Reise durch BelarusWEIßRUSSLAND

Lust auf Lukaland - Eine Reise durch Belarus

Reise durch Belarus

An der weißrussischen Grenze müssen Züge aus Europa stundenlang warten, um auf die sowjetische Spurbreite zu wechseln. Ein Blick ins Innere des Landes lohnt sich aber gerade wegen solcher Unterschiede, die den Zugang zunächst erschweren.

Von Ingo Nordmann | 05.02.2017

Der weiße Fleck auf der Landkarte - wenn dieses sprachliche Klischee noch auf ein europäisches Land zutrifft, dann auf Belarus. Zentral- und Osteuropa dürften zwölf Jahre nach der EU-Osterweiterung auf der kognitiven Karte vieler Westeuropäer zu finden sein, und durch Krim- und Flüchtlingskrise ist plötzlich auch von Ukraine und Balkanstaaten die Rede. Belarus aber bleibt im Schatten seiner Nachbarn weitgehend unbekannt. Grund genug, hinzufahren!

Siegesplatz mit Obelisk zur Erinnerung an die Toten des Zweiten WeltkriegsSiegesplatz mit Obelisk zur Erinnerung an die Toten des Zweiten Weltkriegs

Wer sich ein wenig für Osteuropa interessiert, kennt vielleicht noch das Vorurteil von der „letzten Diktatur Europas“ (nach einer Einschätzung der US-Regierung von 2005), und hat bereits den Namen von Präsident Lukashenko gehört, der das Land seit 1994 autoritär regiert. Literaturfreunde könnten durch Svetlana Alexievich, die 2015 den Literaturnobelpreis erhielt, über Belarus gestolpert sein. Ihre Bücher sind, in ihrer Heimat völlig ignoriert, im Westen zu Bestsellern avanciert.

Lukaland als Durchfahrtstrecke nach Moskau

Meist wird Belarus jedoch höchstens als Durchfahrtsstrecke nach Moskau betrachtet, als „Lukaland“ auf den Ruf seines Staatschefs reduziert, oder gleich als “Osteuropas Außenseiter” diffamiert, der die “Integration mit dem Rest des Kontinents um jeden Preis verhindern will” (so Lonely Planet, 2015). Für mich war diese Mischung aus Vorurteilen und Ignoranz Grund genug, den Visaantrag loszuschicken, um mir dieses mysteriöse Land im Osten genauer anzuschauen.

Wie kommt man hin?
Kurz: Leichter als gedacht. Minsk ist aus Deutschland von Frankfurt und Berlin direkt, oder mit einer preiswerten Umsteigeverbindung über Riga günstig zu erreichen. Hostels gibt es in allen Städten in zentraler Lage. Alternativ bietet Couchsurfing tolle Möglichkeiten, bei Weißrussen zuhause zu übernachten. Für den Visumsantrag war eine Gebühr von 60€, eine Auslandskrankenversicherung und ein Einladungsschreiben einer Unterkunft nötig, welches leicht per E-Mail zu bekommen ist. So lag mein Reisepass samt Visum bereits nach fünf Bearbeitungstagen wieder im Briefkasten. Da ich über Land nach Belarus einreisen wollte, flog ich zunächst nach Warschau, um mit dem Zug über Terespol und Brest nach Minsk zu reisen.

Nach zweistündiger Zugfahrt von Warschau komme ich in der polnischen Grenzstadt Terespol an. Der nächste Anschlusszug ins nur knapp zehn Kilometer entfernte Brest kommt erst in fünf Stunden, ein Taxi soll über 100€ kosten, und zu Fuß darf die Grenze nicht überquert werden. Ich schließe mich einer Gruppe junger Weißrussen an, die einen Bus nach Brest organisieren wollen. Sie sind auf Heimreise von Lódz oder Warschau, wo sie studieren. Nach Kontrollen auf polnischer und weißrussischer Seite (sowie einigen unerklärlichen Pausen) erreichen wir Brest noch vor Einbruch der Dunkelheit - mit einem gültigen Einreisestempel im Pass.

Die Fußgängerzone im restaurierten Zentrum von Brest
Die Fußgängerzone im restaurierten Zentrum von Brest

Brest: Martialisches Mahnmal und lebendige Grenzstadt

Unmittelbar hinter der Grenze zu Polen entpuppt sich das unterschätzte touristische Potential dieses Landes. Zwischen Grenzübergang und der Innenstadt von Brest befindet sich die größte geschichtliche Sehenswürdigkeit der Region: die Festung von Brest. Sie ist einer der wichtigsten Schlachtorte des Zweiten Weltkriegs, ein eindrucksvolles sowjetisches Ehrenmal, und ein zentraler Ort, an dem weißrussische Erinnerungskultur gestaltet wird. Dies erfolgt nach strengen Vorgaben der Regierung, wie ich von einer jungen Mitarbeiterin der Stiftung „Brest 2016“ erfahre. Erinnerungsfeste und die Darstellung der Geschichte unterliegen klaren Regeln, “die nur millimeterweise verändert werden können”.

