Polarnacht-Camping in Nordskandinavien (Teil II)

Polarnacht-Camping in Nordskandinavien (Teil II)

Mit dem Wohnmobil durch die Polarnacht. Dazu gehört nicht soviel, wie man denkt. Was es zu beachten gibt, aber auch beeindruckende Impressionen über die bei Camping-Urlaubern weithin unbekannte Winterszeit liefert dieser Reisebericht.

Von Peter Bickel

Abrupter Übergang zum Frühling

EM - Das Retkeilykeskus in Kilpisjärvi, eine gemütliche Unterkunft mit Speiselokal, bietet Skiläufern den ganzen Winter über eine komfortable Unterkunft. Sie dient als idealer Ausgangspunkt für Touren in den Dividal Nationalpark und zum höchsten finnischen Berg, dem Halti. Zum Abschied genehmige ich mir denn auch standesgemäß die Pizza Halti, belegt mit Rentierfleisch, Ananas und Blauschimmelkäse. Immer an der schwedisch-finnischen Grenze entlang wandelt sich die Landschaft nun wieder von der schroffen Bergwelt zur endlos flachen Tundra, weiß bis zum Horizont.

Einsame Straßen auf Senja

Nach drei Tagen Fahrt über Karesuando, Muonio und Rovaniemi ist der Wald zurückgekehrt. Tief beugen sich die Äste unter der zentnerschweren Schneelast. Der Bärenpfad bei Kuusamo, im Sommer eine überlaufene Wanderroute, liegt still und unberührt da - eine ideale Gelegenheit, um die Schneeschuhe zum Einsatz zu bringen. Trotz aller Gemütlichkeit des Wohnmobils: Welch ein Gefühl ist das, in einer der tiefverschneiten Blockhütten zu sitzen, wenn das Feuer im Ofen prasselt und eine Tasse Tee mit Rum dampft. Ja, der Winter ist wirklich eine Jahreszeit, die sich zu entdecken lohnt!
Doch im Lauf der Monate, die mich noch ans Nordkap, in den Pasvik Nationalpark an die russische Grenze und zum Bärenpfad nach Nordfinnland führen, wandelt sich die Landschaft. Die Bäche werden zu Strömen, und immer wenn sich mit lautem Krachen eine Welle von dicken Eisplatten einen Fluß hinunterwälzt, muss weiter oben der Eispanzer eines Sees aufgebrochen sein.

Land unter: die Schneeschmelze

Felder werden überflutet, Straßengräben zum Bett strömender Flüsse, die manchmal auch die Leitplanken mit sich reißen. Fast von einem Tag auf den anderen bricht der Frühling herein. Und sie wird kurz sein, diese Zeit der saftig-grünen Knospen und des reizvollen Kontrasts aus Schnee und Blüten. So kurz, daß man sie fast verpaßt: „Gestern war Frühling“, sagen viele Skandinavier.
Und ehe man es sich versieht, bricht der Sommer herein: Die Nacht wird nicht mehr dunkel, und eine schmierig-schwarze Schicht auf den letzten vermatschten Eisresten auf den Tümpeln kündet von der baldigen Ankunft der Mücken. Ein richtig warmer Tag wird ausreichen, und sie sind da: Tausende und Millionen von Plagegeistern bevölkern die Finnmark. Doch sie gehören auch dazu, zum arktischen Frühsommer.

Winter-Tips zum Auto

Eisgebilde auf Spikesreifen

Im Winter muß man wegen geringerer Fahrgeschwindigkeiten und unvorhergesehener Zwischenfälle (Schneestürme) sicherheitshalber zwei Tage mehr für die Anreise kalkulieren. Man sollte dann auf jeden Fall in Schweden gen Norden fahren, denn das Autofahren in den norwegischen Bergen erfordert viel winterliche Fahrpraxis und Spikesreifen! Da die in Deutschland verboten sind, kann man sie erst hinter der Grenze aufziehen. Wenn man häufiger Winterurlaub machen will, rentiert sich ein Kauf: Während des Winters findet man fast an jeder skandinavischen Tankstelle Sonderangebote von Spikes. Ansonsten gibt es auch die Möglichkeit, diese „pigg-dekks“ nur zu leihen. In Schweden sind Spikes zwar hilfreich, wegen der weitgehend flachen und gut geräumten Küstenstraßen aber nicht unbedingt erforderlich. Ketten sollten zur Sicherheit ebenfalls mit an Bord sein, doch benötigen wird man sie nur selten. Denn man hat es wegen der ausgezeichneten Räumdienste auf den Straßen fast nur mit Eis und nicht mit tiefem Schnee zu tun.
Auch im tiefsten Winter muß man vor dem Reisen im Campingmobil keine Angst haben. Im Gegenteil: Wird man tatsächlich einmal auf einer Paß-Straße vom Sturm überrascht, kann man ganz gemütlich die Standheizung anschalten, während normale PKWs mit laufendem Motor heizen müssen. Deshalb sollte man immer einen warmen Schlafsack für eine Not-Übernachtung im Auto dabei haben, aber der steckt bei einer Winterwanderung ja sowieso im Rucksack. Nachfolgend einige Tips und Erfahrungen, die ich für das extreme Wintercamping weitergeben möchte:

