Putin reist erst spät in die HochwassergebieteKATASTROPHEN

Putin macht Mut im Hochwasser-Gebiet am Amur

Mit elf Ministern besuchte der russische Präsident lange nach dem Beginn der Katastrophe das Hochwassergebiet am Amur. In der Region wird spekuliert, warum Putin so spät kam.

Von Ulrich Heyden

Ende August besuchte Präsident Wladimir Putin die 7.000 Kilometer östlich von Moskau gelegenen Überschwemmungsgebiete am russisch-chinesischen Grenzfluss Amur. Dort hatte wochenlang eine verheerende Hochwasserkatastrophe in einem Ausmaß gegeben, wie sie in der Region in den letzten 120 Jahren nicht mehr vorgekommen war. Mit sorgenvoller Miene schaute der Kreml-Chef beim Überfliegen riesiger Wasserfläche bei Blagoweschensk aus dem Fenster seines Hubschraubers. „Naturgewalten, sind Naturgewalten“, erklärt er später den von der Katastrophe betroffenen Landwirten in einem Gespräch. Und er sagt den Bauern noch so einen Satz, der Mut machen soll, „man schlägt uns, aber wir werden härter“. Die Landwirte hätten um ihr Vieh und ihre Ernteerträge gekämpft, die Aufgabe des Staates sei es jetzt, „die Verluste zu verringern“.

Nach offiziellen Angaben sind 50.000 Menschen (Medien sprechen von 100.000) von den Überschwemmungen betroffen. 24.000 Personen wurden in Schulen und Sportsäle evakuiert. Über 10.000 Soldaten, Mitarbeiter des Notstandsministeriums und Freiwillige sind dabei Dämme zu errichten, Pumpen zu installieren und Menschen zu retten. Doch viele Bewohner kleiner Häuser verweigern eine Evakuierung aus Angst vor Plünderern.

In zwei Monaten kommen schon die ersten Fröste

Putin war aus Moskau mit elf Ministern angereist. Auf einer Konferenz in der an der russisch-chinesischen Grenze gelegenen Großstadt Chabarowsk forderte der Kreml-Chef schnelle Maßnahmen zur Wiederherstellung zerstörter Häuser und Straßen. Denn schon in zwei Monaten werden in der Region die ersten Fröste erwartet.

Der russische Präsident versprach jedem Bürger, dessen Eigentum zerstört wurde, Entschädigungszahlungen in Höhe von 2.500 Euro. Für den Neubau zerstörter Häuser soll der Staat 113 Euro pro Quadratmeter an die Betroffenen zahlen. Für die Menschen, die nicht in ihre Häuser zurückkehren könnten, müssten alternative Unterbringungsmöglichkeiten geschaffen werden. Evakuierte Kinder sollen in andere Regionen verschickt werden.

Profitsüchtige Wasserkraftwerke tragen offenbar Mitschuld

Auf der Konferenz in Chabarowsk wies der Kreml-Chef das russische Ermittlungskomitee an, zu untersuchen, ob das Verhalten der Beamten im Fernen Osten während der Überschwemmungskatastrophe korrekt war. Insbesondere bei den Personen, welche für die Wasserkraftwerke verantwortlich sind, gäbe es „Zweifel, ob sie streng nach den Anordnungen gehandelt haben“, erklärte der Präsident.

Das Wochenblatt Sobesednik vermutet, Putin sei so spät in das Hochwassergebiet gekommen, weil die halbststaatliche Elektrizitätsgesellschaft RosHydro eine Mitschuld an der Katastrophe trage. Das Wochenblatt schreibt, die Elektrizitätsgesellschaft hätte in den Wasserkraftwerken Seja und Bureja zu viel Wasser gespeichert. Offenbar sei der Strom-Export nach China wichtiger gewesen, als die Bevölkerung vor Überschwemmungen zu schützen. Die Elektrizitätsgesellschaft widersprach den Vorwürfen. RosHydro gehört zu 65 Prozent der Föderalen Agentur zur Verwaltung von Staatseigentum, zu 10 Prozent der niederländischen ING-Finanzgruppe und zu 15 Prozent der russischen Kreditorganisation NSD.

Viele Häuser sind nicht mehr bewohnbar

Die Lage im russischen Amur-Gebiet ist dramatisch. 11.000 Häuser stehen im Wasser. Das Notstandsministerium liefert zwar Heißlüfter, aber Experten bezweifeln, ob man die Häuser bis zum Einsetzen der ersten Fröste wieder trocken bekommt. Viele Häuser werden, nachdem sie wochenlang im Wasser standen, auch gar nicht mehr bewohnbar sein.

Ein Vertreter des Ministeriums für den russischen Fernen Osten sprach von Schäden in Höhe von 700 Millionen Euro. Das russische Gesundheitsministerium rät den Menschen, nur Wasser aus Flaschen zu trinken. Wegen der Seuchengefahr hat das Ministerium vorbeugend mit einer Impf-Aktion begonnen. 2.000 überflutete Brunnen sollen nach dem Ablaufen des Wassers desinfiziert werden. In den ländlichen Gebieten des Fernen Ostens befinden sich die Abwässer nicht in geschlossenen Systemen. Viele Sickergruben auf Datschen-Grundstücken stehen seit Wochen unter Wasser.

Eine Plage sind auch die Ratten, die sich von überall her auf die Hausböden geflüchtet haben. Jetzt, wo viele Häuser wegen der Evakuierungen leer stehen, „fressen sie unsere Kartoffel-Vorräte auf“, berichtete eine Anwohnerin gegenüber dem Fernsehkanal NTW.

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