In Brest hielt die Rote Armee 1941 besonders lange den deutschen Angreifern stand, weshalb Brest als einem von zwölf sowjetischen Orten die Auszeichnung „Heldenstadt“ (bzw. „Heldenfestung“) verliehen wurde. Neben einem Museum, einer Panzerausstellung und wunderschönen orthodoxen Kathedralen beeindruckt vor allem das brachiale Mahnmal, welches an das Leid der zwei- bis viertausend Rotarmisten erinnern soll, die im Kampf gegen die Wehrmacht ihr Leben ließen.

Denkmal für die Verteidiger der Festung von Brest, errichtet 1971
Denkmal für die Verteidiger der Festung von Brest, errichtet 1971

2004 sorgte das Mahnmal für einen diplomatischen Eklat: Der amerikanische Sender CNN hatte es in eine Liste der hässlichsten Denkmäler der Welt aufgenommen, was bei den weißrussischen und russischen Regierungen für Empörung sorgte. Verständlich, angesichts der geschichtlichen Bedeutung des Ortes. Die Liste wurde mittlerweile gelöscht, aber ein Besuch der Festung bleibt für alle Geschichtsinteressierten unvergesslich, zumal man sie meistens mit nur sehr wenigen Touristen teilen muss.

Die Festung sowie die Innenstadt von Brest werden derzeit im Programm Brest-2019 modernisiert, um die Zahl der ausländischen Touristen zu erhöhen. So sollen Besucher in Zukunft per App über das Gelände geführt werden, und können dann über das Handy-Display den früheren Zustand der Festung mit den Überresten vergleichen. Solange die Einreisebestimmungen  nicht vereinfacht werden, bleibt jedoch fraglich, ob solche Anstrengungen Erfolg haben werden. Zu wünschen wäre es der Stadt.  

Am nächsten Tag nehme ich nach einem Bummel durch die hübsch restaurierte Innenstadt den Warschau-Moskau-Express in Richtung Minsk. Nach dreieinhalb Stunden komfortabler Fahrt komme ich in der Hauptstadt an, und das Großstadtflair ist am Bahnhof sofort greifbar. Menschentrauben eilen zum nächsten Zug, grelle Straßenbeleuchtung erhellt die einsetzende Dämmerung, und gewaltige, reich verzierte Häuserfassaden begrüßen Neuankömmlinge mit einer Mischung aus Eindruck und Einschüchterung. Es scheint, als wollten die sowjetischen Stadtplaner die geringe Bedeutung des Individuums in der sozialistischen Gesellschaft auch architektonisch deutlich machen.

Der Unabhängigkeitsprospekt im Zentrum von MinskDer Unabhängigkeitsprospekt im Zentrum von Minsk

Minsk: Sowjetische Planstadt und moderne Metropole

Ich bin gespannt, eine Stadt zu erkunden, in der Google-Maps noch nicht alle Attraktionen der Innenstadt orange eingefärbt und katalogisiert hat, und man somit Gefahr läuft, bei der Stadterkundung auch mal durch weniger mit Cafés und Geschäften gesäumte Straßen zu laufen. Nach einer kurzen Taxifahrt komme ich im gemütlichen Hostel im Dreifaltigkeits-Viertel an, und die junge Rezeptionistin gibt mir den ersten Tourismus-Tipp: „Sprich einfach mit den Leuten auf der Straße. Sie werden erstaunt, dann aber begeistert sein“.

Wie Recht sie hat. Ein simples Fragen nach dem Weg, oder auch nur der Gebrauch von Englisch in der Öffentlichkeit führen oft zu tollen Gesprächen mit weißrussischen Passanten und Passantinnen, die es sich teils nicht nehmen lassen, mich persönlich durch die nähere Umgebung zu führen. Dabei beeindrucken mich ihre Kenntnisse sowohl über belarussische Geschichte, als auch über das komplizierte Verhältnis des Landes zu ihren Nachbarn (sowohl im Westen als auch im Osten). Vor allem sind die meisten alles andere als obrigkeitsgläubige Unterstützer der Regierung.

„Warum kommst du ausgerechnet nach Belarus?“

Die häufigste Frage, die mir dabei gestellt wird, ist vorhersehbar: „Warum kommst du ausgerechnet nach Belarus?“ Die Vorstellung, dass jemand bloß aus touristischer Neugier ihr Land besucht, scheint selbst in der Hauptstadt nicht glaubwürdig. Ein „Danke“ auf weißrussisch („Dzukai“), statt der dominanten Amtssprache Russisch, bringt dabei zusätzliche Sympathiepunkte ein. Ich stelle mir vor, wie schwierig es wäre, in Paris, London oder Berlin auf diese Weise mit Bewohnern in Kontakt zu kommen.

