„Putin könnte sich selbst als sein eigener Nachfolger aus dem Hut zaubern“INTERVIEW

„Putin könnte sich selbst als sein eigener Nachfolger aus dem Hut zaubern“

„Putin könnte sich selbst als sein eigener Nachfolger aus dem Hut zaubern“

Niemandem sonst als ihrem Präsidenten Wladimir Putin trauen die Russen wirklich zu, dass er das Land weiter in eine gute Zukunft führt. Sobald ein paar Oppositionelle auf die Straße gehen, wird in den Machteliten gefordert, Putin müsse noch einmal antreten, ansonsten sei diese Zukunft Russlands in Gefahr. Wenn Bevölkerung und Staatsmacht unisono „Putin“ rufen, kann er sich kaum verweigern, noch einmal als Präsident zu kandidieren. Die Verfassung entsprechend zu ändern, ist nach Ansicht von Prof. Eberhard Schneider, Advisory Board Member of the EU-Russia Centre in Brüssel, kein Problem. Und er hat auch den Mann ausgemacht, der das Unternehmen „Putin III“ organisiert: Igor Setschin, stellvertretender Leiter der Präsidialadministration im Kreml und Putins Kanzleichef.

Von Hans Wagner

  Zur Person: Eberhard Schneider
  Prof. Dr. phil. Eberhard Schneider ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Siegen. Er gehörte zur Forschungsgruppe Russland / GUS bei der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik.

Nach seiner Pensionierung ist er nun als Advisory Board Member of the EU-Russia Centre in Brüssel tätig. Seine Forschungsfelder sind die russische Innenpolitik, ihre staatlichen Organe, politischen Parteien, Eliten und der Föderalismus; außerdem die Innenpolitik der Ukraine.
Prof. Dr. phil. Eberhard Schneider  
Prof. Dr. phil. Eberhard Schneider  

Eurasisches Magazin: In weniger als einem Jahr wird in Russland ein neuer Präsident als Nachfolger Wladimir Putins regieren. Aber es gibt bislang noch nicht einmal einen Kandidaten. Wer könnte das Erbe des Deutschen im Kreml, wie Putin genannt wurde, ihrer Meinung nach antreten?

Prof. Eberhard Schneider: Ich habe diese Frage analysiert. Dabei konnte ich acht mögliche Varianten herauskristallisieren. Die möchte ich hier natürlich nicht alle vortragen. Die größte Wahrscheinlichkeit spricht jedoch für die beiden Personen, die Putin zu Ersten stellvertretenden Ministerpräsidenten ernannt hat, nämlich Sergej Iwanow und Dmitrij Medwedjew. Der russische Präsident hat sich bisher nicht dazu geäußert, welchen er als seinen möglichen Nachfolger favorisiert. Es scheint sich um eine Art Paketlösung zu handeln.

EM: Wie ist das zu verstehen?

Schneider: Lassen Sie mich erst den Werdegang der beiden kurz schildern, dann wird das klarer. Iwanow ist Jahrgang 1953, stammt aus dem damaligen Leningrad und ist FSB-Generalleutnant. Er hat Putin bereits 1977 beim KGB kennen gelernt. Unter Putin fungierte Iwanow von 1998 bis 1999 als stellvertretender Geheimdienstchef und anschließend als sein Nachfolger als Sekretär des Sicherheitsrats. Später wurde er Verteidigungsminister. Medwedjew ist zwölf Jahre jünger, stammt auch aus dem heutigen St. Petersburg und hat wie Putin dort die juristische Fakultät besucht. Von 1989 bis 1996 war er im damaligen Leningrad Mitarbeiter Putins, der das Komitee für Außenbeziehungen leitete. Als der heutige Präsident 1999 Regierungschef im Kreml wurde, holte er Medwedjew als Leiter seines Regierungsapparates nach Moskau. Später hat er dann den Wahlkampfstab Putins geführt. Und im Dezember1999 ernannte der Präsident ihn zum stellvertretenden Leiter der Präsidialadministration, später zu deren Leiter. Außerdem wurde Medwedjew Aufsichtsratsvorsitzender von Gasprom.

Iwanow und Medwedjew sind als Paketlösung gedacht

EM: Und wie sieht nun das Paket aus?

Schneider: Die letzten Signale aus Moskau deuten darauf hin, dass Sergej Iwanow der neue Präsident werden soll. Dmitrij Medwedjew, der zuständig ist für die vier nationalen Programme, nämlich Wohnung, Gesundheit, Bildung und Landwirtschaft, würde demnach Regierungschef werden.

