Putins Doktorarbeit ist ein PlagiatRUSSENPLAG

Getürkte Doktorarbeiten, Hochschulmisere und ein genervter Bildungsminister

Putins Doktorarbeit ist ein Plagiat

Nirgendwo wird so viel gefälscht, abgeschrieben und bestochen, um den begehrten Doktortitel zu ergattern wie in Russland. Politiker, Oligarchen und Mafiabosse - alle streben nach dem prestigeträchtigen „Dr.“ vor dem Namen. Unter dem Druck von 150.000 Aspiranten allein in diesem Jahr, vergeben die Hochschulen immer öfter Kandidaten- und Doktortitel für Bares. Bei entsprechenden Verbindungen oder Zuwendungen werden die Titel regelrecht nachgeworfen. Eine lukrative Industrie von Ghostwritern ist entstanden und zugleich eine Gegenindustrie von Plagiatsfahndern. Dem Sittenverfall und Niedergang der Wissenschaften an den Universitäten will Russlands Premier Dmitrij Medwedjew nun durch drastische Maßnahmen ein Ende bereiten. Als erstes sollen die Attestierungskommissionen, die die Doktorarbeiten bestätigen, personell erneuert werden - einer ihrer Leiter war jüngst ebenfalls als Plagiator erwischt worden.

Von Hans-Joachim Hoppe

Putin als Lomonossow – eine Persiflage auf den plagiatsverdächtigen Präsidenten.
Putin als Lomonossow – eine Persiflage auf den plagiatsverdächtigen Präsidenten.
Foto: VKontakte.ru

Prominentester Fall: Putin

Der prominenteste Fall eines Plagiats ist Russlands Präsident Wladimir Putin. In seiner Doktorarbeit hat man Passagen aus den Werken westlicher Ökonomen entdeckt. 1997 wurde Putin an der renommierten Bergbau-Hochschule St. Petersburg mit einer 218 Seiten langen Arbeit über das undankbare Thema der staatlichen Bewirtschaftung natürlicher Ressourcen promoviert. Die Arbeit trug den umständlichen Titel „Strategie der Planung der Reproduktion der Mineral- und Nährstoffbasis der Region  unter den Bedingungen der Formierung von Marktverhältnissen“. Damals war Putin Stellvertretender Leiter der Präsidentenadministration und hatte bestimmt nicht die Zeit, eine derartige Arbeit zu schreiben. Deshalb wird auch vermutet, dass andere die Arbeit verfasst haben - und das nicht einmal gut. Putin hat das Opus wahrscheinlich gar nicht gelesen. Wie er seinen Titel vor einer Kommission „verteidigt“ hat, darüber kann man nur spekulieren. In Russland hatte die Entdeckung des Putinschen Plagiats nicht die gleichen Folgen wie für andere russische Amtsträger oder gar derartige Konsequenzen wie in Deutschland, wo der Titel besonders ernst genommen wird.

Medwedjews Analyse

Zum verbreiteten Streben nach Doktortiteln meinte Premier Medwedjew, es gehöre inzwischen „zum guten Ton“, einen Doktortitel - gleichgültig in welchem Fach - anzustreben, wobei die meisten sich aber nicht der Mühe unterziehen wollten, eine Doktorarbeit auch selbst zu schreiben. Das führe dann zu massenhaftem Betrug, der die wissenschaftlichen Titel und mit ihnen die Wissenschaft in Russland entwerte. Er selbst habe einmal nach Erwerb der Kandidatendissertation eine Doktorarbeit (entspricht unserer Habilitation) schreiben wollen, dann aber, als er erkannte, dass dies für seine Karriere nicht nötig war, darauf verzichtet.

Medwedjews Ratschlag

Medwedjew erklärte weiter, um Erfolge im Business und in der Politik zu erreichen, sei es nicht unbedingt erforderlich, eine Dissertation zu „verteidigen“.

Und, so sein konkreter Ratschlag: „Wenn man eine Dissertation vor Eintritt ins Arbeitsleben oder in die Politik erstellen will, sei das machbar und positiv. Wenn man die Erstellung einer Doktorarbeit aber während einer Tätigkeit in hochgestellten Positionen bewerkstelligen will, wäre das ein „kompliziertes“ und „schwer zu bewältigendes Vorhaben“ (Diver-sant.ru, 26. März 2013).

