Rehabilitiert Dracula!RUMÄNIEN

Rehabilitiert Dracula!

Rehabilitiert Dracula!

Zur Ehrenrettung eines verkannten Staatsmannes. Sein Vater war Mitglied im „Drachenorden“, den Kaiser und ungarischer König Sigismund 1408 gestiftet hatte. Draculas Vater Vlad wurde 1431 Mitglied dieser höchst exklusiven Societas Draconis, musste sich folglich Dracul nennen - und von ihm kam der Titel auf den Sohn.

Von Wolf Oschlies

Titelblatt eines Bamberger Druckes über „Eine wunderliche und erschreckende Geschichte von einem großen Wüterich genannt Dracula“.  
Titelblatt eines Bamberger Druckes über „Eine wunderliche und erschreckende Geschichte von einem großen Wüterich genannt Dracula“.  

D a Raducanu seit Jahrzehnten nicht mehr bei Borussia Dortmund spielt, kennen die gewöhnlichen Deutschen nur noch zwei Rumänen: Ceausescu und Dracula. Wobei diese Kenntnis auch schon verblasst: Ceausescu wurde Ende Dezember 1989 gestürzt, gejagt, gefasst und hingerichtet – alles in der ganz unbalkanischen Fixigkeit von vier Tagen. Und Dracula hat nie gelebt, wenigstens nicht der Dracula, der uns seit über einhundert Jahren in ungezählten Schauerstories. Horrorromanen und Schockfilmen als Blutsäufer, Tyrann, Massenmörder etc. vorgestellt wird.
Gewissermaßen als Überkompensation hatte Ceausescu zeit seiner Herrschaft eine Glorifizierung Draculas als großer Diplomat, Heerführer und Patriot betrieben, was die Rumänen nicht überzeugte. Bereits 1978 ließ der rumänische Dichter und Dra­matiker Marin Sorescu (1936-1996) in seinem Dracula-Drama „A treia teapa“ (Der dritte Pfahl) drei Personen höchst süffisante Dinge über Gewaltherrscher im allgemeinen äußern, die vom Publikum umgehend auf den realen „conducator“ (Führer) Ceausescu bezogen wurden und dem Autor Literaturpreise und Bühnentriumphe einbrachten.

Mitglieder der exklusiven Societas Draconis hießen Dracul

Und wer war nun Dracula? Die einfachste Erklärung wäre, ihn als einen von vielen frühneuzeit­li­chen Herrschern zu porträtieren, die allein we­gen Fehlübersetzungen ihrer Namen oder Titel zu einem Negativimage kamen. Das hat es in Osteuropa häufig gegeben: „Despot“ war ein ganz normaler serbischer Herrschertitel, auch „Iwan der Schreckliche“ war nicht schrecklich, sondern groznyj, also „urgewaltig“ oder „ele­men­tar“. Dasselbe geschah mit Dracula: Drac (plus direktem Artikel ul) heißt rumänisch „der Teufel“, war aber leider auch der Titel der Mitglieder im „Drachenorden“, den Kaiser (und ungarischer König) Sigismund 1408 gestiftet hatte. Draculas Vater Vlad wurde 1431 Mitglied dieser höchst exklusiven Societas Draconis, musste sich folglich Dracul nennenund von ihm kam der Titel auf den Sohn. Dessen zweiter Bei­name war auch nicht schmeichelhaft: „Tepes“, was man mit „Pfähler“ übersetzen könnte, aber eher mit „Lanzenträger“ oder „Speerwerfer“ übersetzen sollte. Davon abge­sehen, lebt dracul ganz munter in der rumäni­schen Umgangssprache: La mama dracului (Bei Draculas Mutter) bezeichnet eine ganz abgelegene, schwer zugängliche Region, und a face pe dracul in patru (Den Teufel zum Quadrat erheben) steht für das, was Deutsche mit „Himmel und Hölle in Bewegung setzen“ umschreiben. Mit dem historischen Dracula hat das natürlich nichts zu tun, aber lassen wir zu diesem Fakten sprechen.

„Probabil“ (vermutlich) ist in der (nicht sehr umfangreichen) Dracula-Literatur Rumäniens eines der meistgebrauchten Wörter, weil man zwar manches über ihn weiß, aber längst nicht alles. Bekannt ist allein die extrem schwierige politische Situation, in der sich die Karpatenregionen im 15. Jahrhundert befanden. Seit knapp 200 Jahren hatten sich dort die rumänischen Staaten Walachei und Moldau etabliert, die nun in das Mahlwerk der Großmachtrivalitäten gerieten. In der Walachei regierte seit 1436 Vlad II., „probabil“ 1390 geboren. 1444 hätte dieser als „Dracul“ und als ungarischer Vasall am Krieg des Reichs gegen die auf dem Balkan vorrückenden Osmanen teilnehmen sollen. Er misstraute jedoch den ungarischen Feldherren und blieb neutral – eine wei­se Entscheidung, da das „christliche“ Heer vernichtend geschlagen wurde, aber auch eine fatale, da sie Vlad die dauernde Feindschaft der Ungarn sicherte, die auch hinter seiner Ermordung durch Bojaren, rumänische Landedelleute, 1447 steckten.

1444 schlossen Ungarn und Osmanen Frieden, wofür Vlad seine zwei jüngeren Söhne, Vlad und Radu, als Geiseln stellen musste. Vier Jahre blieb Vlad junior, „probabil“ 1431 im transilvanischen Sighisoara (Schäßburg) geboren, in der anatolischen Festung Egrigöz eingeschlossen, bis ihm die Flucht in die Heimat gelang. Dort mühte er sich um Vaters Thron, vorerst erfolglos. Das war „probabil“ sein Glück: Die Osmanen hatten am 29. Mai 1453 die „orthodoxe Festung“ Konstantinopel erobert  und schon zwei Jahre zuvor die Walachei ultimativ unter ihre Botmäßigkeit gezwungen. Wer dort Herrscher war, musste zwei Herren dienen, den Ungarn und den Osmanen.