EM: Halten Sie auch eine Überraschung für möglich, so wie sie Jelzin damals mit dem weithin unbekannten Putin gelungen ist, den er quasi aus dem Hut gezaubert hat?

Schneider: Ich halte eine Überraschung für möglich, allerdings ganz anderer Art. Putin könnte sich selbst aus dem Hut zaubern, um im Bild zu bleiben, so dass der Nachfolger Putins wieder Putin heißen würde. Machtvolle Kreise in Moskau überlegen das ganz offensichtlich ernsthaft.

EM: Er selbst hat das immer ausgeschlossen und die Verfassung sieht das auch nicht vor, spielt sie keine Rolle?

Schneider: Die Verfassung müsste man ändern. Über die dafür erforderliche Zweidrittelmehrheit in der Duma verfügt die Machtpartei Einiges Russland. Auch die Zustimmung von drei Vierteln des Föderationsrates und von zwei Dritteln der jeweiligen Parlamente in den Regionen dürfte letztlich kein Problem sein. Für jemanden, der vorhat, Putin zum Nachfolger von Putin zu machen, wäre das auf die Reihe zu kriegen.

Die Machteliten der „Silowiki“ wollen an den Schalthebeln bleiben

EM: Wer ist dieser Jemand?

Schneider: Putin hat zwar erklärt, dass er nicht mehr antreten will. Aber die entscheidenden politischen Kräfte sehen das offenbar nicht so eindeutig. Sie stellen innenpolitisch die Weichen und werden es möglicherweise gar nicht zulassen, dass Putin nicht mehr kandidiert. Wenn sich zum Beispiel die politische Situation in Russland als labil darstellt, dann wird man darauf bestehen, dass er aus Verantwortungsgefühl heraus wieder antritt, denn kein anderer Politiker genießt so hohes Ansehen und kann in schwierigen Situationen das riesige Land so zuverlässig führen.

EM: Ist es möglich, die entscheidenden politischen Kräfte beim Namen zu nennen?

Schneider: Man bezeichnet sie als Silowiki. Unter diesem Begriff versteht man die, die an den Schalthebeln der Macht sitzen. Das sind vor allem die Machtapparate wie der Inlandsgeheimdienst FSB, das Verteidigungsministerium und das Innenministerium. Diese Gruppen sind zwar eher heterogen, aber wenn es darum geht, an der Macht zu bleiben, haben sie doch eine ähnliche Interessenlage. Einer ihrer Vertreter und zudem Führer der radikaleren Gruppierung innerhalb der Silowiki, ist Igor Setschin, stellvertretender Leiter der Präsidialadministration im Kreml und Putins Kanzleichef. Er will auf jeden Fall, dass Putin erneut kandidiert. Also ist es eben keineswegs ausgeschlossen.

Jeder neue Präsident wird im Prinzip die Politik Putins fortführen müssen

EM: Das wäre eine Überraschung mit Paukenschlag. Aber unabhängig davon, in welche Richtung wird Russland sich künftig politisch und gesellschaftlich entwickeln?

Schneider: Von gewissen Nuancierungen abgesehen wird jeder neue Präsident den jetzigen Kurs weiter fortsetzen, den Putin vorgegeben hat. Dieser Putinsche Weg ist gekennzeichnet durch die Verbindung von Marktwirtschaft mit einem autoritären politischen System, das möglichst wenig dem Zufall oder dem Spiel divergierender politischer Kräfte überlässt.

EM: Demokratie spielt also auch künftig in diesem System des Kremls weniger eine Rolle?

Schneider: Was Putin und die russische Führung betrifft, so sind diese im Prinzip nicht gegen Demokratie. Sie bekennen sich auch dazu. Außerdem hat Russland ja entsprechende Dokumente der Europäischen Union unterschrieben. Aber sie praktizieren das, was sie als souveräne Demokratie bezeichnen und als gelenkte Demokratie. Also eine Demokratie, die gesteuert werden kann und die die Entwicklung des Landes nicht einfach dem Spiel von zufälligen Wahlergebnissen überlassen will. Die derzeitigen Machteliten wollen kein Risiko eingehen, dass durch Wahlen, durch Massenmedien oder durch den Einfluss von außen politische Entwicklungen entstehen, die das herrschende System in Frage stellen könnten.

EM: Welche Bedeutung hat die Opposition in Russland?

