Pik Lenin wird in Pik Unabhängigkeit umbenanntTADSCHIKISTAN

Pik Lenin wird in Pik Unabhängigkeit umbenannt

Pik Lenin wird in Pik Unabhängigkeit umbenannt

Eine Flut von Namensänderungen rollt über die revolutionär geweihten Gipfel des Pamir-Gebirges in Zentralasien hinweg. Was vor knapp zehn Jahren mit der Umbenennung des Pik Kommunismus, dem einst höchsten Berg der Sowjetunion, in Pik Somoni begann, dauert bis heute an. Allerdings nicht gerade zur Begeisterung der zentralasiatischen Bergbevölkerung

Von Henryk Alff

Lenin über den Bergen.  
Lenin über den Bergen.
(Foto: Alff)
 

N ationale Symbole entstehen manchmal sogar von den Bewohnern des betreffenden Landes unbemerkt. Als die seit 1991 unabhängige zentralasiatische Gebirgsrepublik Tadschikistan an Chinas Westflanke 1997 aus fünf Jahren blutigen Bürgerkriegs erwachte, bestand Nachholbedarf in Sachen Nationsbildung. Per Präsidentendekret wurde 1999 der höchste Gipfel des Landes, einst als gewaltigstes Bergmassiv der Sowjetunion unter dem legendären Namen Pik Kommunismus jedem Schulkind bekannt, in Pik Somoni umbenannt. Dieser Name des mittelalterlichen Emirs einer persischen Herrscherdynastie, in der offiziellen Lesart Begründer der tadschikischen Staatlichkeit, war kaum einem Bürger ein Begriff.

„Einst bildeten Pik Lenin und Pik Kommunismus topografische Verkörperungen einer als überlegen geltenden Gesellschaftsordnung“, erklärt Sergej Suprunenko vom Institut für Geographie der Russischen Akademie der Wissenschaften. Die beiden Siebentausender waren als höchste Berge der Sowjetunion dazu prädestiniert, die Ideologie des herrschenden Systems und ihrer führenden Denker im Namen zu tragen. „Ihre Lage auf dem Dach der Welt, im Tausende Kilometer von Moskau entfernten Pamir, erhöhte noch den Grad ihrer Mystifizierung“, so der Forscher.

Ansammlungen von Büsten und Gedenktafeln auf der Bergspitze

Hunderte von Seilschaften haben seit der Erstbesteigung durch deutsche Alpinisten im Jahr 1928 allein die Spitze des 7.134 Meter hohen Pik Lenin erklommen. Ansammlungen von Büsten und Gedenktafeln des Helden der Oktoberrevolution auf der Bergspitze zeugen noch heute von der Verehrung, die frühe Gipfelstürmer ihm – nicht ganz uneigennützig – entgegenbrachten. Denen, die im Namen des Sozialismus im Kampf gegen Eis, klirrende Kälte und dünne Luft Gesundheit und Leben riskierten, winkten neben Prestige und Ehre soziale Sonderleistungen.

„Doch die Geschichte der Bergumbenennungen in den Gebirgen Zentralasiens ist länger als die sozialistische Herrschaft“, berichtet Suprunenko. Schon im 19. Jahrhundert gaben russische Reisende Bergen und anderen Landmarken Bezeichnungen. Meist ohne dabei auf die von den Einheimischen genutzten Namen Rücksicht zu nehmen. „Dem, dessen Neuschöpfung eher auf einer Karte auftauchte, gehörte das dazugehörige Land. Zunächst eher ideell, doch in der Zukunft bereits nachhaltig.“ So war der spätere Pik Lenin zunächst von 1871 an nach Konstantin von Kaufmann benannt, dem polnisch-deutschen Generalgouverneur des Zaren in Zentralasien.

„Us-Tergi - Es dreht sich der Kopf'“

Nodir Odilow kann sich noch an Zeiten erinnern, als die höchsten Gipfel der Sowjetunion nicht revolutionär geweiht waren. Der 86-Jährige verbrachte seine Kindheit in einem kleinen Dorf im Wanschtal am Fuße des höchsten Bergs weit und breit. „Das Leben im Pamir der 20er Jahre besaß eine ganz andere Qualität von Ursprünglichkeit“, erinnert sich der alte Mann. „Man lebte mit der Natur im Einklang und war von ihr abhängig. Bei klarem Wetter konnte man vom Haus meines Vaters die vergletscherten Hänge des alles andere überragenden Gipfels sehen: „Us-Tergi“, wie er von den Bergbewohnern genannt wurde. Das heißt wörtlich: 'Es dreht sich der Kopf'“, sagt Odilow und lächelt.

