Rezension zu Atlas der VölkerGELESEN

„Atlas der Völker - Kulturen, Traditionen, Alltag“ von K. M. Koystal (Hrsg.)

National Geographic, Hamburg 2002, 304 Seiten, Bild-/Textband, Format 23 x 31cm, 200 Farbfotos, 30 Karten, 49,00 Euro, ISBN 3-934-38585-0.

Von Johann von Arnsberg

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„Atlas der Völker“ 

EM – Ein durchdringender Blick aus unergründlichen, nachtdunklen Augen, die bronzefarbene Haut eingerahmt von blauschwarzem Haar. Mit diesem Gesicht eröffnet der „Atlas der Völker“ sein Kapitel über Asien. Es gehört einer jungen Frau aus der Ethnie der Rana, die im Grenzgebiet zwischen Nepal und Indien ansässig sind.

In fünf Einzelkapiteln werden die Groß-Regionen Asiens dargestellt: Der Kaukasus, Zentralasien, Ostasien, Südostasien und Südasien. Innerhalb dieser sind gut zwei Dutzend asiatische Völkergruppen beschrieben, von den Armeniern bis zu den chinesischen Bai oder Dong und von den Tibetern bis zu den südasiatischen Tamilen.

Die anderen Erdteile sind ähnlich gegliedert. Europa beispielsweise in die Regionen Nord-, West-, Mittel- und Osteuropa. Beschrieben werden fast 30 Völkergruppen, von den Bewohnern Cornwalls bis zu den Ukrainern. Ohne Auswahl ging es nicht ab. So wurde auf die Darstellung der großen, bekannten Völker wie der Italiener, der Deutschen oder Franzosen verzichtet.

Die einzelnen Ethnien, die auf der Erde leben – es sind rund 5000 – werden in einem Anhang aufgelistet und durch Buchstaben den Kontinenten und Regionen zugeordnet. Zum Beispiel „Deutsche – W Europa“ oder „Zulu – S Afrika“. Ein ausführliches Register hilft zusätzlich bei der Auffindung geographischer, linguistischer und anthropologischer Begriffe. Allerdings gibt es hier auch Mängel. So fehlt beispielsweise die Ethnie der Sorben in der Lausitz.

Die Übersetzung des Werkes aus dem Englischen weist ebenfalls einige Tücken auf: So heißt es mehrfach „Kettengebirge“ statt „Gebirgskette“. Das ist aber nur ein Beispiel. Auch sachliche Fehler haben sich eingeschlichen. So erfährt man, „die Arrernte in Zentralasien“ seien „vielleicht die berühmtesten Ureinwohner Australiens“.

Abgesehen von solchen Unzulänglichkeiten ist aber festzuhalten: National Geographic präsentiert in diesem Bildband erstmals einen Überblick über die vielen Völker der Erde, wo ihre Ursprünge liegen, welche kulturellen Grundlagen sie besitzen, in welchen Gebieten und unter welchen Umständen sie heute leben.

Kurze, lexikonartige Artikel über die rund 200 ausgewählten und vorgestellten Ethnien aller Kontinente stellen neben Ritualen und Religionen auch Alltag, Wirtschaft und Geschichte dar. Selbst die aktuelle politische Situation der jeweiligen Völker wird beschrieben. So lernt man die Drusen im Nahen Osten kennen und die Cherokee in den USA, die Samen in Nord-Skandinavien, die Zulus in Südafrika und die Usbeken in Zentralasien. Es sind Namen, die man vielleicht schon mal gehört hat. Doch wer sind diese Menschen wirklich? Wie sieht ihre Kultur aus, wie ihr alltägliches Leben? Das kann man nun zumindest für die ausgewählten Ethnien im Atlas der Völker nachschlagen. Er beschreibt in dieser Breite erstmals die kulturelle Vielfalt unserer Erde und zeigt, was jedes Volk zu etwas Einzigartigem macht.

Die großformatigen Fotos im Atlas der Völker sind faszinierend. Sie zeigen vor allem das Besondere, das Exotische. Bilder, von Menschen bei traditionellen Festen oder bei alltäglichen Verrichtungen, beim Jagen und Fischen, beim Reisanbau oder bei der Ernte. Häufig haben die Fotografen ungewöhnliche Perspektiven gewählt. So werden zwar alte Stammeskulturen und Bräuche vorgestellt, oft aber integriert in das moderne Leben. Zum Beispiel ist ein buntes Stilleben zu sehen, in dem Sioux-Indianer mit Zelt und modernem Wohnmobil kampieren. Einer der Männer richtet den traditionellen Federschmuck, die Frauen frischen ihren Teint auf. Eine hat ein rosafarbenes Schminkköfferchen auf den Knien, das auch in einem Kosmetiksalon in Seattle auffallen würde.

Besonders eindrucksvoll ist das Bild, auf dem in einer weiten öden Landschaft ein in Pelz gekleideter Kasache auf der Beizjagd mit einem Adler zu sehen ist. In Großaufnahme zeigt es, wie das Tier in Augenhöhe auf der behandschuhten Faust des Mannes sitzt. Der Jäger tauscht einen letzten Blick mit dem riesigen Greifvogel, während sich das majestätische Tier soeben in die Lüfte aufschwingt.

Diese großartigen Aufnahmen machen die paar unschönen Fehler wett. Insgesamt überzeugt das Werk und wird seinem Anspruch gerecht, Kulturen, Traditionen und Alltag der Menschen auf allen Kontinenten lebendig werden zu lassen. Darüber hinaus ist es ein fundiertes Nachschlagewerk, ein bislang einmaliges Kompendium.

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