Vlad III. Draculea – Sohn des Dracula – ein geschickter Feldherr

In der Nähe von Brasov (Kronstadt), direkt am Karpaten-Bogen gelegen, steht „Dracula’s Castle“, zu dem Touristen aus aller Welt eifrig pilgern.  
In der Nähe von Brasov (Kronstadt), direkt am Karpaten-Bogen gelegen, steht „Dracula’s Castle“, zu dem Touristen aus aller Welt eifrig pilgern.  

Im Frühjahr 1456 war Vlad III. Draculea (Sohn des Dracula) am Ziel und setzte die kluge „Schaukelpolitik“ seines Vaters zunächst fort. Ab 1459 wurde er kühner, verweigerte den Osmanen den Tribut und ließ deren militärische Strafaktionen durch einen Partisanenkrieg in Niederlagen enden. So hätte es weitergehen können, wäre er nicht 1462 von seinen alten Feinden, den rumänischen Bojaren und deutschen Siebenbürger Sachsen gestürzt und fast 15 Jahre in der Festung Vishegrad eingesperrt worden. Erst 1475 ließ man ihn frei, da sein militärisches Geschick gegen die Osmanen gebraucht wurde, und 1476 kehrte er auf den walachischen Thron zurück. Den hatten 12 Jahre sein Bruder Radu cel Frumos (der Schöne) und 12 Monate Basarab Laiota innegehabt. Auf Laiota setzten die Osmanen, denen Vlad III. gerade in Serbien heftig zusetzte, und in einer kalten Frühjahrsnacht 1477 wurde er von dessen moldauischer Garde umgebracht.

Ein Schotte löste die Vampir-Welle aus 

So weit das nüchterne Faktengerüst zu „Dracula“, der Rest sind vage Anknüpfungen an den rumänischen Volksglauben an Strigoi (Untote) und vor allem Übertreibungen, Verleumdungen, Legenden. Das begann schon zu seinen Lebzeiten, beispielsweise mit der legendären „Cronica Saseasca“ (Sachsenchronik), der unendlich viele Flugblätter und Drucke folgten, wobei jedes schrecklichere Dinge zu berichten wusste. Den Gipfel erreichte der schottische Autor Bram Stoker (1847-1912) mit seinem Roman „Dracula“ von 1897, der die immer noch anhaltende Vampir-Welle auslöste.

Vlad III. Draculea agierte in einer bewegten Zeit, die ihn zu wechselnden Bündnissen zwang und ihm dauerhafte Feindschaft auf allen Seiten einbrachte – bis hin zu gefälschten Briefen, die ihn als „Verräter“ hinstellten. Vlad wehrte sich mit den Mitteln, die Zeit und Region für angemessen ansahen, darunter auch das Pfählen. Aber dass er, wie Zeitgenossen berichteten, mitunter einen ganzen „Silva Fictorum“ (Wald von Gepfählten) aufstellte, ist mehr als unwahrscheinlich: Das Pfählen war eine „exklusive“ Tötungsart, bei welcher der Aufgespießte möglichst lange leben sollte, um möglichst großen Schrecken einzuflößen. Mit Tausenden Gepfählten wäre eine solche Wirkung verpufft, ganz abgesehen von den „technischen“ Problemen mit einer solchen Menge von Delinquenten.

Schaurig schön bleibt Draculas Image auf ewig

Gepfählt oder nicht – schaurig-schön bleibt Draculas Image auf ewig. In der Nähe von Brasov (Kronstadt), direkt am Karpaten-Bogen gelegen, steht „Dracula’s Castle“, zu dem Touristen aus aller Welt eifrig pilgern. Sie wollen Dracula spüren, der „probabil“ das Schloß 1460 kurzfristig besetzt haben soll. Aber das ist sehr unwahrscheinlich: Castel Bran (wie sein offizieller Name lautet) kam 1377 in den Besitz der Siebenbürger Sachsen, die es zur wehrhaften Zollstation zwischen ihrem Tara Barzei (Burzenland) und Draculas Walachei ausbauten. Von Bran bis nach Bistrita im nördlichen Transilvanien, wo Stokers Dracula-Roman spielt, sind es 200 Kilometer Luftlinie. Später verfiel Bran und wurde erst ab 1920 zur Residenz der rumänischen Königsfamilie umgebaut. Heute sieht es wie eine Mixtur aus Neuschwanstein und Burg Eltz aus, hat aber die rumänische Sprache um zwei deutsche Wörter bereichert: architektonisch Fachwerk und ästhetisch Kitsch.

Der für seine Zeit sehr gebildete und polyglotte Vlad III. pflegte seine Briefe gelegentlich als „Dragulea“ zu unterzeichnen. Das kann eine Reminiszenz an die Großfamilie der Dragulii sein, der er entstammte, oder es war eine Spielerei mit seinem Beina­men Draculea. Drac heißt, wie erwähnt, „Teufel“ – aber Drag heißt „Lieber“… Vielleicht oder gewiss sollte man den ganzen Dracula als sprachliche Kniffligkeit auffassen – beginnend mit dem Knoblauch, der (angeblich) Vampire abwehrt. Knoblauch heißt rumänisch usturoi, vermutlich eine Ableitung von dem Verb ustura (jucken, beißen) und eine Um-drei-Ecken-Reminiszenz an die Bisse der Vampire.

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