Rocken gegen LukaschenkoWEIßRUßLAND

Rocken gegen Lukaschenko

Rocken gegen Lukaschenko

Weißrußlands Staatsoberhaupt Aleksandr Lukaschenko hat für Mitte März Präsidentschaftswahlen angesetzt. Um Kritik an seiner Wiederwahl im Keim zu ersticken, ließ er die populärsten weißrussischsprachigen Rockgruppen auf einen Index setzen.

Von Ingo Petz

Die Gruppe N.R.M. am Berliner Alexanderplatz. (Foto: Katja Hoffmann)  
Die Gruppe N.R.M. am Berliner Alexanderplatz. (Foto: Katja Hoffmann)  

E in graues Haus, mit vielleicht zehn Stockwerken. Es ist still, seltsam still. Der Empfang: Neonlicht, Beton und kalter Marmor. Eine ältere Dame mit roten Haaren und dunklen Ringen unter den Augen winkt nach rechts zu einer Stahltür. Die Tür öffnet sich. Kaum ist sie einen Spalt offen, schlagen dem erstaunten Besucher sägende Gitarren, ein treibendes Schlagzeug entgegen, laute Rockmusik. Dazu der Jubel der Menschen, Zigarettenqualm und die Körperwärme des Publikums. Die Menschen drängen sich in den engen Club, so als dürsten sie nach einem Stück Leidenschaft, einem Stück Leben.

Es gibt nicht mehr viele legale Clubs in der weißrussischen Hauptstadt Minsk, die Rockmusik spielen. Auf der Bühne sitzt die Band N.R.M. – die populärste Rockband des Landes. Sie könnte vor 10.000 Menschen spielen, würde man sie lassen. An diesem Tag spielen sie vor 100 Menschen, aber immerhin - sie spielen. N.R.M. ist wohl eine der letzten Rockbands in der Welt, die dafür verboten wurden, daß sie Rockmusik spielen. In Weißrußland ist so etwas noch möglich.

Das Regime ist nervös

„Wir werden geistig und kulturell enthauptet“, schimpft ein junger Gast vor der N.R.M.-Bühne. „Clubs wie diesen gibt es nur ganz wenige in unserem Land. Meist sind sie illegal. Die Kultur wird kontrolliert. Jeder, der über Freiheit singt oder den Präsidenten kritisiert, hat es schwer bei uns. Wer dagegen über Liebe und Romantik textet, der kann machen was er will.“

Im vergangenen Jahr hat Weißrußlands Autokrat Aleksandr Lukaschenko die Daumenschrauben der Repression nochmals angezogen. Denn: Am 19. März sind Präsidentschaftswahlen. Das Regime ist nervös, eine Revolution wie in Georgien oder der Ukraine soll es in Weißrußland nicht geben. Lukaschenko will sich die Show nicht vermiesen lassen. Deshalb geht der Staat verstärkt gegen die Kulturszene vor.

Weißrussischsprachige Rockmusik ist ein relativ neues Phänomen. Bis Ende der Achtziger gab es sie nahezu nicht. In der Sowjetunion hatte sich nur eine breite russischsprachige Rockbewegung etabliert, mit Bands wie Aquarium, DDT oder Maschina Vremeni. Das Weißrussische spielte als Kultursprache keine Rolle. Dies änderte sich erst im Zuge der weißrussischen National- und Unabhängigkeitsbewegung nach dem GAU von Tschernobyl 1986. Der Glaube an das Russische als dominierende Über-Kultur hatte Risse bekommen. Bis dato war das Weißrussische als minderwertiger Bauerndialekt verpönt, der wie die weißrussische Kultur höchstens als museales Folklorestück in der sowjetischen Gesellschaft Platz hatte.

