„Pulverfass Russland“ von Dirk SagerGELESEN

„Pulverfass Russland“ von Dirk Sager

Ist die wieder erstarkte Großmacht Russland eine mögliche Gefahr und wie geht der Westen mit Russlands neuem Selbstbewusstsein um? Dirk Sagers neues Buch „Pulverfass Russland“ soll eine Bilanz der Regierungszeit Wladimir Putins und eine Bestandsaufnahme seines politischen Erbes sein - und kommt nicht ohne Bedrohungsrhetorik aus.

Von Julia Schatte

„Pulverfass Russland“ von Dirk Sager  
„Pulverfass Russland“ von Dirk Sager  

D n diesem System gilt das Recht des Stärkeren, der Machtanspruch des autoritären Staates. Er wird zusammengehalten von den Netzen des Geheimdienstes und von Machteliten, die sich um den Kreml gruppieren. Sie bemänteln ihre Interessen mit patriotischem Stolz, der sich innenpolitisch wie außenpolitisch als gefährlicher Nationalismus gebärdet.“ So lautet Sagers Einschätzung der politischen Situation im heutigen Russland.

In elf Kapiteln stellt er Russlands Rückzug von den Ansätzen der Demokratie hin zu einem autoritären Herrschaftssystem dar. Er beschreibt den Werdegang Wladimir Putins und die Rekrutierung der heutigen Führungselite aus seinem früheren Umfeld des Geheimdienstes. Nach Sagers Auffassung ist dieser die einzige Kraft im Staat, an die Putin glaubt, ebenso wie das Ziel des Präsidenten die Durchsetzung eines autoritären Systems, nicht das Schaffen von Stabilität und Ordnung gewesen sei.

Eine Schlüsselrolle wie nie zuvor

Nach den Krisen der 90-er Jahre hat Russland wieder eine bedeutende Rolle auf internationaler Bühne eingenommen. Der hohe Erdölpreis führte zum Wirtschaftsaufschwung und als Energielieferant komme „Russland eine Schlüsselrolle zu, die es nie zuvor in seiner Geschichte hatte.“

Ausführlich dargelegte Beispiele und prägende Ereignisse der Ära Putin wie der Fall Chodorkowskij, die Geiselnahmen in Beslan und dem Moskauer Musicaltheater, die Gasstreitigkeiten mit der Ukraine und Weißrussland, sowie der Morde an Anna Politkowskaja und Alexander Litwinenko veranschaulichen in Sagers Buch nicht nur die Einengung des Handlungsspielraums und des Pluralismus auf politischer, wirtschaftlicher und politischer Ebene. Sie zeichnen das Bild eines Landes, in dem sich die proklamierte „Diktatur des Gesetzes“ in der Realität als Abkehr von Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten entpuppt, der Geheimdienst das wichtigste Instrument des Machterhalts geworden ist, Korruption und Willkür herrschen.

Die Schuld des Westens

Die Schuld daran gibt er allerdings auch westlichen Politikern, die diese Entwicklung mit ihrer toleranten Haltung begünstigt haben. Einmischung, so Sager, müsse erlaubt sein, solange sie nicht mit Hochmut einhergehe. Auch russische Oppositionelle, wie z.B. Garri Kasparow, die in westlichen Medien bereits präsent sind, im eigenen Land aber wegen unerwünschter Kritik als „Feinde“ gelten, sollten Unterstützung erfahren.
In seinen sachlichen Stil mischen sich zahlreiche Formulierungen, die seine Darstellung nicht nur emotional färben, sondern auch „richtungweisend“ sind. So bezeichnet er die Berichte aus russischen Provinzen Ende der 90-er Jahre als „Briefe aus einem sterbenden Land“. Im Kapitel über die Medien im „Würgegriff“, in dem er von der Verstaatlichung der Fernsehsender berichtet, den Änderungen der Besitzverhältnisse auf dem Zeitungsmarkt, sowie den Restriktionen und Repressionen, denen Journalisten in Russland zunehmend ausgesetzt sind, geht die „Angst in den Redaktionsstuben um“, liegt ein „Land in Fesseln“ und auflagenschwache kritische Blätter maskieren die „nackte Gleichschaltung“. 

Diesen Zustand unterstreicht Sager, indem er von beklemmenden Eindrücken, wachsender Bedrückung oder dem „Gespenst der Angst“ vor der Macht von Gazprom spricht. Und man fragt sich nach der Notwendigkeit, das hierzulande ohnehin vorhandene und präsente Misstrauen durch das Implizieren einer Gefahr aus dem Osten noch weiter zu schüren.

Wenig Lichtblicke

Obwohl sich Sager meist um eine objektive und relativierende Darstellung bemüht, finden sich in seinen Ausführungen wenig Lichtblicke - selbst wenn er für die in Medien und Forschung stets wiederholte Frage nach der kulturellen Prädisposition Russlands für Demokratie positive Beispiele in der Geschichte, etwa die Schriftsteller des 19. Jahrhunderts wie Alexander Herzen und Wladimir Nabokov, und der Gegenwart, wie die russischen Nichtregierungsorganisationen Memorial und das Komitee der Soldatenmütter, findet.

„Pulverfass Russland“ stützt sich nicht nur auf Sagers eigene Recherchen und Erfahrungen. Die für das Carnegie Endowment Moskau tätige Politikwissenschaftlerin Lilija Schewcowa, die Soziologin und Elitenforscherin Olga Kryschtanowskaja, aber auch der Philosoph Michail Ryklin werden oft zitiert.
Auch seine Literaturangaben enthalten mit Elena Tregubovas „Mutanten des Kremls“, Boris Reitschusters „Putins Demokratur“ und Kerstin Holms „Das korrupte Imperium- ein russisches Panorama“ u. a. hauptsächlich kritische Stimmen, die aus einem ähnlichen Blickwinkel schauen. Hier ist auch Sagers Buch einzureihen, das ein informatives und vielseitiges Gesamtbild der politischen Entwicklung in Russland in der Ära Putin zeigt und dem Leser Zusammenhänge und Hintergründe erläutert. Eine neue Argumentation, überraschende Rückschlüsse, Prognosen oder eine sensible Innenperspektive, die einen langjährigen Russlandkorrespondenten und Kenner wie Dirk Sager auszeichnen könnte,  birgt es jedoch nicht.

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Rezension zu: „Pulverfass Russland - Wohin steuert die Großmacht?“,  von Dirk Sager, Rowohlt Verlag Berlin 2008, 271 Seiten, 19,90 EUR, ISBN 3-871-34592-X. 

Rezension Russland

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