Reise zum Mittelpunkt AsiensTUWA

Reise zum Mittelpunkt Asiens

Reise zum Mittelpunkt Asiens

Tuwa ist schwer zu erreichen. Naja, sagen wir mal so, man kommt sicher bis nach Moskau, dort kann man dann Inlandsflüge buchen entweder nach Tomsk oder Omsk oder Novosibirsk – und dann fehlen bis Tuwa nur noch einige Flugstunden. Mit einem Pauschalangebot ist Tuwa nicht zu erreichen. Wer es aber schafft, den erwartet: „Tuwa all inclusive!“

Von Daniela Schulz

A uf Einladung des tuwinischen Kultusministeriums reise ich an, um mit einem Fernsehteam über das vergessene Land zu berichten. Man braucht eine Einladung, um hierher kommen zu dürfen, denn Tuwa ist immerhin Grenzland – Grenzland Sibiriens zur Mongolei. Und ich darf! Der bekannteste Tuwa-Fan der Welt, der amerikanische Physiker Richard Feynman, durfte zeitlebens nicht ins Land seiner Träume reisen. Er war nie in Tuwa. Der russischen Regierung schien es zu gefährlich, einem Nobelpreisträger zu erlauben, sich im Grenzgebiet aufzuhalten. Angst vor Spionage! Immer wieder versuchte er es und laut Legende soll ein endlich genehmigtes Visum zwei Tage nach seinem Tod eingetroffen sein.

Kysyl – Tuwa – Jenissei. Das hätte jedes Mal Höchstpunktzahl gebracht beim Stadt–Land–Fluss-Spiel, denke ich während der staubige rote Lada mich über die Steppe buckelt. Endlich! Dort hinter den überdimensionalen Beton-Buchstaben K – Y – Z – Y – L erstreckt sich die Hauptstadt der Autonomen Republik Tuwa. Entlang des himmelblauen Bandes des Jenissei würfeln sich sozialistische Wohnmonolithen und russische Holzhäuser in das Bild der unendlichen samtgrünen Hügelketten. Das also war der Wunschtraum Feynmans, einmal Kysyl sehen – er musste ohne sterben.

Jenissei, Vater der Ströme – Kysyl, Zentrum Asiens

Kysyl ist eine seltsame Stadt: einerseits hört man in der 90.000 Seelen-Ansammlung die sich Hauptstadt nennt, gängige Hip-Hop-Sounds, andererseits werden die Sitten aus der Zeit des Großen Khans gepflegt. Am wichtigsten ist: Kysyl ist das Zentrum Asiens!

Hier fließen die beiden Flüsse Kha-Kem und Bi-Khem zum Jenissei zusammen, ein Strom der größer ist als der La Plata, der Ganges und der Kongo. Die beiden Quellflüsse entspringen auf den Höhen des Ostsajan-Gebirges und fließen durch ein Land, das unseren Voralpen gleicht. In Kysyl warten an seinen Ufern nur die Angler. Der Vater der Ströme, wie ihn die Russen nennen, fließt lautlos vorüber. Jenseits der tuwinischen Grenze wird der gewaltige Fluss ausgiebig beschifft.

Die autonome russische Republik Tuwa war einst das „Land der Rentiernomaden“. Ein mystisches Fleckchen Erde, halb so groß wie Deutschland. Jenseits des Altais im südlichsten Zipfel Sibiriens gelegen, da wo die Eislandschaft langsam in die mongolische Wüste übergeht, wo sich Schamanismus und Buddhismus gute Nacht sagen. Dschingis-Khan durchritt das Land auf seinem Eroberungszug gen Westen und hierher kommen auch die Goldschätze der Skythen.

