Reisen nach NahostEXPERTENINTERVIEW

Reisen nach Nahost

Reisen nach Nahost

Arafat gestorben, Brachialgewalt im Irak und in Afghanistan, Verhandlungen über Nuklearwaffen im Iran – viel wird derzeit geschrieben über die islamische Welt. Im Vordergrund stehen dabei meist große Politik und millionenschwere Wirtschaftsbeziehungen. Dr. Michael Lüders weiß um die kulturellen Besonderheiten der Region, er kennt den Großteil der islamischen Länder aus eigener Erfahrung.

Von Hartmut Wagner

 Zur Person: Dr. Michael Lüders
 
Dr. Michael Lüders 
Dr. Michael Lüders, geb. 1959, ist Publizist und Teilhaber der Nahost-Beraterfirma „middle east consulting group“. Er war über viele Jahre Nahostredakteur der ZEIT und leitete für die Friedrich-Ebert-Stiftung Erkundungsmissionen („Fact-Finding Missions“) nach Zentralasien. Außerdem arbeitete er als Berater und Gutachter für das Auswärtige Amt und die GTZ.

Lüders studierte arabische Literatur in Damaskus, Islamwissenschaft, Politikwissenschaft und Publizistik in Berlin. Er promovierte über das ägyptische Kino. Der Nahost-Experte hat eine Reihe von Büchern veröffentlicht, u.a. „Im Herzen Arabiens“ (2004) und „Tee im Garten Timurs – Die Krisengebiete nach dem Irak-Krieg“ (2003).

Eurasisches Magazin: Herr Lüders, Sie haben fast ganz Zentralasien bereist. Was treibt Sie in diese Weltregion, die bei vielen Menschen hierzulande als zu unsicher oder gar zu unbedeutend für eine Reise gilt?

Michael Lüders: Schon immer habe ich mich hingezogen gefühlt zu jenen Teilen der islamischen Welt, über die wir bei uns in Europa nur wenig wissen. Ich wollte mehr erfahren. So war es auch, als nach den Anschlägen des 11. September 2001 Zentralasien ins Blickfeld der internationalen Medien rückte. Ich hatte damals keine sinnliche Vorstellung von der Region und entschloß mich daher zu einer längeren Rundreise durch Zentralasien.

EM: Welche Erfahrung war besonders prägend für Sie?

Lüders: Überrascht war ich darüber, wie stark die sowjetische Epoche das Leben in Zentralasien bis heute beeinflußt und wie gering die Bedeutung des Islams im Alltagsleben der meisten Menschen ist. Das muß aber nicht so bleiben. Insbesondere in Usbekistan können radikale Islamisten neue Anhänger gewinnen, und zwar in den Bevölkerungsschichten, die vom wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt ausgeschlossen sind. Religiöse Radikalisierung ist hier also eindeutig eine Reaktion auf die Ausweglosigkeit der persönlichen Situation der Menschen.

EM: Sie gelten als einer der großen Kenner der arabischen Welt. Was reizt Sie an dieser Region?

Lüders: Die Begeisterung für den Orient erfüllt mich schon seit meiner Jugend. Der Orient, das war für mich eine ganz andere Welt, etwas Fremdes und Exotisches. Prägend waren für mich die Romane von Karl May – die Abenteuer von Kara Ben Nemsi habe ich richtiggehend verschlungen. Diese Romantisierung des Orients ist im Laufe der Zeit, in der ich mich mit Arabien auseinandersetzte, natürlich zurückgegangen. Denn die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse von Marokko bis zum Irak sind ja alles andere als zufriedenstellend: Es fehlt allenthalben an Demokratie, an Bildung, an Chancengleichheit und an Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau.

Orientalische Gelassenheit

EM: Haben Sie auch persönlich von Ihren Reisen in arabische Länder profitiert?

Lüders: Unbedingt! Wer sich mit der arabischen Lebensweise befaßt, erhält sehr hilfreiche Anregungen für das eigene Denken. Man sieht sich als Europäer aus einer anderen, ergänzenden Perspektive, die einen befähigt das eigene Leben besser zu beurteilen. Die Hektik in der westlichen Gesellschaft wird demjenigen bewußt, der einmal die Gelassenheit eines orientalischen Teehauses erfahren hat. Diese andere Einstellung der Araber zu Zeit und Geschwindigkeit spricht mich persönlich sehr an.

EM: Welche Länder im Nahen Osten können Westeuropäer besuchen, ohne einer unkalkulierbaren Gefahr für ihr Leben ausgesetzt zu sein?