Schneider: Sie spielt eigentlich keine Rolle. Ihre Kräfte sind schwach und äußerst heterogen. Ein ehemaliger Schachweltmeister, ein ehemaliger Regierungschef, Nationalbolschewiken, wie soll das zusammengehen? Sie haben politisch keine Chance. Es ist unverständlich, weshalb der Kreml mit solcher Brutalität reagiert hat, um eine Demonstration dieser Leute aufzulösen. Das ist völlig irrational, total übertrieben. Ich kann mir das nur so erklären, dass die Machteliten im Kreml losgelöst von der Realität leben, in ihrem politischen Raumschiff Kreml. Oder dass sie das große Medienecho bewusst herbeigeführt haben, um eine Gefahr aufzuzeigen, die angeblich für Russland besteht. Das würde heißen, dass dies womöglich die dritte Amtszeit Putins vorbereiten soll, weil eben nur er aufgrund seines hohen Ansehens das Land zusammenhalten kann.

Mit der Gruppierung „Die Russen“ zieht eine neue, eine nationalistische Elite in die Führungsetagen der Macht ein

EM: Sind in Russland auch neue Eliten in Sicht, die sich nicht mehr überwiegend aus den Geheimdiensten rekrutieren?

Schneider: Neben den Kräften, die in den Staatskonzernen sitzen und die wirtschaftlichen Geschicke weitgehend bestimmen, scheint sich in der Tat eine neue Elitegruppe herauszubilden. Ihr Wahlspruch lautet „Russland den Russen“ und sie heißen auch schlicht „Die Russen“. Diese neue Elite ist sehr stark nationalistisch orientiert. Sie geht einen eigenen Weg, nicht den der Silowiki und nicht den der Liberalen. Zur Elitegruppe der „Russen“ gehört die Bank Russia, der Öl- und Gaskonzern Surgutneftegas, die Stahlfirma „Severstal“, der Ölhändler Gunvor, die Fernsehgruppe REN-TV, die Broadcasting Company St. Petersburg und die Zeitung „Komsomolskaja prawda“. Ihr Anführer ist Wladimir Iwanowitsch Jakunin, der Chef der Russischen Eisenbahn. Er unterstützt Putin und ist mit ihm befreundet. Unter seinem Einfluss bildet sich eine neue Elitegruppe heraus, von der man noch einiges erwarten kann.

EM: Kann der Kreml sich auch nach Putin auf eine satte Duma-Mehrheit stützen oder bekommen oppositionelle Kräfte in Russland künftig mehr Einfluss?

Schneider: Die Duma wird bereits Anfang Dezember 2007 gewählt. Nach den Prognosen, die vorliegen, wird die Änderung der Wahlgesetze auch eine Veränderung der Zusammensetzung des Parlaments bewirken. Es gibt jetzt statt der Fünf-Prozent-Hürde eine Sieben-Prozent-Hürde, wodurch die meisten Parteien keine Chance mehr haben, in die Duma einzuziehen. Außerdem wurden die Direktmandate abgeschafft, die Abgeordneten werden künftig nur noch nach Parteilisten gewählt. Die Partei der Macht Einiges Russland wird daher nicht mehr auf 50 Prozent der Stimmen kommen, sondern knapp darunter bleiben. Dennoch wird die Partei der Macht über 50 Prozent der Mandate erhalten. Denn die Stimmen der Parteien, die an der Sieben-Prozent-Hürde scheitern, werden umgelegt auf die Parteien, die in die Duma gekommen sind. Es werden etwa 20 Prozent aller Stimmen sein, die zu verteilen sind. Dadurch wird Einiges Russland auf über 50 Prozent der Mandate kommen. Außerdem hat sich der Kreml ja auch noch einen weiteren Schachzug zur Absicherung seiner Macht einfallen lassen.

EM: Nämlich?

Schneider: Putin hat eine neue Partei gründen lassen mit dem Namen Gerechtes Russland. Sie soll das Stimmenpotential auffangen, das bei den letzten Wahlen zwar bereit war Putin zu wählen, aber nicht die damals einzige Partei der Macht, also Einiges Russland. Mit Gerechtes Russland zusammen könnten, so das Rechenexempel, die Kreml-Parteien doch wieder auf zwei Drittel der Mandate kommen. Die Opposition wird dann wohl nur mehr von den Kommunisten gebildet, die wahrscheinlich zehn Prozent erreichen, und allenfalls von der nationalistischen Partei Schirinowskis, die aber möglicherweise auch an der Sieben-Prozent-Hürde scheitern könnte. Derzeit liegt er in den Umfragen knapp darunter.