Nach Einschätzung von Ghostwriter-Firmen benötigt man für die Arbeit an einer Dissertation gleich im Anschluss ans Studium ca. zwei Jahre, dagegen während einer Berufstätigkeit fünf bis sieben Jahre. Diesem Stress würden sich nur wenige unterziehen, das gehe dann auf Kosten der Qualität einer Dissertation oder man delegiere die eigentliche Arbeit eben.

Elektronische Kontrollen

Künftig sollen, so Premier Medwedjew, alle Dissertationen zur öffentlichen Überprüfung ins Netz gestellt werden. Diesem Kontrollritual sollen sich alle Beamten unterziehen. Als erster Schritt wurden bereits alle Dissertationsthemen der Mitglieder der Präsidentenadministration, der Regierung und der Abgeordneten der  Staatsduma veröffentlicht. (abgedruckt bei Kommersant, 1.4.2013).

Dmitrij Liwanow, russischer Minister für Bildung und Wissenschaft.
Dmitrij Liwanow, russischer Minister für Bildung und Wissenschaft.
Foto: Government.ru, Wikipedia

Bildungsminister als Sündenbock

Inzwischen schlagen Politiker aus allen Parteien zurück: So richteten im April 2013 die Duma-Fraktionen der Kommunisten (KPRF) Sjuganows, der Liberaldemokraten Schirinowskys und Mironows Partei „Gerechtes Russland“ eine gemeinsame Petition, der sich die Fraktion „Einheitliches Russland“ „mündlich“ anschloss, an Präsident Putin mit der Bitte um Entlassung des „unhaltbar“ gewordenen Bildungsministers Dmitrij Liwanow. Er gefährde mit seinen Aktionen den das Renommee der Parlamentarier und den Wissenschaftsbetrieb an den Hochschulen. Es heißt, Liwanow spiele den „Sündenbock“, denn in Wirklichkeit richte sich der Unmut gegen Premier Medwedjew (Kommersant, 23. April 2013).

Auf die Frage, ob Putin in der Entlassungsfrage mit Premier Medwedjew übereinkommt und die Kritik an dem Minister Liwanow teile, erklärte Medwedjew wörtlich „ein Minister sei kein Rubel, der jedem gefallen müsse!“ Diese Äußerung Medwedjews fiel auf Fragen zu seinem Rechenschaftsbericht in der Sitzung der Staatsduma  am 17. April, um seinen Minister vor den Angriffen der Oppositionsfraktionen zu schützen. Nicht nur die Opposition, auch die Kremlpartei „Einiges Russland“ konfrontierte den Minister mit unangenehmen Fragen, so z.B. nach der Institution „Antiplagiat“, die von der dem Bildungsministerium zugehörigen Attestierungskommission zur Überprüfung der Doktorarbeiten der Duma-Abgeordneten durch professionelle Blogger (!) eingesetzt wurde. Die GmbH „Antiplagiat“ (http://www.antiplagiat.ru/index.aspx) agiert unter dem Motto „Sine labore non erit panis in ore“ (Ohne Mühe kommt kein Brot in den Mund). Die in ihrer Existenz bedrohten Abgeordneten schossen zurück: Voll Schadenfreude teilte der Duma-Abgeordnete Wladimir Burmatow mit, dass die Moskauer Staatsanwaltschaft eine Untersuchung der ominösen Firma „Antiplagiat“ eingeleitet hat, die Zugang zu allen wissenschaftlichen Archiven und Bibliotheken hat und für ihre Recherchen viel Geld aus dem Budget des Bildungsministeriums erhält.

Ein Monitoring der Hochschulen für das Jahr 2012 ergab, dass in Russland 136 von ihnen samt ihrer 450 Filialen uneffektiv arbeiten, und nur 30 mit 262 Filialen als zufriedenstellend zu bezeichnen sind. Wie die Vorsitzende der russischen Filiale von Transparency International, Jelena Panfilowa mitteilte, blüht in vielen Hochschulen Korruption - Bestechungsgelder werden für den Zugang zu Hochschulen und für den Kauf von Diplomen gereicht. Das sei ein riesiger Markt. Ein Abgeordneter der Kommunisten äußerte den Verdacht, dass das Bildungsministerium an den Missständen durch Umorganisation und die Kontrollagentur mitverdienen wolle und nur den „Finanzstrom“ auf sich umleite.