Lüders: Mit Ausnahme der Kriegs- und Krisengebiete, wie den Irak oder den Sudan, gibt es nach meiner Einschätzung keine arabischen Länder, in die man aus Sicherheitsgründen nicht reisen kann. Seit dem der sogenannte Anti-Terror-Krieg geführt wird, ist das Mißtrauen der Menschen gegenüber westlicher Ausländer aber spürbar angewachsen. Das Risiko, einem Gewaltanschlag zum Opfer zu fallen, halte ich dennoch für berechenbar.

Die Wahl des Reiseziels ist natürlich Geschmackssache. Sehr fasziniert hat mich Marokko, mit seiner Mischung aus arabischer Exotik und teils hochwertiger, europäischen Ansprüchen genügender Infrastruktur. Die hat man in Staaten wie Libyen oder Algerien nicht. Dafür kann man in diesen Ländern sehr empfehlenswerte Sahara-Touren unternehmen, gerade im algerischen Hoggar-Gebirge. Aber auch Ägypten oder der Jemen sind sehr reizvoll, wenn man für diesen Teil der Welt empfänglich ist.

EM: Gibt es Staaten oder Regionen, die für Ausländer überhaupt nicht zugänglich sind?

Lüders: Saudi-Arabien ist bei der Visavergabe sehr streng, im wesentlichen werden sie nur an Geschäftsmänner vergeben. Die heiligen Städte des Islams, Mekka und Medina, sind für Nicht-Muslime grundsätzlich nicht zugänglich. Die anderen Staaten der arabischen Halbinsel können aber problemlos besucht werden, etwa Kuwait, der Jemen oder die Kleinstaaten am Persischen Golf.

Neugierde auf Europa

EM: Wie reagieren Araber auf westliche Ausländer?

Lüders: Mit großer Neugierde und meist sehr freundlich. Auf meinen Reisen hatte ich oft das Gefühl, als verstünden mich die Einheimischen als Ansprechpartner des Westens insgesamt. Und so erstaunlich ist das nicht, da Araber immer noch äußerst selten mit Europäern in Kontakt kommen. Der kulturelle Austausch zwischen Morgen- und Abendland findet eben bis heute so gut wie nicht statt.

EM: Was wollen die Menschen denn wissen über Europa?

Lüders: Ganz verschiedene Dinge. Sie interessiert beispielsweise die Beziehung zwischen Männern und Frauen bei uns, oder die Haltung der Deutschen zur Nahost-Politik der USA. Und natürlich immer wieder die alles entscheidende Frage: Wie kann man eigentlich nach Europa auswandern? Übrigens ist Großbritannien nach wie vor eines der beliebtesten Auswanderungsziele, trotz seiner vorwiegend negativ beurteilten Politik gegenüber den arabischen Staaten.

EM: In welchem Ansehen stehen wir Deutschen in der arabischen Welt?

Lüders: Nach dem Irak-Krieg von George W. Bush ist das Ansehen von Deutschland und auch Frankreich merklich angestiegen. Die Weigerung, an dem US-Feldzug teilzunehmen, hat beiden Ländern große Sympathien unter den Arabern eingebracht. Davon profitieren auch die deutschen Unternehmer, die augenblicklich gerade in den Golfstaaten gegenüber ihren amerikanischen Kollegen bevorzugt werden.

„Der Irak-Krieg wird als Schande empfunden.“

 EM: Ist die Ablehnung des Irak-Krieges der USA tatsächlich so einhellig in den arabischen Ländern?

Lüders: Der Sturz von Saddam Hussein wird so gut wie von niemandem bedauert. Aber alles, was nach dem Ende der offiziellen Kriegshandlungen geschehen ist, wird von der großen Mehrheit der Araber als eine Schande empfunden und als eine systematische Zerstörung des Iraks. Den Kampf um die Köpfe und Herzen der Araber haben die Amerikaner sicherlich längst verloren.

 EM: Gibt es einen typischen Verhaltensfehler deutscher Touristen in den arabischen Ländern?

Lüders: Nein, eigentlich nicht. Generell muß man sich als Tourist eben kulturell anpassen und nicht gerade in Lederhosen und Tirolerhut durch den Basar von Kairo marschieren. Außerdem gilt es gegenüber arabischen Frauen den notwendigen Respekt zu zeigen. Ein Urlaubsflirt ist in Ägypten sicherlich um einiges schwieriger zu haben als in Frankreich oder in Norwegen. Er ist sogar nahezu unmöglich.

EM: Wenn man als Deutscher in Osteuropa unterwegs ist, kommt das Gespräch irgendwann immer auf den Zweiten Weltkrieg. Wie ist das in arabischen Ländern?

Lüders: Darauf bin ich relativ selten angesprochen worden. Für die meisten Araber ist das kein Thema. In unteren sozialen Milieus mit geringer Bildung trifft man hier und da noch auf eine tumbe Begeisterung für Adolf Hitler. Diese entspringt meist einer diffusen Unkenntnis der Geschichte und aus der Sehnsucht nach einem starken Mann im Staat.