Allein wegen der gesundheitlichen Risiken dürfte sich kaum ein Einheimischer der Spitze genähert haben, von Höhenmessungen ganz zu schweigen. Einer der letzten weißen Flecken auf der Karte des sowjetischen Pamirs wurde erst 1928 näher erforscht: Der Münchner Vermesser Sebastian Finsterwalder gab als erster die Höhe des geheimnisvollen Bergs mit 7.495 Metern an. 1933 bestiegen sowjetische Alpinisten erstmals den Gipfel und nannten ihn – dem Zeitgeist entsprechend – Pik Stalin. Die daraufhin erteilten Lorbeeren retteten die Gipfelstürmer allerdings nicht vor der stalinschen Willkür: Zwei von ihnen wurden Opfer der großen Verfolgungen des Jahres 1938.

Aus Pik Stalin wurde Pik Kommunismus

Pik Lenin - im Abendlicht.  
Pik Lenin - im Abendlicht.
(Foto: Andre Felbrich)
 

Während der Abrechnung mit dem Personenkult Stalins verschwand 1962 schließlich auch der Titel Pik Stalin zugunsten von Pik Kommunismus von den Landkarten. Die Umbenennungen je nach politischer Lage gingen weiter und dauern bis heute an. „Für mich heißt Pik Lenin wie gehabt Pik Lenin“, nuschelt Ernar Alimow trotzig an seiner halb abgebrannten Zigarette vorbei in den eisigen Gebirgswind. Der 32-Jährige hütet im tadschikisch-kirgisischen Grenzgebiet seine auf verdorrten Herbstweiden grasende Schaf- und Ziegenherde.

Vor dem stahlblauen Himmel wirkt die nahe gelegene, schon Anfang Oktober tief verschneite Pamir-Transalai-Bergkette mit dem hoch aufragenden Siebentausender im Zentrum wie ein Scherenschnitt. Er habe von irgendwo gehört, unterbricht Ernar das Pfeifen des Windes, dass die Tadschiken ihn in Pik Istiklolijat, zu deutsch Unabhängigkeit, umbenannt haben. „Völliger Unsinn! Er liegt ja nicht mal auf ihrem Territorium.“

Anderswo herrscht Gleichgültigkeit. „Mir ist der Name von Bergen egal“, raunt Bahodir Isahodschajew. Seit fast drei Jahrzehnten fährt er mit seinem russischen Laster Nahrungsmittel über steile Pässe und an klaffenden Schluchten vorbei in entlegene Hochgebirgssiedlungen. „Wenn die Politiker in der fernen Hauptstadt so an Unabhängigkeit interessiert sind, sollten sie sich lieber um die Sanierung des Straßenbelags hier kümmern“, schimpft der Kraftfahrer, während sich die Maschine prustend Meter um Meter den zerfurchten Anstieg hinaufquält. Am Horizont leuchtet die Spitze des Pik Lenin im Nachmittagslicht. 

Unangetastet sind Marx und Engels

Für die Zitadelle aus Fels, Eis und Schnee an der tadschikisch-kirgisischen Grenze ergibt sich eine paradoxe Situation. Während Tadschikistan den Berg für seine staatliche Souveränität reklamiert, kursiert im benachbarten Kirgistan bereits seit längerem die inoffizielle Bezeichnung Pik Tschong-Too – „hoher Berg“. Die Langlebigkeit von Pik Lenin im Sprachgebrauch der Einheimischen beiderseits der Grenze tut ihr übriges, um die Verwirrung perfekt zu machen.

„Selbstverständlich haben unabhängige Staaten das Recht, die wichtigsten Landmarken nach ihren Vorstellungen zu benennen“, findet Suprunenko. Aber wie Vergangenheit und Gegenwart zeige, seien Namen vergänglich oder eben nachhaltiger, als man glauben möchte. Das 6723 und 6510 Meter hohe Doppelmassiv von Pik Marx und Pik Engels reckt sich beispielsweise bisher von jeglichen Umbenennungen unangetastet bis in die Wolken. 

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Der Autor ist Korrespondent von n-ost. Das Netzwerk besteht aus über 50 Journalisten in ganz Osteuropa und berichtet regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand zu allen Themenbereichen. Ziel von n-ost ist es, die Wahrnehmung der Länder Mittel- und Osteuropas in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verbessern. Weitere Informationen unter www.n-ost.de.

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