Ein spleeniger Engländer markierte den Mittelpunkt Asiens

Stadtmitte, Jenissei-Ufer: Hier steht ein Obelisk. Otto Mänchen-Helfen, der erste deutsche Tourist in Tuwa, erzählt in seiner 1929 erschienenen „Reise ins asiatische Tuwa“: „Ein spleeniger Engländer reiste zu dem einzigen Zwecke, im Mittelpunkt eines jeden Erdteils einen Gedenkstein aufzurichten. Afrika, Nord- und Südamerika hatten schon ihre Steine, als er auszog, dem Herzen Asiens ein Denkmal zu setzen. Nach seiner Berechnung lag es an den Ufern des oberen Jenissei. Ich sah den Stein 1929. Er steht in Tuwa, in der Hirtenrepublik, die zwischen Sibirien und der Wüste Gobi liegt, dem für Europäer verschlossensten Lande Asiens.“
 
Wie Recht er hatte. Doch jetzt bin ich am geografischen Mittelpunkt Asiens und treffe Albert Kuvezin, einen Musiker, der der alten tuwinischen Musiktradition zu neuen Ehren verhilft: Albert ist ein „Khomeizi“, ein Kehlkopfsänger. „Ich bedanke mich bei den Geistern meiner Ahnen für die wundervollen Melodien und Lieder, die sie uns geschenkt haben.“ 

Die Tuwiner sagen, dass der Gesang der direkte Verbindungsdraht zwischen Mensch und Kosmos ist. Doch Albert tritt nicht in einem der vielen National-Ensembles auf, sondern tourt mit seiner Rockband Yat-Kha durch die Welt. „Ich singe den Khomei für heute“, lacht er. Er ist hier am Fluss groß geworden, und seine Verwandten leben noch immer als Hirten in den Bergen. „Eine wundervolle Kindheit / ein wundervoller Ort / golden wenn die Sonne scheint“, heißt es in einem seiner Lieder.

Break-Dance unterm Lenindenkmal

Das muss woanders gewesen sein, als hier zwischen dem Schutt der aufgerissenen Asphaltstraße und den tristen Fabrikbrachen der Sowjetzeit. Weder skythischer Goldschatz noch goldene Sonne sind hier zu finden – nur kaputte Sowjet-Romantik.

Passbüro: Besucher müssen sich registrieren lassen. Ich bin zu spät, zur Strafe gibt es einen Wodka. Weniger als 100 Besucher hat die Republik jedes Jahr. Draußen tanzen Jugendliche in ballonseidenen Jogginganzügen Break-Dance unterm Lenindenkmal.

Mit dem Lada folgen wir dem typischen Fingerzeig Lenins in die Ferne. Quer über die Steppe. Dreimal wird das Auto repariert. Stunden später halten wir an einem Bach. Nun heißt es den Geistern opfern. Mit Wodka. Der erste Schluck für die Geister, der Rest für uns. Als ob sie’s gerochen hätten, tauchen aus der Ferne drei kriegerische Reiter auf. Als die Flasche leer ist, bringen sie uns zur Jurte ihres Clanchefs. Glück gehabt, es ist Alberts Onkel und er will uns nichts Böses. Seine Reiter wollen nur mal durch die Kamera schauen – eine neue Welt.

Schlacht-Riten aus der Zeit Dschingis Khans

Neben seinem Filzzelt fließt eine schneeweiße Herde Angoraziegen über die Bergkuppe. Pferde grasen auf den Passhöhen. Das ist Traum-Tuwa. Nach altem Brauch wird für die Gäste ein Schaf geschlachtet: ein kurzer Einschnitt in die Brust des Tieres, dann fasst ein Mann mit der Hand ins Innere und erstickt das Schaf durch Zudrücken der Aorta. Die Regel stammt noch von Dschingis Khan: nicht ein Tropfen Blut des Tieres darf die Erde benetzen. Das gestockte Blut muss ich dann essen. Nationalgericht!

Am nächsten Tag, dem 14. August feiert ganz Tuwa den Jahrestag der Unabhängigkeit. Am 14. August 1921 rief das russisch verwaltete Protektorat Urianchai die erste Republik Tannu-Tuwa aus. Kysyl versuchte eine Annäherung an die Mongolei. Doch 1944 endete mit der Eingliederung in das Sowjetreich nicht nur die Unabhängigkeit, sondern gar die gesamte Existenz Tuwas. Das Land verschwand von den Karten der Welt.