„Mit Französisch oder Englisch kommt man durch.“

EM: Welche Reaktionen zeigen Araber, wenn sie ein Westeuropäer wie Sie auf Arabisch anspricht?

Lüders: Da reicht die Spannbreite von angenehm überrascht bis distanziert und mißtrauisch. Es gibt wenig Araber, die sich vorstellen können, daß man ihre Sprache erlernt nur aus Interesse für die Kultur und die Geschichte ihres Volkes. Weniger gebildete Menschen haben mich schon so manches Mal verdächtigt, westlicher Agent zu sein.

EM: Kommt man als Tourist ohne Arabisch-Kenntnisse durch?

Lüders: In den Städten sprechen die meisten Araber eine europäische Fremdsprache: In Nordafrika überwiegend Französisch, sonst Englisch. Jedenfalls hat man es in Arabien deutlich leichter, sich mit diesen beiden Sprachen zurechtzufinden als z.B. im Bereich der ehemaligen Sowjetunion.

„Atheismus wird nicht akzeptiert.“

EM: Wie wichtig ist die Religion? Bekommt man Probleme als Tourist, wenn man sich als Christ, Jude oder gar als Atheist offenbart?

Lüders: Als Atheist zu erkennen geben sollte man sich in islamischen Ländern unter keinen Umständen. Das wird nicht akzeptiert. Ein Atheist hat in den Staaten des Maghreb oder Maschrek den gleichen Status wie hierzulande, wenn Sie mir den Vergleich gestatten, ein Kinderschänder. Atheismus gilt als Ausdruck sozialer und kultureller Verkommenheit. Hingegen ist es völlig problemlos, sich im Gespräch mit Arabern zu einer anderen Religion zu bekennen. Eine Ausnahme stellte der Irak unter Saddam Hussein dar, hier war es alles andere als ratsam, sich als gläubiger Jude zu offenbaren.

EM: Verhalten sich Araberinnen anders gegenüber fremden, ausländischen Männern als deutsche Frauen?

Lüders: Das ganze Umfeld ist anders. Der Umgang zwischen beiden Geschlechtern ist unter Arabern stark reglementiert. Es ist nicht üblich, daß Frauen außerhalb der Familie zu fremden Männern Kontakte pflegen. Gerade in Saudi-Arabien oder im ländlichen Teil von Marokko sind Freundschaften zwischen Mann und Frau völlig ausgeschlossen. Möglich ist das nur in den arabischen Städten. Grundsätzlich gibt es sozusagen keine unschuldige Art eine arabische Frau kennenzulernen, unabhängig davon, ob man Araber ist oder nicht. Der Mann muß einer Araberin sehr schnell signalisieren, daß er bereit ist, die Ehe mit ihr zu schließen. Sonst hat die Beziehung keine Zukunft.

EM: Wie lernt sich Mann und Frau in Arabien kennen?

Lüders: Typische Orte der Kontaktaufnahme wie Diskotheken oder Nachtklubs fehlen außerhalb der großen Städte. Wenn überhaupt, dann verkehren Frauen dort nur mit männlicher Begleitung. Öffentliche Orte zum Kennenlernen fremder Menschen sind in Arabien auch gar nicht in dem Maße notwendig wie bei uns. Denn Araberinnen und Araber sind immer Mitglied eines engmaschigen, familiären Kollektivs. Die Anonymität der Großstadt, so wie sie in Europa herrscht, ist in der arabischen Welt unbekannt.

„Demokratie ist bei Europäern und Arabern gleich beliebt.“

EM: In der aktuellen Debatte über die Integration von Ausländern wird viel von den gemeinsamen Werten der Deutschen gesprochen. Wodurch unterscheiden sich die Werte der Araber von den unseren?

Lüders: Ich halte diese Diskussion für Unfug. Pauschale Unterteilungen in Wertegemeinschaften helfen nicht weiter. Jeder Mensch ist immer eine Summe von Identitäten und komplexen Auffassungen. Es gibt nicht die deutsche oder die arabische Kultur. Es gibt Menschen, die sich zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit bekennen, und solche, die das nicht tun. Das ist für mich das Entscheidende.

EM: Sind Demokratie und Rechtsstaatlichkeit bei Arabern und Deutschen unterschiedlich stark populär?

Lüders: Nein. Ich glaube, der Prozentsatz der Araber, der beides befürwortet, ist nicht geringer als bei uns Deutschen. Nur sind die Regime der arabischen Staaten allesamt nicht demokratisch und schenken dem Willen der Bevölkerung lediglich geringe Aufmerksamkeit.

EM: Herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Hartmut Wagner.

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