Unabhängige Republik der Träume

  Eine Auswahl weißrussischer Rockgruppen und ihrer Alben
  Krama: „Chvory na Rok-N-Rol“ (1993)
Kriwi: „Hei-Loli“ (1997)
Novaje Neba: „Go Home“ (1995)
Ulis: „Tancy na Dachu“ (1993)
Garadzkija: „Garadzkija“ (2003)
Indiga: „Dni“ (2004)
J-Mors: „Montevideo“ (2003), „Aprel“ (2005)
Ljapis Trubeckoi: „Ty kinula“ (1998)
Krambambulja: „Karali rajonu“ (2003)
N.R.M.: „Paschpart Hramadzjanina N.R.M.“ (1999), „Try Tscharapachi“ (2001), „Dom Kultury“ (2003)
BMA: „Volnyja Tancy“ Vol. 1-3 (1998-2001)
Palac: „Dorozhka“ (1998)
Zet: „Z Novym Godam“ (2004)

„Als wir mit Mroja [Traum] begannen“, sagt der 40-jährige Ljavon Volski, „hatten wir noch ein kleines Publikum. Aber unsere Musik wurde als sehr originell angesehen, auch weil wir weißrussisch sangen.“ 1994 gründete er mit dem Gitarristen Pete Paulau die Gruppe N.R.M. (Die unabhängige Republik der Träume). Mit dem Bandnamen wollten sie ein Zeichen setzen für eine Geisteshaltung, die sie unter Lukaschenko nicht leben können: „Wir sind ein Staat im Staat.“ Ihr Stil aus Metal, Hardrock und Grunge hat N.R.M. zur heute populärsten weißrussischen Rockband gemacht. Ohne sie hätte sich die weißrussische Populärmusik als Bewegung nicht etablieren können.

Volski, dessen Vater der bekannte Schriftsteller Artur Volski war, hat ein überragendes Talent, gesellschaftliche Probleme in literarisch anspruchsvolle und ironische Texte zu verpacken. So singt er in dem Lied „Ich bin hier geboren“: „Ich wurde hier geboren – wo geboren zu werden gefährlich war. Ich wurde hier geboren. Wer muß, der wird sterben, und manche werden ewig leben.“ Die Texte von N.R.M. sind kein Aufruf zur Revolution oder gegen Lukaschenko. Die Bandmitglieder haben immer wieder betont, daß sie keine per se politische Band sind. „Politisch sind wir nur, weil wir tun, was wir tun. Wir singen über Freiheit und intolerante Menschen. Und das in Weißrussisch, das vom Regime als die Sprache der Opposition und Faschisten diffamiert wird“, sagte Paulau auf einem Konzert, das die Band im Oktober in Berlin gab. Unter dem Motto „Schrei nach Freiheit“ hatten N.R.M. erstmals drei Konzerte in Deutschland gegeben.

N.R.M. geht es um den alten europäischen Wert der Aufklärung: die Freiheit. Deshalb war 2005 ein besonders frustrierendes Jahr für die vierköpfige Gruppe. Die meisten ihrer Konzerte wurden vom Kultusministerium verboten, oder sie bekamen keine Konzertlizenz. Zwar darf N.R.M. noch kleine Konzerte in der Provinz oder in Mini-Clubs spielen, „aber die Hauptstadt Minsk ist tabu“, sagt Schlagzeuger Oleg Dzemidowitsch. Und das, obwohl die Präsidialregierung Anfang 2005 überraschend beschlossen hatte, weißrussische Musik mit einer 75-Prozent-Quote im Radio zu fördern. Allerdings veröffentlichten die Kulturhüter gleichzeitig eine Liste, mit der sie Radiosendern bestimmte Gruppen und Interpreten „empfahlen“. Die komplette Spitze der Rock-Gründungsväter mit Krama, Palac, Ulis, N.R.M., Nejro Djubel oder Aleksandr Pamidorau landete so auf einem inoffiziellen Index. Alle diese Bands hatten im Sommer 2004 an einem Festival teilgenommen, mit dem die Opposition gegen die zehnjährige Präsidentschaft von Lukaschenko demonstrierte. „Vor dem Verbot liefen unsere Songs mehrmals am Tag im Radio“, sagt der Sänger der Neofolk-Band Palac Oleg Chomenko. „Das Ziel der Zensur ist einfach: Unser Einfluß auf die Jugendlichen soll abgestellt werden.“

