Rezension Der nächste Kalte Krieg: China gegen den Westen von Wolfgang HirnGELESEN

„Der nächste Kalte Krieg: China gegen den Westen“ von Wolfgang Hirn

Umarmen oder Erdrücken – Einkreisen und Umzingeln – das sind die Waffen der USA in einem neuen Kalten Krieg, der zwischen Amerika und China anstehen soll. Wolfgang Hirn schildert die Bereiche, in denen die Entscheidungen fallen könnten: Geld und Kapital, Wirtschaft, Bildung und Technologie, Umweltschutz, Rohstoffe, Ideologie und Außenpolitik. Auf diesen Feldern werde ein „ Kampf um die Weltmacht“ ausgetragen, und auch ein heißer Krieg sei nicht auszuschließen.

Von Hans Wagner

Wer braucht eigentlich einen Kalten Krieg? Und wer hat Angst vor wem?

Wolfgang Hirn schildert in seinem Buch sehr eindrucksvoll, weshalb die USA auf dem absteigenden und China auf dem aufsteigenden Ast ihrer Entwicklung sind: „Chinas Potenz zeigt sich in wirtschaftlichen Zahlen, im Wachstum des Bruttosozialprodukts, in Exporten und Währungsreserven. In allen drei Bereichen ist China Weltspitze. China hat weltweit die höchsten Wachstumsraten, China ist Exportweltmeister und China sitzt auf einem Devisenberg von unvorstellbaren drei Trillionen Dollar.“

Weshalb sollte dieses Land einen Krieg anzetteln – ob heiß oder kalt? „Dieses starke China trifft nun auf einen schwächelnden Westen. […] Und die USA waren die selbsternannte Weltpolizei, die intervenierte, wann und wo sie wollte. Sie konnte, wenn es sein musste, gleichzeitig an mehreren Fronten kämpfen. Doch mit dieser Allmacht der USA ist es seit einigen Jahren vorbei.“

Alle führenden Mächte des Westens sind gleichzeitig geschwächt

China sitzt auf einem Devisenberg – der Westen auf Schulden gigantischen Ausmaßes. „Das gab es noch nie in der Nachkriegsgeschichte: Alle führenden Mächte des Westens sind gleichzeitig geschwächt.“

Die Schulden der USA allein, so Hirn, „betragen rund 16,5 Trillionen Dollar. Die Schuldenlast macht die USA in vielen Bereichen handlungsunfähig. Es fehlt schlicht das Geld…“

Wolfgang Hirn zitiert den britischen Historiker Niall Ferguson, der sagt: „Wir erleben gerade das Ende der westlichen Vorherrschaft.“ Hirn konstatiert: „Und just in diese Phase des relativen Niedergangs trifft der Westen auf eine aufsteigende Weltmacht – China, das aufgrund seiner wirtschaftlichen Stärke immer selbstbewusster auftritt.“ Hirn kommentiert die offenbar stattfindende Wachablösung mit den Worten: „Neue Arroganz trifft auf alte Arroganz“. Und er bemüht für diese Sicht die Historie: „Das ist eine klassische Konstellation der Weltgeschichte. Sie gibt es alle paar hundert Jahre. Das erste Aufeinandertreffen von Aufsteiger und Absteiger fand im Altertum zwischen Athen und Sparta statt, das letzte zwischen Deutschland und Großbritannien zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Beide Konflikte endeten tödlich. Der erstere im Peloponnesischen Krieg, der letztere im Ersten Weltkrieg.“

Die Wachablösung wird nicht geschmeidig verlaufen

Muss China wirklich die gleichen Fehler machen? Was ist andererseits mit den Reaktionen des „selbsternannten Weltpolizisten“, der auch im Ersten Weltkrieg schon kriegsentscheidend mitgemischt hatte und seither „intervenierte wann und wo er wollte“? Wer bitte braucht denn einen „neuen Kalten Krieg“?

Die Wachablösung wird nicht als geschmeidiger Übergang ablaufen, zitiert Hirn den US-Nobelpreisträger Joeseph Stiglitz. Aber das wird ja wohl daran liegen, dass der Westen sich wehrt. Schon immer kommen Kriege dadurch zustande, dass die angegriffenen Parteien sich zur Wehr setzen. Sonst gäbe es keine. (Clausewitz).

