Rezension zu „Die Kurden – Volk ohne Staat“ von Gunther DeschnerGELESEN

„Die Kurden – Volk ohne Staat“ von Gunther Deschner

Rezension zu „Die Kurden – Volk ohne Staat“ von Gunther Deschner, Herbig, Munchen 2003, 349 Seiten, 24,90 Euro, ISBN 3-7766-2358-6

Von Hans Wagner

 
Günther Deschner - Die Kurden, Volk ohne Staat  

EM – Ein Buch von wahrhaft brennender Aktualität! - Der Krieg, den die USA in den Irak getragen haben, wurde von ihnen nach gängiger Lesart gewonnen. Carl von Clausewitz, der geniale Kriegstheoretiker, würde hier sofort vehement widersprechen. Er würde sagen: Die USA haben ihren Krieg erst dann gewonnen, wenn sie ihre politischen Ziele erreicht haben. Doch davon sind sie meilenweit entfernt. Daß sie auch nicht Frieden schaffen können, zeigt die Situation im Spätherbst 2003 Tag für Tag. Frieden herrscht in der Region Naher Osten allerdings seit Jahrzehnten nicht mehr. Gewalt gehört hier zum Alltag. Die Ursachen sind vielfältig: der Streit um die reichen Ölfelder, die von den einstigen Kolonialmächten England und Frankreich willkürlich gezogenen Grenzen, die widerstreitenden Interessen der verfeindeten Nachbarn und die Einmischung auswärtiger Mächte, insbesondere der USA und Großbritanniens.

Wenn die Kurden im Nahen Osten ins Rampenlicht traten, lag stets Krieg in der Luft

In der Region lebt ein 30-Millionen-Volk ohne eigenen Staat: die Kurden. Das Bergvolk, das seit Jahrtausenden zwischen Mesopotamien und Kleinasien siedelte, drohte oft in seiner Geschichte in Vergessenheit zu geraten – wenn es aber ins Rampenlicht trat, lag stets Krieg in der Luft. Das war so zu Zeiten der Perser, der Kreuzritter, der Mongolen und der Osmanen. Und auch in diesem Jahr ist es nicht anders, nachdem die USA in den Irak einmarschiert sind und dort den Krieg entfesselt haben.

Kurdistan, das Territorium, das die Kurden als Staatsgebiet beanspruchen und das mehrheitlich von ihnen bewohnt wird, ist heute zwischen der Türkei und Syrien, Aserbaidschan, Iran und Irak aufgeteilt. Der jüngste amerikanische Aufmarsch am Golf, der Krieg gegen den Irak, hat die Kurden im Norden des Landes auch in Deutschland wieder in die Schlagzeilen gebracht. Die Darstellung des Schicksals dieses Volkes durch Günther Deschner liefert alle Hintergrundinformationen, die zum Verständnis des ungelösten Problems nötig sind. Der Autor kennt die maßgeblichen kurdischen Politiker und militärischen Führer der vergangenen 30 Jahre persönlich. Kurdistan hat er mehrfach bereist, seine Kompetenz durch Reportagen und Sachbücher belegt.

Die Kurden sind eines der ältesten Kulturvölker der Erde

Die Kurden sind eines der ältesten Kulturvölker der Erde. Ihre Herkunft liegt weitgehend im Dunkel der Geschichte verborgen. Sie beginnt nach grober Schätzung am Ende des zweiten Jahrtausends vor Chr. mit der Einwanderung indogermanischer Arier in das Gebiet des heutigen Irans. Die kurdische Geschichte ist geprägt von einer glanzvollen frühen Vergangenheit, von tiefer Zerrissenheit, von Leid und Unterdrückung. All dies wird in dem Buch lebendig. (Siehe auch EM 02-03 DIE KURDEN).

In Vergangenheit wie Gegenwart waren die Kurden, so der Autor, stets nur Figuren auf dem Schachbrett anderer. Ihre Kultur konnten sie, allem politischen Wechselspiel zum Trotz, zwar über Jahrhunderte behaupten, ihre staatliche Souveränität allerdings nie über einen nennenswerten Zeitraum hinaus sichern. Verträge, die ihnen Eigenständigkeit versprachen, wurden gebrochen, ihre Interessen stets verraten. Die Liste derer, die das Volk der Kurden benutzte, ist lang: In den letzten Jahrzehnten waren es vor allem die Iraker, Iraner, Syrer und Türken, Briten, Franzosen, Russen und – gleich mehrfach – die Amerikaner.

Ob die Kurden jemals ihren eigenen Staat bekommen werden, ist zweifelhaft. Das Dilemma, in dem eines der Länder mit starker kurdischer Bevölkerung steckt, nämlich die Türkei, schildert Deschner ausführlich: Ankara will unbedingt Mitglied der Europäischen Union werden. Dem stand bislang die diskriminierende Behandlung der größten ethnischen Minderheit des Landes, der Kurden, entgegen. Zwar würden jetzt Zugeständnisse gemacht, vor allem was die bislang unterdrückte Sprache angeht. Aber gleichzeitig versucht die türkische Republik, eine kurdische Autonomie oder gar einen kurdischen Staat im Nordirak zu verhindern, weil er dem Unabhängigkeitsstreben der Kurden im eigenen Land nach der Zerschlagung der PKK wieder Auftrieb geben dürfte. Ein selbständiges Kurdistan im Irak würde, zumal, wenn es über Einnahmen aus den Ölfeldern des Nordens verfügen könnte, als Angriff auf die türkische Souveränität verstanden - so Deschners Einschätzung. Die mögliche Rückführung von Kurden, die unter Saddam Hussein aus dem Norden vertrieben wurden, belaste schon jetzt die traditionell guten Beziehungen der Türkei zu den USA. Prüfstein sei die 3000 Jahre alte Stadt Kirkuk, das „kurdische Jerusalem“, das unter Saddam entschlossen arabisiert wurde und das nun die nordirakischen Kurden zu ihrer Hauptstadt machen wollen.

Daß die Kurdenfrage in der internationalen Politik noch lange eine Rolle spielen wird, daran läßt der Autor keinen Zweifel. Ihre Komplexität und Sprengkraft wird durch Deschners sachlich fundierte, spannend geschriebene Darstellung deutlich. Er schildert in seinem Buch die politische Aktualität und das historische Schicksal gleichermaßen. Außerdem liefert er ein Bild dieses faszinierenden Landes, das sich vom biblischen Berg Ararat bis zum Persischen Golf, von Euphrat und Tigris bis zum Hochland des Irans erstreckt.

Ein Personenregister am Schluß des Buches erleichtert es, sich in der aufregenden Geschichte dieses Volkes zurechtzufinden, von den mythischen Gestalten ihrer Anfänge bis zum heutigen Kurdenführer Talabani.

Kurdistan Rezension Völker

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