Seine ungeheure Wirtschaftskraft macht Russland immer selbstbewusster

EM: Was für eine Welt wollen die Eliten Russlands – gibt es klare Vorstellungen von der Rolle, die das größte Land des eurasischen Kontinents künftig international spielen will?

Schneider: Die politische Klasse, der Präsident und sein Apparat kämpfen darum, dass Russland wieder Ansehen in der Welt gewinnt. Sie wollen den Großmachtstatus wiederherstellen. Für die älteren unter ihnen war die Auflösung der Sowjetunion ein schwerer psychischer Schock, den sie noch keineswegs überwunden haben. Sie gingen als Bürger der großen Sowjetunion schlafen und wachten auf in Jelzins Russland, mit all dem Chaos und den Gebietsverlusten, dem Rubelverfall und dem Verlust der Macht auf der Weltbühne. Helmut Schmidt hat ja damals gesagt, Russland sei nun wie Obervolta mit Atomraketen. Jetzt soll sich Russland von den Knien wieder erheben. 

EM: Kann ein neuer Präsident, wer immer dies auch ist, Russland wieder zur Weltmacht aufrichten?

Schneider: Unter Wladimir Putin hat Russland ja schon einen gewaltigen Schritt in diese Richtung geschafft. Je mehr dies gelingt, umso selbstbewusster wird Moskau und umso ungenierter machen seine Politiker ihrer Verärgerung Luft, zum Beispiel über die USA aber auch über Europa. Den USA hält man vor, dass sie Russland nicht ernst nehmen, aber der Kreml will natürlich mitreden, wo immer es in der Weltpolitik etwas Wichtiges zu entscheiden gibt. Die den Russen infolge ihres Energiereichtums neu zugewachsene Wirtschaftskraft stärkt das Selbstbewusstsein noch zusätzlich und sie wollen auch politisch ihre Interessen entsprechend vertreten.

Russlands Seele ist in Europa, sein Körper ist in Asien 

EM: Wir haben jetzt viel über den Kreml geredet, doch wie sieht die russische Bevölkerung die Rolle ihres Landes?

Schneider: Darüber gibt es Umfragen. Eine ist vom Februar dieses Jahres. Bei dieser Befragung der russischen Bevölkerung kam zum Beispiel heraus, dass sich 71 Prozent der Russen nicht als Europäer fühlen. Fast 50 Prozent der Befragten betrachten Europa als Gefahr für Russland, weil es seine finanzielle und industrielle Unabhängigkeit bedrohe. Andererseits sieht ein Drittel der Russen in Europa einen Nachbarn und Partner, zu dem eine langfristige Beziehung entwickelt und gestärkt werden sollte. 50 Prozent gaben an, dass es viele Aspekte der westlichen Demokratie und Kultur gibt, die für Russland von Nutzen sind aber fast ein Drittel ist der Meinung, dass das System der westlichen Demokratie nicht auf Russland übertragbar ist.

EM: Und wie sehen die Russen ihre Nachbarn, was halten sie von anderen Staaten, gibt es dazu auch Erhebungen?

Schneider: Ja, die gibt es. Im März dieses Jahres wurde gefragt, welche Ländernamen bei den Russen positive Gefühle hervorrufen. An erster Stelle stand dabei Europa mit 77 Prozent, die Europäische Union aber nur mit 56 Prozent. Das gleiche Ergebnis erzielte Asien. Über die GUS äußerten sich 59 Prozent positiv. Das kulturelle Europa hat also einen weit höheren Stellenwert, als die politische Organisation der EU. Aber immerhin rangiert die Europäische Union auf gleicher Höhe wie Asien und kaum schlechter als die GUS. Das Umfrageinstitut gab dieser Erhebung den Titel: Russland – seine Seele ist in Europa, sein Körper ist in Asien.  

EM: Worauf wird sich Russland künftig mehr stützen, auf die Wirtschaftskraft des Landes oder auf die atomar bewehrte Macht?