Volski: „Ich bin bereit ins Gefängnis zu gehen.“

April 2005. Im Minsker „Haus der Literaten“ konnte man sehen, wovor Lukaschenkos Regime Angst hat. Auf der Bühne saß Volski mit seiner Akustik-Gitarre. Er sang, als ginge es um sein Leben - während rund 600 Menschen im Publikum seine Texte lauthals mitsangen. Sie sangen so, als wollten sie Volski sagen, daß sie hier sind, weil es solche Lieder gibt, wie sie der Mann mit den blondierten Wuschelhaaren singt. „In den vergangenen Jahren hatten wir immer mal wieder Probleme mit den Behörden, aber wir konnten immer noch in Clubs auftreten. Vor 1.000 oder 2.000 Menschen. Das ist jetzt vorbei“, sagt Volski, der in Kiew während der „orangenen Revolution“ vor 250.000 Menschen spielte.

Nur manchmal läßt Volski erkennen, daß die schwierige politische und wirtschaftliche Situation an ihm nagt. Dann wird er ganz still oder macht einen Witz. Er ist ein moderner Clown, der mit einer Träne im Auge über das Leben lachen kann. „Wir sind sehr fröhliche Menschen“, sagt seine Frau Hanna. „Deswegen werden wir gut mit dem Auftrittsverbot fertig. Wir versuchen, das Beste aus der Situation zu machen.“ Eine Situation, deren schwindelerregende Abwärtsbewegung rational kaum noch nach zu vollziehen ist. Erst im Dezember erließ die weißrussische Abgeordnetenkammer ein Gesetz, mit dem alle Kritiker des Regimes offenbar zum Schweigen gebracht werden sollen. Revolutionsstiftende Äußerungen können nun mit bis zu drei Jahren Haft geahndet werden. Bei den Konzerten in Berlin sagte der Weißrußland-Experte der Stiftung für Wissenschaft und Politik (SWP), Rainer Lindner, daß Gruppen wie N.R.M. immer mit einem Bein im Gefängnis stehen würden. „Ich bin bereit ins Gefängnis zu gehen“, hatte Volski in Poznan gesagt. „Ich laufe nicht davon. Das ist mein Land und meine Musik lebt von dem, was im Land passiert. Wenn ich wegginge, würde ich eingehen.“

„Durch die Radioquote, können wir weißrussischen Musiker uns besser entwickeln.“

An der Gitarre: Ljavon Volski. Hier beim Auftritt von N.R.M. in Berlin, 2005.  
An der Gitarre: Ljavon Volski. Hier beim Auftritt von N.R.M. in Berlin, 2005.
(Foto: Bettina Scheibe)
 

Unpolitische Bands, die über Liebe und Romantik singen, wie die zur Zeit sehr erfolgreichen Poprocker von J-Mors haben keine Probleme in Weißrußland. Sie können in großen Hallen spielen und sogar im staatlichen Fernsehen auftreten. Im Gegensatz zu N.R.M. haben sie von der Radioquote profitiert. „Früher haben die Leute in Weißrußland nur russische Musik gehört“, sagt J-Mors-Sänger Vladimir Pougatch. „Jetzt, nach der Einführung der Radioquote, haben wir weißrussischen Musiker mehr Möglichkeiten uns zu entwickeln.“ Viele Radiosender sehen das anders. Ein Redakteur eines Minsker Senders sagte der „Times“. „Es gibt einfach nicht genügend gute Bands. Wir müssen immer und immer dasselbe spielen. Das zeigt, daß wir in sowjetische Zeiten zurückfallen.“

Die Untergrund-Szene hat in jahrelangem Kampf mit den neosowjetischen Repressalien eine große Kreativität entwickelt, um sich bemerkbar zu machen und zu wachsen. Das Internet ist das bevorzugte Forum für die Verbreitung von Informationen zu illegalen Konzerten oder neuen CDs. Schamanka, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, ist Mitgründerin der illegalen Darkwave-Plattenfirma „Somord“: „Wir machen fast alles über das Internet. Wir haben natürlich keine Lizenz, weder für die Firma noch für die Konzerte. Denn sonst müßten wir uns den Kontrollmechanismen des Staates unterwerfen.“

