Rezension zu Die China-Strategie Erfolgreiches Networking von Yu ZhangGELESEN

„Die China-Strategie: Erfolgreiches Networking im Reich der Mitte“ von Yu Zhang

Seit Jahren auf der Hannover-Messe vertreten, gewinnt China auch in Deutschland immer mehr an Bedeutung als Wirtschaftspartner. Die Autorin, Gründerin und Geschäftsführerin von China Communications Consulting, berichtet aus der Praxis und gerade dies macht die Lektüre dieses China-Wirtschaftsratgebers nützlich.

Von Eva-Maria Stolberg

 
Rezension zu „Die China-Strategie: Erfolgreiches Networking im Reich der Mitte; mit einem Who is Who in China“ von Yu Zhang, be.bra wissenschaft verlag, Berlin 2012, 192 Seiten, 19,95 Euro, ISBN-13: 978-3954100019.  

Ausgehend von ihren Erfahrungen gibt Yu Zhang einen guten Ein- und Überblick über den Markt „China“. Erfrischend ist, dass sie zugleich die vielen praktischen Hinweise in den auch für deutsche Unternehmer und Unternehmerinnen immer wichtiger werdenden kulturellen Kontext einordnet. Dementsprechend ist das Buch strukturiert. Ohne Verständnis für die andersartige Kultur, die Politik, Wirtschaft und Alltagsleben prägt, ist eine dauerhafte und erfolgreiche Zusammenarbeit nicht denkbar. Die Betonung liegt dabei auf eine Zusammenarbeit, die interkulturelle Kompetenzen erfordert. Ein komplexes Feld, das in diesem Ratgeber nur kurz, aber prägnant angesprochen wird. Zu Recht stellt Yu Zhang fest, dass China längst nicht mehr „nur“ ein großer Absatzmarkt für deutsche Produkte ist,  zunehmend treten chinesische Unternehmen in Deutschland als Investoren in Erscheinung, so wie etwa das IT- und Telekommunikationsunternehmen Huawei.

Nach wie vor stellt die Volksrepublik China mit ihren zahlreichen Regionen (nicht nur den Sonderwirtschaftszonen) einen komplexen Markt dar. Dieses Land befindet sich in verschiedenen Phasen, in manchen Regionen wie z.B. im Nordwesten ist China immer noch ein Entwicklungsland, andere Gebiete stehen eher für ein Schwellenland, die Sonderwirtschaftszonen machen das Reich der Mitte dagegen zu einer exportführenden Weltmacht. Kapitalismus und Sozialismus geben immer noch eine bizarre Mischform.  Dies findet seinen Ausdruck in dem Richtungsstreit zwischen der Neuen Linken (Sozialwissenschaften), die mit Blick auf die gesellschaftliche Stabilität ein langsameres Wirtschaftstempo befürwortet, und der Neuen Rechten (Wirtschaftswissenschaften). Für viele mittelständische Unternehmen scheint der chinesische Markt daher mit Risiken behaftet zu sein. Dem kann – wie die Autorin in ihrem Ratgeber zu Recht darauf hinweist – nur durch ein stabiles „Networking“ entgegengetreten werden. 

„Guanxi“ – die Türöffner im Reich der Mitte

Dem angelsächsischen Kulturbereich entlehnten und uns Mitteleuropäern eher gängigen Networking entsprechen in China die „guanxi“ (Beziehungen). Chinesische Unternehmer sind stolz auf die Kultur ihres Landes und pflegen diese auch. Das Interesse für die chinesische Kulturgeschichte und für die Gewohnheiten im alltäglichen Umgang miteinander wirkt als „Türöffner“.

Kenntnisreich beschreibt die Autorin die wirtschaftliche Entwicklung Chinas, die sie in drei Phasen unterteilt: die erste von dem Beginn der Reformpolitik 1979 bis in die Mitte der 1990er Jahre (die Ära Deng Xiaoping), die zweite Phase bis ca. 2002/2003 (Ära Jiang Zemin), die dritte Phase ab 2003/2004 unter Staatspräsident Hu Jintao und Premierminister Jiabao. Nach der Turbo-Modernisierung der zweiten Phase geht es nun vor allem um eine Stabilisierung des Wachstumsprozesses. Aber es gibt auch Schwierigkeiten, so die bestehende strukturelle Ungleichheit zwischen den Regionen. Zu Recht weist Yu Zhang daraufhin, dass die wirtschaftliche Entwicklung der Volksrepublik China keineswegs homogen abläuft. Das ist meines Erachtens angesichts der geografischen Größe, der Bevölkerungsdichte und der infrastrukturellen Rahmenbedingungen auch nicht möglich. Der Autorin ist zuzustimmen, dass die Ausweitung der Sonderwirtschaftszonen von den Küstengebieten ins Landesinnere schrittweise erfolgen musste. Das Ungleichgewicht zwischen Ostküste und Landesinnerem abzubauen ist eine schwierige und komplexe Aufgabe für die chinesische Politik und Wirtschaft. Mit ihrer ausgewogenen Argumentation begegnet Yu Zhang einer unkritischen China-Euphorie wie auch einem China-Skeptizismus. Schwarz-Weißmalerei taugt für eine zukunftsfähige Analyse des Marktes China wenig, hier ist der Blick für Nuancen angebracht.