Die Frontlinien, so Hirn, verlaufen „zwischen China und der westlichen Führungsmacht USA und ihren Kombattanten.“ Zum Teil hätten die Auseinandersetzungen schon begonnen. Man streite um immer knapper werdende Rohstoffe. Noch verliefen die „Vorgeplänkel friedlich.“

Da hört man schon den drohenden Unterton. China rüste auf, während die USA kein Geld mehr dafür hätten. Wo soll das hinführen? „China flankiert seine wachsende wirtschaftliche und politische Macht mit militärischer Stärke“. Während der alternde Weltpolizist, der sich immer und überall einmischte, an Potenz auch auf militärischem Gebiet verliert.

„Der Westen ist nicht nur gut“

Hirn begeht nicht den Fehler, der aufstrebenden Macht ihren Erfolg vorzuwerfen nach dem Motto „Dürfen die das?“ Er macht klar: „Es besteht kein so simpler Antagonismus, wie ihn viele hierzulande konstruieren: Hier der gute Westen, dort das böse China. Der Westen ist nicht nur gut. Er führt – siehe die USA – Kriege im Namen der Demokratie, die verkappte Kriege um Rohstoffe sind. Und China ist nicht nur böse, auch wenn wir im Westen gerne das Land dämonisieren, weil es so anders und so erfolgreich ist.“

Und wer bereitet nun den Kalten Krieg vor, den der Buchtitel prophezeit: „China gegen den Westen“? – Müsste man nicht besser sagen: „Der Westen gegen China“? Wer braucht denn einen Kalten Krieg?

Amerikanische Umzingelungspolitik in Asien

„Vor allem die USA treiben China in eine Rolle, die es gar nicht spielen will. Denn Amerika wendete in den vergangenen Jahren in Asien eine Umzingelungspolitik an, bildete Allianzen und Partnerschaften mit fast allen Nachbarn Chinas – von Japan über Südostasien bis nach Indien.“

China reagiere darauf nervös. Wen wundert’s bei einem Gegenspieler wie den USA, die sich immer und überall auf der Welt zu ihrem Vorteil einmischen? So sei im Fernen Osten „eine Eskalationsspirale entstanden, an deren Ende eine militärische Auseinandersetzung stehen könnte. Also ein heißer Krieg. Und wer wird dann noch wissen wollen, dass am Anfang die US-Einkreisungs- und Umzingelungspolitik gestanden hatte mit dem Versuch der Strangulierung?

Europa sucht die Freihandelszone mit Amerika

Europa sehe „diesem Treiben teilnahmslos zu“, kritisiert der Autor. Gerade so, als würde uns „das alles fern der Heimat nichts angehen […] Hauptsache wir – und vor allem die Deutschen – machen unsere Geschäfte dort.“

Hirn plädiert nicht für ein militärisches Engagement der Europäer, sondern „für ein politisches Engagement der Europäer in dieser Region.“

„Europa tut doch was“, so müsste man dem Autor vielleicht noch erläutern. Es engagiert sich sogar ziemlich eindeutig. Die EU strebt ein Freihandelsabkommen mit den gebeutelten und maroden USA an. Wenn das kein Signal ist. Vielleicht soll das Amerikas Rückversicherungsvertrag für seinen neu geplanten Kalten Krieg sein? – Dann allerdings ist Europa voll dabei.

In seinem Schlusskapitel geht Wolfgang Hirn auf den „Kampf um die Weltmacht“ ein, wie er ihn sieht – auch hier wieder: „China gegen die USA“. Sehr aufschlussreich. Unter anderem geht es dabei um „Umarmen oder Erdrücken – wie die USA mit China umgehen.“ Es ist praktisch der erste Frontbericht vom neuen Kalten Krieg.

Lesen Sie dazu auch: „Syrien, Eurasien und die neue multipolare Weltordnung“ in diesem EM – „In Syrien findet ein Weltordnungskrieg statt“.

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Rezension zu „Der nächste Kalte Krieg: China gegen den Westen“ von Wolfgang Hirn, S. Fischer Verlag, Frankfurt 2013, 288 Seiten, 14,99 Euro, ISBN-13: 978-3100304131.

Außenpolitik China Rezension

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