expansionistische Ziele im Osten Europas.

 „Who rules East Europe commands the Heartland“: Das „Dritte Reich“, die Sowjetunion und die Geopolitik des Zweiten Weltkrieges

Schon 1904 hatte Halford Mackinder in Bezug auf den europäischen Osten die These aufgestellt: „Who rules East Europe commands the Heartland. Who rules the Heartland commands the World“. Mackinders Aussage, dass, wer den Osten Europas beherrsche, die Weltherrschaft erlange, schürte 35 Jahre später die Furcht vor einer deutsch-sowjetischen Allianz, d.h. einer geopolitischen Dichotomie zwischen den demokratischen Westmächten (Seemächte Großbritannien und USA) und dem totalitären Kontinentalblock. Diese Bedrohung zeichnete sich durch den so genannten Hitler-Stalin-Pakt vom August 1939 ab, der in dem geheimen Zusatzprotokoll Osteuropa in eine deutsche und in eine sowjetische Einflusssphäre einteilte.

Die Geopolitik im Dritten Reich wurde zum wissenschaftlichen Erfüllungsgehilfen einer nationalsozialistischen Ideologie, die in den Expansionskriegen um Macht und Raum in Osteuropa ihren Höhepunkt und Ausdruck in einer plakativen Symbolik von „Blut und Boden“ und „Kampf um Lebensraum“ fand. Das Besondere an der nationalsozialistischen Geopolitik war die erstmals institutionalisierte Raumplanung, die sich vor allem auf den europäischen Osten konzentrierte. Zur Zeit des Ersten Weltkrieges und in der Zwischenkriegszeit ist der Begriff „Raum“ zunächst ein politisches Schlagwort – Teil der geopolitischen Programmatik, die erst mit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Osteuropa umgesetzt wurde.

Die Ziele nationalsozialistischer Raumpolitik

Holm Sundhausen und Jürgen Elvert haben dargelegt, dass die Nationalsozialisten bereits nach 1933 begannen, Konzepte einer Neuordnung für Ostmitteleuropa und Südosteuropa auszuarbeiten. An der reichhaltigen geopolitischen Literatur kann man die Ziele der nationalsozialistischen Raumpolitik herauslesen, als da sind: 1) die Etablierung eines „Großgermanischen Reiches deutscher Nation“ als Hegemonialmacht in Europa, 2) die Einheit von Rasse, Nation und Staat, 3) die Autarkie durch Gewinnung von Rohstoffen (einschließlich Agrarressourcen) und 4) die Vernichtung des ideologischen Hauptfeindes und geopolitischen Gegners im europäischen Osten, d.h. der Sowjetunion.

Die national-sozialistische Diktatur beherrschte ab Mitte 1940 einen großen Teil Osteuropas. Nach der Vorkriegsexpansion des Reiches durch den so genannten Anschluss Österreichs und die Zerschlagung der Tschechoslowakei standen  zunächst Polen, dann im Laufe des Jahres 1941 Serbien und Teile der Sowjetunion unter deutscher Herrschaft. Neben der eliminatorischen Rassenpolitik, die Teil der nationalsozialistischen Geopolitik war, charakterisierte wirtschaftliche Ausbeutung die deutsche Besatzungsherrschaft. Das nationalsozialistische Regime war nur durch den Zugriff auf die wirtschaftlich-finanziellen Ressourcen der Länder (dabei spielte auch die so genannte Arisierung von Unternehmen eine Rolle) und deren Arbeitskräftepotential in der Lage, einen längeren Weltkrieg zu führen. Die deutsche Besatzungsmacht verstand sich nicht nur als oberste Regierungsgewalt, sondern sie versuchte auch, die einheimische Wirtschaft möglichst umfassend auf die Ziele der deutschen Politik auszurichten.

Konflikt zwischen ethnisch definierten Völkern

Bei der Verwaltung kam den deutschen Statthaltern vor Ort eine maßgebliche Rolle zu (Reichskommissare, Militärbefehlshaber, Leiter der Zivilverwaltungen). Sie bildeten das steuernde System. Bei der Umsetzung dieser Neuordnung, die durch den Kriegsausgang verhindert wurde, kam es, wie es die Herausgeber des Sammelbandes „Kooperation und Verbrechen. Formen der Kollaboration im östlichen Europa 1939-1945“, Christoph Diekmann, Babette Quinkert und Tatjana Tönsmeyer, dokumentieren, zur Zusammenarbeit mit autoritären bzw. faschistischen Bewegungen, aber auch mit Verwaltungen, den Wirtschaftsverbänden, der Polizei und paramilitärischen Gruppierungen.

