Rasseln mit den PanzerkettenRUSSISCHE ARMEE

Rasseln mit den Panzerketten

Mit Öl-Dollars hat Putin die russische Armee wieder aufgerüstet. Doch zur alten Größe fehlt es noch weit. Die wilden 90er Jahre wirken nach.

Von Ulrich Heyden

R ussland ist wieder stark. Das war die Botschaft der großen Militärparade auf dem Roten Platz, bei der zum ersten Mal seit 18 Jahren wieder moderne Panzer und Topol-Atomraketen aufgefahren wurden. Die Zeit, wo Flugzeugträger verkauft und veraltete Mig-Kampfflugzeuge und Hubschrauber abstürzten und die Piloten wegen fehlender Finanzen nur einmal im Jahr trainierten, sie ist vorbei.

In hartem Training gestählte Gesichter marschierten – die Augen rechts zum Oberkommandierenden Medwedjew – vor dem hinter einer riesigen Dekorationswand versteckten Lenin-Mausoleum vorbei. Seit Februar hatten die verschiedenen Truppenteile für den großen Tag geübt und bis auf Beschädigungen am Asphalt in der Moskauer Innenstadt war nichts schiefgegangen.

Verteidigungshaushalt vervierfacht

Doch das was da so glänzte, rasselte und donnerte, ist nur ein Teil der russischen Armee-Wirklichkeit. Obwohl Russland seit Putin wieder Unsummen für seine Streitkräfte ausgibt – unter dem Ex-Präsidenten wurde das Militärbudget dank hoher Öl- und Gaseinnahmen vervierfacht – hat sich die Armee noch nicht wieder von ihrem desolaten Zustand erholt, in den sie während der Jelzin-Ära geraten war.

Immerhin: Es wurden neue Mig- und Suchoi-Kampfflugzeuge angeschafft. Außerdem wurde viel Geld für neue Atomwaffen ausgegeben. Die Panzer-Truppen und die Flotte sollen erneuert werden. Russland arbeitet an einem eigenen satellitengestützten Navigationssystem, das auch von den normalen Bürgern genutzt werden kann.

Doch auch die größten Paraden bringen die alte sowjetische Stärke nicht zurück. Mit einem Verteidigungshaushalt von 40 Milliarden Dollar im Jahr liegt Russland weltweit auf Platz sieben. Der US-Verteidigungshaushalt umfasst 583 Milliarden Dollar, der Verteidigungshaushalt Deutschlands 44 Milliarden Dollar.

Russland hat nach China, den USA und Indien mit 1,2 Millionen Soldaten die viertgrößte Armee der Welt. Doch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion geriet die Armee nicht nur in eine finanzielle, sondern auch in eine geistige Krise. Die Generäle waren durch die vom Kreml betriebene Westöffnung des Landes unter Gorbatschow und Jelzin verunsichert.

Gemeinsame Manöver mit China

Inzwischen hat sich Russland wieder gefangen. Mit der Bildung der Organisation des Vertrages über kollektive Sicherheit, der neben Russland, Weißrussland und Armenien auch die vier zentralasiatischen ehemaligen Sowjetrepubliken Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan und Usbekistan angehören, versucht Russland seinen militärischen Einfluss in Eurasien zu erhalten.
Verstärkt wird diese Strategie durch gemeinsame Militärmanöver mit China, die 2005 und 2007 stattfanden. Offiziell sind die Übungen dem Anti-Terror-Kampf gewidmet, doch im Grunde handelt es sich um Machtdemonstrationen gegenüber den USA.

Der US-Plan für den Bau einer Raketenabwehr in Polen und Tschechien, sowie der von Washington unterstützte Beitritt von Georgien und der Ukraine in die Nato ist für die Russen eine Bestätigung altbekannter Feindbilder. Ein vollständig antiwestliche Politik betreibt der Kreml jedoch nicht. So will man der Nato den Landkorridor für den Güternachschub nach Afghanistan öffnen.

Verrohung durch den Tschetschenienkrieg

Der russischen Armee mangelt es zurzeit nicht vor allem an Geld, sondern an ethischen Werten und klaren Zielen. Der wilde Kapitalismus in den 90er Jahren, als die Generäle ihre Soldaten als billige Arbeitskräfte an Firmen und zum Datschenbau ausliehen, und der Tschetschenienkrieg, der praktisch ein Bürgerkrieg im eigenen Land war, hat zur Verrohung der Sitten in der Armee geführt.

Tausende Wehrdienstleistende werden immer noch Opfer der Dedowtschina, einer Hackordnung, in der sich jüngere Jahrgänge den älteren unterordnen müssen. Im Jahre 2006 wurden nach offiziellen Angaben 6.700 Rekruten von Vorgesetzten misshandelt. 2007 setzten 224 Soldaten ihrem Leben selbst ein Ende.

Das waren sieben Prozent mehr als 2006. Nach Einschätzung der russischen Organisation „Soldatenmütter“ sterben pro Jahr etwa 3.000 Wehrdienstleistende, ein großer Teil in Folge von Misshandlungen. Immer wieder kommt es zu solchen Skandalen.

Dem Wehrpflichtigen Andrej Sytschow mussten nach brutalen Quälereien in einer Sylvesternacht beide Beine amputiert werden. In St. Petersburg wurden Wehrpflichtige zur Prostitution gezwungen. Eltern, die es sich leisten können, kaufen ihre Söhne mit Schmiergeld vom Wehrdienst frei. Alle Forderungen der liberalen Opposition, die allgemeine Wehrpflicht abzuschaffen und dafür eine Berufsarmee einzurichten, stoßen bei den Generälen auf taube Ohren. Das einzige, wozu sie sich durchringen konnten, war die Verringerung des Wehrdienstes von zwei bzw. eineinhalb Jahren auf ein Jahr. Doch die neue Regelung führt auch  zu neuen Problemen. Jeder dritte Wehrpflichtige wird nach Angaben des stellvertretenden Generalstabschefs Wassili Smirnow aus Gesundheitsgründen als untauglich eingestuft. Und unter den Einberufenen seien über die Hälfte nur bedingt tauglich.

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