Motorstart: Gelobt sei die Standheizung

Bei kalten Nächten eventuell die Batterie ausbauen und mit in den beheizten Wohnraum des Campingmobils nehmen. Man kann sie natürlich auch fest dort installieren und mit Kabeln bis zum Motor verlängern. Ich hatte einen VW LT28 im Einsatz, dessen Batterie zumindest im Fahrerraum stand. Ernsthafte Startprobleme hatte ich nie. Ich mußte bei minus 40 Grad zwar manchmal eine halbe Minute orgeln, aber dann sprang der Motor doch widerwillig an.
Im Norden sind alle Autos mit einer Motorheizung versehen, die man über ein Stromkabel an öffentlich installierte Steckdosen anschließt. Ob Schwimmbad oder Gemeindehaus - gerade bei kommunalen Gebäuden findet man eigentlich immer diese „Strom-Zapfsäulen“. Aus verständlichen Gründen wird es allerdings nicht gern gesehen, wenn man dort seinen Camper für die Nacht parkt. Meiner Ansicht nach bringt es also wenig, sein Auto mit dieser Motorheizung auszustatten. Campingplätze haben meist im Winter geschlossen, und wilde „Stellplätze“ neben der Straße bieten natürlich keine Steckdosen.

Öl und Kühlwasser: Wassersuche bei vereisten Trinkwassertanks

Weit wichtiger als eine Motorheizung ist ein auf die zu erwartenden Temperaturen abgestimmter Ölwechsel und eine Überprüfung des Kühlwassers auf ausreichend Frostschutzmittel. Deutsche Werkstätten justieren das meist auf eine Minimaltemperatur von -20 Grad. Rechnen Sie in Lappland jedoch mit Extremwerten von -40 Grad im Dezember und Januar, -30 Grad im Februar und -20 Grad im März und April. Kontrollieren Sie auch das Frostschutzmittel im Scheibenwaschwasser.
Die nordskandinavischen Tankstellen verkaufen im Winter ein anderes Dieselgemisch, da der Sommerdiesel bei Extremkälte „flockt“. Denken Sie daher daran, auch den Dieselkraftstoff im Reservekanister zu ersetzen. Zur Vermeidung von Startproblemen hilft es auch, den Tank während der Nacht immer möglichst gefüllt zu halten.

Wasser:

Fest installierte Wassertanks - und erst recht solche mit in den Wänden verlaufenden Rohren - sorgen im Winter nur für Scherereien. Als ich bei -40 Grad im Auto nächtigte, kühlte der zimmerwarme Innenraum nach dem Ausschalten der Heizung trotz hochwertiger Zwei-Zentimeter-Isolierung binnen zwei Stunden auf -20 Grad aus.
Ich benutzte daher herausnehmbare Wassertanks, die ich am Morgen vor den Luftöffnungen der Heizungen wieder auftaute. Da dieser Vorgang bei 20-Liter-Kanistern eine Weile dauert, füllte ich schon am Abend einen Kochtopf fürs Kaffeewasser. Diesen Eisklumpen konnte ich schnell über der Gasflamme zum Kochen bringen.
Frischwasser erhält man am besten an den Tankstellen. Im tiefsten Winter (etwa von November bis Februar) sind da jedoch die Außen-Wasserhähne abgestellt. Dann hilft nur Nachfragen beim Tankwart und der mehrfache Gang mit einem tragbaren Kanister in den Waschraum der Tankstelle.

Eiskratzer: Da versagt die Scheibenheizung...