Man kann  sagen, dass hier die innenpolitischen Konstellationen der dreißiger Jahre in der Zeit des Zweiten Weltkrieges fortlebten. Die Herausgeber sprechen von einem „Dritten Weg“. Die Zusammenarbeit mit dem national-sozialistischen Deutschland bot die Möglichkeit, die vermeintliche Homogenität des „eigenen Volkes“ im ethnischen oder biologisch-rassistischen Sinne anzustreben und damit die sozialen Gegensätze in den Ländern des europäischen Ostens zu überwinden. Die rechten nationalistischen Eliten waren der Auffassung, dass es sich beim Zweiten Weltkrieg nicht um einen Krieg zwischen Staaten handle, sondern um einen Konflikt zwischen ethnisch definierten Völkern. Um eine ethnisch homogene Nation zu schaffen, wurde auf Feindbilder rekurriert, nach innen war dies vor allem die jüdische Minderheit, nach außen die „bolschewistische“ Sowjetunion. Die sich 1942/1943 abzeichnende deutsche Niederlage veränderte die Lage. In Ostmittel- und Südosteuropa prägte ab 1943 die Aussicht auf einen wahrscheinlichen Einmarsch der Roten Armee und eine mögliche sowjetische Herrschaft die Handlungsstrategien und damit einen erneuten Paradigmenwechsel der Geopolitik, der sich nach Ende des Zweiten Weltkrieges manifestierte.

Sowjetische Geopolitik in Osteuropa während des Kalten Krieges

Die Sowjetunion war ein multiethnisches Imperium und ihre Expansion bewegte sich von ihren inneren Peripherien nach außen. Bereits in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre war die sowjetische Regierung von der Prämisse des Aufbaus des Sozialismus im eigenen Lande abgerückt und es wurde der Wechsel zu einer machtvolleren, auf Dominanz beruhenden expansiven Außenpolitik vollzogen. Mit Hilfe des Hitler-Stalin-Paktes ergab sich die Möglichkeit, nach Westen zu expandieren. In der sowjetischen Geschichtswissenschaft war vom „Gesetz und der Dynamik des Raumes“ die Rede. Schon Molotow meinte, der Hitler-Stalin-Pakt bedeute einen „Wendepunkt in der europäischen Geschichte“.

In den besetzten Gebieten Ostpolens, Bessarabiens und des Baltikums sollte die Sowjetunion eine Politik vorexerzieren, die auch nach 1945 nicht an Bedeutung verlor. Im Jahr 1947 äußerte sich Stalin gegenüber Milovan Djilas „Dieser Krieg (der Zweite Weltkrieg) ist nicht wie in der Vergangenheit; wer immer ein Gebiet besetzt, erlegt ihm auch sein eigenes gesellschaftliches System auf.“ Der Begriff „Ostblock“ hat dem sowjetischen Machtbereich über Jahrzehnte einen Stempel aufgedrückt. Nach Stefan Plaggenborg war das „System Jalta“ die Fortsetzung der Politik der Interessensphären mit anderen Partnern als 1939. Der „Ostblock“ bzw. – wie es in der sowjetischen Lesart hieß – „das sozialistische Weltsystem“ begann nach Stalins Tod allmählich zu erodieren. Der Zusammenbruch kam nicht etwa plötzlich in den Jahren 1989-1991, sondern wurde durch die maßgeblichen Emanzipationsbestrebungen der osteuropäischen Staaten eingeleitet. Man könnte dies als Versuch bewerten, mit einem Reformsozialismus einen „Dritten Weg” zu beschreiten.

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben

Entscheidende Punkte auf diesem Weg waren die Aufstände in der DDR 1953, Ungarn und Polen 1956 und in der Tschechoslowakei 1968. Zwanzig Jahre später begann die Sowjetunion ihre Truppen aus Ungarn, der Tschechoslowakei und der DDR abzuziehen. Gorbatschows berühmter Ausspruch „Wer zu spät kommt, den straft das Leben“ bedeutete, dass ohne die Unterstützung der Bevölkerung der Sozialismus nicht bestehen könne.

In allen Gesellschaften der Länder Osteuropas mit Ausnahme der DDR und Rumäniens wurde die Entstehung des sowjetischen Imperiums im europäischen Osten als stalinistisch verurteilt. Die stalinistischen Schauprozesse, die politischen Verfolgungen, das oktroyierte Wirtschafts- und Gesellschaftssystem waren Inbegriff des sowjetischen Imperiums. In diesem Zusammenhang war der so genannte Ostblock auch ein wirtschaftlicher Großraum. Entstalinisierung bedeutete nichts anderes als „Ent-Imperialisierung“.

Marksteine der Sowjetisierung waren Kollektivierung der Landwirtschaft, Nationalisierung der Industrie und des Handels. Die enge Anbindung der osteuropäischen Länder an die Sowjetunion zeigte auch die Absage an den Marshall-Plan und an den Internationalen Währungsfonds. All dies führte zu einer strukturellen Andersartigkeit der osteuropäischen Länder gegenüber den Staaten Westeuropas. Die Krisen und Aufstände im so genannten Ostblock haben – das hat z.B. der von Henrik Bispinck am Münchener Institut für Zeitgeschichte 2004 herausgegebene Sammelband dargelegt – das Streben nach Meinungspluralismus und Eigenständigkeit in den Ländern Osteuropas zum Ausdruck gegeben.