Seit dem Niedergang des Sozialismus sucht das „vergessene Land“ seine nationale Identität. Zum Naadam (Nationalfeiertag) treten auf dem Leninplatz vor dem Rathaus Folklore-Ensembles der ganzen Republik auf mit einem Repertoire von Kehlkopfgesang bis Pop-Karaoke. Unweit der bonbonbunten Tanzformationen führt ein alter Schamane vor den schäbigen Plattenbauten sein Ritual durch: er schlägt die große Trommel und summt leise, dreht sich und dreht sich und dreht sich. Ich schließe die Augen, jetzt höre ich die vielen Glöckchen seines Gewandes, sein Schamanenpferd schwingt sich auf zum Himmel. Ich öffne die Augen, und der Alte ist tatsächlich fort.

Die Höhepunkte des Naadam-Festes

Wir müssen weiter zum Pferderennen: 40 Kilometer über blanke Steppe. Ohne Sattel. Beim Ziel, jenseits der Wohnblocks steht eine zweite Stadt: Teilnehmer und Festbesucher sind mit ihrem ganzen Hab und Gut gekommen. Hunderte von Jurten stehen dicht an dicht. Pferderennen, Bogenschießen und Ringkampf sind Höhepunkt des Naadam-Fests. Jeder Ringer tanzt vor, und falls er Sieger wird auch nach dem Kampf den „Adlertanz“. In bunte Seidenkleider gewandete Schiedsrichter rennen geschäftig zwischen den Kämpfern und der Ehrentribüne hin und her. Pro Weg trinken sie einen Schluck Wodka.

Auf der anderen Seite des Jenissei steht eine kleine Schmuckschatulle - wenn man sich ihr über eine der beiden Brücken nähert, erkennt man einen buddhistischen Tempel. Der Lama freut sich über den Besuch, vor zwei Jahren hatte er auch noch eine Rockband und kennt meinen Begleiter von nächtlichen Jam-Sessions. Jetzt ist er hier Klostervorsteher, aber seine Jimi-Hendrix-Attitüde hat er noch drauf. Der buddhistische Lamaismus war während der Sowjetzeit verboten. Jetzt, nachdem 1992 der Dalai Lama Tuwa besuchte und den heiligen Berg Chayürakan segnete, steht neben dem schamanischen „Obaa“ (ein Steinhaufen, der einen heiligen Ort markiert) ein buddhistischer Opferschrein. Schamanismus und Buddhismus vertragen sich gut in Tuwa, selbst der Lama war schon mal bei einem Schamanen, „bei meinem Onkel.“

Ich muss zum Fernsehen. Vor der kleinen Baracke stolziert ein Kamel vorbei. Drinnen wartet schon Dina Oiun, Tuwas Anchorwoman auf mich und erzählt begeistert von der Filmnation Tuwa, den „Menschen am Blauen Fluss“, wie der berühmteste Tuwa-Film heißt. Otto Mänchen-Helfen, Tuwas deutschen „Entdecker“, kennt die Nation, und ich soll seine Nachfolgerin sein, Tuwa wieder auf die Landkarte bringen. Die Technik im Senderaum ist so alt, dass ich nicht einmal auf deutsch weiß, wie der Standard heißt, jedenfalls ist das Magnetband so breit wie meine ganze Kassette. Davon mache ich ein Foto.

Buddhismus und Schamanismus, Kamele und wilde Reiter zwischen Hochhausreihen und eine Tankstelle im Nichts. Hip-Hop, Jurten, Lenindenkmal und Dauerfernsehen, wie in der Lobby des nicht zu empfehlenden, aber einzigen Hotels der Stadt, das ist „Tuwa all inclusive“ – Richard Feynmans Paradies, das er nur von einer Briefmarke kannte. Woher auch immer er die hatte.  Meine Karten; die ich aus Kysyl verschickt und für deren Marken ich Stunden im Postamt angestanden habe, sind nie zu Hause angekommen.