Der beste Eiskratzer ist gerade gut genug! Die hohe Luftfeuchtigkeit schlägt sich innen an den Windschutzscheiben als dicke Eisschicht nieder. Im Verbund mit der Scheiben-Heizbelüftung benötigte ich mit dem Eiskratzer bis zu einer halben Stunde, bis ich die Scheiben so weit enteist hatte, daß ich losfahren konnte.

Rastplätze:

Die meisten Rastplätze werden im Norden erst ab Mitte März vom Schneepflug geräumt. Man findet also sehr wenig Stellen, um im tiefen Winter neben der Straße zu übernachten. Hat man aber einen benutzbaren Rastplatz gefunden, sollte man weit vorn an der Ausfahrt parken. Im Falle einer schneereichen Nacht muß man so nicht stundenlang schaufeln, um wieder zurück auf die geräumte Straße zu kommen.

Müll-Entsorgung: Unbenutzbarer Rastplatz

Auch im Winter sind Camper von Rastplätzen abhängig. Dort kann man gut Müll und Schmutzwasser beseitigen, und auf den großen Rastplätzen entlang der Küsten-Hauptstraßen findet man sogar meist eine Entsorgungs-Möglichkeit für Fäkalien. Außerdem sind dort die Toiletten-Häuschen geheizt - ein Luxus, den man bei -30 Grad zu schätzen lernt! Im Sommer wird wegen der Masse an Touristen „wildes Campen“ auf diesen Rastplätzen nicht so gern gesehen, doch im Winter ist das alles kein Problem - man steht da sowieso allein. Weiter im Inland, wo die Rastplätze teils erst ab April in Betrieb genommen werden, muß man sich anders behelfen. Der Müll kann in Städten entsorgt werden, und für die Notdurft kann man auch mal die Toiletten von öffentlichen Einrichtungen und Tankstellen benutzen.

Perfekter Räumdienst

Der Winter-Räumdienst in Skandinavien arbeitet rasend schnell, zuverlässig und wesentlich effektiver als unser Winterdienst. Bei schneereichen Paß-Straßen patrouillieren sogar oft zwei Fahrzeuge - eines mit einer überdimensionalen Räumschaufel und eines mit einer Schneefräse. Erwarten die Räumdienste besonders viel Schnee, dann werden Paß-Straßen in der Nacht auch mal sicherheitshalber für den Verkehr komplett gesperrt.
Also: Wird man tatsächlich einmal im Fahrzeug eingeschneit, so muß man nur Ruhe bewahren und ein wenig Geduld haben. Meist schneller als erwartet kommt das nächste Räumfahrzeug, dem man bei heftigem Schneetreiben dann in einer dichten Kolonne mit den anderen Autos folgen sollte.

Proviant:

Wer in der frostigsten Winterzeit das Auto nachts auskühlen oder es sogar ein paar Tage ungeheizt stehen lässt, sollte seinen Proviant auf Frostgefahr überprüfen. Manche Abspülmittel frieren ein und müssen vor Benutzung im heißen Wasser aufgetaut werden. Wassertanks müssen geleert werden, das gilt natürlich auch für Mineralwasser- und Limonade-Flaschen. Auf Wein und Sekt sollte man lieber verzichten, während „harte Wässerchen“ wie Rum, Wodka, Whisky, etc. den Frost unbeschadet überstehen. Auch das Frühstück erfordert ein Umdenken: Marmelade gefriert im Normalfall nicht, während Honig sehr zähflüssig und Nußaufstrich praktisch nicht mehr streichfähig wird. Normales Brot friert ein (am besten vorher in Scheiben schneiden und dann in der Pfanne rösten), während Knäckebrot verwendungsfähig bleibt. Statt Milch empfiehlt sich Milchpulver oder kleine Kondensmilch-Portionen. Butter wird knüppelhart, Margarine dagegen bleibt streichfähig. Auch Kekse zeigen sich unempfindlicher gegen Kälte als Schokolade. Generell gilt die Regel, alle Lebensmittel in möglichst kleinen Portionen zu halten, da man sie dann am leichtesten auftauen kann. Der Frost hat aber auch sein Gutes: Man kann ohne Bedenken große Mengen Fleisch oder andere verderbliche Waren einkaufen und bis zur Benutzung beispielsweise in der Dachbox transportieren.

Der Artikel erschien erstmals auf der Seite www.nordskandinavien.de. Wir danken dem Autor, der uns den Beitrag freundlicherweise zur Verfügung stellte.

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