Die vollständige Sowjetisierung Osteuropas ist nie gelungen

Aufgrund der nationalen und kulturellen Unterschiede, bedingt durch die andersartige historische Entwicklung vor 1945, war eine vollständige Sowjetisierung Osteuropas nie gelungen. Die Herausforderung durch die „Volksaufstände“ führte zu einem unterschiedlichen Umgang der kommunistischen Eliten mit dem sowjetischen Modell, wie schon Hans Lemberg 1991 konstatierte. Der Kommunismus in den Ländern Osteuropas hatte durchaus eine nationale Prägung, er war nicht allein Ausdruck der russischen Geschichte. Die kommunistischen Eliten waren Nutznießer des sowjetischen Modells und an ihrem eigenen Machterhalt interessiert. Die Protestbewegungen gegen den Imperialanspruch der Sowjetunion sind wiederum nach 1989 Teil der nationalen Erinnerungskultur der Ungarn, Polen, Tschechen und Slowaken geworden.

Neue Dimensionen der Geopolitik

Geopolitik gewann im Vorfeld des Ersten Weltkrieges an Aktualität. Hier standen Machterhalt und Expansion der klassischen Imperien im Vordergrund. In der Zwischenkriegszeit, mit der Entstehung eigener Staatlichkeit in Osteuropa, beteiligten sich die neu entstandenen Nationen am geopolitischen Diskurs, indem sie die Idee slawischer Konföderationen vorbrachten. Der Hegemonialanspruch des nationalsozialistischen Deutschland, des faschistischen Italiens und der stalinistischen Sowjetunion machten derartige Pläne zunichte.

Mit dem Zweiten Weltkrieg wurde Osteuropa wieder zwischen Imperien aufgeteilt. Allerdings handelte es sich bei der nationalsozialistischen und stalinistischen Besatzungsherrschaft nicht um klassische Imperien, denen eine kohärente Ideologie gefehlt hatte. Ungeachtet des Hegemonialanspruches des „Dritten Reiches” und der Sowjetunion suchten die Eliten der osteuropäischen Staaten durch verschiedene Formen der Kollaboration bzw. Anpassung einen eigenen nationalen modus vivendi zu finden. Spielräume - wenn auch eng begrenzt - waren für politisches Handeln durchaus gegeben.

Der Begriff Geopolitik war aufgrund der ideologischen Verbindung zum Nationalsozialismus nach 1945 verfemt, dennoch bestimmte Geopolitik weiterhin den europäischen Osten. Die Hauptabsicht der Sowjetunion war es gewesen, im Sinne von Mackinder einen Gürtel von Satelliten um ihr „Herzland” zu legen. Erst mit der Auflösung des Ostblocks und der Sowjetunion in den Jahren 1989-1991, die als Ent-Imperialisierung zu bewerten ist, verlor die klassische Geopolitik ihre Bedeutung. Bedeutete 1945 das Ende der nationalsozialistischen Ideologie, so markierte das Jahr 1991 den Abschied von der sowjetischen Ideologie.

Bei der Erörterung osteuropäischer Zeitgeschichte geht es heute jedoch nicht um eine Neuauflage der klassischen Geopolitik. Es geht vielmehr um deren kritische Aufarbeitung. Diese muss herausstellen, dass geopolitische, d.h. räumliche Faktoren keine Konstanten darstellen, sondern sozioökonomischen Veränderungen und dem Wandel gesellschaftlicher Wertungen, d.h. auch der sich wandelnden Zeitwahrnehmung unterliegen. Die raumbezogenen Wertungsmuster können sich mit dem Wechsel der politischen Akteure (Regierungen, Eliten, öffentliche Meinung) ändern, teilweise jedoch auch überlagern.

Eine „neue Geopolitik” in der Geschichtswissenschaft hat zudem - fernab von der auf große Hegemonialmächte gerichteten Betrachtungsweise  - ihr Augenmerk auf die ethnischen Konflikte und die nationalen Emanzipationsbewegungen der osteuropäischen Staaten zu lenken. Geopolitik weist unterschiedliche Facetten auf, denn sie muss nach unterschiedlichen Identitäten fragen: nach der europäischen, der nationalen, der regionalen und lokalen. Sie stellt nach Henri Lefebvre eine soziale Praxis dar, die durch ihre Akteure ausgehandelt wird. Zudem muss die Zeitgeschichte bei der Beschäftigung mit der Geopolitik nicht nur den variablen Raumbegriff, sondern auch den Faktor Zeit, d.h. den Wandel vom  Ersten Weltkrieg zum Kalten Krieg, stärker in Betracht ziehen.  

Osteuropa

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