Rock aus dem OstblockOSTEUROPA

Rock aus dem Ostblock

Rock aus dem Ostblock

Der sozialistische Ostblock ist längst Geschichte. Bis heute aber ist zeitgenössische Musik aus Osteuropa hierzulande nur einem Kreis von Eingeweihten bekannt. Musikalisch orientieren sich die meisten Menschen streng gen Westen. Die neue Berliner Plattenfirma Eastblok Music will hier gegensteuern.

Von Hartmut Wagner

 
Armin Siebert (l.) und Alexander Kasparov. Das Eastblok-Team  

Halten Sie mal einen Moment inne: Welche Musiker aus dem Osten Europas kennen Sie? Nein, nicht Sergej Rachmaninow, Béla Bartók oder Friedrich Smetana. Gemeint sind nicht die Klassiker, die bis heute prachtvolle Konzertsäle füllen, gemeint sind die Sterne und Sternchen, die aktuell in Klubs und Diskotheken die Stimmung anheizen. Für viele Menschen hat die Frage nach osteuropäischen Musikbands den Schwierigkeitsgrad der Millionenfrage vis-à-vis mit Günther Jauch.

Bekannt ist die ukrainische Rockröhre Ruslana Lyzhichko, die letztes Frühjahr den Grand Prix d'Eurovision nach Kiew holte. Oder ebenfalls seit vergangenem Jahr die vier Mädels der estnischen Band Vanilla Ninja. Ein Begriff sind manchem noch die beiden Moskauer Pseudolesben Julia und Lena und ihr Popprojekt Tatu – wenngleich es inzwischen als aufgelöst gilt. Und natürlich fällt einem ein: „Dragostea din tei“. Der zweifache Sommerhit 2004 der moldawischen Boygroup O-Zone und der Bukarester Sängerin Haiducii.

„Der Osten macht genauso gute Musik.“

Und weiter? Viel mehr fällt den meisten Menschen nicht ein. Und das anderthalb Jahrzehnte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Immerhin sind im vergangenen Mai acht Staaten des früheren Ostblocks der Europäischen Union beigetreten. Die politische Einigung Europas scheint erheblich leichter zu bewerkstelligen als die kulturelle. Osteuropäische Musik pulsiert noch immer äußerst spärlich durch westliche Lautsprecher – wenn überhaupt, dann in englischer Sprache zum Exportprodukt entstellt.

Eastblok Music, eine neue Berliner Plattenfirma, möchte diese Monokultur durchbrechen und ausschließlich osteuropäische Musik vermarkten. In der Originalsprache. Ein Ausbruch unternehmerischen Übermuts, angesichts des Ausnahmeerfolgs von „Dragostea din tei“? Armin Siebert, einer der Macher, winkt ab. Die ungeahnte Begeisterung für den moldawischen Partyschlager mache natürlich Mut, aber eigentlich wollten er und sein russischer Freund Alexander Kasparov keine eindeutig kommerzielle Musik produzieren. Alternativer Rock und Pop, teils mit folkloristischen Anklängen liege ihnen mehr am Herzen. „Vor allem wollen wir zeigen, daß im Osten mindestens genauso gute Musik gemacht wird wie hier.“

Osteuropäische Musik als Kulturauftrag

Die großen Musikkonzerne haben immer stärker mit der Konkurrenz legaler und illegaler Tauschbörsen im Internet zu kämpfen. Neue Alben stellt man heute nicht mehr sorgfältig aufgereiht ins CD-Schränkchen, sondern lädt sie sich direkt auf Rechner oder MP3-Spieler. Die Zeiten für eine konventionelle Plattenfirma könnten wahrlich rosiger sein, das weiß auch Siebert. „Ohne eine große Portion Idealismus und die Bereitschaft, den finanziellen Profit erstmal hintenanzustellen, geht es nicht.“ Mit bemerkenswerter Energie fügt er hinzu: „Wir sehen das ganze auch als Kulturauftrag. Es ist überfällig, daß osteuropäische Musik auch im Westen zu hören ist und nicht immer nur umgekehrt.“ Zwar sei der Eiserne Vorhang längst nur noch ein düsterer Begriff der Historie, aus den Köpfen der Menschen sei er aber nur schwer zu vertreiben.