Chinesen verfolgen eigene Vermarktungsstrategien

Deutsche Unternehmen müssen das Auftreten chinesischer Anbieter sowohl auf dem deutschen als auch auf dem chinesischen Markt annehmen. Die Chinesen sind sich ihres weltweiten Marktpotentials bewusst und verfolgen mittlerweile sehr selbstbewusst eigene Vermarktungsstrategien. Der chinesische Staat unterstützt das private Unternehmertum  vor allem auf kleiner und mittlerer Ebene mit vielen Förderprogrammen. Und hier – das möchte die Rezensentin einwerfen – darf auch die Bundesregierung in ihren Fördermitteln insbesondere für mittelständische Unternehmen und Existenzgründer nicht nachlassen, soll der deutsche Standort wettbewerbsfähig bleiben. Sicherlich können sowohl die deutsche als auch chinesische Seite durch Kreativität an innovativem Potential gewinnen. Yu Zhang weist daraufhin, dass die Mehrheit der Chinesen in den 1990er Jahren eine Existenzgründung in Eigenverantwortung zugunsten eines vom Staat gesicherten Arbeitsplatzes ablehnten, heute jedoch schätzt man die wirtschaftliche Freiheit. Auch hier ist eine Analogie zur deutschen, ebenfalls auf Sicherheit angelegten Mentalität festzustellen. Auffallend sind auch andere Analogien: so das Klagen kleiner und mittelständischer Unternehmen über die wachsende Steuerlast, die bürokratischen Regulierungen und staatliche Bevormundung, die strenge Kreditvergabe der Banken. Hinzu kommt die unvorhersehbare Dynamik neuer Zukunftsbranchen wie z.B. der Solarindustrie, die beide Länder betreffen.

Die Internationalisierung, das Drängen von immer mehr Akteuren auf die globalen Märkte, stellt die Chinesen vor ähnliche Probleme wie die Deutschen. Beide Seiten müssen das Einüben in die Strategien und Spielregeln der globalen Wirtschaft, jenseits des sicheren nationalen Rahmens, lernen. In diesem Lernprozess können Chinesen und Deutsche vieles gemeinsam erfahren. Eine Anregung dazu soll dieses Buch geben, das mehr von Kooperation als von Konkurrenz spricht. Yu Zhang gibt Einblick in die neue chinesische Business- und Managementkultur. Es geht dabei – wie der Begriff assoziiert – nicht allein um die Vermarktung von Produkten, sondern auch um die interkulturelle Kommunikation. Vertrauensbildung setzt nicht nur voraus, das Einmal-Eins der chinesischen Etikette, d.h. des Konfuzianismus, zu kennen und dies auch für sich selbst zu nutzen, sondern es muss der Respekt für das Andersartige gewahrt bleiben. Dann gestaltet sich das Networking für beide Seiten erfolgreich.

Globalisierung und Wanderarbeiter

Was macht die chinesische Business- und Managementkultur aus? Yu Zhang hat eine Reihe von chinesischen Unternehmern und Führungskräften gefragt. Leider fließen ihre Interviews nicht in den Text ein; kurze Auszüge würden dem Buch mehr Lebendigkeit verleihen. Kritisch zu hinterfragen ist auch die zu positive Darstellung der chinesischen Auslandsmigration. So greift die Autorin die  Stereotype von den „fleißigen, flexiblen“ chinesischen Arbeitnehmern auf. Tatsächlich gibt es weltweit das Problem der chinesischen Wanderarbeiter, die aus wirtschaftlicher Not und nicht aus Innovationsfreude auswandern. Es ist zu bezweifeln, dass Yu Zhangs Bemerkung „30 Prozent der chinesischen Restaurantbetreiber in Deutschland sind ehemalige Studenten, einige sogar mit  Doktortiteln“, für wirtschaftliche Innovation spricht. Dies zeugt wohl in den meisten Fällen von sozialem Abstieg in einer fremden Gesellschaft.