Gruppen wie Ljapis Trubeckoj oder Leprikoncy, die in der gesamten GUS bekannt sind, zeigen das große Potential weißrussischsprachiger Musik. Szene-Kenner wie der 27jährige Sjarhej Sacharau sagten schon vor Jahren, daß sich in Weißrußland sehr schnell eine eigenständige Musikindustrie entwickeln könnte, wenn sich die politischen Verhältnisse verändern. Sacharau war vor zehn Jahren einer der Mitbegründer der Nichtregierungsorganisation BMA, der „Weißrussisch Musikalischen Alternative“. Sie lenkte die Entwicklung der Rockmusik auf eine professionelle Schiene, soweit dies unter den schwierigen politischen und kommerziellen Bedingungen möglich war. Sie nahmen sich der aufkeimenden Bewegung an, als der 1994 gewählte Lukaschenko begann, das Land mit einer sowjetischen Restaurationspolitik zu überziehen. Es ist kein Zufall, daß 1997 das Projekt „Narodny Albom“ geboren wurde – eine Kooperation von Musikern und Textern, die heute als die Liedersammlung des jungen, modernen Weißrußlands gilt. Rock fungierte zu jener Zeit besonders unter jungen Menschen als starker Identitätsmacher, als Sammelbecken für junge Menschen mit einer Bereitschaft zur Ablehnung und zum geistigen Widerstand.

„Weißrussisch - das ist wunderschön!“

Die weißrussische Musikszene hat in den vergangenen zehn Jahren dennoch einen Quantensprung geschafft. Trotz der schwierigen, politischen Stellung ist die unabhängige Rockmusik heute nicht mehr wegzudenken. Sie hat dafür gesorgt, daß die vor dem Aussterben bedrohte weißrussische Sprache an Popularität gewonnen hat. Mittlerweile ist die Wiederentdeckung des Weißrussischen in eine neue Etappe getreten. Rusja, die Sängerin der jungen Band „Indiga“, die 2004 ihr Debütalbum veröffentlichte, erklärt: „Weißrussisch - das ist wunderschön! Kehrt zu euren Ursprüngen zurück, lernt zu denken, hört auf, ein Viehvolk zu sein!“ Weißrussisch hat sich als cooles Trend-Etikett unter den jungen, urbanen Kreativen etabliert.

Die Dominanz des Russischen ist zwar noch nicht gebrochen, aber sie beginnt zu wackeln. Gleiches gilt für den Musikmarkt. Neben russischer und westlicher Musik konnte sich weißrussische Untergrund-Musik eine solide Nische erobern. Zudem hat sie den Weg für weitere Szenen geebnet. Weißrussische Bands im HipHop, in der Elektronik, im Darkwave oder Hardcore sind längst keine exotischen Überraschungen mehr.

Käme es in Weißrußland nach den Präsidentschaftswahlen zu einem politischen Umsturz, wäre Volskis Musik die Musik der Stunde. Der Rockpoet ist einer der gefragtesten Intellektuellen des Landes. „Wir leben in einer fantastischen Situation, in einem fantastischen Land“, frohlockt Volski. Dann lächelt er verschmitzt, so wie er das immer tut, wenn seine Sätze über das hinausgehen, was die Worte zu sagen scheinen. In seinem Lied „Meine Generation“ etwa, das heute die Hymne der oppositionellen Jugend ist, singt er: „Wir sind freie Vögel. Es ist Zeit, Bruder. Es ist Zeit, mit den ermüdeten Flügeln in die Hölle oder ins Paradies zu fliegen.“

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Der Autor Ingo Petz lebt als freier Journalist in Berlin. Er schreibt vor allem über Osteuropa u.a. für die Süddeutsche Zeitung, Brand Eins und das ADAC-Reisemagazin. Weißrußland bereist er seit über zehn Jahren. Im Moment arbeitet er an einem Buch über Aserbaidschan, das im August im Droemer Verlag erscheinen wird. Mehr Infos unter www.ingopetz.com.

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