Rezension zu 24 populäre Irrtümer über WeihnachtenGELESEN

„Alles Mythos! 24 populäre Irrtümer über Weihnachten“ von Claudia Weingartner

Bücher wie dieses haben Konjunktur. Irrtümer über Naturheilkunde, über Karl den Großen, über Diäten, über das Mittelalter und die Steinzeit werden „aufgedeckt“. Und nun also auch „Irrtümer über Weihnachten“. Aber wer irrt sich? Wer weiß, was Weihnachten wirklich ist und wie es richtig geht? Bücher wie dieses sind vom Titel her das, was man als vollmundig bezeichnet. Wer sich so weit aus dem Fenster lehnt, muss auch liefern. Entsprechend gespannt darf man als Leser sein.

Von Friedrich Georg Wick

 
Rezension zu „Alles Mythos! 24 populäre Irrtümer über Weihnachten“ von Claudia Weingartner  

Mit Witz und Akribie entlarvt dieses Buch 24 Irrtümer über Weihnachten – und lässt zum Fest der Liebe keine Frage offen.“  Das jedenfalls verspricht der Klappentext des Verlags - es klingt noch ein bisschen vollmundiger als der Titel selbst. Also ist es unumgänglich, die Irrtümer einmal aufzuzählen, die „entlarvt“ und von denen wir als Leser quasi geheilt werden sollen:

Irrtum 1: Weihnachten ist das Fest der Liebe
Irrtum 2: Den Heiligen Nikolaus gab es wirklich
Irrtum 3: In Weihnachtsgeschichten geht es besinnlich zu
Irrtum 4: Der Lichterketten-Wahnsinn hat mit Weihnachten nichts zu tun
Irrtum 5: An Weihnachten wurde Jesus geboren
Irrtum 6: Die Hitliste der Geschenke: Frauen wollen Schmuck, Männer Technik
Irrtum 7: Das Jesuskind lag in einer Krippe in Bethlehem
Irrtum 8: Weihnachtsmärkte sind romantische Veranstaltungen
Irrtum 9: Der Weihnachtsmann verdankt sein Aussehen Coca-Cola
Irrtum 10: Caspar, Melchior und Balthasar waren die „Heiligen Drei Könige“
Irrtum 11: Weihnachtsgebäck ist ungesund
Irrtum 12: Der Stern von Bethlehem war der Halleysche Komet
Irrtum 13: „Geht Barbara im Klee, kommt’s Christkind im Schnee“
Irrtum 14: Hitler wollte von Weihnachten nichts wissen
Irrtum 15: Bescherung ist am 24. Dezember
Irrtum 16: Der Weihnachtsmann wohnt im hohen Norden
Irrtum 17: Das Christkind ist ein blonder weiblicher Engel
Irrtum 18: Der Advent ist eine Zeit des Schlemmens
Irrtum 19: Weihnachten ist das Fest der Familie
Irrtum 20: Knecht Ruprecht ist der Gehilfe des Nikolaus
Irrtum 21: Es bringt Unglück, den Weihnachtsbaum vor dem 6. Januar abzuschmücken
Irrtum 22: Die Weihnachtsgeschichte wird nur im Christentum erzählt
Irrtum 23: Die Feiertage wurden erst in der Neuzeit zur logistischen Herausforderung
Irrtum 24: Die Weihnachtsgeschichte ist ein beliebtes Motiv in der Kunst

Irrtümer kann man auch produzieren

Alles falsch! Lauter Irrtümer also - 24 „populäre Irrtümer“. Man kommt nicht umhin festzustellen: das kann natürlich nur eine willkürliche Auswahl sein. Und außerdem: 24 Irrtümer, 224 Seiten, da kann man sich leicht ausrechnen, wie viel Zeilen etwa für die einzelne Entlarvung bleiben. Es sind äußerst schwerwiegende historische und philosophische Probleme, um die es geht. Da könnte locker jedes einzelne mehrere Bücher füllen. Und in der Tat gibt es diese Bücher auch.

Die „Entlarvungen“  in Claudia Weingartners Werk sind dagegen äußerst dürftig abgehandelt. Zum Beispiel jene, die sich mit der hochinteressanten Frage beschäftigt, wie alt das Weihnachtsfest ist, ob es mit dem Christentum begonnen oder ob es Vorläufer gegeben hat. Hierzu schreibt die Autorin: „Inwieweit das Christentum mit dem Weihnachtsfest auf bereits vorhandene Bräuche aufsattelte, ist unter Historikern umstritten. Zum Beispiel nicht eindeutig geklärt ist, wie verbreitet der Sonnenkult war und ob dieser überhaupt eine Konkurrenz zum gänzlich anders ausgerichteten Christentum darstellte. Zudem ist diese These umso heikler, als sich auch die Nazis ihrer bedienten.“ – Na dann. Als ein „Argument“, das einen Irrtum widerlegen soll, erscheint das ein wenig dürftig. Man bezeichnet so etwas nicht von ungefähr auch als „Totschlagargument“ - und davon gibt es leider einige in diesem Buch.

Ein ums andere Mal taucht beim Lesen zudem die Frage auf, was nun eigentlich wirklich Irrtümer sind, denen man aufgesessen sein soll und welche erst die Autorin ganz einfach zu Irrtümern erklärt hat, weil damit das Konzept der 24 Entlarvungen aufgehen soll. Amüsant ist jedenfalls, was so alles als Irrtum herhalten muss, von dem man möglicherweise noch nie gehört hatte. Einiges ist auch längst bekannt, wie etwa die Sache mit dem Termin für Weihnachten, die Jesusgeburt oder die Legende von den Heiligen Drei Königen. Hier läuft die „Entlarvung“ dem Allgemeinwissen hinterher.

Dass es an Weihnachten, am „Fest der Liebe“ auch Familienkräche und Dramen aller Art gibt, darf natürlich nicht fehlen. Aber die gibt es auch an Hochzeitstagen, bei Karibik-Turns  und auf Betriebsfeiern zum Beispiel.

Letztlich werden im vorliegenden Buch nicht einmal Weihnachtshasser wirklich auf ihre Kosten kommen – denn dazu ist es einfach zu wenig „entlarvend“. Weihnachten, so wird man am Ende als Erkenntnis mitnehmen, ist tatsächlich ein Mythos. Warum das so ist, was sich ereignet hat in der Seele so vieler Generationen von Menschen vor Claudia Weingartner  – was Weihnachten zu diesem Mythos macht, das wäre es gewesen.

Was bleibt am Ende? Man kann einen Mythos nicht einfach entlarven oder gar widerlegen, man kann allenfalls versuchen, ihn zu zerstören. Die Autorin hat mit diesem Buch beides nicht geschafft. Und das ist gut so.

*

Rezension zu „Alles Mythos! 24 populäre Irrtümer über Weihnachten“ von Claudia Weingartner, Theiss Verlag 2013, 224 Seiten, 16,95 Euro, ISBN-13: 978-3806226867.

Rezension Weihnachten

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