Hochgelobt wird in dem Buch auch die konfuzianische Ethik, der die deutsche Kultur wohl nichts entgegenzusetzen hat. Wenn die Autorin davon spricht, dass der Konfuzianismus den Chinesen einen unerschütterlichen Glauben an ihre Nation verleiht, so erscheint mir ein derartiger Nationalismus doch fragwürdig, zumal hier Chinas großer Gelehrter politisch und wirtschaftlich instrumentalisiert wird, sodass an die Stelle des Mao-Kultes ein Konfuzius-Kult getreten ist. Allerdings gibt die Autorin zu, dass die Chinesen einen geistigen Halt (angesichts einer zunehmenden gedankenlosen Konsumorientierung, E.S.) suchen. Jedoch bietet sich der Konfuzianismus vielmehr an, die Hierarchien in politischer Verwaltung und in der Wirtschaft aufrechtzuerhalten. Dementsprechend gibt es im Gegensatz zu westlichen, vor allem angelsächsischen Unternehmen, keine flachen Hierarchien.

Ein Steve Jobs ist in China bislang nicht denkbar

Letzteres macht aber gerade Innovation und Flexibilität aus. Ein Steve Jobs ist in China bislang nicht denkbar. Von flachen Hierarchien könnten aber chinesische Unternehmen in der Zukunft profitieren. Umgekehrt können Deutsche von der Kunst, „Gesicht zu geben“, lernen. Dabei geht es vor allem um einen höflichen, respektvollen Umgang miteinander und rüde Kritik von Mitarbeitern zu vermeiden. „Gesicht geben“ bedeutet, Anerkennung und Achtung auszusprechen.

Die Zukunft Chinas wird vor allem von einer jungen, aufstrebenden Mittelschicht geprägt. Insofern ist Networking vor allem für deutsche Jungakademiker angesagt, die auf dem chinesischen Markt Fuß fassen wollen. Leider nimmt die Autorin diese Leserschaft nicht in den Blick, die Beschreibung der interkulturellen Kommunikation verbleibt hier zu sehr im Allgemeinen. Manche Ausführungen wie etwa über konfuzianische Ethik, das „Gesicht wahren“ finden sich auch in anderen China-Ratgebern.

Im Konsumverhalten gleichen sich die Chinesen immer mehr dem Westen an, es wird auf Statussymbole Wert gelegt. Diese entsprechen aber durchaus nicht mehr der traditionell überlieferten konfuzianischen Ethik, sondern sind eher Ausdruck einer kulturellen Anpassung an die westliche, kulturnivellierende Konsummentalität. Was dies für den Fortbestand der chinesischen Traditionen bedeuten wird, bleibt abzuwarten.

Von deutscher Seite wird oft zu Recht der Vorwurf der Produktfälschung erhoben. Yu Zhang gibt als Grund die in der chinesischen Gesellschaft gängige Nichtbeachtung des geistigen Eigentums an, das im Westen Ausdruck von Individualität ist. Dies ist m.E. jedoch eher ein Problem der Globalisierung, Plagiatoren gibt es auch in der europäischen Kultur. Produktfälschungen gibt es auch in Osteuropa. Der Globalisierungsdruck, immer schneller neue und gleichzeitig billige Produkte auf den Markt zu bringen, schafft eine Raub- und Kopiermentalität. Hier sind internationale gesetzliche Regelungen vonnöten, die innovative Unternehmen vor Ideenklau schützen.

Der Band schließt mit einem 70-seitigen „Who is who in China“ ab, der die wichtigsten Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kunst und Kultur nennt. Kurz und gut: die „China-Strategie“ besteht nach Yu Zhang auf einer vorurteilsfreien Kommunikation mit dem praktischen Sinn für das Machbare.

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Rezension zu „Die China-Strategie: Erfolgreiches Networking im Reich der Mitte; mit einem Who is Who in China“ von Yu Zhang, be.bra wissenschaft verlag, Berlin 2012, 192 Seiten, 19,95 Euro, ISBN-13: 978-3954100019.

Die Rezensentin Dr. Eva-Maria Stolberg ist Hochschullehrerin an der Universität Duisburg-Essen mit Schwerpunkt internationale Beziehungen im ostasiatisch-pazifischen Raum, Business Coach & Wirtschafts-mediatorin.

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