Die Altstadt von Minsk  mit Heilig-Geist-Kathedrale und Palast der Republik aus der LuftDie Altstadt von Minsk mit Heilig-Geist-Kathedrale und Palast der Republik aus der Luft

Das kompakte Zentrum von Minsk ist leicht zu Fuß zu erkunden, alternativ bringt die Metro Besucher schnell durch die Stadt. Nach einem Rundgang durch die kleine Altstadt mit ihren Kathedralen und Museen spaziere ich auf dem eindrucksvollen Unabhängigkeitsboulevard vom Siegesplatz in Richtung Palast der Republik. Vieles fühlt sich unentdeckt und neu an, vor allem im Vergleich zu Paris, London, Berlin. In einem Supermarkt stelle ich erstaunt fest, dass dieser noch nach dem sowjetischen Prinzip funktioniert - Bestellen der Ware am Tresen, Zahlen an der Kasse.

Vorbei an der Zentrale des KGB, der anders als in Russland hier nie umbenannt wurde, erreiche ich den Unabhängigkeitsplatz, das Herz der Nation samt Regierungssitz und Lenin-Statue. Hier erkennt man deutlich, dass die Stadt nach der starken Zerstörung im Zweiten Weltkrieg als sowjetische Planstadt nach Stalins Vorstellungen entworfen wurde. Das kubistische Regierungsgebäude, ein Prachtbeispiel sowjetischer Architektur, wacht starrsinnig über den windigen, weitläufigen Platz. Ich frage mich noch, warum dieser fast menschenleer zu sein scheint - bis ich feststelle, dass sich unter den zahlreichen, gewaltigen Glaskuppeln ein mehrstöckiges, unterirdisches Einkaufszentrum mit Restaurants und Cafés befindet. Ungewohnt wirken auch die vielen, auffallend hübschen Statuen im öffentlichen Raum, die stets im klaren inhaltlichen Bezug stehen zu den Gebäuden, die sie dekorieren. So finden sich bronzene Clowns und Pferde vor dem Staatszirkus, Diskuswerferinnen vor dem Stadion, und grazile Sänger vor der Oper.

Vor dem Weißrussischen Staatszirkus, MinskVor dem Weißrussischen Staatszirkus, Minsk

Der allgegenwärtige Staat – mit Abstand größter Arbeitgeber

Nachdem ich zunächst von der Gastfreundschaft der Weißrussen beinahe überwältigt war, werden im öffentlichen Leben einige Unterschiede zum Westen deutlich. Die vielen Überwachungskameras hinterlassen ein seltsames Gefühl der Allgegenwärtigkeit des Staates. Besonders paradox erscheint dies auf der neuen Nationalbibliothek, einem topmodernen Neubau am Rande der Stadt, der ja eigentlich die Freiheit des Denkens repräsentieren sollte.

Überwachungskameras auf der neuen Nationalbibliothek, MinskÜberwachungskameras auf der neuen Nationalbibliothek, Minsk

Auch sind Straßen und U-Bahnstationen unglaublich sauber, was sich durch die äußerst hohe Zahl von Beschäftigten im öffentlichen Sektor (Reinigungskräfte, Sicherheitspersonal) erklären lässt. Der Staat ist, ganz im Gegensatz zu westlichen Industrienationen, der mit Abstand größte Arbeitgeber. Durch die extreme Privatisierungsscheu des Präsidenten sind ausländische Investoren, sowie Privatwirtschaft im Allgemeinen, so gut wie abwesend.

Große Werbetafeln und -plakate sind zwar vorhanden, zeigen aber in den meisten Fällen keine Produktwerbungen. Stattdessen präsentieren sie idealisierte Darstellungen des belorussischen Landlebens (Mädchen in sonnendurchfluteten Kornfeldern, Bauern bei der Ernte), oder Sehenswürdigkeiten aus anderen Teilen des Landes (insbesondere die Weltkulturerbe-Schlösser Mir und Njasviz). Wer diesen Darstellungen Glauben schenkt oder durch sie beeindruckt werden soll, bleibt offen.

Es tut sich allerdings was in der weißrussischen Tourismusbranche: So zieren nun Plakate mit den Attraktionen Minsks Werbetafeln in St. Petersburg, Riga und Tiflis. Doch auch Touristen im Westen wären gut beraten, Europas angeblichem „Außenseiter“ eine Chance zu geben. Es gibt viel zu entdecken.

Text und Fotos: Ingo Nordmann

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