Schneider: Ganz sicher in erster Linie auf die Wirtschaftskraft. Das Wachstum betrug in den ersten vier Monaten des Jahres 2007 wieder fast acht Prozent. Das ist außerordentlich. Russland hat inzwischen Devisenreserven von 303 Milliarden Dollar angehäuft. Außerdem hat der Kreml für das Land einen Stabilisierungsfond von 90 Milliarden Dollar aufgebaut, für den Fall dass der Ölpreis sinkt. Die Armutsrate ist im letzten Jahr auf 14,5 Prozent gesunken. Das sind schon eindruckvolle Ergebnisse. Aber noch basiert diese Wirtschaftskraft einseitig auf den Energieressourcen des Landes. Bisher ist es nicht gelungen, damit florierende Wirtschaftszweige neben der Öl- und Gasindustrie zu schaffen. Für ein solches breiteres wirtschaftliches Fundament fehlt einfach noch die Basis. Es gibt nicht einmal eine normal funktionierende Maschinenbauindustrie und es gibt nur einen erst schwach entwickelten Mittelstand. Da ist es natürlich schwierig die Forderungen Putins nach mehr Hochtechnologie für Russland zu verwirklichen. Es fehlt einfach noch das Fundament, das wächst auch nicht von heute auf morgen.

„Russland braucht wieder ein Feindbild im Westen“

EM: Sie hatten vorhergesagt, dass sich das Konfliktpotential zwischen den USA und Russland vergrößern werde. Inzwischen ist das allenthalben sichtbar und die Russen scheuen sich auch nicht, den Vereinigten Staaten vor aller Welt die Leviten zu lesen. Wird jetzt Russland geopolitisch wieder zu einem eigenen, starken Machtzentrum?

Schneider: Das ist sicher der Fall. Die Idee der Multipolarität mit verschiedenen Machtzentren wie Russland, Europa, USA und den sogenannten BIC-Staaten Brasilien, Indien und China, wurde schon in den neunziger Jahren vom damaligen Außen- und Premierminister Jewgeni Maximowitsch Primakow entwickelt. Sie gilt bis heute. Und Moskau versucht sie auch durchzusetzen, um die alleinige Pax Americana zu beenden.

EM: Wie wird sich das Verhältnis USA – Russland weiterentwickeln?

Schneider: Russland braucht wieder ein Feinbild im Westen. Europa kann es nicht sein, dafür sind die Beziehungen im Handel und die beginnenden wirtschaftlichen Verflechtungen schon zu eng. Außerdem zeigen die genannten Umfrageergebnisse, dass die Russen sich zwar nicht für Europäer halten, aber Europa in Russland einen sehr positiven Klang hat und man sich partnerschaftlich verbunden fühlt. Also werden es zunehmend die USA sein.

Nach Schröder und Chirac ist Ernüchterung in das Verhältnis zu Russland eingekehrt

EM: Ist die vom deutschen Kanzler Gerhard Schröder und dem französischen Präsidenten Jacques Chirac beschworene strategische Partnerschaft noch aktuell? Oder wird es unter Kanzlerin Merkel, dem neuen französischen Präsidenten Sarkozy und dem ebenfalls neuen britischen Premier Gordon Brown eine Neuauflage enger transatlantischer Umarmung geben und damit eine Abkehr der europäischen Politik von Russland?

Schneider: Es ist eine Art Ernüchterung. Es wird eine etwas deutlichere Aussprache gepflegt, auf beiden Seiten. Das muss nicht schädlich sein. Es ist immer besser, Dinge anzusprechen, als sie unter den Teppich zu kehren. Die Interessen bleiben auf beiden Seiten dieselben. Russlands Handel mit Europa macht 52 Prozent aus. 80 Prozent des russischen Erdgases werden in die EU exportiert. Die beiden Wirtschaftsräume sind stark voneinander abhängig. Da gibt es kein schnelles Umorientieren. Die Rahmenbedingungen sind eindeutig.

„Wenn die EU-Neulinge jede Vereinbarung mit Russland boykottieren, muss man fragen, ob sie in der EU bleiben können“

EM: In Berlin wurde von Außenminister Frank-Walter Steinmeier eine neue Ostpolitik in Aussicht gestellt, die eine Verflechtung und Integration mit Russland zum Ziel hat. Ist das mit den neuen EU-Mitgliedern wie beispielsweise Polen und Estland überhaupt zu machen?
Bislang ist noch nicht einmal ein neues Partnerschaftsabkommen der EU mit Russland möglich, weil Polen es verhindert. Wie geht das weiter?

Schneider: Auf Dauer können die ehemaligen Satelliten der Sowjetunion natürlich nicht die Interessenspolitik der EU gegenüber Russland boykottieren. Es können nicht zwei oder drei gegen 24 oder 25 stehen. Das werden sie nicht durchhalten. Wenn sie es auf Dauer versuchen wollten, müsste man ernsthaft die Frage aufwerfen, ob sie in der EU bleiben können. Es wird sich sicher in Kürze einrenken, nicht zuletzt unter deutscher Vermittlung.