Ein Abgeordneter der Kremlpartei kündigte sogar eine parlamentarische Untersuchung der Tätigkeit des Bildungsministers an. Eine Entlassung seines Ministers wäre für Premier Medwedjew jedoch ein schwerer Schlag. Das Rechnungsprüfungsamt warf Minister Liwanow vor, für den alarmierenden Rückgang ausländischer Studenten an russischen Hochschulen und an deren Gewinneinbußen verantwortlich zu sein. Statt nach Russland gingen jetzt viele ausländische Studenten, vor allem aus Mittelasien, lieber nach China! (Kommersant, 25. April 2013).

Eine heikle Dissertationsliste

Am 1. April 2013 wurde eine Liste veröffentlicht. Auf ihr steht auch der rührige Abgeordnete Burmatow, den offenbar auch Gewissensbisse plagen, denn er erwarb 2006 den Titel Kandidat der Pädagogischen Wissenschaften mit einer Arbeit mit dem nebulösen Titel „Bildung einer Informationskultur der Studenten über die Massenkommunikationsmittel (Medien) an den Hochschulen auf der Basis einer kulturpolitischen Methode“. (Kommersant Dengi, 1. April 2013)

Die Liste der Kandidaten- und Doktordissertationen führen Putin und Medwedjew an, gefolgt von Ministern, Abgeordneten und Beamten. Meist bewegen sich die Themen im aktuellen Arbeitsbereich, so dass der Verdacht besteht, die Minister haben einfach ihre Untergebenen an die Arbeiten gesetzt. Nicht ganz verständlich ist, warum Putin sich ein derart kompliziertes Thema hat geben lassen, eins über den Außenhandel oder Sicherheitsfragen hätte besser zu seinen Tätigkeiten in Petersburg und später in Moskau gepasst. Interessant ist noch, welche Minister keinen Doktortitel angestrebt haben, nämlich Außenminister Sergei Lawrow und der ehemalige Verteidigungsminister und jetziger Leiter der Präsidentenadministration Sergei Iwanow. Statt eines Doktortitels ließ sich Lawrow mit Ehrungen und Orden überhäufen und Iwanow betätigte sich mehr operativ beim KGB. Da war für lästige und banale Doktorthemen keine Zeit.

In der folgenden Liste werden Geburtsjahr, Geburtsort, die gegenwärtige Position des Dissertanten, sein Dissertationsthema und ggf. seine Doktorarbeit (vergleichbar etwa unserer Habilitation), der erworbene Titel und das Jahr seiner Verleihung angegeben. Wenn man nun Geburtsjahr und Jahr der Titelerwerbung in Beziehung setzt, erhält man das Alter, in dem der Titel von der jeweiligen Person erworben wurde. Dies wiederum zeigt an, ob derjenige seinen Kandidaten- oder Doktortitel vor dem Start seiner Karriere oder während seiner beruflichen Tätigkeit erworben hat, woraus man wiederum den Wahrscheinlichkeitsgrad fremder Hilfen erschließen kann.

Auszug aus der Dissertationsliste

(In einer politischen Rangfolge)
Wladimir Putin, 1952, Leningrad, Präsident Russlands, „Strategie der Planung der Reproduktion der Mineral- und Nährstoffbasis der Region  unter den Bedingungen der Formierung von Marktverhältnissen“. Kandidat der Ökonomie, 1996 (44 Jahre zum Zeitpunkt der Dissertation).

Dmitrij Medwedjew , 1965, Leningrad, Premier, „Probleme der Realisierung des bürgerlichen Rechtssubjekts eines Staatsunternehmens“, Kandidat Jura, 1990 (25 Jahre).

Dmitrij Rogosin, 1963, Moskau, Vizepremier, „Die russische Frage und ihr Einfluss auf die nationale und internationale Sicherheit“, Kandidat der Philosophie, 1996 (33 Jahre), „Probleme der nationalen Sicherheit an der Schwelle des 21. Jahrhunderts“, Doktor der Philosophie, 1998 (35 Jahre).

Sergei Schoigu, 1955, Tuwa, Verteidigungsminister, vorher Notstandsminister, „Organisation der Staatsverwaltung bei Prognostizierung von Katastrophenfällen mit dem Ziel der Verminderung von sozial-ökonomischen Schäden“, Kandidat der Ökonomie, 1996 (42 Jahre).

Sergei Naryschkin, 1954, Leningrad, Vorsitzender der Staatsduma, „Bildung einer Politik der Gewinnung ausländischer Investitionen“, Kandidat der Ökonomie, 2004 (50 Jahre). „Ausländische Investitionen und Wirtschaftsentwicklung Russlands“, Doktor der Ökonomie, 2010 (56 Jahre).

