Rezension zu Tod im Neandertal. Akte Ötzi. Tatort Troja von Dirk HusemannGELESEN

„Tod im Neandertal. Akte Ötzi. Tatort Troja. Die ungelösten Fälle der Archäologie“ von Dirk Husemann

Geschichte wird von jenen geschrieben, die ihre Helden gehängt haben, lässt Randall Wallace in „Braveheart“ den Schottenkönig Robert the Bruce sagen. Das ist besonders ärgerlich für die Nachgeborenen, die dadurch oft Jahrhunderte lang an der Nase herumgeführt werden. Dirk Husemann ist kein Geschichtsschreiber sondern Wissenschaftsjournalist und damit der Gegenspieler jener, die Geschichte nicht anhand von Fakten erzählen, sondern nach Interessenlage. Erfrischend und auffrischend für alle, deren Geschichtsunterricht schon lange zurückliegt und die schon immer ihre Zweifel hatten.

Von Eberhart Wagenknecht

 
Rezension zu „Tod im Neandertal. Akte Ötzi. Tatort Troja. Die ungelösten Fälle der Archäologie“ von Dirk Husemann  

Husemann berichtet faktenbasiert, angenehm sachlich aber nie in der Gefahr langweilig zu werden, davor bewahrt das Buch schon der journalistische Schreibstil des Autors. Hier vertritt eben nicht ein von sich überzeugter Gelehrter seine Deutung der Historie, sondern der Autor versucht hinter die Kulisse zu schauen und recherchiert was Sache ist. Die modernen Hilfsmittel der Archäologie fördern immer neue Zeugnisse zutage, die in vielen historisch ungelösten Fällen so langsam eine Annäherung an die Wahrheit möglich machen.

Bei so heiklen weil ideologieverhafteten Themen wie der Varusschlacht, oder dem lange verkannten Neandertaler, der dumpf und kannibalisch gewesen sein sollte, ist Husemanns Art sich an Fakten zu orientieren, besonders wohltuend. Er macht aus den Germanen keine tölpelhaften Hinterwäldler, sondern er stellt klar: „Vor 2000 Jahren lockten gewiefte Germanen drei römische Legionen in einen Hinterhalt und töteten 22.000 Soldaten.“

Wenn Phosphor den Boden düngt, floss viel Blut

Dabei hatten die in den Wäldern lebenden Germanen vor allem Holzspeere als Waffen, wohingegen die Römer wahre Kampfmaschinen waren, mit Panzern und Helmen, Schwertern und Schilden, modernen US-Kriegern nicht unähnlich. Die Römer waren geschult und trainiert, gedrillt und in aller Regel diszipliniert. Aber eben auch schwerfällig, was ihnen letztlich in dem unwegsamen Gelände der Germania Magna zum Verhängnis wurde.

Wo das Schlachtfeld lag, beschreibt der römische Geschichtsschreiber Tacitus. Doch die Ortsnamen wurden von deutschen Forstbesitzern in der seither verstrichenen Zeit mutwillig verändert. So wird es der Archäologie vorbehalten sein, anhand von eindeutigen Beweisen die Wahrheit herauszufinden. Ob es sich um Phosphoranreicherungen im Boden handelt, die an bestimmten Stellen auf einen besonders hohen Blutzoll der Legionäre hindeuten, oder um bleierne Wurfgeschosse – drei Prozent des in Frage kommenden Schlachtfeldes bei Kalkriese in Niedersachsen sind erst untersucht. Warum es die Verantwortlichen nicht eilig haben könnten mit der weiteren Kartierung, enthüllt Dirk Husemann auch.

Steine und Münzen lügen nicht

Er berichtet von Menschen und Kulturen wie den geheimnisvollen Etruskern und den Forschungen um den Gletschermann Ötzi. Husemann bringt die neuesten Erkenntnisse zum Fall Jericho (es waren keine Posaunen), zu Troja und zur Gründung Roms als Wissens-Update. Die Schlacht am Little Bighorn River wird ebenso anhand neuester Funde geschildert wie die Kulte der keltischen Druiden und der Opferplatz in Herxheim.

Gespannt dürfen Sie auch darauf sein, was es Neues gibt über den Garten Eden, die Sintflut oder das Grabtuch von Turin. Archäologie ist so spannend. Sie liefert immer wieder Schlagzeilen. Steine und Münzen lügen nicht. Archäologie hat den Vorteil, dass sie mit echten Zeugnissen aufwartet und nicht mit den Geschichten derer, die ihre Helden gehängt haben.

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Rezension zu „Tod im Neandertal. Akte Ötzi. Tatort Troja. Die ungelösten Fälle der Archäologie“ von Dirk Husemann, Theiss Verlag, Stuttgart 2012, 228 Seiten, 16,95 Euro, ISBN-13: 978-3806222739.

Archäologie Geschichte Rezension

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