Beim Abflug schenkt mir der Lada-Fahrer sein „Schlüsselbrett“: ein riesiges Rentiergeweih. Den Film den wir gedreht haben, habe ich Dina Oiun geschickt, er ist jetzt Teil des Dauerflimmerns im Hotel.

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Tipps zu Tuwa:

Aktuell: „Geheimnisvolles Tuwa – Expeditionen in das Herz Asiens“, von Sew’jan I. Weinshtein, Alouette Verlag, Oststeinbek 2005, 263 Seiten, mit DVD, 39,90 Euro, ISBN: 3-924-32411-5.

Literatur: Über Feynmans nicht gelungene Reise erzählt das Buch „Tuva or bust!“ von Ralph Leighton. Leider vergriffen: Otto Mänchen-Helfen, „Reise ins asiatische Tuwa“, obwohl vor fast 80 Jahren geschrieben, immer noch das beste Buch über Tuwa.

Essen und Trinken: Es gibt ein Restaurant in Kysyl, in der Leninstraße gegenüber dem Buchladen. Das zweite am Ortsausgang hatte geschlossen. Garbratereien mit Schaschlik gibt es an jeder Ecke. Teehäuser sind vorhanden, aber schlecht gekennzeichnet. Echt tuwinisch: Picknick in der Steppe. Brot, Obst und Gemüse, auch geräucherten Fisch gibt es überall zu kaufen. Wohnt man privat, ist das Essen inklusive: gesalzener Buttertee, vergorene Stutenmilch und Chan und Blutpudding.

Kunst und Kultur: In Kysyl zeigt das Nationalmuseum die jahrtausendealte Kultur Tuwas, ein schamanisches Heilhaus und alle Tiere der Region. In der Steppe finden sich heilige Quellen, Felszeichnungen und skythische Steinfiguren. Rund um den Nationalfeiertag am 14. August finden Sängerwettstreite, Ringkämpfe, Pferderennen und Schamanentreffen statt. Kysyl hat ein Schauspielhaus, eine Musikhochschule und eine Philharmonie.

Einkaufen: Es gestaltet sich schwierig, da tuwinische Kaufläden meist die Wohnzimmer von Verwandten und Bekannten sind. Containermärkte mit Frisch- und Gebrauchtwaren, ebenso Kleidung finden sich aber auf jedem größeren Platz. Der große Buchladen in der Leninstraße führt zum Teil auch englischsprachige Literatur. Mehrere Läden sind am Ortseingang, wenn man vom Flughafen kommt, da findet sich alles vom Wodka über Porzellan bis zum Polarfuchs.

Musik: Yat-Kha: Yenisei-Punk, Tuva.Rock (www.yat-kha.com)
Tuva – Voices from the Center of Asia, Smithsonian Folkways.
Film: Dyngyldai von Gerd Conradt (mandala.vision@gmx.de)

Information: Ministerium für Kultur und Tourismus Tuwa, Telefonnummer mit Vorwahl: 007/39422/36722.

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Dieser Beitrag von Daniela Schulz wird ab 30. Januar auf der Netzseite der Kunsthalle Schirn, Frankfurt, die Ausstellung „All inclusive – Die Welt des Tourismus“ eröffnen: www.schirn-kunsthalle.de. Der auf ihrer Tuwa-Reise entstandene Film heißt DYNGYLDAI (Regie Gerd Conradt + Daniela Schulz) und hatte seine Premiere bei dem 27. Forum der Internationalen Filmfestspiele Berlin. Ein Sender hat ihn bis dato nicht gezeigt, dafür lief eine Auskopplung davon als Musikclip bei VIVA und gewann den Marler Videokunstpreis.

Die Autorin Daniela Schulz, Jahrgang 1968, ist Diplom-Kultur-Pädagogin und lebt in Berlin. Sie ist seit 1991 in den Bereichen Performance und Dokumentarfilm tätig und bereiste bislang ca. 40 Tourismusregionen. Seit 2005 belegt sie ein Doktorantenstudium an der ASCA, Universität Amsterdam.

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