Einheimische Gruppen, die auch in der jeweiligen Landessprache singen, gibt es in Rußland oder Rumänien deutlich mehr als hierzulande. „Was ich persönlich sehr erfreulich finde,“ sagt Siebert. Musiker sollten versuchen, ihre eigenen Wurzeln zu bewahren und weiterzuentwickeln. „Besonders spannend ist doch ein Mix aus traditionellen und zeitgenössischen Elementen – keine billigen Plagiate westlicher Musik. Und wenn ich die Wahl habe zwischen Oasis und einer Kopie aus dem Baltikum, dann ziehe ich das Original vor.“ Daß Musik in osteuropäischen Sprachen im Westen keinen Erfolg haben könnte, sei nicht zwangsläufig richtig. Der Erfolg von Wladimir Kaminers und Yuri Gurzhys Russendisko widerlege dies doch. „Der Großteil ihres Publikums versteht kein Wort Russisch. Aber irgend etwas an der Musik fasziniert die Leute, weil eben schon sie allein einen Teil der osteuropäischen Mentalität transportiert.“ Und verstehe jeder, der zu Musik aus den USA, Spanien oder Italien tanzt, auch die jeweilige Sprache?

Siebert (31) ist gelernter Diplomübersetzer für Englisch und Russisch. Bis 2004 arbeitete er für das Osteuropabüro von EMI, dem drittgrößten Musikkonzern der Welt. Hier lernte er vor knapp fünf Jahren seinen heutigen Kollegen Kasparov (43) kennen. Ihre Aufgabe war es damals, westliche Musik in Osteuropa zu vermarkten. Doch mit den Jahren reifte in ihnen die Überzeugung, die eigentliche Herausforderung sei es, den Spieß umzudrehen und Bands aus dem Osten im Westen populärer zu machen. Im vergangenen November gründeten sie schließlich Eastblok Music.

Ska-Punk und Stenka Rasin

Ihr Büro im Berliner Stadtteil Kreuzberg soll zur Heimstätte osteuropäischer Musik „in Deutschland und perspektivisch in ganz Westeuropa“ werden, heißt es auf der Netzseite www.eastblokmusic.com. Am 31. Januar soll das Debütalbum auf den Markt kommen: russische Volks- und Trinklieder, gesungen von Peresvet, dem Kammerchor des russischen Patriarchen, Alexej II. Weithin bekannte Melodien wie „ Die Ballade von Stenka Rasin“ oder „Der schwarze Rabe“ werden allerdings eher die Ausnahme bleiben in unseren Veröffentlichungen, erklärt Siebert.

In Zukunft soll es rockiger werden. Geplant ist ein Querschnitt durch die ukrainische Musikszene mit Bands der „Orangenen Revolution“. Mit ihren Auftritten hatten sie die bei klirrender Kälte ausharrenden Demonstranten in Kiew bei Laune gehalten. Außerdem haben sich die beiden Berliner vorgenommen, eine der in Rußland derzeit bekanntesten Gruppen in die deutschen Plattenläden zu bringen: die russische Ska-Band Leningrad. Sie möchten ein Album mit den in Deutschland völlig unbekannten Hits zusammenstellen, Siebert nennt es eine Einführung in die Musik des skandalumwitterten Sängers Sergei Schnurow. In dem Begleitheftchen zur CD werden die Texte von „Schnur“ ins Deutsche übersetzt. „Zumindest die, die der deutsche Jugendschutz zuläßt,“ schränkt Siebert grinsend ein. Die 3,2 Millionen Menschen in Deutschland, die Russisch als Muttersprache sprechen, werden Eastblok Music schnell zu schätzen wissen. Und andere Fans kommen nach, bestimmt.

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