Gennadij Sjuganow, 1944, Oblast Orlow, Führer der KPRF, Abgeordneter der Staatsduma, „Grundlinien der Entwicklung der sozialistischen Lebensart in der Stadt am Beispiel der Großstädte des Landes“, Kandidat der Philosophie, 1980 (36 Jahre). „Grundtendenzen und Mechanismus der sozial-politischen Veränderungen im heutigen Russland“, Doktor der Philosophie, 1995 (51 Jahre).

Wladimir Bulawin, 1953, Lipetsk, Präsidentenbevollmächtigter für den Föderationsbezirk Nordwest, „Nationale Sicherheit des heutigen Russland“, Kandidat Jura, 1999 (46 Jahre).

Tatjana Golikowa, 1966, Mytischtschi/Moskauer Oblast, Beraterin des Präsidenten, „Theorie und Methodologie der Regelung der Budgetbeziehungen in der RF“, Doktor der Ökonomie, 2008 (42 Jahre).

Alexander Konovalov, 1968, Leningrad, Justizminister, „Besitz und Besitzverteidigung im bürgerlichen Recht“, Kandidat Jura, 1999 (31 Jahre).

Dmitrij Liwanow, 1967, Moskau, Minister für Bildung und Wissenschaft, Kandidat 1991 (24 Jahre), „Thermoelektrischer Effekt und Wärmeübertragung in elektronischen Systemen“, Doktor der Physik und Mathematik, Professor, 1997 (30 Jahre).

Andrey Fursenko, 1949, Leningrad, langjähriger Minister für Erziehung und Wissenschaft, Präsidentenberater, Kandidat der Mathematik-Physik 1978 (29 Jahre), „Zahlenmodelle nichtstationärer explosiver gasdynamischer Strömungen“, Doktor der Physik und Mathematik, 1990 (41 Jahre).

Ein schwarzes Schaf unter den Prominenten wurde von Aktivisten der Bewegung „Dissernet“ auch wieder entdeckt: Die Kandidatendissertation des Gouverneurs von St. Petersburg Georgi Poltawtschenko sei eine „Kompilation fremder Texte“! (Kommersant, 25. Mai 2013)

Stoppt Liwanow – solche Plaketten werden im Netz verbreitet.
Stoppt Liwanow – solche Plaketten werden im Netz verbreitet.
Foto: VKontakte.ru

Putins Saubermann Liwanow

Niemand ist so unbeliebt in der russischen Regierung wie Bildungsminister Liwanow. Alle schimpfen auf ihn, den Saubermann, CIA-Agenten, den man am liebsten auf den Mond schicken möchte. Genau er sei aber, so Experten, für Präsident Putin (und Premier Medwedjew) der richtige Mann: Er ist der jüngste Minister im Kabinett, Sohn eines KGB-Obersten (1999 verstorben), ein „ordentlicher Professor“ für Chemo- bzw. Hartkörperphysik und seit 2007 Rektor der Moskauer Instituts für Stahl und Legierungen (MISiS). Er kann nicht nur Englisch, sondern auch Italienisch. Kein Wunder – er liest englische Krimis und liebt Theater und Oper. 2003 absolvierte er die Staatliche Moskauer Akademie für Jurisprudenz. Verheiratet ist er schon seit seiner Studentenzeit mit der Tochter des Rektors, dem er im Amt folgte. Gerade ihn braucht Putin, um das russische Bildungssystem endlich aufzumischen und die gesamte Oberschicht in Russlands mit der Waffe gefälschter Doktorarbeiten in Schach zu halten. (Siehe Politik, Wirtschafts- und Kulturportal „Slon.ru“ - deutsch „Elefant“: ,Wofür braucht man Liwanow?‘, 25. April 2013).

Liwanow wagte es sogar, die traditionsreiche, von seinem Vorgänger Andrei Fursenko verhätschelten „Russische Akademie der Wissenschaften“ (früher Akademie der Wissenschaften der UdSSR) als „ineffektive, unfreundliche Anstalt“, die völlig überaltert sei, zu bezeichnen. Sofort hagelten Proteste aus dem beleidigten Altherren-Team mit der Forderung nach Entschuldigung! (Izvestiya, Akademie gegen Liwanow, 5. April 2013).