EM: Im Vorfeld des EU-Russland-Gipfels in Samara an der Wolga und des G8-Gipfels in Heiligendamm war öfter zu hören, die EU verlange einfach zu viel von Russland, versuche es gar zu bevormunden. Was ist damit gemeint? Ist der Wertekanon, auf dem die EU besteht, mit den russischen Traditionen gar nicht kompatibel?

Schneider: Wie schon erwähnt, haben die Russen für alle diese Werte unterschrieben. Das Problem ist also nicht, dass die Russen diese Werte nicht anerkennen. Das Problem ist, dass die Russen diese Werte völlig anders interpretieren, so dass daraus der Eindruck entsteht, als ob sie sich von diesen Werten losgesagt hätten.

EM: Können Sie das an einem Beispiel erläutern?

Schneider: Denken Sie an den Rechtsstaat. Dazu hat sich Russland bekannt. Aber wie dann der Prozess gegen Chodorkowski abgelaufen ist, das wäre in einem Rechtsstaat wie dem unseren oder eines anderen europäischen Landes nicht möglich gewesen. Das Vorgehen gegen Demonstranten in Moskau und St. Petersburg trägt auch kaum rechtsstaatliche Züge. Dass es in den überregionalen Fernsehkanälen praktisch keinerlei Pluralismus gibt, ist auch nicht gerade Beleg für einen funktionierenden Rechtsstaat. Also da ist noch viel zu verbessern.

„Im Verhältnis zu Russland müssen wir in historischen Zeiträumen denken, nicht in Legislaturperioden – auch der Weg nach Europa war mühsam“

EM: Vor fünfeinhalb Jahren, am 25. September 2001, hatte der russische Präsident Wladimir Putin als erstes russisches Staatsoberhaupt vor dem Deutschen Bundestag gesprochen. In fließendem Deutsch und unter großem Beifall des Parlaments erklärte er damals, Europa könne seinen Ruf als mächtiger und selbstständiger Mittelpunkt der Weltpolitik langfristig nur festigen, wenn es seine eigenen Möglichkeiten mit den russischen menschlichen-, territorialen- und Natur-Ressourcen, sowie mit den Wirtschafts-, Kultur- und Verteidigungspotenzialen Russlands vereinigt. Wie viel von dieser Vereinigung ist inzwischen verwirklicht - oder längst wieder obsolet?

Schneider: Vereinigung in dem Sinne hat natürlich nicht stattgefunden. Aber Europa und Russland sind deutlich aufeinander zugegangen. Das Konzept der vier gemeinsamen Räume der Wirtschaft, der Bildung/Wissenschaft/Forschung, der inneren Sicherheit und Justiz sowie der äußeren Sicherheit, auf das sich Russland und die EU 2005 geeinigt haben, ist ein konkretes Ergebnis dieses Aufeinanderzugehens. Ein weiteres Ergebnis könnte ein neues Partnerschafts- und Kooperationsabkommen sein. Wir sollten aber auch darüber sehr konkret nachdenken, welche Zukunft wir Russland in der EU überhaupt bieten können. Ein verbreiteter Tenor in Moskau lautet, ihr wollt uns ja gar nicht haben. Welche Perspektiven hätten wir denn überhaupt? Im Augenblick ist die Zeit für eine bessere Qualität der Beziehungen offensichtlich nicht reif. Es gibt derzeit verstärkt Strömungen in Moskau, die eine stärkere Orientierung nach Asien anstreben. Viele der Silowiki sind erklärte Euro-Asiaten und wollen vom europäischen Wertesystem weg, hin zu einem autokratischen System. Es ist auch deshalb ganz besonders wichtig, dass wir Russland eine Perspektive in Europa bieten und es nicht ausgrenzen. Die Chance, die Putin 2001 formuliert hat, besteht weiter, aber man muss einfach in historischen Zeiträumen denken, anstatt nur in Legislaturperioden. Am besten man vergegenwärtigt sich hin und wieder, wie mühsam Europa entstanden ist, dann wird man die nötige Geduld eher aufbringen.

EM: Herr Prof. Schneider, haben Sie herzlichen Dank für dieses Gespräch.

Interview

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

  1. Wie Putin die Welt sieht
  2. Hintergründe zum Putsch in der Türkei
  3. Die Kurden - Geschichte, Kultur und Hintergründe
  4. Schwarzkümmel - Heilmittel des Propheten Mohammed
  5. „Hitler und Tito waren Schulfreunde“

Eurasien-Ticker