Liwanow wagte es übrigens auch – zusammen mit Außenminister Lawrow und anderen einsichtigen Politikern, das Adoptionsgesetz, das Adoptionen russischer Kinder insbesondere durch US-Familien erschweren soll, zu kritisieren. „Eine Politik des ‚Auge um Auge‘ (als Antwort auf das amerikanische Anti-Magnitsky-Gesetz“ mit dem Einreiseverbot für die an der Verhaftung und am Tod des gleichnamigen Anwalts Schuldigen) gehe nur zu Lasten der Kinder, die in Russland keine Adoptiveltern finden“, meinte Liwanow, der übrigens Vater einer Tochter und zweier Söhne ist, darunter ein Adoptivsohn! (Gazeta.ru, 18.12.2012)

Nöte der russischen Hochschulen
Stop-Livanov-Aufruf - Moskauer Staatsuniversität (MGU) gegen Minister Livanov

Wir Studenten, Aspiranten und Dozenten der MGU namens Lomonossov sind empört über die Politik des Ministers für Bildung und Wissenschaft, die auf die Zerstörung der Wissenschaft unseres Vaterlandes und des gesamten Bildungssystems zielt.

Minister Livanov demonstriert die völlige Vernachlässigung aller Stufen der Wissenschaft und der Bildung. Auf der Basis technischer und wirtschaftlicher Kriterien beurteilt er die Effektivität der wissenschaftlichen Institute. Die Praxis der Einführung eines Einheitlichen Staatlichen Examens (EGE) wird fortgesetzt, obwohl dies bei Prüfungen in Fächern wie Geschichte und Literatur überhaupt keinen Sinn hat. Die Stipendien für Studierend, Gehälter für Dozenten und Wissenschaftler bleiben auf einem Niveau, das nicht erlaubt, genügend Zeit für seine Verpflichtungen aufzuwenden. Der Gipfel der Unverschämtheit des Ministers Livanov sind seine Äußerungen, dass wenn ein Lehrer weniger als 30.000 Rubel (1000 Dollar bzw. 750.000 Euro) erhält, er nicht professionell sei. Die Sitzung des Ministeriums mit Livanov spricht für sich selbst...

Wir fordern den unverzüglichen Rücktritt des Ministers Dmitry Livanov!

Quelle: http://stoplivanov.ru

Sturz – oder große Karriere?

Einige meinen, die Nöte des Bildungssystems seien gar nicht so dringend, vielmehr diene die Kampagne gegen die Hochschulen und die zahllosen Plagiate als Ablenkungsmanöver. Im russischen Facebook „VKontakte“ läuft eine Aktion unzufriedener und überforderter Studenten unter der Parole „Stop Livanov!“. 

Jedoch Experten wissen es besser, die Probleme an den Hochschulen und generell im Bildungssystem sind so gravierend, dass sie Russlands gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung sowie seine Konkurrenzfähigkeit gegenüber fortgeschrittenen Ländern gefährden. Russische Blätter scherzen: die Dummen studieren in Russland, die Schlauen – die sich’s leisten können - gehen ins Ausland! Noch steht der Kreml hinter Liwanow, der übrigens schon vor Jahren zu den „Auserwählten“ gehörte. So stand er auf der „Liste der 100“ Schlauen, der Kaderreserve des Kreml (siehe Hans-Joachim Hoppe, Medwedjews Kader, Deutsche Welle, 28. Mai 2009).

Es scheint, als wollen ihn Putin und noch mehr Premier Medwedjew vor Angriffen aus allen Richtungen, auch denen der Kommunisten, der Liberaldemokraten und der Kreml-Partei „Einheitliches Russland“ schützen (Vedomosti, 19. April 2013). Indessen bringt die überraschende Ablösung des einflussreichen Vizepremier und Leiters von Medwedjews Regierungsapparat Wladislaw Surkow (Architekt der „souveränen Demokratie“) auch für Liwanow die Gefahr, dass unbequeme Minister geschasst werden und zuletzt der Premier selbst an der Reihe ist. In Ratings ist Liwanow der unbeliebteste Minister, die Abgeordneten stehen ihm feindlich gegenüber, denn durch Eingriffe ins Bildungswesen ist ein jeder betroffen. Eine neue Hiobsbotschaft: die Internetvarianten der Antworten der Russischprüfung der Zentralen Abiturprüfung wurden im Netz publik. Sofort schaltete der Minister die Polizei ein. Er fügte hinzu, man müsse die Jugend vor einer Atmosphäre der „Betrügereien“ schützen. Wenn seine Bemühungen aber keine Anerkennung fänden, sei er bereit zum Rücktritt. Man vermutet aber, wenn Liwanow seine undankbare Aufgabe übersteht, wird er eine große Karriere vor sich haben.

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